Containern (30.08.19)

Seit nunmehr drei Jahren habe ich für mich eine Form der Lebensmittelnutzung entdeckt, die für den Großteil der Gesellschaft leider als ekelhaft und illegal gilt. Abends, wenn die Supermärkte schließen, schaue ich in den grünen Tonnen, die den streitbaren Hinweis tragen: "Restmüll", nach Genießbarem. Und- was soll ich sagen: Seitdem muss ich fast nicht mehr "normal" einkaufen gehen. Denn nachdem ich herausgefunden habe, welcher Markt die Tonnen auf dem Parkplatz so hinstellt, dass man sie erreichen kann, ohne sich Zugriff zu einem abschließbaren Bereich verschaffen zu müssen, mache ich abends regelmäßig eine kleine Tour. Mit Vierkantschlüsseln irgendwelche Container aufzubrechen läge mir jedoch fern, außerdem ist es viel zu aufwendig. Mir geht es einfach nur darum, Obst und Gemüse sowie Milchprodukte oder Blumen zu retten. Und das, was ich oft im Müll zurücklassen muss, weil ich nicht so viel tragen kann, ist immens. Auch habe ich noch nicht ein einziges Mal gesundheitliche Probleme dadurch bekommen, dass ich Weggeworfenes esse. Denn in vielen Produkten sind mittlerweile so viele Konservierungsstoffe enthalten, dass man sie problemlos auch nach Ablauf des "MINDEST-Haltbarkeitsdatums" noch verbrauchen kann. Ob das jetzt Joghurt ist oder Käse, Fruchtriegel, Galiamelonen oder getrocknete Tomaten, Oliven oder eine ganze Palette mit Biogewürzen. Shampoo, vegane Fleischersatzprodukte, alles ist schon dabei gewesen. Massenweise Pudding, sowie Blumensträuße und Zehnerpackungen Eier, von denen kein einziges kaputt ist.

Hin und wieder treffe ich auch Gleichgesinnte, zum Beispiel den Supermarktmitarbeiter, der sich etwas für zuhause mitnimmt oder den Studenten mit dem Klapprad. Er hat eine große Kiste auf dem Gepäckträger und verteilt das, was er selber nicht mag, an seine Freunde. Das Containern ist wie eine Schatzsuche, irgendwas finde ich eigentlich immer. Und manchmal finde ich Besonderes, wie zum Beispiel das Lebkuchenhaus zum Selbst-Zusammenbauen, mit Minionfiguren aus Zuckerguss.

Übrigens hat der Präsident des deutschen Bauernverbands in einem Interview darauf hingewiesen, dass der vergangene Dürresommer sowie der noch andauernde zur Folge haben, dass die Ernte unterdurchschnittlich ist. Hätte Deutschland als Wirtschaftsnation nicht so gute Importbeziehungen, hätten wir dieses Jahr "zu wenig zu essen" gehabt. Eine Formulierung, die angesichts dessen, was immer noch weggeschmissen wird, vor Ironie nur so trieft.

Plädoyer für das Reisen (26.08.19)

Als Studierende hat man zwar wenig Geld, aber zumindest manchmal viel Zeit. Weil ich diese Zeit ungerne zuhause, beziehungsweise drinnen verbringe, reise ich so viel wie möglich. Zehn Tage Dresden und Elbsandsteingebirge, drei Wochen Schottland, dazwischen an den Wochenenden Kurztrips nach Aachen und Hessen. Jemand kommentierte das vor einigen Wochen leicht abwertend mit "Du machst aber viel Urlaub". Das hatte zur Folge, dass ich mich schlecht fühlte. Wie eine Hedonistin, die zu viel genießt statt sich als Teil der Leistungsgesellschaft anzusehen und in der Unistadt zu bleiben, um einen schlecht bezahlten Ferienjob anzunehmen. Dazu muss man zuerst einmal sagen, dass es einen signifikanten Unterschied macht, ob man "Urlaub macht" oder auf Reisen geht. Denn durch jede meiner Fahrten habe ich bisher mehr gelernt als bei meinen Vorlesungen oder als Kopierkraft. Ich lerne Menschen kennen, die mir eine andere Sichtweise auf meinen Alltag ermöglichen, lerne mich zu orientieren in fremden Städten, lerne Zugpläne zu lesen und Schienenersatzverkehrshaltestellen auch ohne Internetflat auf meinem Smartphone zu finden. Ich lerne, was es heißt, wenn man keinen Strom und kein fließendes Wasser hat, und wie man am besten Geld sparen kann. Der Zuwachs an Lebensweisheit ist für mich dadurch immens, ich gewinne an Reife und Selbstbewusstsein. Das Allerwichtigste, was ich bisher durch mein "Unterwegs-sein" gelernt habe, ist die Unplanbarkeit der Dinge! Egal wie sehr ich mich auf etwas vorbereite, es kommt immer erstens: anders. Und zweitens: als ich will. Als Planungsfreak musste ich schon viele Situationen meistern, die mich vor Herausforderungen gestellt haben. Aber hinterher war ich ein bisschen schlauer. Und kann jetzt Situationen hinnehmen, die mich vor einigen Jahren noch in den Wahnsinn getrieben hätten. Klar ist Reisen strapaziös, wenn man zwei Stunden Aufenthalt in Kassel-Wilhelmshöhe hat, an einem Sonntag. Oder wenn mein Knie fürchterlich wehtut, weil ich vier Stunden lang durch Aachen latsche. Und trotzdem ist es mir das wert, weil ich Stück für Stück zur Lebenskünstlerin werde, die ich sein will. Mittlerweile kann ich Körper- und Mundhygiene in Zugklos betreiben, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren. Auch kenne ich die bequemsten Schlafpositionen auf den Doppelsitzen im Mehrzweckabteil. Und ich bin mutiger geworden! Ich traue mich, auf nervige Handymusik hinzuweisen, oder zu äußern, dass es unfassbar nervig ist, wenn zwei Frauen sich am Gleis im Leipziger Hauptbahnhof per se nicht voneinander verabschieden können und immer, immer wieder auf den Türknopf drücken, um sich durch die offene Zugtür zu unterhalten. Weshalb der Zug nicht losfahren kann. Und das Gepiepe mich zur Weißglut treibt.

Daher meine Empfehlung für alle, die gerne mehr Reisen würden: Euch soll man nicht aufhalten! Nichts bereitet einen jungen Menschen so gut auf das Leben vor, wie die Zeit, die man in Hostels, in fremden Städten und im Zug verbringt. Oder eben auf dem Zugklo.

Die Fliege an der S-Bahnwand (18.08.19)

Am frühen Sonntagmorgen (halb elf) sitze ich in der S-Bahn und wie das bei mir eben so ist, kann ich nicht umhin, die Kids zu beobachten, die im Vierersitz neben mir Platz genommen haben. Goldkettchen, Buffalo-Schuhe und coole Klamotten, Teenager eben. Als sie anfangen sich zu unterhalten, muss ich allerdings zwangsweise zuhören. Ich fange Wortfetzen auf wie "Was ist denn, wenn ich da jetzt mit 'ner Schusswunde ankomme?" Die beiden Mädchen und der Junge sind maximal 15 Jahre alt. Weiter geht es mit "Alter, wir müssen einfach nach Venlo und da unseren Stoff kaufen. Den können wir dann hier verticken!" Der Junge meint darauf, man könne auch einfach eine Wohnung besetzen, das würde eh keiner merken. Dort könnte man dann Marijuhana anbauen. Wahlweise müsse man mit ein paar Knarren einen Kiosk überfallen oder im ICE schwarz fahren. Er ist eindeutig der Erfahrene der Gruppe. Eines der beiden Mädchen agiert wohl als Gewissensinstanz: "Wir müssen uns verändern!" Sie ist wohl auch diejenige, die am besten situiert ist: Markenjacke, gekauft von ihren Eltern, die selbstständig sind. Und dadurch nie zuhause: "Es ist so scheiße, wenn die Eltern Kohle haben. Dann hat man voll viele Fake Friends." Als nächstes fragt das andere Mädchen: "Was sind Bonzenkinder?" Der Junge darauf: "Die sind reich. Ich bin in der Gosse aufgewachsen, für mich ist Geld was anderes. Aber wenn man einmal klaut, merkt das eh noch keiner."  Mädchen Nummer 1 darauf hin: "Wenn ich zuhause bin, beklau ich immer meine Mutter und meinen Stiefvater. Aber die schlagen mich auch immer." Als die Bahn an einem schwedischen Möbelhaus vorbeifährt, fragt Mädchen Nummer zwei: "Was passiert, wenn man da was klaut?" Der Junge, ganz aufgeklärt: "Dann holen dich die Bullen." Er zeigt seine Finger, auf denen tätowiert ist: "FUCK COPS" und grinst. Bevor wir aussteigen, höre ich noch, wie über einen alternativen Treffpunkt diskutiert wird, falls "etwas schiefgehen sollte". Und frage mich, frage mich zutiefst, was bei denen wohl abgeht! Zu gerne hätte ich sie noch ein Stückchen weiter begleitet, um herauszufinden, mit welchem schwarzen dicken Auto sie wohl vom Bahnhof abgeholt werden...

Tattoos (14.8.19)

Es ist ein post-regnerischer Abend irgendwo tief im Westen, der mich zum Joggen aufgefordert hat. Dabei habe ich plötzlich solche Knieschmerzen bekommen, dass ich nur noch humpeln kann - auf dem Weg nach Hause komme ich an einem Tattoostudio vorbei, das noch auf hat. Kurzerhand frage ich den Besitzer, der in Jogginghose auf einem schwarzen Ledersofa sitzt, wie viel ein einfacher Schriftzug bei ihm kostet. 120 Euro lautet die Antwort, ganz schön viel, denke ich. Auf seine Frage, wie genau ich mir denn den Schriftzug vorstelle, zeige ich ihm meinen Unterarm, den bereits ein Spruch ziert. Abwertend meint er, dass er mir so etwas nie gestochen hätte - irgendfwie eine typische Antwort eines Stichkünstlers. Ich solle mal zehn Jahre warten, dann könnte man nichts mehr von den Worten lesen, die da auf meiner Haut stehen. Viel zu eng geschrieben, kritisiert er. Und prophezeit, dass ich wahrscheinlich nochmal genauso viel Geld dafür ausgeben werde, um das Tattoo covern zu lassen. Spätestens jetzt bin ich genervt. Denn was weiß er schon von meinen Hautbeschaffenheiten? Vielleicht sieht die Schrift ja auch noch in fünfzig Jahren genauso aus wie am ersten Tag? Und selbst wenn, dieses beliebte Argument, dass man als tätowierter Bürger GARANTIERT über kurz oder lang, also im Alter, unzufrieden sei mit dem, was einst gestochen wurde - dann ist das doch eigentlich nichts im Vergleich zu anderen Unnanehmlichkeiten des Alters. Wenn ich mit 75 merke, dass mein Rücken wehtut, ich nicht mehr so viel Sport machen kann wie früher und vielleicht mein Gedächtnis und/ oder meine Schließmuskelfunktion nachlässt, dann kann es mir doch egal sein, ob man den Spruch auf meinem Unterarm noch lesen kann oder nicht. Für mich zählt schließlich nicht der Gedanke, dass es mich attraktiver machen könnte. Vielmehr dient das Zitat als eine Erinnerung für mich, die persönliche Bedeutung hat. Und deshalb hat eigentlich kein selbst ernannter Tätowierkünstler des Ruhrgebiets das Recht, darüber zu urteilen. Interessanterweise sehen es anscheinend mehrere seiner Kollegen als Berufsrecht an, ungefragt ihre Meinung über bereits Gestochenes abzugeben. Vielen Dank auch. Das ist ein bisschen so, als wenn man zum ersten Mal selber ein Regal zusammengezimmert hat, aus altem Holz. Und dann geht man zum Zimmermann und erkundigt sich nach weiteren Holzmaterialien, um dann zu erfahren was man alles falsch gemacht hat, und dass das Möbelstück an sich auch eigentlich total besch...eiden aussieht. Immer diese "Expertenmeinungen"!

Ursprünglich dienten Tattoos als Erkennungszeichen verschiedener Stämme, auch Seemänner und Gefängnisinsassen ließen sich bestimmte Markierungen auf die Haut stechen, um zu zeigen, was sie erlebt haben. Obwohl natürlich heutzutage der kosmetische Aspekt überwiegt, erzählt doch jedes Tattoo immer auch eine persönliche Geschichte. Sei es jetzt "I love Mandy", das allseits bekannte Tribaltattoo (Arschgeweih) oder das Konterfei des ersten eigenen Dackels. Die Erfahrung als Teil der eigenen Geschichte zählt. In diesem Sinne: Seid stolz auf alle verrutschten chinesischen Zeichen auf eurer Wirbelsäule, auf die zerknitterten Adler an der von Krampfadern durchzogenen Wade, auf einst bunte Blumen, die jetzt vielleicht mehr aussehen wie ein Hämatom. Sie sind Zeugnis von Individualität, weil jeder Mensch, ob tätowiert oder nicht, ein Unikat ist.

Hausarbeit in der Bibliothek (9.8.19)

Eigentlich ist es doch lustig, dass man eine Hausarbeit Hausarbeit nennt. Wenn man dafür doch schließlich meistens in der Bibliothek sitzt, so wie ich gerade. Meine letzte Schreibaufgabe vor meiner Bachelorarbeit steht an und ich richte mich dafür tatsächlich verhältnismäßig häuslich in der Uni ein - an immer dem gleichen Tisch am Fenster. Während ich also über "unreliable narration" philosophieren soll, fällt mein Blick immer wieder auf die kleinen weißen Zelte, die man von Ferne im Ruhrtal sieht - am Kemnader See ist gerade wieder das Zeltfestival Ruhr. Und auf die Uhr meines Laptops fällt er ebenfalls. 12 Uhr. 13 Uhr. 13.15 Uhr. Meine Gedanken schweifen tausend Mal ab, meine Finger habe ich vorsorglich mit Pflastern abgeklebt, damit ich nicht anfange zu knibbeln, eine meiner schlechtesten Angewohnheiten. Wenn es gar nicht mehr geht mit dem Sitzen, suche ich mir ein Versteck hinter dem letzten Bücherregal und mache ein paar Dehnübungen und hoffe, dass es bald Kaffeezeit ist, damit ich ein bisschen mit den Cafeteria-Frauen quatschen kann. Um dann die sechs Etagen wieder zu Fuß die Treppe hinaufzulaufen, meine kleine Challenge für jeden Tag. Und dann heißt es wieder: den roten Faden finden. In meinen letzten Arbeiten hatte ich phänomenal schlechte Noten, zu viele sprunghafte Gedanken - jetzt muss ich mir also noch mehr Mühe geben. Mein Kaugummikonsum steigt ins Unermessliche, immer wieder überprüfe ich die Seitenzahl, die aber aus unerfindlichen Gründen nicht mehr wird. Mist. Zwischendurch plane ich meine nächsten Reisen und finde heraus, dass man hervorragend mit dem Zug vom Ruhrgebiet nach Oslo kommt. Man "muss" also gar nicht fliegen! Die Verbindung geht über Stockholm und kostet insgesamt 80 Euro. Gar nicht so schlecht, wenn man dafür nicht die Umwelt verpestet, denke ich. Aber ich schweife ja schon wieder ab! Blödes Internet, ich stelle es vorsorglich aus um einigermaßen konzentriert weiterzuarbeiten. Und wenn ich es dann endlich geschafft habe, wenn ich drin bin in der Materie und das Gefühl habe, total den Durchblick zu haben über diesen Britischen Erfolgsautor und seinen Erzählstil, ja... dann ist schon 17 Uhr und ich werde rausgeschmissen von dem netten Bibliothekar. Gut, dass "mein" Botanischer Garten noch eine Stunde länger aufhat, damit ich ein bisschen durchs Grüne streifen kann und nach dem Reifestand der Tomaten und Zucchini schauen. Danach fahre ich zwei Stunden lang Fahrrad oder mache Straßenmusik, um wenigstens ein bisschen das Gefühl zu haben, dass mein Tag sinnvoll war! Und weiß einmal mehr, dass ich nie, niemals einen Bürojob haben werde...

Gay Pride in Amsterdam (6.8.19)

Anlässlich des Erreichen der Volljährigkeit sowie der deutschen Hochschulzugangsberechtigung ("Abitur") schenkte ich meiner kleinen Schwester ein Wochenende in den Niederlanden, genauer gesagt in Klein-Essen. Wir hatten ein Zimmer in einer "Zorgboerderij" gebucht, einer Art sozialpädagogischem Bauernhof mit Werkstätten für Menschen mit Handicap. Wir kamen also Freitagnachmittags an und machten direkt Bekanntschaft mit einer kleinen Katze und zwei Ponies. Nachdem wir eingekauft hatten, machten wir noch eine Hofbesichtigung und verliebten uns direkt unsterblich in die Meerschweinchen und die Kaninchen, die gerade Babies hatten. Außerdem gab es drei Schweine, Wellensittiche, Esel, Rennmäuse und 3200 Hühner. Ach ja, und Esel, Schafe und Ziegen. Kurzum: Ein Paradies! Im Gemüsegarten bewunderten wir die Tomatenpflanzen und spazierten ein bisschen weiter, als es plötzlich anfing zu regnen - und unsere Regenschirme lagen im Zimmer. Dort lagen sie sehr gut und wir wurden sehr nass. Danach rochen wir, also zuminest ich, wie ein nasser Hund und beschlossen, an diesem Abend nur noch eins zu tun: Im Bett zu liegen und einen Film zu gucken. Am nächsten Morgen hatten wir schließlich viel vor: Früh (7.45 Uhr ist sehr früh für Studenten) aufstehen um dann mit dem Zug von Amersfoort nach Amsterdam zu fahren. So ganz klappte das allerdings nicht, weil wir nur bis Utrecht kamen, da mussten wir umsteigen. Hatte uns keiner gesagt. Letztlich kamen wir dann aber doch in der Hauptstadt an. Dort fiel uns dann auf, dass sehr viele regenbogenfarbige Menschen unterwegs waren: Es war Gay Pride angesagt, mit Paraden, unzähligen Feierwütigen und lauter Musik. Schnell machten wir uns auf den Weg in die Altstadt, probierten Käse, liefen über den Flohmarkt an der Waterlooplein und gingen hauptsächlich den Menschenmassen aus dem Weg. Das klappte eher so halb gut. Überall waren Touristen, die direkt vor einem stehenblieben und unsere Laune sank langsam aber sicher. Das lag auch daran, dass ich mich als Guide ein bisschen verschätzt hatte, was die Entfernungen anging. Wir latschten also weiter über den Albert Cuypmarkt und schnorrten uns an ein paar Ständen Käse und Nüsse zusammen, bis wir schließlich halb ohnmächtig ein Café fanden, wo die Musik nicht ganz so laut war. Nach Cappuccino, Latte macchiato und Toastie beschlossen wir, den Weg über das Jordaanviertel zurück zum Hauptbahnhof zu nehmen, weil die Straßen immer voller wurden. Mit leichter Platzangst und Ellenbogeneinsatz erkämpfte ich uns eine kleine Schneise inmitten der bunten Menge, nahm mein Schwesterchen bei der Hand und leitete uns schließlich zurück zum Bahnhof. Puh. Als wir wieder zurück bei unserem Bauernhof waren, empfing uns einzig das Vögelzwitschern und zwei Gartenstühle, die extra für uns bereitgestellt worden waren. Was waren wir froh über diesen Ort! Fix und fertig warteten wir darauf, dass es Zeit wurde ins Bett zu gehen. Kurz schaute ich noch bei den Babykaninchen vorbei und überlegte, ob es wohl auffallen würde, wenn ich eines heimlich mitnehmen würde... Am nächsten Morgen verquatschten wir uns noch mit unseren Gastgebern Willie und Wijnand und versprachen, bald wiederzukommen. Mein Tip also an alle, die wahre Ruhe suchen: Fahrt nach Klein-Essen in die Zorgboerderij!

Radtour nach Wuppertal - die krasse Trasse (30.7.19)

Nach beinahe zehn Tagen ohne mein geliebtes Fahrrad (die Tour auf dem Gepäckträger mal nicht mit eingerechnet) hatte ich schon fast Entzugserscheinungen. So machte ich mich mittags auf zu einer spontanen Tour in Richtung Wuppertal: am Kemnader See vorbei, an der Ruhr entlang bis nach Hattingen und von da aus über Sprockhövel auf die Nordbahntrasse. Wie wunderbar sich der Radweg durch den Wald schlängelt, ohne Steigungen, so dass man bequem die Bäume und die Felsformationen um sich herum beobachten kann. Durch die hohe Luftfeuchtigkeit schwitzte ich fast so sehr wie auf der letzten Bergwanderung und rechnete damit, dass es jeden Moment anfangen würde, zu gewittern. Schließlich erreichte ich dann aber doch mein Ziel: das Projekt "Utopiastadt", in einer alten Fabrikhalle direkt an der Bahntrasse. Dort gibt es eine Foodsharing station, ein grandioses Café, eine Give Box und verschiedene Veranstaltungen, zum Beispiel inklusive Kunstausstellungen. Begeistert schlenderte ich durch die Räume mit den großen Fenstern und kam mit einer ehemaligen Wuppertaler Buchhändlerin ins Gespräch, die zum ersten Mal ihre Bilder ausstellte. Danach gefiel mir Wuppertal noch ein kleines Stückchen besser, und ich bekam Lust, die Stadt demnächst noch besser kennen zu lernen (auch wenn mein letzter Straßenmusikauftritt mir dort eine phänomenale Gage von NULL Euro eingebracht hatte). 

Mit der S9 fuhr ich zurück nach Essen-Steele, um dann noch ein wenig an der Ruhr entlang zu radeln, bis nach Bochum-Dahlhausen. Als ich dann abends am Heimatbahnhof meines sehr "asinativen" Stadtviertels ankam, wollte ich wie so oft mein Rad die Treppe runtertragen, und machte eine sehr unangenehme, schmerzhafte Begegnung mit der Schwerkraft. Glücklicherweise waren mit mir zwei Krankenschwestern ausgestiegen, die mich am Fuß der Treppe auffingen. Sie stützten mich humpelndes Etwas vom Bahnhof zu meiner Straße und begutachteten meine anschwellende Wade. Auch gaben sie mir den Tipp, NIE, NIEMALS den Fehler zu machen, Händedesinfektionsmittel auf die Verletzung aufzutragen, wenn ich keine expliziten masochistischen Vorlieben hätte. Dann verabschiedeten sich meine persönlichen Schutzengel und ich humpelte hinauf in meine WG. Da geht man eine Woche in der Wallachei wandern und es passiert absolut NICHTS- und kaum kommt man wieder zurück in die Heimat, segelt man die Stiegen runter... Was lernte ich daraus? Zwei Sachen. Mit Birkenstock Zehentrennern um elf Uhr abends kann es riskant sein, ein Rad eine Treppe runterzutragen. Und: Schwellungen heilen gut mit Bepanthen und Franzbranntwein! 

Dresden reloaded (28.07.19)

Der Osten boomt, Leipzig und Dresden sind die neuen, richtig coolen Städte. Aus der Ferne betrachtet mag man denken, der Osten sei unattraktiv, dabei lohnt es sich. In Dresden sollte man sich aber nicht die typischen touristischen "Attraktionen" anschauen, die es in der Altstadt gibt. Da ist alles überlaufen mit Stadtführungen und die Läden sind die gleichen wie im Ruhrgebiet. Viel interessanter ist die Neustadt mit ihren unzähligen Altbauten, den engen Sträßchen und den Hinterhöfen. Ich Glückspilz hatte auf meiner Wanderung einen Studenten kennengelernt, in dessen WG ich übernachten durfte - und so lernte ich die spannende, linke und grüne Seite des Ostens kennen! Die 5er WG wohnte im Erdgeschoss, hatte eine Terrasse mit anliegendem Garten, selbst gebaute Hochbeete und tibetanische Gebetsfähnchen als Dekoration. Genau mein Fall, ich erkor spontan das Sofa auf der Terrasse zu meinem Schlafplatz. Abends gingen wir in der "Verbrauchergemeinschaft" einkaufen, einem Bio-Supermarkt. Wir quatschten bis spät in die Nacht bei Kerzenschein, über Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und Nachbarschaftsprojekte. Ich schlief wunderbar auf dem durchgesessenen, kleinen Sofa- nur sehr kurz, weil mich die Sonne am nächsten Morgen weckte. Wir tranken zusammen Kaffee in der kleinen Küche, ich lernte, dass man mit Wasser-Kefir selber Limonade herstellen kann und fühlte mich wie in einem Öko-Paradies. Danach machte ich einen Spaziergang durch die Häuserschluchten, setzte mich auf die Straße um eine Katze zu streicheln und beobachtete die Menschen, die vor sich hin sächselnd ihrem Alltag nachgingen. Dabei musste ich immer wieder Pausen machen, weil es schon wieder unbarmherzig warm war. Nachmittags gab es Cappuccino im Café Nord und ich machte ein bisschen Straßenmusik, außerdem besuchte ich den Gemeinschaftsgarten in der Hechtstraße. Dort verquatschte ich mich mit einer Psychologiestudentin aus Berlin und durfte mir Mangold ernten, den ich mit in die WG nahm. Am Abend gingen wir zu einem Vortrag über veganen Etikettenschwindel und kauften uns danach ein Getränk beim "Späti" an der berühmten Asi-Ecke, wo sich das Jungvolk traf und auf den Bürgersteigen saß. Es war wunderbar. Als ich müde wurde, transportierte man mich auf dem Gepäckträger zurück zur WG, wo ich mich schnell in Richtung Terrassenschlafplatz verabschiedete. Nachts hatte ich Schüttelfrost, Übelkeit und ein heißes Gesicht - oh nein, jetzt bitte keinen Magen-Darm Infekt! Ich hatte schließlich am nächsten Tag noch eine achtstündige Zugfahrt vor mir! Am Morgen war die Zeit des Abschieds leider viel zu schnell gekommen, ich machte mich auf Richtung Bahnhof und versprach, so bald wie möglich wiederzukommen. Und in der Zwischenzeit zu mindestens einer Klima- und/oder Anti-Nazi-Demo zu gehen....

Sächsische Schweiz (28.7.19)

Ehrlich gesagt fand ich wandern in Deutschland immer ein bisschen uncool- vor allem nach der Tour auf dem West Highland Way in Schottland letztes Jahr. Als mir aber einige Leute begeistert von dieser Region an der Tschechischen Grenze erzählten, beschloss ich den Weg in den Osten zu wagen. Allerdings nicht allein, ich nahm zwei Freunde mit. Zuerst ging es mit dem Zug nach Dresden, vollbepackt die Rucksäcke, die Ukulele hatte ich auch dabei. Auch wenn das nochmal extra Gepäck kostete. Als wir im sogenannten "Elbflorenz" ankamen, tranken wir in unserem hippen Hostel in dem sehr alternativen Viertel "Neustadt" erstmal becherweise Gratis kaffee, bevor wir dann ein wenig die Altstadt anschauten. Da gab es vor allem Bauzäune, aber auch Straßensängerinnen, die es wohl nicht in die Semperoper geschafft hatten. Sie sangen so schön, dass ich eine Gänsehaut bekam. Am nächsten Tag schauten wir eine viel zu teure Ausstellung an und aßen abends eine ganze Wassermelone, weil wir wussten, dass es das letzte frische Obst vor der Wandertour sein würde. Weiter gings am nächsten Tag mit der S-Bahn nach Bad Schandau, wir fühlten uns großartig und aufgeregt. Bis wir irgendwann merkten, dass die Wasserquellen, die eingezeichnet waren, leider oft ausgetrocknet waren. Aber der Klimawandel "existiert ja nicht". So mussten wir also genau kalkulieren, dass wir genug Flüssigkeit bekamen. Abends schliefen wir an der Idagrotte unter einem Felsvorsprung und lernten ein sehr lustiges Ehepaar aus Berlin kennen, das unseren Schlafplatz teilte. Wir waren guter Dinge, bis es urplötzlich anfing zu gewittern, zu stürmen und wir nass wurden. Da wir aber nicht weg konnten, machten wir das Beste daraus und lachten uns kaputt. Am nächsten Morgen ging es weiter, im Regen, auf Wassersuche. Eine absurde Situation, wie meine Wanderfreundin und ich an einem Tümpel Wasser entnahmen, es abkochten, filterten und dann Espresso damit herstellten. Sozusagen Tümpel-Kaffee. Am Abend schliefen wir am Ufer der Elbe, weil wir keine Kraft mehr hatten, nochmals zu den Felsen hochzusteigen. Der nächste Morgen war klamm, neblig und kalt, wir hatten Rückenschmerzen und ich wusch meine Haare in der Elbe, weil Hygiene NICHT zu vernachlässigen ist, wer wusste denn, wem wir noch begegnen würden?

Wir brachten den anderen Wanderkumpanen zum Zug und machten uns auf, den Forststeig entlang. Ab da hieß es: Schwitzen, Schwitzen, Schwitzen. Wir schliefen in ehemaligen Stasihütten, machten Bekanntschaft mit Siebenschläfern und gingen auf Kompostklos, wuschen uns im Bach und badeten in Waldteichen. Die Ukulele leistete gute Dienste, abends, wenn man brav seine Nudeln mit Spitzwegerich-Spargeltütensuppe gemampft hatte. Wir verliefen uns und verzweifelten manchmal ein bisschen, tranken fünf Liter an einem Tag, wenn sich die Möglichkeit ergab und hatten Knieschmerzen, Hüftschmerzen und Blasen an den Füßen.

Viel zu schnell war die Zeit zu ende, den Wald konnten wir leider nicht mitnehmen, die Aussicht auf die schroffen Felsformationen auch nicht. Und obwohl es alles andere als komfortabel war, aus seinem Rucksack zu leben und abgelaufene Schokoriegel in seinen morgendlichen Porridge zu rühren, war es gut. Es war richtig gut. Urlaub eben!

Rückenschmerzen inklusive (17.07.19)

Es gibt bei mir in der Nähe einen geheimen Steinbruch, zu dem ein schmaler Pfad führt - ein sehr geheimer, schmaler Pfad. Man muss erst einen Hügel hoch und dann bis zur Lichtung gehen, und über einen Baumstamm klettern, der quer über dem Weg liegt. Dann erscheint wie aus dem Nichts eine wunderbare natürliche Klippe, eine Art Aussichtsplattform. Von dort geht es steil runter, man sollte sich nicht direkt an den Abgrund stellen. Dieser Ort ist ziemlich, ziemlich cool - also haben wir mit ein paar Freunden beschlossen, mal eine Nacht dort zu bleiben. Eigentlich hatte ich überhaupt keine Lust an diesem Tag dort hinzugehen und musste mich überwinden - sobald ich dann aber da war und die Felder und Wiesen unterhalb von uns sah, hatte sich der Anblick schon gelohnt. Meine Ukulele hatte ich auch dabei, setzte mich also nach dem Picknicken auf einen Campingstuhl und beobachtete, wie der Mond aufging. Meine Mitbewohnerin war derweil weniger entspannt: Sie war noch nie im Freien auf der Toilette gewesen, wusste also nicht, wie man ohne sanitäre Anlagen sein Geschäft verrichtet. Sie fragte mich nach einem guten Ort und ich guckte sie verständnislos an: Wir waren mitten im Wald, es gab doch unzählige Möglichkeiten! Umständlich stakste sie mit einer Rolle Klopapier durch die Büsche und machte viel Aufhebens um die Sache. Doch auch diese Herausforderung war bald gemeistert und so konnten wir den Abend genießen- obwohl wir natürlich froren wie die Weltmeister, weil wir nicht genügend Decken dabei hatten. Kurzerhand wickelte ich mich in Isolationsfolie ein, die ich aus dem Verbandskasten mitgenommen hatte. Wie ein übergroßes Insekt saß ich also im Campingstuhl und raschelte vor mich hin- und was soll ich sagen? Es wirkte! Mir war nicht mehr ganz so kalt. Irgendwann, so gegen halb eins Morgens ging ich schlafen, versprach mir natürlich nicht viel von der Nachtruhe, trotz Ohropax hörte ich nämlich die Anderen. Zweimal wachte ich nachts auf, weil ich aufs Klo musste, danach dauerte es ewig, mich wieder in Iso folie in den Schlafsack zu bugsieren. Ein Kopfkissen hatte ich auch nicht dabei, weshalb ich auf meinem Rucksack schlief. Das Resultat am nächsten Morgen war ein steifer Nacken, ein ekelhafter Geschmack im Mund (Zahnbürste vergessen) und Rückenschmerzen. Mein Kopf dröhnte und mir war schwindelig, und ich wollte nach Hause. An mir zu riechen traute ich mich nicht. Meine Mitbewohnerin hingegen hatte erst gar nicht geschlafen- aufgrund fehlender Schlafausrüstung, weil sie nicht vorgehabt hatte, zu übernachten. Also erzählte sie, dass sie die ganze Nacht im Campingstuhl gesessen hätte und dabei zum ersten Mal einen echten Specht gesehen habe! Zusammen latschten wir zurück in Richtung Zivilisation, begegneten ein paar Hundehaltern, die uns sehr seltsam ansahen. Zuhause angekommen, ging meine Mitbewohnerin direkt ins Bett, und ich ging direkt ins Bad- weil auch meine Hygienetoleranz irgendwann ausgereizt ist. Danach trank ich mehrere Tassen guten, starken Kaffee, um meine Lebensgeister wieder aufzuwecken - und fragte mich, ob sich die Sache wohl wiederholen ließe? Das nächste Mal aber mit besserer Vorbereitung!

Die Bachelorette (13.7.)

Man sollte es nicht für möglich halten, aber auch eine Theologiestudentin ist irgendwann mit den Bachelorveranstaltungen "am Ende" - diese Studentin bin zufällig ich. Nach zu vielen uninteressanten Veranstaltungen, in welchen ich mich fehl am Platze fühlte und die ich nur der blöden Studienordnung wegen besuchte, ist es nun quasi fast soweit - ich stehe vor der Anmeldung meiner Bachelorarbeit. Und das Wörtchen "fast" ist so passend wie kein anderes, denn wenn die Menschen mich fragen, wie weit ich denn so mit meinem Studium wäre (wie ich diese Frage liebe!!!), denken sie, man schreibt halt ein bisschen was und gibt es ab. NEIN, DEM IST NICHT SO, möchte ich an dieser Stelle allen Außenstehenden zurufen! Man muss das Ding nämlich natürlich anmelden, im Prüfungsamt. Dieses hat berüchtigte, willkürliche Öffnungszeiten. Und es gibt Fristen, nach denen man sich zu richten hat. Diese Fristen stehen auf irgendwelchen Zetteln, die man irgendwo an der Tür des besagten Amtes findet. Und selbst dann kann ich nicht hundertprozentig sicher sein, dass das alles der Wahrheit entspricht!

Vor dem ganzen Anmeldekram steht allerdings noch die Sortierung meiner Creditpoints in verschiedene Module. Bis jetzt ist es nämlich so, dass meine Leistungen zwar im System vermerkt sind, aber kreuz und quer durcheinander. Ganz gut vergleichbar mit meinem Schreibtisch, wo alle Zettel prinzipiell ungeornet herumfliegen. Weil ich auch nach mehreren Versuchen nicht vermag, am PC irgendwelche Modultitel und anderen Krams "nachzuerfassen", renne ich von Studienberaterin zu Fachschaftsvorsitzendem und fühle mich schön blöd. An anderen Unis muss man das nämlich nicht selber machen. Da wird einem alles schön hinterhergetragen. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass es beim Bachelor gar nicht um das Wissen an sich geht, sondern um die Fähigkeit, diesen ganzen Kram einigermaßen auszuhalten, ohne verrückt zu werden. Zu wissen, welche Voraussetzungen ich wofür erfüllen muss, welche Modulnoten überhaupt unter was für Bedingungen wann berechnet werden müssen (vielleicht mit Blick auf den Mondzyklus?) und was eigentlich der Lieblingsmensanachtisch der Sekretärin im sechsten Stock ist. Mittwochs.

Und das alles ist auch nur die Information, die ich mir selbst bisher von verschiedenen Quellen zusammengesucht habe - denn Studienordnung ist ja auch nicht gleich Studienordnung! Es gibt, Haha, natürlich die 2012er, 2014er und die 2016er, und wer zu diesem Zeitpunkt noch nicht den Überblick verloren hat, verdient einen Orden. Denn selbst die, die es eigentlich wissen sollten, sind (Obacht!!!) "überfragt". Das nenne ich eine tolle Organisation!

Außerdem gibt es ja noch das zweite Fach, in welchem man eine mündliche Prüfung zu absolvieren hat. Die Anmeldung dieser Prüfung richtet sich wiederum nach dem ersten Fach, und man muss sich einen Dozent Prüfer suchen, mit dem man einigermaßen grün ist. Das wird dann nochmal richtig spannend - alles nur für ein blödes Zeugnis. Was sagt das darüber aus, wie oft ich etwas wirklich wichtiges für die Menschheit erreicht habe???

Smile and wave (12.7.19)

In der Uni gibt es immer mal wieder verschiedene Fachvorträge zu philosophischen Themen, zu denen ich versuche, regelmäßig hinzugehen. Meistens sind die Referenten Professoren vielerlei Nationalitäten und setzen sich mit graduellem Substanzialismus auseinander. Oder der Forschungsschwerpunkt liegt in der "Welt-Seele" des frühneuzeitlichen Platonismus im Vergleich mit Thomas von Aquins letzten Schriften...Wenn ich also in so einem Vortrag sitze, habe ich immer Stift und Papier dabei- und schreibe dann lustige Briefchen mit meinen Kommilitonen, damit es so aussieht, als schriebe ich interessiert mit. Leider geht der Inhalt des Gesagten meistens eher an mir vorbei, aber es geht ja um den guten Willen! Der Vortragende teilt meistens ein Handout aus, die sieben bis neun Zuhörer wirken ausnahmslos intellektuell und philosophisch versiert. Und egal, wie sehr ich mir Mühe gebe, auch so zu wirken, nach fünf Minuten Zuhören ist meine Aufmerksamkeit schon wieder ganz woanders. Dann fällt mir plötzlich die RIESIGE Warze des Herrn auf, der eigentlich immer stumm bei den Vorträgen dabei sitzt und nichts mitschreibt. Oder ich stelle mir vor, wie die Frau des Referenten morgens seine Krawatte bindet. Und dann frage ich mich, wie man wohl auf solche aufregenden Krawattenmuster kommt? So eine Art Perserteppich trägt der Mann quasi vor seinem Bauch spazieren. Sympatisch, aber auch etwas irritierend.

Dann fällt mir wieder ein, dass ich unbedingt so wirken sollte, als ob ich ganz genau wüsste, worum es in seiner Forschung geht. Ich nicke zustimmend, lächle, oder beuge mich nach vorne - versuche also, mit meiner Körperhaltung zu kaschieren, dass ich wirklich nicht die SPUR einer Ahnung habe, wovon der gute Mann spricht. Dann suche ich nach Rechtschreibfehlern im Handout oder auf der Folie, zeichne Karikaturen von meinen Mithörern und schiele so unauffällig wie möglich auf meine Armbanduhr. Und immer, wenn ich hoffe, dass der Referent jetzt endlich zum Ende kommt, erscheint NOCH eine Folie. Und dann, ganz, ganz wichtig: Im Fazit wird nochmal alles zusammengefasst. Schließlich werden unheimlich wichtige und kontroverse beziehungsweise kritische Fragen gestellt, die ich genauso wenig verstehe.

Und wenn ich dann den Raum verlasse, frage ich mich, wie es wohl ist, wenn man solche Forschungsthemen tatsächlich begreifen kann. Gut, dass ich keine Philosophieprüfungen schreiben muss!

Es war mir eine (L)Ehre (6.7.19)

Um schonmal ein bisschen Erfahrung zu sammeln, was das Lehren angeht, arbeite ich seit einigen Wochen für ein Nachhilfeinstitut. Eine meiner Schülerinnen habe ich einmal in der Woche für eine Dreiviertelstunde, in welcher man natürlich unfassbar viel an Stoff durcharbeiten kann- nicht. Nach drei Wochen Nachhilfetätigkeit musste ich einmal aus gesundheitlichen Gründen spontan absagen; die Beschwerde der Mutter kam auf den Punkt genau. Ich müsste grundsätzlich IMMER der Agentur absagen, welche sich dann bei der Familie melden würden. Hatte mir aber keiner gesagt. Diese Reaktion der Mutter nervte mich bereits. Als ich dann eine Woche später zur Nachhilfe kam, war besagte Dame gerade dabei, ihr fettes, teures Auto im Vorgarten zu waschen. Auf meine Entschuldigung bezüglich der Absage bekam ich eine Standpauke, bei der ich dachte, ich höre nicht richtig. Sie würde ja schon erwarten, dass eine Nachhilfelehrerin die deutsche Rechtschreibung beherrsche - ich hatte wohl in meiner SMS einmal Groß- und Kleinschreibung vertauscht. Noch dazu hätte ihre Tochter ja eine Fünf in der letzten Arbeit geschrieben, wie das denn sein könne? Mithilfe der letzten Tutorin hätte man sich auf eine Drei steigern können, daher würde sie sich schon sehr wundern. Ich ermahnte mich selbst, ruhig zu bleiben und gelassen zu reagieren. Weder wies ich darauf hin, dass ich erst seit drei Wochen ihre Tochter unterstützte, noch erwähnte ich die Tatsache, dass man Leistungen von zwei Jahren nicht in einer Dreiviertelstunde pro Woche "mal eben schnell" aufarbeiten könne. Die Kritik, dass der Alltag einer Teenagerin schon so durchgetaktet ist, dass keine Zeit für Freizeit bleibt, deutete ich gar nicht erst an.

Plötzlich musste ich im Haus die Schuhe ausziehen, bekam nichts zu trinken angeboten und war mehr als froh, als ich kurze Zeit später die Gartenpforte von außen schließen konnte. Ich kam mir vor wie im Film, als dann der Vater im zweiten, noch teureren Auto gerade von der Arbeit kam. Am liebsten hätte ich ihm auf die Lederarmatur gekotzt und danach seine Frau in den gekachelten Swimmingpool geschubst. Was war das für ein Leben, in dem Prestige und Geld so sehr zählen? Eigentlich taten sie mir fast leid, wenn ich nicht so wütend gewesen wäre. Im Grunde hatte ich nicht gehofft, jemals an eine solche klischeeverseuchte Familie zu geraten. Wie viel lieber sind mir da jegliche Hochhaussiedlungen mit Fahrstühlen, die nach Pipi riechen und wo mir türkischer Kaffee angeboten wird, wenn ich Deutschnachhilfe gebe!

Selbstbeweihräuchernde Pseudoumweltfreundlichkeit (29.06.19)

Eigentlich bin ich kein Wutbürger. Sondern im Gegenteil, sehr harmoniebedürftig- aber eine Sache bringt mich schon zur Weißglut (was für ein passendes Wort in Anbetracht der Situation). Der Klimawandel existiert, genauso wie Bielefeld existiert - ich war da, ich habs mit eigenen Augen gesehen. Die Auswirkungen des ständigen CO2 in die Hemisphäre Pustens, die sind ebenfalls nicht von der Hand zu weisen, MR. TRUMP! Nur weil man sich die Hände vor das Gesicht hält, ist man doch immer noch für andere sichtbar. Durch die Hitze in der letzten Woche bin ich zweimal beinahe ohnmächtig geworden, weil mein Kreislauf nicht mehr mitgemacht hat. Danach war mein Puls bei 42. Weil mein Körper bei dem Wetter anscheinend streikt. Wahrscheinlich muss ich mich sowieso darauf einstellen, dass sich solche Situationen in den nächsten Jahrzehnten vermehren werden, und da hab ich nun so GAR KEINE LUST drauf. Deshalb nerve ich gerne andere mit der Bitte, weniger Plastik zu verwenden. Mal nicht in den Urlaub zu fliegen. Sich ihr Dach begrünen zu lassen oder Solarpaneele zu installieren, um die Sonnenenergie zu nutzen. Auf Ökostrom umzusteigen ist ebenfalls eine gute Alternative. Genauso kann man darauf verzichten, Dinge bei diesem weltweit führenden Versandhändler zu bestellen, der mit A anfängt. Und der zwar damit wirbt, ganz, ganz schnell zu liefern, dabei aber leider unnötige Käufe unterstützt, unnötig viele LKW auf die Straßen schickt und unnötig viel Verpackungsmüll produziert (Quelle: ZEIT online). Alles nur, weil die Menschen ungeduldig sind.

Natürlich ist es unbequem, seinen Lebensstil zu ändern, Gewohnheiten zu ändern, zum Beispiel Geld zu investieren für einen Sodasprudler mit Glasflaschen. Der Mensch ist nun mal ein Gewohnheitstier. Die Frage ist nur, wie extrem die Klimasituation werden muss, damit die (deutsche) Gesellschaft zum Umdenken bewegt wird? Warum wird zum Beispiel das Bahnfahren stetig teurer, aber man kann für 30 Euro von Düsseldorf nach München fliegen? Warum wird, anstatt im Ruhrgebiet bestimmte Verbindungen auszubauen, die A43 vergrößert?

Mein kleiner Tipp: Im Alltag kleine Veränderungen vornehmen, die letztlich dann zu großen Veränderungen werden. Man kann zum Beispiel super Spülmittel und Deo selber herstellen, mit Natron. Im Unverpackt Laden kriegt man mittlerweile so ziemlich alles, was man täglich braucht. Man kann mit dem Fahrrad fahren, anstatt mit dem Auto. Elektrogeräte kann man ausstellen, anstatt sie tagelang auf Standby laufen zu lassen. Klamotten muss man sich nicht in dreifacher Ausführung bestellen, um dann alle drei Modelle wieder zurückzuschicken.  Und das sind nur Kleinigkeiten, die man gut umsetzen kann. Umdenken ist angesagt!

Nie mehr zurück nach Wiedenbrück (20.6.19)

In Vorbereitung auf einen Wanderurlaub im Elbsandsteingebirge wurden letztes Wochenende mal wieder die Wanderschuhe geschnürt, auf in Richtung Ostwestfalen! Die Odyssee, die wir unternahmen um nach Halle (Westf.) zu kommen, werde ich an dieser Stelle überspringen. Um halb zwölf ging es los auf dem Hermannsweg, in Richtung Bielefeld. Die Beschilderung war dürftig, weshalb wir erst ein bisschen planlos durch die Gegend latschten, bevor wir fanden, wonach wir suchten. Was dann folgte, war ein aussichtsreicher, hügeliger, bewölkter Wandertag, inklusive schmerzender Füße. Als wir Bielefeld erreichten, machten wir einen Zwischenstopp im schönen Tierpark Olderdissen, worauf mein Wunsch nach Hühnern und Ziegen noch dringlicher wurde. Leider durften wir allerdings zu unserer Unterkunft keine Tiere mitnehmen - und mit Hühnern durch die Bielefelder Innenstadt zu laufen, wäre auch kompliziert geworden, da war nämlich alles voller Menschen, die den "Karneval der Kulturen" beziehungsweise den "Christopher Street Day" feierten. Uns dagegen war eher nach einem gemütlichen Sofa und einem kalten Getränk zumute. Als wir schließlich die Wohnung meines Kumpels fanden, waren wir heilfroh, dass sie direkt über einem Supermarkt gelegen war und wir nicht weit laufen mussten, um einzukaufen. Abends okkupierten wir dann den von Unkraut überwachsenen Balkon und wollten eigentlich gerne früh ins Bett ( ich hatte meinen Schlafanzug vergessen und musste in meinen durchgeschwitzten Sachen schlafen) - da hatten wir die Rechnung nur ohne die feierwütigen fünf Jungs gemacht, die spontan beschlossen, in einem der Zimmer noch ein bisschen abzutanzen. Die Musik schallte natürlich durch die geschlossene Tür und durch meine Ohrenstöpsel, vor allem das Schlagzeug. Ich überlegte, auf dem Balkon zu schlafen, da war es allerdings nicht viel leiser, da die Wohnung im Kneipendreieck gelegen war. Was also tun? Ich besann mich auf meine pädagogischen Fähigkeiten und betrat die "Disco", wo gerade fleißig die Drums betätigt wurden. Auch als Rapper versuchten die Gäste sich. Bei meinem Anblick verstummten sie und gelobten, leise zu sein - wollten aber noch wissen, was ich denn von ihrem Sprechgesang hielte? Notlügend bestätigte ich die Qualität desselben, nur die Lautstärke um ein Uhr morgens war eben zu bemängeln. Daraufhin wurde uns endlich der ersehnte Schlaf gegönnt. Am nächsten Morgen ging es dann wandermäßig weiter nach Oerlinghausen, und wieder mit dem Bummelzug zurück nach Bielefeld. Das Fazit, als ich abends müde, verschwitzt und mit schmerzenden Gliedern  nach Hause in meine WG kam: Der Herrmannsweg lohnt sich - nur die Anfahrtmöglichkeiten sind wahrlich ausbaufähig! Außerdem sollte man immer einen Schlafanzug dabei haben.

Enjoy life in full trains (2.6.19)

Beim Autofahren und im Bus wird mir schnell schlecht. Logische Konsequenz ist daher das Zug- und Radfahren. Neben der absoluten Ausreizung meines Semestertickets habe ich mir kürzlich noch eine Bahncard 25 gekauft, so dass ich nun nochmehr Anreiz zum Bahnfahren habe. ( Call me Greta!)

Damit habe ich nun mal wieder einer meiner verrückten Reisen unternommen. Los ging es im Ruhrgebiet, mit der S-Bahn, die mich zum Hauptbahnhof meiner Lieblingsruhrgebietsstadt brachte. Von da aus dann mit dem Regionalexpress nach Köln, einen Kumpel besuchen. Vom Hauptbahnhof mit der U Bahn weiter bis in die Kölner Südstadt. Abends dann weiter von Köln mit dem Rhein Ruhr- Express nach Münster, wo ich tatsächlich zum ersten Mal seit langem wieder während einer Zugfahrt eingenickt bin. Köln ist nämlich anstrengend. In Münster angekommen, bekam ich glücklicherweise einen Anruf meines Bruders, dass ich bei ihm in Osnabrück nächtigen könnte, deshalb ging es von Münster weiter mit der Bahn nach Osnabrück. Dort verschätzte ich mich prompt ein bisschen, was die Entfernung der Wohnung meines Bruders zum Bahnhof anging. Letzlich kam ich dann doch an und war unendlich froh, einen Schlafplatz zu haben. Am nächsten Morgen musste ich zum Bahnhof rennen um den Intercity nach Bremen zu bekommen, der gemeinerweise sehr pünktlich war. Ich rannte also auf die Tür zu, in welcher der Zugbegleiter allerdings breitbeinig stand und mir mit einer fassungslosen Seelenruhe erklärte: "Zu spät". Ich durfte nicht mehr rein, obwohl ich noch locker reingehen hätte können. Was für ein schrecklich überkorrekter Mensch war das?! Die Tür ging zu, ich stand verloren am Bahnsteig. Es fuhren dann aber noch andere Züge nach Bremen und ich bekam sogar einen Aufdruck, durch den ich mir den Intercity zuschlag zurückerstatten lassen kann. Weiter dann von Bremen nach Oldenburg, wo ich endlich mein Ziel erreichte: Die Hochzeit von Freunden von mir. Vom Oldenburger Bahnhof die Traulocation zu finden war dann Makulaturfrage.

Am nächsten Morgen dann der ganze Tanz rückwarts: Von Oldenburg fuhr allerdings tatsächlich auch ein durchgehender Zug nach Osnabrück, ohne Umstieg in Bremen. Warum war der mir vorher nicht angezeigt worden? Naja. Von Osnabrück dann die sehr laute (etliche Feierwütige Junggesellinnenabschiede) "Teutobahn", nach Münster. Von Münster der Regionalexpress nach Essen. Von Essen die S-Bahn zu meiner Babysitterfamilie, wo ich einen tollen Nachmittag verbrachte. Und erst dann wieder zurück zum Hauptbahnhof und in die S-Bahn in Richtung Zuhause.

Was für ein krasses langes Wochenende- dafür bin ich eigentlich zu alt!

Kassel- wie hab ich dich so gern (26.05.19)

Nordhessen lässt mich nicht mehr los. Nach einer extrem langweiligen Woche in der Uni war ich froh, dass ich mal wieder den Reisejutebeutel packen konnte und mich auf den Weg zu machen, zu  einer Freundin, die in Kassel studiert. Wenn der Alltag mir nämlich zu unspannend ist, werde ich sehr unaushaltbar, um es mal nett zu formulieren. Das verliert sich erst langsam, wenn ich dann im Zug nach irgendwo hin sitze und raus gucken kann, wie sich die Landschaft verändert und wenn ich dann endlich an meinem Zielbahnhof angekommen bin. In Kassel konnte ich sogar noch einer jungen Mutter helfen, die Baby in Tragetuch vor der Brust, Maxi Cosi und Reisekoffer von Gleis zehn zu Gleis eins innerhalb von fünf Minuten transportieren musste. Das Problem war nur, dass wir uns im Getümmel einmal kurz verloren und ich jetzt also einen Maxi Cosi trug, der mir nicht gehörte (zum Glück ohne dazugehörendes Baby!). Ich rannte also zu besagter Plattform und hoffte, die Reisende dort wiederzufinden- puh, zwei Minuten bevor der Zug abfuhr, trafen wir einander, weil sie einen kleinen Umweg genommen hatte. Erleichtert über meine gute Tat steuerte ich die Altbauwohnung meiner Freundin an, wo wir auf den Schock erst mal Kaffee tranken. Luxuriöserweise hatte ich mein eigenes Gästezimmer, weil der Vermieter der Meinung ist, die Wohnung - in welcher zuvor eine vierköpfige Familie gewohnt hatte - sei zu klein für drei Mieter. Das verstand wer wollte, ich wollte es nicht. Viel lieber wollte ich Rad fahren, und so cruisten wir koffeingestärkt über die Wilhelmshöher Allee in Richtung Bergpark, wo wir verschwitzt ankamen und am liebsten in einem der schönen Wasserfälle gebadet hätten! Aber weil man sowas ja leider nicht macht, begnügten wir uns mit dem märchenhaften Ausblick auf sanfte Hügel und Waschbären. Kassel ist nämlich Deutschlands Waschbären-Hauptstadt, die Viecher plündern überall die Mülltonnen. Mir also nicht ganz unähnlich, die Tiere. Als wir uns auf den Weg nach Hause machten, war es schon spät und so pennten wir bei einem englischen Gartenfilm beinahe ein. Man merkte: wir waren nicht mehr 18! Am nächsten Tag durfte ich ein Bild an die noch sehr nackte weiße Küchenwand malen, um mich für die Gastfreundschaft erkenntlich zu machen. Abends machte ich spontan bei meinem ersten Hessener Poetry Slam mit, der allerdings viiiiel zu lange dauerte, bei neun Teilnehmern! Irgendwann machten wir uns also auf den Weg Richtung zuhause, allerdings nicht ohne noch einen kleinen Abstecher bei der Foodsharing Sammelstelle zu machen - danach kehrten wir mit bunt gemüsiger Ausbeute zurück und kochten ein bei Studenten allseits beliebtes Mitternachtsmahl.

Solche Wochenenden habe ich gerne!

Kleptomaniekritik (15.05.2019)

Es war einmal eine Studentin, die - das hatte ihre Tätigkeit so an sich - noch nicht vollzeit arbeitete und deshalb jeglichem Materialismus von jeher eher kritisch gegenüber stand. Diese junge Frau war bekennende Radfahrerin, jeden Tag im Jahr, bei fast jedem Wetter. Die Leute dachten, sie habe gar keinen Führerschein, weil man sie nie im Auto fahren sah. Nach einer 120 Kilometer langen Radtour mit ihren Brüdern sah sie ein, dass es wohl langsam an der Zeit wäre, sich ein neues Rad zuzulegen. Da sie immer nur gebrauchte Räder gefahren hatte, bedurfte es einer Überredung durch umstehende Personen, bis sie sich dazu durchringen konnte, sich in einem kleinen unabhängigen Radladen eingehend von kompetenten Angestellten beraten zu lassen. Daraufhin entschied sie sich schließlich für ein Crossbike, Neupreis 550 Euro. Mit Scheibenbremse und einem sehr leichten Rahmen, so dass sie es jegliche Bahnhofstreppen rauf- und runtertragen konnte. Ein Kettenschloss hatte sie von ihrer Mutter bekommen, und das Gefühl, dieses wunderbare Ding nun ihr Eigen zu nennen, war erst mal gewöhnungsbedürftig. Aber schnell fing sie an, die Vorteile zu genießen, es machte wirklich mehr Spaß durch die Stadt zu radeln, außerdem war sie tatsächlich schneller als auf ihrer alten Mähre. Doch die Freude sollte nicht von Dauer sein: Nach einer Woche fuhr sie an einem sonnigen Vormittag zur Universität, schloss ihr Rad vorsorglich vor der Bibliothek ab und ging zu den Veranstaltungen. Als sie am Nachmittag wiederkam, war da kein Rad mehr. Das Schloss war aufgebrochen und lag auf dem Boden. Wie paralysiert ging die Studentin also - gezwungenermaßen zu Fuß - zur Polizei und erstattete Anzeige. Was für eine Lektion sollte sie wohl dadurch lernen? Gelassenheit gegenüber Dingen, die sie nicht ändern konnte? Dinge, über die man einfach nicht die Kontrolle hatte? Oder dass mit Besitz auch immer die Angst vor Diebstahl einherging? Wer konnte das schon so genau sagen. Jedenfalls sagte sie sich, dass es wahrscheinlich noch schlimmere Dinge gab, und verbot sich jegliches Selbstmitleid.

 

How to häcksel (11.05.19)

Das Wetter ist schlecht? Die Bahn kommt nicht? Die Uni nervt? Die Freunde haben keine Zeit? Du bist mit der Gesamtsituation unzufrieden? Fahr zum Baumarkt und miete dir einen Häcksler. Häcksler haben die Eigenschaft, furchtbar klobig und schwer zu sein. Fahre also mit dem Bus deiner Eltern und nimm dir noch Leute mit, die dir helfen das Ding zu transportieren. Wenn du es dann wieder aus dem Auto herausbekommen hast, stelle das Gerät irgendwo hin, wo du dann feststellst, dass das Verlängerungskabel nicht reicht. Schiebe den Häcksler woanders hin, schleppe die Asthaufen heran und drücke auf den grünen Knopf, um zu beginnen. Wenn dann ein piependes Geräusch ertönt, solltest du dir vielleicht erst mal die Bedienungsanleitung durchlesen, auch wenn du ein Mensch bist, der nie, nie, nie, Instruktionen liest. Mach es trotzdem, aus wenn es noch so sehr nerven mag. Schiebe also darauf den Behälter in die richtige Position und schraube den Aufsatz vernünftig fest. Dann wirst du erfreut bemerken, dass es funktioniert! Während also ein Regenschauer um dich herum niedergeht, versuchst du unterm Carport deiner Eltern etliche Schlingpflanzen in die Häckselöffnung zu stopfen, woraufhin sie immer mal wieder verhakt und du wieder von vorn beginnen musst. Aber mit der Zeit bekommst du mehr Übung und kannst gar nicht mehr aufhören, suchst immer noch mehr Stöcke und bist enttäuscht, wenn manche Stöcke einfach zu dick sind, so dass die Maschine sie nicht schafft. Wenn der Bottich mit Häckselabfall voll ist, schleppst du ihn quer über das Grundstück, um ihn auf den Beeten zu verteilen. Und dieser immer gleiche Prozess mit dieser Maschine, die einem Küchengerät in Übergröße nicht unähnlich ist, macht etwas mit dir. Es macht zufrieden, immer neue Stöcker und Büsche zu zerkleinern. Bis die Mietzeit irgendwann um ist und du das Schätzchen leider zurück zum Baumarkt bringen musst. Aber es wird nicht das letzte Mal sein, denkst du dir, du hast Lunte gerochen. Die Gartensaison hat ja gerade erst begonnen!

Hilfe, ich erwachse! (8.5.19)

Vor einigen Wochen bekam ich einen Anruf meiner Bank, dass ich mich bitte um einen Termin für einen sogenannten "Finanzcheck" bemühen solle. Als ich zu diesem Termin erschien, erwartete mich ein netter beanzugter Herr, der sich also nun mit meinen phänomenalen studentischen Ersparnissen auseinandersetzen wollte. Die folgende Stunde wurde mir einmal mehr klar, wie wenig Ahnung ich von solchen Dingen habe. Hilflos hörte ich mir alle möglichen Informationen über meine bisherige Situation an und spätestens, als ich nach meinen langfristigen Zielen gefragt wurde, musste ich passen. Momentan bin ich 24 Jahre alt und leider hat mir noch niemand den ultimativen Plan für mein Leben gegeben. Oder ich hab ihn irgendwo verbummelt, das kann natürlich gut sein. Jedenfalls fragte der nette Bankmann dann nach meiner präferierten Wohnsituation und Autokauf. Wohnen: Ja, bin ich für. Nomadische Tendenzen sind zwar wahrnehmbar, jedoch ziehe ich einen festen Wohnsitz - am liebsten mit Ziegen, Hühnern und Garten sowie ein paar anderen coolen Menschen - einem Zelt vor. Autokauf hat sich ebenfalls erledigt, da mein Drahtesel mein Ein und Alles ist. Das war also schonmal geklärt. Dann ging es noch um solche Dinge wie Investitionen und Vorsorge treffen. Ich stand wie der Ochs vorm Berg und ließ mir erklären, wie die Geldwelt funktioniert. Und fühlte mich phänomenal dumm. Aktien? Immobilien? Gold? Rendite? Fonds? Waren für mich böhmische Dörfer. (Ich kannte höchstens Fondue). Genauso wie Hypothekenaufnahme und Bausparvertrag, von Dispositionskrediten ganz zu schweigen. Rentenversicherung und Altersvorsorge, noch ein sehr wichtiges Thema. Mir rauchte jetzt schon der Kopf. Ich habe doch noch nicht mal angefangen zu arbeiten, und trotzdem erzählte mir in den letzten Wochen jeder zweite Mensch, dass man nicht früh genug anfangen könnte, in die Rentenkasse einzuzahlen. Was für eine deutsche Sichtweise, dachte ich. Als wenn wir wüssten oder beeinflussen könnten, was in vierzig Jahren passiert! Es ist wahrscheinlich, dass bei meinem Renteneintritt die aktuelle Währung Esspapier ist. Oder dass die Menschen in Ackerbauland bezahlen, weil Robert Habeck als neuer Bundeskanzler ökologische Konsequenzen durchgesetzt hat. Wer weiß das schon? Am sinnvollsten ist es doch letztlich, alles Geld in die Matratze oder in einen Sparsocken zu stecken und dann tunlichst zu vergessen...

Rumheul'n is nich! (6.5.19)

Es gibt so Tage, da fragt man sich ganz einfach warum. Und überhaupt, und wieso. Ein solcher Tag war heute. Nach dem Aufstehen gab es keinen Kaffee mehr. Meine Lösung: Instantkaffee. Als ich mit dem Rad zur S-Bahn Station fahren wollte, merkte ich, dass der Vorderreifen komplett platt war. Dazu muss man wissen, dass mein neues (ultracooles!!!!!) Crossbike ganze zwei (ZWEI) Tage alt ist. Und jetzt platt. Na gut, dann lief ich eben zum Bahnhof. Die Bahn um 9.30 Uhr kam ohne Begründung einfach nicht. Na gut, nahm ich eben die Bahn um 9.50 Uhr. Diese hatte zehn Minuten Verspätung, so dass ich jetzt schon den Arzttermin, zu dem ich um elf Uhr musste, nicht mehr zeitig schaffen würde. Als ich versuchte, in der Praxis anzurufen, meldete sich konsequent die Warteschleife. Ich hatte eine Rotznase, aber kein Taschentuch. Meine drei Kulis zum Schreiben funktionierten allesamt nicht und meine Handcreme war im Rucksack ausgelaufen. Als die S-Bahn am Essener Hauptbahnhof hielt, fuhr mir mein Anschlusszug vor der Nase weg. Na gut, machte ich also Notfallshopping im Bahnhofsdrogeriemarkt. Mit der nächsten Bahn ging es nach Recklinghausen, von dort aus mit dem Bus in Richtung Herten. Der Bus fuhr aber (oh Wunder) unangekündigterweise nur bis nach Herten Mitte, so dass ich noch eine Viertelstunde laufen musste. 50 Minuten zu spät kam ich in die Praxis, wo "der Doktor mich vor der Pause nun eventuell nicht mehr aufrufen könne". Hatte ich mir fast gedacht. Doch dann, oh Wunder, kam ich doch noch dran. Zur Blutentnahme streckte ich meinen rechten Arm aus, der fürchterlich brannte, als die Arzthelferin Blut abnehmen wollte. Also musste sie mir auch noch in den anderen Arm piksen. Und mein Blutdruck war ebenfalls zu niedrig (obwohl mir doch eigentlich fast der Kragen geplatzt wäre!) Auf dem Weg mit dem Bus zurück nach Recklinghausen bekam ich die Bahn nur knapp, und die S-Bahn hatte ich natürlich wieder um eine Sekunde verpasst. Notfallkaffee (auch für den Blutdruck) und meditatives Stricken half ein bisschen, um wieder zuhause angekommen, den angenehmeren Dingen des Tages frönen zu können: Einen Schlafsack von der Post abholen, zur Bücherei gehen, im Bürgerbüro wählen. Meine Laune besserte sich. Danach baute ich den Reifen aus und flickte. Dabei ging das Ventil flöten. Einfach weg. Meine Mitbewohner halfen mir suchen, in meinem staubigen, dreckigen Zimmer. Es kam der Vorschlag, staub zu saugen und dann im Behälter zu wühlen, dort müsste sich doch das Ventil finden? Nee, war nicht der Fall. Vielleicht im Hamsterkäfig? Pedro und Hermes gaben keine Auskünfte. Ich war müde, so müde. Das alte Rad hatte ich schon in den Keller gebracht. Dort stand zum Glück noch ein zweites Schrottrad, dessen Ventil niemand mehr brauchen würde. Als der Reifen wieder eingebaut war, legte ich mich wortlos ins Bett - noch bevor das Sandmännchen kam. Aber: Rumheul'n is nich!

Gelsenwasser und Kirschen (27.04.19)

Als brave und interessierte Tochte bin ich bei meinem Vater im neuen Büro zu Besuch gewesen. Natürlich war es spannend zu sehen, wie das neue Bürogebäude so aussieht, mit den speziellen Lüftungsfenstern und den grau-weißen modernen Besprechungsräumen im Obergeschoss. Nur war ehrlich gesagt die Hochleistungs-Kaffeemaschine für Cappuccino aus frisch gemahlenen Bohnen noch ein klein bisschen spannender. Nachdem ich mir also zackzack meinen neuen Thermobecher mit Koffein gefüllt hatte, gingen wir noch ein bisschen spazieren, und ich hatte erneut das Gefühl, das Ruhrgebiet in Schutz nehmen zu wollen. Weil der Park durch welchen wir gingen, wirklich hübsch war. Industriell-hübsch sozusagen. Wie sagte schon Frank Goosen so treffend: "Nee, schön is dat nich. Aber meins!" Als ich darauf hin durch Kleinstgärten und alte Bergarbeitersiedlungen radelte, saßen am Straßenrand zahnlose Omis auf Klappstühlen, die den Kindern, die auf den Wegen spielten, wild gestikulierend unverständliche Dinge zuriefen. Mein Weg führte mich wieder zurück durch die Innenstadt in Richtung Bahnhof, wo ich mich ein klein wenig wie beim Enduro-fahren fühlte, als ich verbotenderweise in der Fußgängerzone durch die Menschen navigierte. No risk, no fun... Eine Frau verteilte Intellekt in Form von Stofftaschen einer Buchhandelskette. So sah man also vor den Dönerläden Menschen mit bunten Buchbeuteln sitzen - Menschen, die man sonst eher nicht in einem literarischen Laden verorten würde. Aber dies war sicherlich schonmal ein Schritt in die richtige Richtung! Und ob in den Beuteln Bierdosen oder Bände von Brecht transportiert wurden, das war sicherlich zweitrangig. Zwei Jungs, ca. drei Jahre alt, liefen Hand in Hand am 1-Euroladen vorbei, ein rührendes Bild. Im Bahnhof traf ich dann auf eine Gruppe von quirligen Knäppchen, in blauen Trainingsanzügen, die scheinbar von einem Ferien-Fußballtrainingslager kamen. Ich grinste, als ich sie herumtanzen sah. Im Zug zurück nach Bochum saß mir eine vierköpfige Gelsenkirchener Familie gegenüber, offensichtlich im Ausflugsmodus. Bauchtasche, Acryl-gelnägel, Proviantwürstchen und bunte Rucksäcke für die Kleinen. Ich fragte mich, wo der Ausflug wohl hinführen mochte, wenn die folgenden Stationen des Bummelzugs Wanne-Eickel, Bochum Riemke, Hamme, West und Bochum Hauptbahnhof waren... Die Gesprächsthemen reichten von Primark über chinesische Schriftzeichen als Tattoos bis hin zu Graffiti. Die kleine Tochter trug ein kleines Plastikdiadem und einen Zauberstab. Wunderbar, dachte ich. Einfach wunderbar.

alltägliche Begegnungen (21.4.19) 

Wie der geneigte Leser bereits bemerkt haben wird, bin ich Fan alltäglicher Begegnungen mit Menschen, die ich nicht näher kenne. Dazu gehören beispielsweise die Copy-shopmenschen bei mir an der Uni, mit denen ich mir immer Scherze erlaube und Sprüche klopfe. Letzte Woche sagte einer von ihnen zu mir, als ich meine Ausdrucke bezahlen wollte: "Ach, ein bekanntes Gesicht! Weiße watt, ich mag dich." Das hört man gerne, dachte ich und hatte richtig gute Laune danach, die auch nicht durch meine schlechte Note in der Englisch-Hausarbeit zunichte gemacht werden konnte. Als ich ein paar Tage darauf durch eines der gutbürgerlichen Stadtviertel radelte, wo die Senioren Schach spielen und die Mütter beim Drogeriemarkt überteuerte Babyprodukte kaufen, lief mir an der Ampel ein älterer Herr entgegen, der offensichtlich Einkäufe getätigt hatte. In seinem Rollator befand sich nämlich eine riiiiiiesige XXL-Packung der Schokoladenpralinensorte, mit der man sich quasi auf Französisch bei jemandem bedankt. Das war schon ein kurioser Anblick, fragte man sich doch direkt, wen er wohl mit dieser Pralinenpackung beeindrucken wollte? Womöglich eine attraktive Mittsiebzigerin aus dem Bäckereicafé an der Hauptstraße. Oder ging es gar um Bestechung einer höheren Amtsperson in Sachen Rentenerhöhung? Nichts genaues weiß man nicht. In jedem Fall imponierte mir der Tatendrang, mit dem er den Rollator samt Inhalt über die Bürgersteigkante schob. 

Später, nachdem ich beim Foodsharing Bananen und Eier gefunden hatte, buk ich einen Kuchen und verteilte ihn an meine Freunde. Danach war allerdings immernoch mehr als genug übrig, was ich dann spontan bei meinen Kollegen am Nordausgang des Bahnhofs vorbeibrachte. Damit hatte ich im Winter angefangen, weil ich fand, dass niemand mehr Plätzchen verdient hatte als sie. Und auch diesmal traf ich sie wieder an, wie sie in Grüppchen zusammensaßen, laut Musik hörten und das eine oder andere Fläschchen kreisen ließen. Auf meine Frage, ob jemand Kuchen gebrauchen könne, ging eine der beiden Frauen in legerer Kleidung begeistert und dankbar ein- daraufhin trauten sich auch die anderen, zu fragen, was es denn für ein Kuchen sei. Während ich also meinen Kuchen loswurde, hatte ich mal wieder eine kleine Schwelle in Sachen sozialer Distanz gemeistert. Und fühlte mich gut dabei, ich hätte mich am liebsten noch länger mit den Leutchen unterhalten, aber leider musste ich die nächste Bahn noch bekommen. Das Unterhalten kommt dann das nächste Mal!

Triff mich am Teich (18.04.19)

Wenn ich morgens zur Uni fahre, führt mich mein Weg durchs Grüne. Vorbei an einem kleinen Bachlauf, der zu einem künstlichen See führt, an dem tatsächlich ein Schild angebracht wurde: "Schwimmen verboten, der See ist mit Chemikalien durchsetzt. -der Bürgermeister". Das Thema Umweltschutz wird hier offensichtlich groß geschrieben. Und obwohl es leider kein natürlicher See ist, hat sich um das Gewässer herum eine beachtliche Flora und Fauna entwickelt, die jetzt im Frühling regelrecht explodiert. Den See habe ich mittlerweile zu jeder Tages- und Jahreszeit einmal gesehen, morgens früh bei Minusgraden, wenn ich vor Kälte fast vom Rad gefallen bin. An lauen Sommernächten, nach einem schweren Gewitter, was zur Folge hatte, dass das kleine Bächlein zu einem reißenden Strom anschwoll. Und jetzt, im Frühling in einem wunderbaren frischgrünen Kleid, das alle Leute zum Joggen, Grillen und Radfahren dorthin lockt. Faszinierenderweise habe ich dort auch schon allerlei Getier beobachtet- man hört ein Froschkonzert ohne gleichen, die Teich- und Blesshühner staksen quer über den Weg. Zuverlässig trifft man auch jeden Morgen zwei Fischreiher, die dort wohl eine Lebensgemeinschaft gegründet haben und nicht mehr wegzudenken sind. Sie sind begehrte Fotoobjekte für Naturfotografen mit riesigen Tele-objektiven. Dabei stehen sie nur herum und machen nichts! Kormorane habe ich dort auch schon gesehen, sowie einen Eisvogel, der fast so aussah wie ein Kolibri. Und vor ein paar Tagen saß direkt vor mir am Wegesrand eine Art beigefarbener Mini-Biber. So dachte ich zumindest. Vielleicht war es auch eine Bisamratte. Auffällig war tatsächlich das helle Fell. Dazu kommen Eichhörnchen und Mäuse, die durch die Büsche huschen. Ganz schön aufregend, was an diesem See so alles passiert! Eine wunderbare Abwechslung zur grauen Universität- weshalb ich auch regelmäßig unter Entzugserscheinungen leide, wenn das Wetter so schlecht ist, dass ich ausnahmsweise mit dem Bus zu meinen Vorlesungen und Seminaren fahren muss.

Über das Verlieren und das (sich) wieder finden (16.4.19)

Vor einigen Wochen habe ich hier einen Text darüber geschrieben, dass ich ständig meinen Kram verliere. Damals habe ich innerhalb von drei Tagen meinen selbstgestrickten Schal, meine Allergie-Augentropfen und meinen Nagelclipser verloren. Zauberhafterweise ist mittlerweile alles wieder aufgetaucht! Den Schal hat ein umsichtiger Finder an ein Brückengeländer auf meinem täglichen Weg nach Hause aufgehängt, anstatt ihn selbst mitzunehmen. Die Augentropfen waren in einer meiner unzähligen Pullovertaschen versteckt, die ich in die Wäsche getan hatte. Und gestern abend, als ich mein Bett neu bezog, nichtsahnend der Dinge die da kommen würden, tauchte auf einmal die Büchse der Pandora auf: Mein Nagelclipser hatte sich wohl aus einem mir wirklich unerfindlichen Grund in einen der Kissenbezüge verirrt. Dazu muss man wissen, dass ich normalerweise nicht zu den Menschen gehöre, die sich im Bett die Finger- oder Fußnägel schneiden. Das wäre sogar für meine Verhältnisse etwas pietät- und respektlos meiner Schlafstätte gegenüber. Jedenfalls freute ich mich wie ein Schneekönig, denn nichts ist angenehmer als ordentlich gepflegte Fingernägel! Was ich aber eigentlich sagen will ist: Viel wichtiger ist doch, sich im Alltag nicht selbst zu verlieren. Oder, wenn man sich im Trubel der To-Do's und Uni-katastrophen verloren hat, sich wieder zu finden. Es gibt einen pseudo-philosophischen Postkarten-Sinnspruch der da lautet: " Ich mich mich suchen gegangen. Wenn ich wieder da bin, bevor ich zurückkomme, sagt mir: ich soll auf mich warten." Und tatsächlich habe ich mich ein Stück weit gefunden: Und zwar im Garten. Im Garten meiner Eltern, wo ich im Unkraut wühle, umgrabe, den Rasen mähe und Feuer mache. Der botanische Garten meiner Universität ist sozusagen der Ersatzbalkon für meinen Studienalltag, auch wenn er  nicht mir gehört. Aber ich bin mir jetzt schon sicher: Selbstfindung hat definitiv mit Gärtnern zu tun! Also der Tätigkeit, nicht dem Beruf.

Back to normal (10.4.19)

Seit Sonntagabend bin ich wieder im Ruhrgebiet, in meiner Hood, sozusagen. Dabei habe ich in den letzten Wochen gar keine Hood (Anm.: englisch für "Kapuze") getragen, sondern eine Beanie-Mütze, das sind die stylischen Dinger mit der breiten Krempe, die jetzt alle haben. Habe ich in der Fundgrube des Hofes mit Erlaubnis mitgehen lassen, sozusagen als Andenken. Und das ist nicht das Einzige, was den Weg ins Ruhrgebiet gefunden hat: Auch das Geweih, dass ich im Wald gefunden habe, hat jetzt einen Platz in meinem Obstkistenprovisorienregal. Ansonsten muss ich selbst erst mal meinen Weg zurück in den Uni-Alltag finden: Keine Pferdeäpfel mehr, kein Schubkarrenschieben, kein willkürliches Feuermachen wenn man gerade Lust dazu hat. Kein spontanes Ausreiten oder Holzhacken, stattdessen Essays mit durchschnittlichen Noten abholen, Mails an die Profs schreiben, weil zwei wichtige Seminare zur gleichen Zeit stattfinden. Creditpoints im Unisystem nachzählen, To-Do-Listen abarbeiten. Meine Brille enger stellen lassen, eine neue Glühbirne kaufen. Den Hamsterkäfig säubern. Schon während ich die Dinge aufschreibe, merke ich, wie sich meine Stirn runzelt. Während ich die Treppe in der Uni hinuntergehe, beantworte ich gleichzeitig eine SMS und balanciere meinen Thermobecher mit Kaffee, als ich realisiere, dass das Seminar, von dem ich dachte, es beginnt um 12 Uhr, schon um 10 gestartet ist. Mist, zu spät. Mist, Mist, schon alle Sitzplätze belegt. Also setze ich mich auf den Boden, muss aber aufpassen, dass man das Loch in meiner Hose nicht sieht, die hatte ich nämlich bis letzte Woche immer draußen an. Bei dem Gedanken werde ich ein bisschen wehmütig.

Das Leben in der Stadt ist schon ganz schön anders als auf dem Land. Und ich finde es schön, dass jetzt alles frühlingshaft ist, dass ich meine geheimen Natur-spots habe, dass ich wieder food-sharing mache und Leute treffe, die mir am Herzen liegen. Aber das mit der Studienorganisation und dem vollen Alltag, das muss ich echt in Zukunft besser hinkriegen... Bis dahin plane ich einfach meine nächsten Urlaube in der Natur und zeichne Collagen zum Thema Spießigkeit und schreibe Gedichte und backe Geburtstagskuchen. Sozusagen Beschäftigungstherapie.

 

das allgemeine Tierlexikon (2.4.19)

Hier auf dem Hof gibt es neben sieben Pferden, fünf Miniponies und den beiden Schweinen Friedel und Schnitzel noch fünf Hasen. Diese fünf Kaninchen haben das schönste Fell, das ich bei Hasen je gesehen habe. Braun schimmernd und ganz dicht, fast wie bei Chinchillas. Diese Tiere müssen wir morgens und abends füttern und die Wassernäpfe auffüllen. Leider fanden die Kinder am Wochenende zwei der fünf Hasen tot im Gehege. Sie bastelten Holzkreuze und die Bestattung wurde organisiert. Gestern morgen dann der große Schreck: zwei weitere Todesfälle! Die Tierärztin wurde angerufen und nahm eine Autopsie vor - mit dem Ergebnis, dass jemand den Hasen verschmutztes Wasser gegeben hatte. Aus einem Kanister, der wohl vorher ein Fliegenschutzmittel mit Teebaumöl enthalten hatte. Wie sollte man den Kindern nun erklären, dass die süßen Haustierchen quasi unbewusst vergiftet worden waren? Wir entschieden uns für die offizielle Notlüge eines Virus, an dem Ole, PallMall und die anderen verendet waren. Tja, so ist das wohl auf einem Hof, dachte ich, während ich mir ein Pony zum Reiten vom Paddock holte. Ich wollte die Chance nutzen, in meiner letzten Praktikumswoche auch endlich mal selber oben drauf zu sitzen, statt hinter den Pferden und ihren Hinterlassenschaften herzufegen. Also genoss ich den Romantikmodus, mit einem Isländer auf einem Reitplatz ganz allein sein zu dürfen, mit einer bombastischen Aussicht über die weiten Frühlingshügel. Leider war, beziehungsweise ist, Gletta (so der Name des Ponys) mit einem gehörigen Sturkopf gesegnet, so dass das Traben zu einem wahren Kampf geriet. Sobald ich die Gerte einsetzte, buckelte sie, als wolle sie einen Salto in der Luft machen. Ich fühlte mich wie beim Rodeoreiten und wunderte mich, dass ich es schaffte, nicht herunterzufallen. Nach zwei temporeichen Galopp-Einheiten beschloss ich, dass ich nicht erfahren genug war, um diesem Pony Disziplin beizubringen. Aber warum auch einem Pferd seinen Willen aufzwingen? So grübelte ich, als ich Gletta zurück in den Stall brachte. Ich selbst mag es ja genauso wenig, wenn Leute mir sagen, was ich zu tun und zu lassen habe - das habe ich in meinem Dasein als Praktikum mal wieder ein bisschen gemerkt. Aber ab nächster Woche heißt es Adieu Schweine, Hasen, Ponies - denn dann werde ich wieder in stickigen Vorlesungsräumen sitzen und mir die reflektierten Ansichten meiner Kommilitonen zum Thema "the theory of Drama" anhören. Momentan noch schwer vorstellbar, diese andere Welt!

Alter, Native! (2.4.19)

Am Wochenende wollte ich eine Freundin in Regensburg besuchen. Da sie dann spontan absagen musste, ich aber die Zugtickets schon gebucht hatte, fuhr ich kurzerhand trotzdem hin. Übernachten wollte ich bei einer Couchsurferin, die mir als einzige auf meine Anfragen geantwortet hatte. Gespannt stieg ich also nach einer wunderbaren ruhigen Fahrt im Einzelabteil eines ICE (nie wieder Fernbus!!!) mitten in Bayern aus und versuchte mich zu meiner Unterkunft hin zu navigieren. Dabei halfen mir zwei nette Studenten, die sehr erstaunt waren dass ich WIRKLICH KEIN INTERNET AUF DEM HANDY HABE. Nach wie vor nicht. Zusammen fanden wir dann die Wohnung und ich klingelte. Sanni öffnete mir- eine kleine zierliche Gestalt mit Dreadlocks, die um ihren Kopf geschlungen waren. In ihrem großen Wohnzimmer lagen noch weitere Menschen auf dem Boden herum oder saßen auf orientalischen Kissen (einen Tisch gab es natürlich nicht) und spielten verträumt Trommel oder aßen Blaukraut mit veganem Aufstrich. Ich setzte mich mutig dazu und schnorrte Abendessen, denn die Supermärkte hatten schon alle zu. Im Gegenzug beteiligte ich mich am allgemeinen Konzert, indem ich Lieder von Mumford and Sons auf meiner Ukulele spielte. Irgendwann checkte ich dann, dass Sanni wohl gerade ihren Geburtstag feierte und ich hatte kein Geschenk. Mist. Aus schlechtem Gewissen spülte ich am nächsten Morgen das gesamte Geschirr, weil mich ihre 8-jährige Tochter inklusive Freundin nach viel zu wenig Schlaf geweck hatten. Quietschvergnügt plapperten die beiden mich voll, noch bevor ich meinen ersten Notfall-Instant kaffe trinken konnte. Wie ich Sanni einschätzte, trank sie eher Ingwertee. Danach sputeten wir uns, damit wir noch frühzeitig den Bus zur Waldorfschule bekamen, wo ich Sanni und die Mädchen zu einem Auftritt begleiten durfte. Jede Klasse sang ein Lied über den Wald oder über irgendeine Epoche, die sie gerade in der Schule durchnahmen. Nach über einer Stunde konnte ich -wie immer- nicht mehr stillsitzen und spazierte zu Fuß zurück in die Innenstadt, schlief eine Stunde an der Donau ein und kochte Abends mit meiner Gastgeberin Ofengemüse mit (Überraschung) Räuchertofu. Dann saßen wir noch lange in der Küche und redeten, zwischendurch kam noch ein Freund von Sanni vorbei, woraufhin die beiden sich straks auf den Boden legten. Ich zog das Sofa vor. In dieser Nacht schlief ich wunderbar lang, wurde nicht geweckt und verdiente mir am nächsten Tag das Geld für das Ticket für den Regionalzug zurück nach Hessen, indem ich Straßemusik machte. Bis zum Dorf trampte ich dann noch ein Stückchen und fühlte mich so alternativ wie noch nie!

Energydance (28.03.19)

Mit ein paar Mädels wollen wir Energydance machen- das heißt, die anderen wollen, ich nicht. Ich kann keinen Rhythmus halten und bin sicher, dass das ganze eh keinen Spaß macht. Doch als Birgit, die laut eigener Aussage mal eine Energydance-Ausbildung gemacht hat, sich uns vorstellt, schlägt ihre gute Laune (und ihr 80er-Jahre Hippie-style) auf uns alle über. Und dann geht es auch schon los. Birgit bindet sich ein Tuch in ihre kurzen, struppigen Haare und ein weiteres buntes Tuch um ihr Handgelenk und stellt die Musik auf laut, dann schallt "La Isla Bonita" durch den Raum. Die anderen Mädels haben vorsorglich die Vorhänge geschlossen, damit uns niemand beobachten kann, wie wir so durch den Raum hüpfen. Und obwohl ich es mir mal wieder nicht eingestehen kann, macht es Spaß. Es macht richtig Spaß. Wir lachen uns kaputt und schwitzen, weil das ganze rumgetanze echt anstrengend ist. Und Birgit hat noch dazu die ganze Zeit eine Power und ein Lächeln auf dem Gesicht, dass ich mich frage, wie sie das wohl macht. Zwischendurch boxen wir in die Luft, als wollten wir unseren inneren Schweinehund vertreiben. Und ich merke, was für eine willkommene Abwechslung die rudernden Arm- und Beinbewegungen sind, wenn man den ganzen Tag Pferde über den Hof geschoben hat, Hufe ausgekratzt, Schubkarren mit Pferdeäpfeln herumgekarrt und gefegt hat. Und ich kann mir schon gut vorstellen, wie Birgits Wohnung dekoriert ist: Bunte Tücher, Räucherstäbchen, Klangschalen und Trommeln. Sie gibt nämlich auch Trommelunterricht, die Birgit. Vielleicht sollte ich das ja als nächstes ausprobieren?

die schönsten Wohnungen der Welt (25.3.19)

Wenn man ganz viele kreative Köpfe in ein Dorf packt, entsteht wunderbares, das habe ich hier zur Genüge erlebt. Dieses Dorf, zu dem mein Praktikumshof gehört, ist nämlich kein normales Dorf. Es beherbergt überdurchschnittlich viele junge, hippe Familien mit Beanies und Bärten, wo die Mütter Mountainike fahren und die Väter Designfirmen gründen. Hinter den Fachwerkfassaden verbergen sich wahre Wohnschätze! Eingebaute Saunas im Keller, viele selbstgebaute Holzmöbel in den verwinkelten Eckchen und dazwischen der neue Apple mac. Im Garten finden sich Hühner und wahrscheinlich auch ein Hund. In der Küche prasselt ein Feuerchen im Backofen von 1900, darauf die Alu Espressokanne mit dem Bio-kaffee.

Neben den Fachwerkschätzchen gibt es hier im Ort noch eine alte Gärtnerei, die von einer Familie aufgekauft wurde, und in deren Haupthaus nun mehrere Wohnungen vermietet werden. Das Grundstück ist riesig, alle Gewächshäuser stehen noch und werden nun nach und nach bepflanzt. Ein tolles Projekt!

Auf dem Hofgelände selbst wohnen ebenfalls einige Familien, zum Beispiel in einem renovierten Teil der Jugendherberge. Wo früher Gemeinschaftsduschen und eklige Fliesen vorherrschten, ist in den letzten Jahren eine hübsche, gemütliche und vor allem sehr kreativ und liebevoll eingerichtete Küche entstanden. In der Mitte natürlich der RIESIGE obligatorische Holztisch. Die Wohnung meiner Chefin steht den anderen in Sachen Gemütlichkeit in nichts nach - das muss wahrscheinlich nicht mehr extra erwähnt werden. Der Lampenschirm ist ein altes Nudelsieb, die Wohnzimmerleuchten bestehen aus alten Teetassen und das Hochbett im Schlafzimmer lässt erkennen, dass man Paletten sehr gut zum Möbelbauen benutzen kann.

Dann gibt es noch die Turm-WG, von der aus man einen phänomenalen Ausblick über das hessische Hügelland hat. Zwischen Küche und Wohnzimmer gibt es eine Art Holzgerüst, auf dem verschiedene Schallplatten und Bücher dekorativ-zufällig herumstehen. In den anderen Zimmern wurden die Sitze des frisch erworbenen VW T4 Multivans zwischengeparkt, denn es scheint hier ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, einen Wohnbus sein eigen zu nennen, mit dem man einfach mal irgendwo hin fahren kann um dann im Bus auf einer Matratze zu übernachten.

Und ich? Ich schlafe im Keller, auf einem Bettsofa, neben dem Heizofen. Aber es ist ok, auch wenn das einzige kleine Fensterchen im Raum halb zu betoniert ist. Die Entschädigung? Eins von vielen Lagerfeuerplätzchen direkt vor der Haustür, und ein verstimmtes Klavier. Falls ich doch mal nicht schlafen kann, kann ich ja einfach auf den Heuboden gehen, wenn ich Lust habe.

der Lenz ist da (22.03.19)

Auch in Hessen ist der Frühling endlich angekommen- auf dem Hof merken wir es bei der Arbeit, weil vieles leichter von der Hand geht. Sogar das Ausmisten und Pflegen der Pferde scheint weniger aufwändig zu sein, wenn die Sonne scheint. Beim Heuballenschichten muss ich mittlerweile nicht mehr mitmachen, weil sonst mein Rücken streikt. Aber dafür helfe ich beim Vorbacken für eine Kinder-Osterfreizeit. Mit zwei anderen Frauen stehe ich einen ganzen Abend lang in der Küche und schaue dem Thermomix beim Teig-rühren zu. Der Plan ist, für 80 Leute zu backen. Das bedeutet 8 Hefezöpfe, 56 Zimtschnecken, sowie eine kleine Wanne voller Pancakes. So muss es früher gewesen sein, denke ich, als die Frauen des Dorfes sich zum Backen trafen und dabei den Klatsch der Woche austauschten. Am nächsten Tag reitet meine Anleiterin mit einer Gruppe Mädchen aus, zum ersten Mal in diesem Jahr. Die Sonne scheint und die Pferde genießen es sichtlich, bis auf dem Feld kurz vor unserem Hof ein Bauer anfängt, sein Feld zu düngen. Die Tiere erschrecken sich und gehen durch. Da ich gerade ein Mädchen mit Behinderung von einem anderen Pony betreue, sehe ich nur, wie die Ponies über den Hof galoppieren und alle Mädchen nach und nach in hohem Bogen herunterpurzeln. Eins von ihnen hat eine Schnittwunde am Kopf die stark blutet, ein anderes muss für eine Nacht ins Krankenhaus. Da wird mir erneut bewusst, was für eine Kraft Pferde haben. Dieser wilde Ausritt ist natürlich das Gesprächsthema überhaupt in den nächsten Tagen. Auch im Dorf wird über nichts anderes geredet. Die Eltern beschweren sich beim Bauern, dem das Feld gehört. Dieser antwortet darauf, dass er nichts dafür könne, wenn kleine Kinder ihre Pferde nicht unter Kontrolle hätten.

Gut, dass mir bis jetzt noch kein Pferd durchgegangen ist!

Sturm und Enduro (10.3.19)

Ein Angsthase bin ich noch nie gewesen- außer wenn ich als Kind woanders schlafen sollte, das war ein Problem. Aber sonst: Spielen in der Nähe der Autobahnbrücke, Buden bauen im Wald, heimlich im Alter von sechs Jahren Titanic gucken. Meinen Mut musste ich heute unter Beweis stellen, denn ich wurde gefragt, ob ich mit zum Endurofahren komme. Dazu muss man wissen, dass es hier, im hessischen Hügelland, momentan ziemlich windig, um nicht zu sagen stürmisch ist. Aber meine Mitsportler schienen davon unbeeindruckt und weil ich nicht als feige gelten wollte, kam ich mit. Bei Schauer und Windstärke 8, mindestens. Das Gute daran war, dass wir teilweise den Berg hochgeweht wurden. Aber obwohl ich mich als geübte Radfahrerin bezeichnen würde, hatte ich echte Probleme, mit dem Enduro-rad den Berg hochzuradeln. Dazu kam der schlammige Weg, der es mir wirklich nicht einfacher machte. Als wir oben auf dem Hügel angekommen waren, keuchte und schwitzte ich wie nach einer Stunde Dauerlauf. Dann ging es erst richtig los. Kurz wurde mir die richtige Haltung auf so einer Art Mountainbike erklärt -immer die Zeigefinger an der Bremse, außerdem die Knie und Arme anwinkeln, um sie als zusätzliche Federung zu verwenden- und dann ging es auch schon los. Auf Trails, die durch Pfützen, über Wurzeln und Steine, Laub und Äste führten. Die anderen drei düsten scheinbar locker-entspannt vor mir her, während ich meinen -zwar behelmten- Kopf schon auf einem Stein zerschellen sah. Aber es half ja nichts, ich musste den schlammigen Weg irgendwie hinunterfahren. Also eierte ich bremsend meinen ersten "Downhill"- und kam unten mit zitternden Muskeln wieder an. Die anderen grinsten und stiegen direkt wieder auf, während ich noch damit beschäftigt war,  meine mit Schlamm besprenkelte Brille geradezurücken. Aber ich hatte Feuer gefangen und so ging es noch zwei, drei Mal die Hügel auf und ab. Die anderen mit ordentlich Speed, ich mit ordentlich Vorsicht und wackeligen Knien. Als wir uns ein fünftes Mal in Richtung Hügelkuppe aufmachen wollten, stürmte es aber so heftig, dass die Baumkronen über uns bedrohlich schwankten und so mussten wir so schnell wie möglich den Rückzug antreten. Teilweise wurde ich mit dem Rad zur Seite geweht, so stürmisch war es. Als wir endlich wieder am Hof ankamen und die Räder säuberten, war ich stolz wie Oskar, dass ich nicht gestürzt war. Auch wenn ich etwas Erde geschluckt hatte und meine Klamotten aussahen wie nach einem sehr regnerischen Festivalbesuch. Ich kann die nächste Enduro-Session kaum erwarten!

 

Pferdefilm  mit Folgen (9.3.19)

Mit Kinobesuchen kann man mich normalerweise jagen. Es ist dunkel, eng und laut, ich fühle mich mit Werbung zugemüllt und darf in der Regel nicht mal rausgehen, wenn ich keine Lust mehr auf den Film habe. Nun haben wir aber mit 20 kleinen Reitermädchen eine Aktion geplant, die eben daraus besteht, in die nächstgelegene Stadt zu fahren und diesen vierten Teil eines Pferdefilms zugucken. Für mich ist es eine Art Konfrontationstherapie- denn wir fahren mit dem Auto, und da wird mir immer schlecht. Also frage ich meine Chefin, ob ich als Praktikantin ihr Auto fahren dürfe. Kurz darauf sind alle logistischen und organisatorischen Angelegenheiten geklärt (welche Kids fahren wo mit, Kindersitze verteilen etc.) und wir ziehen los in Richtung Kino. Dort angekommen werden noch alle mit Popcorn ausgestattet und dann fängt der Film auch bald an. Und ich muss zugeben, dass ich begeisterter bin, als ich es mir anmerken lassen will. Ungezähmtes, mysteriöses Pferd, das nur von diesem einen bestimmten Mädchen geritten werden kann. Eine intrigante, blonde Pferdewirtin, die Ärger verursacht. Ein hübscher Stallbursche. Natur, Sonnenuntergänge, wildlife pur. Lagerfeuer und alternativ eingerichtete Wohn-bauwagen in der Mitte eines Felds. Und ich frage mich immer wieder, warum wir das alles cinematisch beschauen, anstatt raus in den Wald zu gehen und diese Dinge selber zu tun - die Möglichkeiten wären gegeben! Immer wieder, vor allem gegen Ende des Films, bekomme ich eine Gänsehaut, weil es dann nämlich doch ganz schön "spannend" wird. Nachdem wir wieder zuhause angekommen sind und ich das Auto parke, denke ich, dass es eine tolle Aktion war, irgendwie. Bis ich später am Abend erfahre, dass die Handbremse sich gelöst hat und das Auto den Abhang hinuntergerollt ist, gegen eine Hauswand. Jetzt hat es eine riesige Delle. Ich würde sagen, ich nutze meinen Praktikantenstatus voll aus! Gut, dass es Versicherungen gibt...

Bullerbü-Reloaded (3.3.19)

Seit einer Woche bin ich zum Praktikum in Bullerbü- so fühlt es sich zumindest an. Für insgesamt sechs Wochen soll ich in einem pädagogischen Bereich arbeiten, der nichts mit Lehramt zutun hat. Und schwupps, bin ich im tiefsten hessischen Hinterland gelandet, wo die Menschen im Dorf die Türen nicht abschließen, weil eh keiner einbricht. Wie sympathisch das alles ist! Auf dem Hof, der quasi kurz vor dem Nichts kommt, leben einige Familien, die die Organisation namens Anorak21 leiten, der Rest lebt in besagtem Dorf. Und es ist eine verrückte, innovative, junge Gesellschaft, die hier Kinder und Jugendliche das machen lässt, was sie schon immer machen wollten. Es gibt eine Ranch, wo Reitunterricht erteilt wird, Ausritte, Pferde pflegen. Es gibt einen Streichelzoo mit zwei Schweinen, Hasen und Minieponies. Man kann BMX und Mountainbike fahren, Bouldern, Billard spielen und vieles weitere mehr. Mein Arbeitsbereich ist zurzeit die Ranch, und was Pferdeäpfel und Fütterungszeiten angeht fühle ich mich schon ein bisschen wie ein Profi. Bei allen anderen Aufgaben merke ich, dass ich regelmäßig wie der Ochs vorm Berg stehe, weil ich dieses und jenes noch nie gemacht habe. Pferden die Hufe waschen zum Beispiel. Und das Fell darüber einschäumen, oder Heuballen in die große Futterraufe wuchten. So Sachen halt. Am Abend bin ich regelmäßig so kaputt, dass ich einschlafe, bevor ich Piep sagen kann. Oder die vielen Vögel, die hier zwitschern. Wenn ich in der Uni beim Arbeiten in der Bib immer die Youtube version über Kopfhörer gehörte habe, so habe ich nun die Real-life version. Hunde, Hügel, Heuschnupfen, so lässt sich mein Alltag vielleicht alliterarisch zusammenfassen- und wenn ich nicht arbeite, gehe ich mit den anderen Mitarbeiterinnen in die Sauna, oder sitze auf der großen Steinmauer,  schnitze oder trinke echt guten Kaffee- dafür hat nämlich der Großteil der Leute hier wirklich eine Vorliebe. Bio-fairtrade-super-krass-Espresso. Die nächsten Wochen können kommen!

Vergiss-mein-nicht (21.02.19)

Dass ich verpeilt und chaotisch bin, ist kein Geheimnis. Manchmal wundere ich mich selbst über mich, dass ich in meinem Alltag trotzdem gut zurecht komme. Es gibt aber so Tage, beziehungsweise Wochen, da ist es einfach wie verhext. Zum Beispiel diese Woche. Es fing damit an, dass ich am Montag meine Augentropfen verlor, die ich wegen meines Heuschnupfens dringend brauche. Das war schon Grund genug für mich, mich zu schelten und zu besserer Vorsicht aufzurufen. Am Dienstag ging es dann weiter mit meinem Nagelknipser. Ein Nagelknipser ist ein kleines Gerät, das sehr hilfreich ist und das ich oft und gerne im Badezimmer benutze. Aus irgendeinem Grund hatte ich es allerdings in mein Zimmer mitgenommen und natürlich verschwand besagtes Utensil sofort spurlos. Wie sollte ich denn nun meine Nägel kurzhalten? Etwa mit Feile und Nagelschere? Keine Option für mich, die ich meinen Nagelknipser seit ich ihn in England im Jahr 2013 gekauft habe, in Ehren halte. Und jetzt war er weg. Mist. Am Mittwoch fiel mir dann mein Plastik-thermo-Kaffeebecher herunter und hatte direkt einen Sprung in der Schüssel (und da war er nicht der Einzige), so dass ich momentan meinen Kaffee in einem alten Marmeladenschraubglas mit in die Uni nehmen muss. Heute morgen hastete ich dann mal wieder mit dem Rad durch Felder und Wiesen bis hin zur U-Bahnstation, stieg ein und legte meinen dicken selbstgestrickten Wollschal ab, den ich im Frühjahr als Pollen-Atmungsschutz zweckentfremde. Als  meine Haltestelle kam, ich ausstieg und die Bahn weiterfuhr, fuhr mein geliebter Schal (den ich ebenfalls schon sehr lange besitze) leider mit. Fluchend stand ich also herum und überlegte, wo sich wohl das Fundbüro der Straßenbahnfirma befand, und ob ich dort wohl auch Nagelknipser und Augentropfen wiederfinden würde... Vielleicht sollte ich alle meine Besitztümer mit Schlüsselfindern ausstatten oder etikettieren, mit Name und Adresse. Oder mit den Gedanken nicht immer woanders sein?

Lager-Feier (18.02.19)

Vor ein paar Tagen hatte ich Geburtstag und wollte aus diesem Anlass mit ein paar Freunden feiern. Da ich aber große Parties mit schlechter Musik und noch schlechterem Smalltalk hasse (die besten Gespräche entwickeln sich erst um drei Uhr morgens in der Küche, ich weiß- aber da schlafe ich ja immer schon längst!), nahm ich mir für dieses Mal vor, eine kleine Lager-feier zu veranstalten. Das heißt: Lagerfeuer mit Stockbrot und Grillen. Mutig, mutig, für Februar. Aber da ich meinem geschätzten Freundeskreis schon so einiges zugemutet habe, war ich mir sicher, dass sie auch kalte Temparaturen aushalten würden. Und siehe da: An besagtem Tage schien die Sonne höchstpersönlich, und das Thermometer stand definitiv auf Frühling. Naseschniefend und Augenreibend fuhr ich also einkaufen und merkte im Supermarkt an der Kasse, dass ich Migräne bekam. Na super, das fing ja klasse an. Mit Kopfschmerzen und Übelkeit bereitete ich also den Abend vor, knetete Stockbrotteig und ging in den Wald, Stöcker suchen. Kurz bevor die ersten Gäste eintrafen, nahm ich eine Tablette, die mich zwar ein bisschen benebelte, aber immerhin den Schmerz dämpfte. Nach und nach trudelten dann alle ein und in den nächsten Stunden sprang ich regelmäßig zwischen Garten und Hof meiner Eltern hin und her, weil zuerst ein paar Grassoden für das Feuerplätzchen ausgehoben werden mussten, aber keiner meiner Freundinnen und Freunde sich dazu in der Lage sah. Danach galt es, die Flamme zu entzünden. In der Annahme, dass jeder Erwachsene weiß, wie man ein Feuer zum Brennen bekommt, kümmerte ich mich um den Grill und die anderen Gäste sowie um meine Geschenke (Blumen, ein Eichhörnchenkalender, ein kleines Alpaka- leider nicht echt). Plötzlich rief es verzweifelt aus dem Garten: "Das Feuer geht aus, das Feuer geht aus!" Das kann doch nicht wahr sein, dachte ich. Ratlos standen fünf Menschen um ein Häuflein trockene Stöcke und versuchten, die Glut anzuzünden. Ich schüttelte innerlich den Kopf. Hatten sie denn nie früher heimlich gekokelt? Hm, bei Stadtkindern ist sowas vielleicht auch eher schwierig. Also kniete ich mich hin, knüllte Papier zusammen, steckte es unter und zwischen die Scheite und pustete. Dann kehrte ich zum Grill zurück, in der Hoffnung, dass wir noch zeitig zum Stockbrotmachen kommen würden. Mithilfe meiner sach- und fachkundigen Familie loderte denn auch bald ein ordentliches Feuer, und nachdem alle Gäste gesättigt mit Cigköftem, spanischem Omelette, Grilltofu sowie selbstgebackenem Brot und grünem Hummus waren, saßen wir noch bis spät in die Nacht unterm klaren Sternenhimmel und nach einer kleinen Einführung, was die Stockbrotzubereitung anging, knusperte man sich einträchtig durch den Teig- außen fast verbrannt, innen noch fast roh. Wie Stockbrot eben so sein muss. Und das Beste an der ganzen Sache war, dass mein Bruder das ansehnliche Loch, das bei uns im Garten entstanden war, am nächsten Morgen fachmännisch zupflasterte. Puh, hoffentlich wächst schnell wieder Gras über die Sache! Was meine Geburtstagsplanung angeht... das nächste Mal hätte ich Lust auf Staudammbauen im Waldbach!

Uni-kate (15.02.19)

An der Universität gibt es allerlei Kuriositäten zu beobachten. Abgesehen von der Tatsache, dass man manchmal multiple-choice Klausuren DOCH besteht, obwohl so ziemlich alles dagegen spricht. Das Beste an diesem Paralleluniversum der Bildung und Forschung (bzw. der unverständlichen Bürosprechzeiten) sind für mich allerdings die Menschen, die so direkt eigentlich nichts mit dem Betrieb an und für sich zu tun haben. Und genau diese Menschen prägen das Bild meines Campi (für alle die Latein in der Schule hatten: Campus ist O-Deklination, demnach ist der Genitiv Singular maskulin eben Campi. Auch wenn es sich doof anhört), beispielsweise "Selina". Selina ist ein älterer Herr mit schlohweißem Haar und weißem Bart, der seines Zeichens Pfandflaschen sammelt, meistens ist er in Shorts und Badeschlappen unterwegs, egal bei welchem Wetter. Er trägt eine Sportjacke mit dem Aufdruck eines Fußballvereins sowie ebenjenem Mädchennamen. Selina. 

In der Cafeteria meiner Fakultät trifft man zufälligerweise mindestens einmal am Tag auf den indianisch anmutenden Jutebeutelträger mit Cap, der lautstark mit sich selbst Kauderwelsch redet und auch gerne mal rumschreit. Die Studierenden kennen ihn und beachten ihn nicht weiter. Genauso wie die Katzenlady- ob sie Katzen hat, weiß ich nicht. Aber sie erinnert mich an die Figur aus den "Simpsons", mit ihren langen, welligen, grauen Haaren, die sie etwas wild wirken lassen. Sie sitzt von morgens bis abends an den Tischen im Eingangsbereich des Gebäudes, eine Anzahl von Tüten neben sich, und liest oder trinkt Kaffee. Manchmal würde ich mich am liebsten zu ihr setzen und mich mit ihr unterhalten, aber wenn ich sie grüße, reagiert sie nie. 

Dann gibt es noch den formidabel geschminkten Zeitgenossen mit dem weißen Trenchcoat und den schmucken Hänge-Ohrringen, die unter seinem gefärbten Haarkranz hervorblinken. Er ist schon ein Blickfang, wenn man ihn sieht, wie er wogenden Schrittes zur U-Bahn geht, manchmal trägt er auch eine kecke Matrosenmütze, die möglicherweise seine Glatze verdecken sollen. Was der wohl studiert, denke ich manchmal und beobachte ihn lächelnd. 

Am liebsten mag ich jedoch die bulligen, tätowierten Copy-Shop-Angestellten, die sind nämlich die einzigen, die begriffen haben, worum es WIRKLICH geht. Sie rechnen regelmäßig meine Centbeträge fürs Drucken ab und erklären den eingeschüchterten Erasmusstudenten "sat sis PC is DEFEKT!" Ich bringe ihnen immer mal Kekse mit und frage, wie es ihnen geht, um sie zu besänftigen. Das klappt eigentlich ganz gut. Und dann sind sie sehr lustig. Letztens setzte sich einer von ihnen auf einen Drehsessel, dessen Lehne darauf hin gefährlich nach hinten ausschwenkte. Der lapidare Kommentar dazu lautete: "Samma, wat is datten für'n Gynäckologenstuhl hier? Issat deiner??" Darauf hin sein Kollege, sich verteidigend: "Ja Hömma, ich brauch dat für meine Bandscheiben, machma kein Terz hier!" Grinsend gratulierte ich den beiden dazu, dass sie wussten, wie ein Gynäkologenstuhl aussieht. Die Frage, ob sie schonmal auf einem gesessen hatten, sparte ich mir allerdings, ich wollte es mir ja nicht mit ihnen verscherzen. Sonst würden sie mich vielleicht dem ominösen "Exhibitionisten" ausliefern, der angeblich laut eines Infokärtchens in letzter Zeit hin und wieder im Botanischen Garten der Universität gesichtet wird. Und so sehr ich mir Mühe gebe- ich habe ihn dort noch nicht auftreiben können... Vielleicht habe ich ja im Frühling mehr Glück?

well-nass (14.02.19)

Zu Weihnachten gab's einen Sauna-Gutschein, weil ich die kalte Jahreszeit mit dem ewigen Gefriere und falsch angezogen sein hasse wie die Beulenpest. Vier Stunden waren versprochen, ich hatte allerdings nur zwei Stunden Zeit und wenn man schon mit dem Gedanken in die heiligen Hallen des Well-Beings einkehrt, dass "man aber nicht so lange kann", dann wird es schwierig mit der Entspannung auf Knopfdruck. Also hinein in die Damensauna, wo ich erstmal planlos herumlaufe, wahllos in eine der zahllosen Schwitzhütten gehe, bis ich erstmal von innen heraus aufgewärmt bin. Das Doofe an der Sauna ist ja, dass man sich danach immer kalt abduschen soll. Bäh, ich will nicht! Außerdem hab ich nur ein kleines Handtuch dabei, und keinen Bademantel. So wird es schwierig, mit dem gemütlichen Lesen auf den Liegen. Allmählich akklimatisiere ich mich allerdings in der neuen Umgebung und passe mich dem gemütlichen Schlurfen meiner Saunier-kameradinnen an, die zum großen Teil entspannte Seniorinnen sind. Die machen alles richtig, denke ich, als ich sie beobachte, wie sie genüsslich ihr Gesicht in den Sonnenschein recken und die Gala oder die Bunte oder die Frau im Bild lesen ("Katharine und Meghan: Doppeltes Babyglück! Rosenkohl: Alles was Sie über das vielseitige Wintergemüse wissen sollten. Seite Drei.") Ich finde derweil in einem Bücherregal eine alte deutsche Ausgabe von Shakespeares "King Lear", die genauso riecht, wie alte Bücher eben riechen sollten. Und es ist wahrlich ein erhebendes Gefühl, nackt und bloß mit den Füßen im Heißwasserbassin zu sitzen und englische Hochliteratur zu lesen. Man fühlt sich sehr intellektuell. Danach machte ich mich auf zum Salzpeeling in der Dampfsauna, und fühlte mich hernach wie Räucherhering. Mehrere Schichten Haut ließ ich dort zurück. Zum Abschluss ging ich noch ins Freizeitbad (natürlich mit Bikini) und plante mich von den Wasserfällen dort massieren zu lassen, allerdings hatte ich die Rechnung nicht ohne andere Badegäste gemacht. Denn kaum fingen die Fontänen an zu niagarieren, erschienen von überalle blitzeschnell Senioren, die sich flugs unter jeden verfügbaren Strahl stellten. Mist. Aber im Außenbereich des Solebads gab es ja auch noch eine Massagedüse. Ich hatte sie fast erreicht, da tauchte neben mir plötzlich, aus dem Nichts, prustend eine Art Nilpferd auf- ein bulliger, riesiger Typ mit Stiernacken und Taucherbrille (und zu enger Badehose), der mich durchdringend anblickte und mich dadurch zwang, ihm den Massagestrahl zu überlassen. Na gut, dann eben nicht. Als ich schließlich unter der heißen Dusche stand, dachte ich, dass das Saunieren tatsächlich im Vergleich zum Klausurenschreiben deutlich angenehmer ist! Vielleicht sollte man einen Studiengang "Schwitzologie" anbieten?

OHP - oh, hurra, prima (7.2.19)

"Es gibt zwei Argumente dafür, Lehrer zu werden: Juli und August." Das ist nur eine der Mythen, die sich um das Arbeiten als Lehrkraft ranken- andere sind eher von pejorativer Natur: "Lehrer haben vormittags Recht und nachmittags frei." Ob das der Wahrheit entspricht, kann ich schlecht beurteilen- aber jedenfalls wollte ich mal wieder meinem potenziellen zukünftigen Arbeitsplatz einen Hospitationsbesuch abstatten und stolperte also plötzlich eines Morgens (eines sehr frühen, kalten Morgens!) durch pubertäre Schülertrauben in Richtung Lehrerzimmer, wo mich mein Bekannter abholen sollte. Er kam allerdings selbst zu spät und so sputeten wir uns nach einer schnellen Tasse Kaffee direkt in den Unterricht, wo ich als Gast natürlich kritisch und neugierig beäugt wurde. Das Smartboard kam zum Einsatz, der Laptop, die Tafel und der Elmo. Und was mich überraschte: Die Schüler waren weder desinteressiert noch unmotiviert- außerdem war der Geräuschpegel auszuhalten. Ganz anders hatte ich das von meinem letzten Praktikum an einer so genannten "Problemschule" in Erinnerung, wo einer Lehrerin die Nase gebrochen wurde, eine Woche bevor ich dort anfangen sollte. Aber zurück zum Thema. In der Pause hasteten wir ins Lehrerzimmer, wo ich mit milder Neugier gütig empfangen wurde - die meisten Kollegen mampften ihr Pausenbrot oder hielten sich an den obligatorischen Kaffeetassen fest, oder versteckten sich hinter den Stapeln von Französischbüchern auf ihrem Platz. Auf den lustigen Postkarten an den Wänden standen Dinge wie "In Mathe steh ich auf Drei. Eine davon steht auch auf mich."  In der Freistunde wurde ich durch die Schule geführt- die Gerüche erinnerten an eine Mischung aus Jugendherberge und Kinderzimmer. Von dem berüchtigten "Pumakäfig" der neunten Klassen roch mal tatsächlich wenig. Die freundlichen Cafeteriafrauen thronten hinter Bergen aus Käse- und Schokobrötchen, die es wohl in den meisten Schulen gibt. Darauf ist immer Margarine, nie Butter, fiel mir dazu ein. In der vierten Stunde (Sexualkunde) ging es um Hormonbildung; auf die Frage "Wo im Gehirn werden Hormone freigesetzt?" antwortete eine Schülerin: "In der Zwiebel, ääh, Zirbeldrüse!" Ich grinste in mich hinein und speicherte diesen Satz als das Zitat des Tages. In der großen Pause scheuchten wir Schüler aus den Fluren nach draußen, und in den letzten beiden Stunden kam dann endlich auch der Overheadprojektor zum Einsatz. Ich nahm mir vor, diesen den Smartboards immer vorzuziehen und ihm gebührend Respekt zu zollen. Dann war der Tag auch schon um und ich verabschiedete mich von meinem Bekannten, einem wirklich passionierten Vollblutlehrer. Ich war beeindruckt, und vor allem: fix und alle. Ich fuhr nach Hause und fiel direkt wieder ins Bett. Als Lehrer hat man wirklich allerhand zu tun. Und man muss früh aufstehen. Aber es lohnt sich!  Und Zwiebeln werde ich fortan mit anderen (tränenden) Augen sehen...

Die Prokrastinations-königin (2.2.19)

Oh je oh je oh je, mitten in der Klausurphase. In der kommenden Woche habe ich diese multiplechoice Klausur, für die man so schlecht lernen kann, ein wichtiger Grund dafür, es ausgiebig und strukturiert zu tun! Und dennoch sträubt sich alles in mir dagegen. Mir kommen tausend Ideen in den Kopf, die mir so viel besser erscheinen als Karteikarten zu erstellen. Zum Beispiel mit der Straßenbahn planlos zum Wandern loszufahren und an der Endhaltestelle aussteigen, um dann durch den Schneematsch zum nächstbesten Drogeriemarkt zu stiefeln und dort mein Lieblingsparfum sowie eine neue, ganz besondere Sorte Handcreme zu testen. Von da aus führt mein Weg mich zum Baumarkt, wo ich die Preise von Hamsterfutter vergleiche und mich bremsen muss, ein Kilo Erdnüsse zu kaufen, weil sie hier im Laden als Vogelfutter so viel günstiger (und sogar verpackungsfrei) zu erwerben sind als im Supermarkt. Draußen schneeregnet es fleißig. Derweil atme ich den Holzgeruch ein und stelle mich in die Lampenabteilung, um Sonne zu tanken. Dann schlendere ich noch in die Gartenabteilung, Blumen genießen. Schön, Frühlingsvorfreude. Draußen schneematscht es. Hatte ich das schon erwähnt? Egal, ich bin ja nicht aus Zucker. (Zum Glück, denn Agavendicksaft oder Honig ist viel besser! Zucker ist oft industriell raffiniert) Es geht also in den Wald, und das, unvernünftig wie ich bin, ohne Smartphone, das liegt zuhause, weil es eh nicht aufgeladen ist. Mal wieder vergessen. Träumend latsche ich also durch den Buchenwald und genieße die tropfende Stille, das gelegentliche Vogelgezwitscher und konzentriere mich darauf, nicht auszurutschen. In einer Holzhütte mache ich Pause und trinke Tee, um mich herum wird es so neblig, dass man nur noch wenige Meter weit sehen kann. Wie schön. Ohne Plan gehe ich weiter, die Zeit verschwimmt ein bisschen. Irgendwann geht es wieder zurück in die Stadt, zurück in die WG. Dort quatsche ich erstmal ausgiebig mit unserem spanischen Zwischenmieter, der ganz frisch angekommen ist, und begrüße meine beiden Hamster. Und als es dann wirklich keine andere Möglichkeit mehr gibt, setze ich mich endlich an meine Unisachen. Für eine halbe Stunde...

Hier hausen Tiere (26.01.19)

Bei uns in der WG steppt der Bär, sozusagen. Man könnte auch meinen, der Hamster bohnert. Gebohnert werden müsste bei uns tatsächlich mal wieder, zumindest Wischen steht ganz vorne auf der To-Do Liste. Das ist aber leider schwierig, so kurz vor der Klausurenphase. Da hat man ja so vieles andere zu tun, was noch wichtiger ist. Sich zwei kleine Hamster kaufen, zum Beispiel. An einem sonnigen, frostig kalten Sonntagnachmittag im Januar wird also einer meiner Kindheitsträume wahr: Meine tierliebe Mitbewohnerin und ich fahren nach Dortmund, wo wir bei einem privaten Hamstermenschen anklingeln. Er führt uns in sein Wohnzimmer, wo ein wahrer Nagerzoo auf uns wartet: drei riesige Terrarien mit allerlei Ausstattung. Mein Herz schlägt höher, als er uns die Tiere aus dem letzten Wurf zeigt- der kleine, den er als erstes vorsichtig auf die Hand nimmt, ist nur einer von zehn Jungen, eins süßer als der andere. Schnell suchen wir uns zwei der Tiere aus und gehen überglücklich nach Hause, also zur S-Bahn. Behutsam transportieren wir die Box, die wir in einen Schal einhüllen. Die anderen Passagiere müssen denken, wir erfüllten einen geheimen Auftrag. Zuhause angekommen, setzen wir die beiden Fellknäuel in das fertig eingerichtete neue Heim, wo sie direkt auf Entdeckungstour gehen. Und in den nächsten Tagen wird sich herausstellen: Diese Hamster sind nicht ganz normal. Weshalb sie auch gut zu uns passen! Pedro und Hermes sind nämlich weder nachtaktiv, noch benutzen sie das Laufrad. Mehrmals ermutige ich sie, indem ich sie in das "obligatorische" Zubehör für jeden Hamsterkäfig setze, und jedes Mal interessiert es sie einen feuchten Kehricht. Viel lieber machen sie Sky-Diving aus der zweiten Etage in die Einstreu, buddeln auf Zeitungspapier herum oder kuscheln. Das ist nämlich noch so eine Eigenart: wie viele Male ich gehört habe, dass Hamster menschenscheue Einzelgänger seien und deshalb langweilig! Pedro und Hermes sind bei weitem nicht scheu, kommen freiwillig auf die Hand und sind auch ansonsten ziemlich mutig. Allerdings auch nicht besonders helle, sie versuchen nämlich unermüdlich, an der Rückseite des Laufrades emporzuklettern, um aus dem Käfig auszubüchsen- durch den Drehmechanismus rollen sie allerdings ständig wieder auf der anderen Seite herunter. Aber sie scheinen die Hoffnung nicht aufzugeben, eines Tages mein ganzes Zimmer mit Beschlag zu belegen. Und zu diesen Rabauken gesellt sich nun vorübergehend auch noch Mila, ein hübscher Boxermischling... Fortsetzung folgt!

Powerfräulein und das Regal der Träume (24.01.19)

In Essen gibt es einen wunderbaren Laden, der sowohl Café als auch Trödelladen ist, Foodsharing gibt es dort auch. Kurzum: Bei "Konsumreform" gibt es alles was das Herz begehrt. Man kann vor allem auch Regale anmieten, um seinen eigenen Kram zu verkaufen- ob es Klamotten oder Kunst ist, ist egal. Und genau das habe ich jetzt mal gemacht: Weil mein Zimmer mittlerweile als Fläche für meine Kritzeleien und Pinselstriche nicht mehr ganz ausreicht, lagern meine Erzeugnisse jetzt also in einem kleinen süßen Regal, wo man sie käuflich erwerben kann. Das ganze Unternehmen war für mich mit einem ziemlichen logistischen Aufwand verbunden- man stelle sich eine bemützte Gestalt vor, die einen schweren Rucksack und einen Jutebeutel in ihrem Fahrradkorb durch die Essener Innenstadt transportiert, dann herausfindet, dass durch den Transport die Bilderrahmen gelitten haben und sie (also die Gestalt) außerdem keine vernünftige Beleuchtung für die Produkte hat. Mist. Also muss die Gestalt -bei Minustemperaturen und kurz vor der Klausurenphase - nochmal hin zum Laden um eine vernünftige LED Beleuchtung anzubringen (Kabel entknoten, verzweifeln, Gaffa-Tape rausholen und alles irgendwie festkleben in der Hoffnung, dass die Leuchten halten). Zufrieden stellt die Gestalt, also gewissermaßen ich, dann fest, dass das Ganze doch ganz nett aussieht. Hat sich doch gelohnt! Jetzt ist mein Zimmer etwas leerer und ich bin gespannt, ob sich Menschen finden, die bereit sind, sich Bilder von Kaffee, Schottland oder Hirschen oder Amsterdam in ihre Wohnung zu hängen...

 

"Abfahrt um elf" - wie wir als WG einen Ausflug versuchten (13.01.19)

Der Plan war, einen schönen Tag in den Niederlanden zu verbringen, weil eine meiner Mitbewohner demnächst für ein halbes Jahr ins Ausland geht. Nicht ganz uneigennützig schlug ich Enschede vor, "stad van nu". Die Modernität und der Markt sollte sowohl meine deutschen als auch türkischen Wohnkameraden überzeugen, dessen war ich sicher. Losfahren wollten wir um elf Uhr, mit dem Auto, damit wir nicht allzu spät dort ankamen. Als ich also zur verabredeten Zeit mit Sack und Pack im Flur stand... war noch niemand wach.

Die nächste Dreiviertelstunde verbrachte ich damit, schlechte Laune in Form von Druck auszuüben. Weil man sich doch an Absprachen halten muss!!!!! Groß wurde auch diskutiert, wie wir überhaupt dorthin kommen sollten, ohne Navi mit Adapter für den Zigarettenanzünder. Und ohne genügend Powerbanks für die Smartphones. Als wir dann alle im Auto saßen - fand ich ein Sammelsurium an Straßenkarten, die auch unsere Route enthielten. Der ganze Stress also umsonst. Ich war genervt. Los ging es also, wir diskutierten, ob Musik gehört werden sollte (ich wehrte mich erfolgreich gegen französischen Hiphop und Reggae). Am Autobahnkreuz A43/ A2 verpasste der geübte Fahrer prompt die Abfahrt, so dass wir einen Umweg fahren mussten. Dasselbe passierte dann auf der A31 nochmal. Ich war genervt und mir war schlecht. Draußen regnete es Bindfäden und als wir endlich über die Grenze fuhren, änderte sich herzlich wenig daran. Nachdem wir dann endlich einen Parkplatz gefunden hatten, stiefelten mein Mitbewohner und ich durch die bepfützten Gehwege los, Richtung Innenstadt - und hatten in kürzester Zeit die anderen beiden abgehängt, die sich wiederum darüber beschwerten, dass wir zu schnell gingen. In der Fußgängerzone verschwanden wir dann endgültig in unterschiedliche Richtungen. Der angenehme Teil bestand für mich darin, gratis Kaffee in den süßen kleinen Trödelläden abzustauben und meine Sprachkenntnisse zu erweitern, über den Markt zu schlendern und zu merken, wie meine Klamotten den Frittiergeruch der Pommes- und Bakvis Stände aufnahmen. Zu guter Letzt fanden wir uns (auf wunderbare Art und Weise) dann alle bei Albert Heijn wieder, um Vla und Chocomel zu kaufen; dadurch outeten wir uns als Deutsche. Zufrieden schlurften wir mit schweren Rucksäcken zurück in Richtung Auto und ich war sehr stolz, dass ich als Anführerin sagen konnte, wo es lang ging. Die letzte Herausforderung war für mich dann noch die 90-minütige Rückfahrt, während derer meine Beine mal wieder verdächtig anfingen zu zucken. Aber auch das war irgendwann geschafft und ob man es glaubt oder nicht, wir kamen alle wieder heil zuhause an!

Fight the Winterblues (8.1.19)

Kaum ist das Weihnachtsfest vorbei, könnte für mich übergangslos der Frühling beginnen. Über jeden Sonnenstrahl bin ich dann froh und leide umso mehr unter Dunkelheit, Nässe und Kälte. Problematischerweise kommt dazu, dass Ende Januar die Klausurenphase beginnt und man drinnen hocken muss, um die Interdependenzhypothese nach Cummins auswendig zu lernen. Da hilft nur eins: Man muss dem Körper Frühling suggerieren! Wichtig ist vor allem, alle Lampen im Zimmer anzuschalten, vor allem Tageslichtlampen sind super. Alternativ kann man ins Sonnenstudio gehen oder Forelle essen, dann steigt der Vitamin D- Gehalt im Körper. Weiterhin kann man im Supermarkt schonmal Frühlingsvorboten kaufen: Tulpen, Narzissen und Hyacinthen machen sich besonders gut auf dem Fensterbrett, wenn draußen die Regentropfen ans Fenster klatschen. Als Ergänzung dazu empfiehlt es sich, schöne Bilderbücher über Bauernhöfe oder Hamster aus der Bücherei auszuleihen und auf Youtube Vogelgezwitscher und plätschernde Bachläufe anzuhören - da gibt es bis zu acht Stunden lange Endlosvideos. Was für eine wunderbare Erfindung. Mit Kerzenresten und Walnussschalen von Weihnachten herumkokeln gibt ebenfalls eine gemütliche Atmosphäre, das darf man aber nicht die Eltern oder Mitbewohner wissen lassen, die werden sonst böse.

Hat man Zugang zu Gewächshäusern, Gartencentern oder Ähnlichem, eignet sich der Aufenthalt dort besonders gut, um einen Mangel an Grün auszugleichen. Im Savannenhaus der Ruhr-Universität-Bochum lassen sich immergrüne Sukkulenten bestaunen und wenn man dann in seinem Rucksack noch ein Fläschen mit Seifenblasen von der letzten Hochzeit findet, auf der man eingeladen war, ist der Nachmittag wirklich schon fast gerettet! Seifenblasen im Savannenhäuschen, ein schöner Anblick.

Und zu guter Letzt ein Ratschlag an alle Naturverbundenen: Im Internet gibt es viele selbst gebaute Hamsterkäfige aus Holz und Glas. Wenn man also seit geraumer Zeit in der Stimmung für ein kleines Haustier ist, das man als Kind lange Zeit nicht haben durfte, kann man die Autonomie des Erwachsenseins nutzen, um sich so ein Riesengerät in sein WG-Zimmer zu stellen. Denn nichts vertreibt einen Winterblues besser als die Einrichtung eines Hamsterheims und der Geruch von Einstreu und Heu...

Stick to your values (3.1.19)

Universitäten sind nicht wirklich die schönsten Aufenthaltsräume, vor allem nicht die Sanitäranlagen der Geisteswissenschaften. Diese zeichnen sich nämlich meistens durch nicht funktionierende Klospülung, mangelnde Beleuchtung und händeaustrocknende Seife aus. Da verbringt man wirklich nicht mehr Zeit als unbedingt notwendig. Gleichzeitig sind diese Örtlichkeiten Spielplatz der Poesie, die Wände sind mit Stickern vollgeklebt und mit Edding beschrieben. Was man da teilweise lesen kann, grenzt an nobelpreiswürdige philosophische Fragestellungen, an geistige Ergüsse sondergleichen.

Beispielsweise die kritsche Frage "Gibt es einen Grund sich zu empören?", die einen in tiefes Grübeln versetzen kann über den Zustand der Welt im Allgemeinen und der Toiletten im Besonderen. Es wird zum Reflektieren angehalten, mit der schönen Sentenz "Es kommt anders wenn man denkt..." Gleichzeitig sind sich die Sanitäridealisten bewusst, dass man Dinge hinterfragen muss! "Man muss nicht alles glauben, was stimmt." Dazu passt die trockene (theologisch motivierte?) Aussage: "Nietzsche ist tot. -Gott"

Aber auch die Auseinandersetzung mit Vandalismus wird hier thematisiert, wenn es auf einem Sticker heißt "Sticker aufkleben verboten". Ein anderes Thema sind natürlich studentische Proteste von politisch links ausgerichteter Seite, in Anlehnung an boxende Kängurus: "Anwesenheitspflicht? Das steht auf meiner Not-to-do-Liste!". Aber nicht nur die kommunistische Fraktion meldet sich, auch die grünen, alternativen Studierenden haben sich auf die eine oder andere Art verewigt; es geht um umweltpolitische Themen, um Zukunft und um Nachhaltigkeit. "Alle Kinder wollen eine Zukunft. Außer Ole, der fördert Kohle." Wie treffend liest sich dazu ein star-wars-esker schwarzer Kleber, der das Bild abrundet und verlautet: "May the Forst be with you". Darunter wird selbstredend zu einer Demonstration aufgerufen.

Aus dem idealistisch-philosophischen Tonus wechseln die Inhalte der Kleber, wenn man das private Örtchen dann verlässt, jemand huldigt der Praxis des Handwerks: "Gabelstapelfahrer in aeternum!" Und, um auch der Tier- und der Genusswelt gerecht zu werden hat jemand den von der Universitätsverwaltung angebrachten Sticker "Tiere mitbringen nicht zulässig" umgewandelt in "Biere mitbringen ist lässig." Nomen est omen....

Schocksuppe (24.12.18)

Manchmal passieren Dinge, bei denen man sich ernsthaft fragt, ob man das Ganze nur geträumt hat, so unwirklich kommt es einem vor. Wie in einem schlecht gespielten Sketch- in diesem Sketch bin ich leider die Laienhauptdarstellerin, mit Theater bin ich sowieso nie wirklich warm geworden. Es ist gewissermaßen ein Drama in drei Akten, der erste Akt handelt von meinem Treffen mit meiner guten Freundin in der Nachbarstadt, wir haben uns lange nicht gesehen, es gibt viel zu bereden. Als wir uns verabschieden, regnet es, so dass ich beschließe, mein Fahrrad mit in den Bus zu meinen Eltern zu nehmen, schließlich ist das nicht verboten, auch wenn die Leute immer etwas komisch gucken, wenn man ein Fahrrad in den Linienbus reinträgt. Der Busfahrer öffnet also die hinteren Türen und ich steige ein. Dann fährt er los und das ziemlich abrupt und schnell. An jeder Haltestelle bremst er dann genauso plötzlich wieder ab, so dass man sich wirklich bemühen muss, das Gleichgewicht zu behalten. Als mein Stop angezeigt wird, positioniere ich mich mit also mit meinem Rad vor dem Ausgang, als er eine weitere Vollbremsung durchführt. Diese führt dazu, dass ich der Länge nach im Bus hinschlage und mit dem Kopf und der Hüfte auf den Metallrahmen knalle. Niemand fragt, ob alles in Ordnung sei, auch der Fahrer selbst nicht. Leise fluchend und schwindelig stehe ich zitternd auf, die Fahrgäste starren mich entweder stumm an oder aus dem Fenster. Wenigstens wird noch so lange die Tür aufgelassen, bis ich ausgestiegen bin. Die letzten Meter zu meinem Elternhaus eiere ich durch den Regen, zuhause angekommen fange ich erstmal vor Wut und Schock an zu weinen. Eigentlich tut mir gar nichts so richtig weh, aber erschrocken bin ich trotzdem.

Was das Ganze zu einer Komödie anstatt einer Tragödie macht. Komödie nicht, weil es so furchtbar lustig ist, auch wenn es wahrscheinlich für die anderen witzig ausgesehen haben muss. Sondern eher deshalb, weil das Stück positiv endet. Wie nämlich meine Mutter früher an kalten Wintertagen immer Buchstabensuppe für uns Kinder kochte, um uns nach einem Tag im Schnee aufzuwärmen, greife ich eine der Tütensuppen und deklariere sie als "Schocksuppe" - und siehe da: die Wärme und der Geschmacksverstärker verfehlen ihre Wirkung nicht! 

Münster, Neu-Delhi, Emsdetten (21.12.18)

Zum Aufwachen schalte ich morgens immer direkt das Radio ein und schüttele mich, wenn mal wieder schlechte Musik läuft. Dann bin ich wenigstens wach. Manchmal laufen dann aber auch gerade die Nachrichten. Da waren einige grandiose Sachen dabei in der letzten Zeit. Aus Münster kam beispielsweise die Nachricht, dass 25 Klausuren von Jurastudenten verschwunden waren. Zehn Tage später tauchten sie dann plötzlich wieder auf- sie waren an den Zweitkorrektor geschickt worden, wo sie aber nie ankamen. Der Zweitkorrektor war zum Zeitpunkt der Zustellung nicht zuhause, weshalb der Nachbar das Paket angenommen hatte. Da lagen sie dann mehr als eine Woche sicher, bis der Korrektor sich darüber klar wurde, wo sie abgeblieben waren.

Mit Bürokratie hat auch die Hauptstadt Indiens zu kämpfen, allerdings in anderer Art und Weise. Dort gibt es eine Affenplage, die Tiere sind überall in der Stadt, vor allem aber im Regierungsviertel. Sie brechen unter anderem in die öffentlichen Staatsgebäude ein und klauen oder zerreißen wichtige Dokumente. Das Problem ist, dass man keine Jagd auf Affen machen darf, weil sie erstens unter Naturschutz stehen, zweitens aber auch als heilig verehrt werden. Als ich diese Meldung an einem tristen Donnerstagmorgen hörte, dachte ich grinsend, dass das Dramatische an dieser Situation ja eigentlich erst eintritt, wenn man Affen und Politiker nicht mehr auseinanderhalten kann.

Nicht weniger kurios geht es in Emsdetten zu. Dort beging eine 58-jährige Ladendiebstahl in einem Reformhaus, sie raubte eine Packung Müsli und flüchtete. Der Ladeninhaber verfolgte sie bis zu einem Bach, wo sie hineinsprang und (mit oder ohne Müsli?) hindurchschwamm, bis sie außer Sichtweite war. Dann stieg sie aus dem Wasser und versteckte sich in einem Gartenhaus, bis sie sich in Sicherheit wähnte. Alsdann lieferte sie dem Besitzer des Grundstückes eine fadenscheinige Erklärung für ihre nasse Kleidung, ließ sich trockene Wäsche geben und der Mann fuhr sie zu ihrem in der Nähe geparkten Auto. Da ihm das ganze aber nicht geheuer war, notierte er sich das Kennzeichen, woraufhin die Frau gefasst werden konnte. Ob das Müsli sichergestellt werden konnte, geht aus der polizeilichen Meldung nicht hervor. (Quelle: Polizei Kreis Steinfurt, 17.12.18)

Notizen aus dem Alltag (16.12.18)

die jungen Eltern im Zug, die sich mit dem Säugling die Nuckelflasche teilen, jeder abwechselnd einen Schluck 

der Typ, der fürsorglich-zärtlich seiner Freundin mit einem Taschentuch einen Fleck von der Wange wischt 

eine ältere Dame, die genau so riecht, wie Omis riechen sollten, nach Non-chalance seife und Tatendrang

die Kekse, die ich dem zahnlosen Obdachlosen am Hauptbahnhof mitbringe und die ihn zu einem italienischen Ständchen hinreißen

die Frau, die ich daran hindere, die Straße zu überqueren, als die Autos grün haben, weil sie auf die falsche Ampel geschaut hat

das spontane Sportprogramm, das ich mit den Kindern absolviere am Bahnsteig, als wir in der Kälte auf die verspätete S-Bahn warten (beide können Spagat!)

beim Reifenflicken stellt sich mir die Frage, weshalb Fahrradschläuche nicht bereits mit angerauter Oberfläche hergestellt werden? Das würde zumindest einen Arbeitsschritt ersparen.

Der Zug hält, die Leute positionieren sich vor dem Ausgang. Der auffallend große, bucklige und hagere Mann mit den langen, zerzausten, grauen Haaren und den Gummistiefeln wartet bedacht, als die Türen aufgehen, bis alle anderen ausgestiegen sind, dann nimmt er konzentriert Anlauf und springt - ähnlich wie vom Einmeterbrett im Freibad, oder wie in eine Pfütze. 

Beim Hausmeister der Fakultät hole ich wie immer den Schlüssel für Raum GABF 04/509, leiste meine Unterschrift. Er überreicht mir das Artefakt mit einem wissenden, aber auch ehrfürchtig andächtigen Nicken: "Ostasienwissenschaften". Ich sage: "Jo."

Ein junger, schlaksiger Mann geht des nachts vor mir die Bahnhofstreppe runter, entfernt das Zopfgummi aus seinen langen, braunen, wellig-wallenden Haaren und schüttelt sie, sodass sie sich sanft auf seine Schultern legen. Er scheint ein Ästhet zu sein.

In der Straßenbahn fällt mein Blick auf die ausdrucksstarken Hände einer afrikanischstämmigen Dame, die Linien auf der Haut und die etwas hellere Färbung der Handinnenflächen und der Nägel faszinieren mich noch, als sie schon längst ausgestiegen ist.

 

Weihnachtsmarktimpressionen (7.12.18)

Jetzt ist es also wieder so weit, die Zeit der 36 Grad ist lange vorbei, genauso wie das Reformationsfest und die Stutenkerle sind auch mittlerweile aufgegessen, die Menschheit braucht also Nachschub in Sachen Jubel, Trubel, Heiterkeit. Oder, wie es Anfang Dezember vielleicht passender ist: Husten, Trubel, Heiserkeit. Weihnachtsmarkt also. Mit meinen Mitbewohnern bin ich um 18:45 Uhr vor dem Hauptbahnhofseingang verabredet, wir wollen "Heiss-wein" trinken, wie unsere türkischstämmige Wohnungsteilhaberin es letztens so treffend formulierte. Es ist nur leider um Viertel vor Sieben keiner da, hm. Um mich herum lauter suchende Augenpaare der Menschen, die sich ebenfalls an diesem Platz verabredet haben und  nun hektisch herumtelefonieren, man schnappt Wortfetzen auf wie "Ja wie, du bist auch hier? Wir stehen doch genau vor dem Eingang, rechte Tür, wir können uns gar nicht verpassen!" Auf dem Weihnachtsmarkt ist man doch irgendwie immer nur damit beschäftigt, Menschen zu suchen. Oder die Duftkumulationen zu verarbeiten. Es geht los mit Jagertee, Crepes, gebrannten Mandeln, Zuckerwatte, Flammlachs, Bratwurst, chinesischen Nudeln, Churros, französischen Käse- und Wurstspezialitäten und auf dem Mittelaltermarkt (der in den letzten Jahren immens an Beliebtheit gewonnen hat!) dazu Fleischspieße, Spanfertkel, Met und Knoblauchbrot. Wem da noch nicht schlecht geworden ist, der hat wirklich einen stabilen Magen. Und einen großen Geldbeutel, denn die ganzen Kulinaritäten können einen wirklich um ein Monatsgehalt bringen. Wenn man mit dem Essen fertig ist, guckt man noch an den Kunstgewerbeständen vorbei, den alternativen Räucherstäbchen-Schuppen, den Lichter- und Sterne-Hütten, den Mützen- und Schal-Angeboten und sammelt Inspirationen dafür, was man sich definitiv nie, niemals in die Wohnung stellen würde. Man ist auch sowieso nicht mehr aufnahmefähig. Menschengruppen drängeln, Polizistengruppen gönnen sich einen Grog im Dienst, man hört noch aus der Mittelalterecke einen Dudelsackspieler, Trommeln und schreiende Kinder, dazu das scheppernde "Jingle Bells" der Fahrgeschäfte. Ich laufe an einem Mann vorbei, der wie wild auf sein Smartphone einhämmert. Will er es wohl zerstören, frage ich mich- letztlich ist es aber wohl nur eine sehr ambitioniert-verzweifelte Partie Candy-Crush, ich kenne mich damit nicht so aus. Ungeahnte Brutalität mitten in einem Hort der Besinnlichkeit und des Konsums. Als letztes, auf dem Weg zurück zum Hauptbahnhof geht es noch durchs Märchenland, in jeder der kleinen Hütten wird ein anderes Märchen von kleinen Püppchen dargestellt. Etwas makaber, aber auch niedlich, denke ich und rate um welche Geschichten es sich jeweils handelt. Die Menschenmassen haben sich längst ausgedünnt, nur noch einzelne Mandel-stände säumen meinen Weg, jugendliche Mädchen sitzen hinter dem Glastresen und warten auf nicht vorhandene Kunden. Das Resumee zum Weihnachtsmarktbesuch lautet also: Es ist laut, teuer, voll und stressig- man nimmt sich jedes Jahr vor, nicht mehr hinzugehen. Und dann geht man doch wieder hin. Das ist er wohl, der Zauber des Advents...

Backöfen und Fruchtfliegen (27.11.18)

Vor vier Wochen hat meine liebe Mitbewohnerin unseren alten (sehr alten) Backofen geschrottet, das Scharnier der Klappe ist abgebrochen. Seitdem haben wir einen klappenlosen Backofen und können keinen Kuchen und keine Plätzchen backen, was sehr traurig ist. Wir erinnerten also in regelmäßigen Abständen daran, dass man sich wohl darum kümmern müsse. Nach nur drei Wochen Bearbeitungszeit steht also nun seit gestern abend ein nicht eingebauter Backofen bei uns in der Küche rum. Die Frage ist nun, wie lange es wohl dauern wird, bis das alte Gerät aus der Anrichte ausmontiert, abgestöpselt und ohne bleibende Schäden bei Mitbewohnern oder Interieur aus dem dritten Stock zum Wertstoffhof transportiert ist. Geschweige denn, das neue Ding eingebaut. Man braucht nämlich ein Düsometer, ein Strommessgerät. Mir ist bei der ganzen Sache nicht so wohl, vor allem, weil mein Mitbewohner sich brüstet, das Anschließen zu übernehmen. Parallel dazu findet er aber auch, dass ich mich als Hauptobstkonsumentin darum kümmern müsste, die Fruchtfliegen loszuwerden, die sich hartnäckig bei uns in der Küche aufhalten. Meine andere Mitbewohnerin ist allerdings der Meinung, die Fliegen kämen aus dem Restmüll, der in einem viel zu großen, schweren Mülleimer bei uns in der Küche regelmäßig darauf wartet, runtergebracht zu werden. Um diese Aufgabe drückt sich allerdings jeder, weil es ein unheimliches Gefiddel und ein Kraftakt ist, die volle, schwere Tüte aus dem Eimer herauszubekommen, ohne dass besagte Tüte reißt und sich der Inhalt über den Küchenboden ergießt. Alles schon vorgekommen. Es wird also für neue, kleinere Mülleimer votiert, bis dieser Vorschlag allerdings durchgebracht und realisiert ist (denn das bedeutet ja wiederum, die alten, sehr großen Metalleimer zu entsorgen, (an dieser Stelle erinnere ich wieder an den Wertstoffhof) und neue zu kaufen. Es ist schon wirklich ein teuflischer Kreislauf. Ich für meinen Teil betrachte die Fruchtfliegen als Haustiere und störe mich nicht an ihnen. Wir symbiosieren gut miteinander und ich finde, bevor wir dieses Problem angehen, sollte erstmal der Backofen wieder funktionieren, eins nach dem Anderen. Ein nicht abreißender Strom (haha) zu erledigender Aufgaben...

Borgholzhausen (25.11.18)

Borgholzhausen hat keine Innenstadt, möchte ich meinen. Das Ehepaar, das uns im Auto mitgenommen hat, hat es aber so beschrieben, was sie mir gleich sehr sympatisch gemacht hat! Und das kam so: Seit einiger Zeit hatten zwei Freundinnen und ich geplant, eine Etappe auf dem Hermannnsweg zu wandern und zwar von Halle(Westf.) nach Bielefeld. Wie es dann manchmal kommt, wurde leider eine Freundin krank und so machten wir uns zu zweit auf den Weg, bei Eiseskälte, Nebel und Schneeregen. Wir trafen und am ZOB in Halle (Metropolen-Alarm!) und besahen uns die Karte, dann ging es los. Ich trug nur eine Thermostrumpfhose und ein langes Oberteil, und meine Wanderschuhe hatte ich aus welchen gedankenlosen Gründen auch immer zuhause gelassen. Weil sie immer so klobig und schwer sind. An diesem Tag wären sie allerdings von Nutzen gewesen. Bergauf, bergab, Matsche und vor allem: fiese spitze Eisstücke, die von den Ästen der Bäume herabprasselten. So etwas Skurriles und gleichzeitig faszinierend schönes hatte ich tatsächlich noch nicht gesehen. Unzählige rechteckige Eisbrocken, die man auch als Wurfgeschosse hätte benutzen können, knisterten und knackten, als wir darüber stapften. Tatsächlich waren meine Schuhe am Ende der Wanderung nicht so nass wie man hätte meinen können, das Imprägnierspray erfüllte anscheinend gute Zwecke. Dafür merkten wir nach dreieinhalb Stunden wandern, dass wir die ganze Zeit in die falsche Richtung gelaufen waren. Auf einem Schild stand: Bielefeld 23 Km. Also änderten wir kurzentschlossen unseren Plan und näherten uns besagtem Borgholzhausen, einer Bastion der Neubaugebiete und Gemeinschaftszentren. Nur ein Bahnhof war nicht in Sicht und meine Hände fingen schon an, jegliches Gefühl zu verlieren, als aus einer Haustür ein älteres Ehepaar heraustrat. Auf meine Frage, wo denn der Bahnhof wäre, kam die obligatorische Antwort: "Oh, das ist aber noch ein ganzes Stück" In Gedanken verdrehte ich die Augen. Da meinten die beiden: "Steigen Sie ein, wir fahren da sowieso vorbei!" Überglücklich trampten wir also das Stück bis zum Bahnhof und konnten unser Glück kaum fassen, dass es noch so nette Menschen in Ostwestfalen gibt. Sie erzählten uns vom Adventsmarkt in der "Innenstadt" und luden uns herzlich zu diesem Event der Events ein. Als wir schließlich wieder am Hauptbahnhof angekommen waren und vor einer Tasse Schnellrestraurantscappuccino saßen (es war die einzige Möglichkeit an Kaffee und eine Sitzgelegenheit zu kommen, unter anderen Umständen hätte ich dieses kapitalistische amerikanische Unternehmen natürlich gemieden), dachte ich, was es doch für ein schöner Tag gewesen war. Und irgendwann spürte ich dann auch meine Füße wieder.

Universität- Subjektivität-Realität (23.11.18)

Vor einiger Zeit hielt ein großer deutscher Politiker eine große flammende Rede in einer großen überregionalen Zeitung, anlässlich einer großen Feier, es ging um eine große deutsche Universität. Der Politiker sprach sich sehr für den universitären Kontext und alles was damit zusammenhängt, aus: Es war von der Erhaltung der Demokratie die Rede, von Verantwortung und Freiheit und der akademischen Suche nach Wahrheit. Die Studierenden würden im Laufe ihrer Zeit dort eine enorme persönliche Weiterentwicklung erleben, und er hoffe, dass sie sich dieses Privilegs und der Bedeutung frei zugänglichen Wissens bewusst seien.

Als ich die abgedruckte Rede las, musste ich ein bisschen lachen.

Bei mir geht es nämlich in der Uni hauptsächlich um andere Sachen. Es geht um Sprechstundenzeiten schlechtgelaunter Mitarbeiter irgendwelcher Lehrstühle, bei denen ich mir Dinge anrechnen lassen muss. Diese Angestellten helfen mir beim Einsortieren irgendwelcher Leistungen, die ich bereits erbracht habe, in irgendwelche Computersysteme. Dann muss ich noch Module abschließen, Creditpointexcelberechnungen erstellen und die Passwörter, um in den Onlinekurs der Vorlesung XY eingeschrieben werden zu können, funktionieren nicht. Geschweige denn die Card-reader, mithilfe derer ich mich in das Campussystem einloggen kann. "Sie konnten nicht angemeldet werden, aus folgenden Gründen:" Und dann folgt eine Reihe von IT-Problematiken, die mich eher wenig interessieren.

Im Seminar sitzen die Leute oft stumm hinter ihren Tablets, Laptops und ihren großen Wasserflaschen, man hört sich mediokre Referate an oder schlägt sich mit nervigen Powerpointprogrammen herum und die Teilnehmer haben selten eine Meinung zu irgendetwas. Die Lautsprecher im Raum sind zu laut oder zu leise eingestelllt und in Diskussionen mit dem Prof kommt heraus, dass niemand den Text so richtig gelesen oder verstanden hat. Betretenes Schweigen.

Manche hören sich aber auch selbst sehr gerne reden, vor allem wenn sie einen coolen amerikanischen Dialekt vorweisen können, wenn sie einen englischen Text vorlesen. Dann wiederum gibt es die, die überhaupt kein englisches TH-aussprechen können und fragen, wer denn bitteschön dieser "Shakespeare" gewesen sei. Abgesehen davon erschlagen einen die vielen -isms. Capitalism, Communism, Marxism, Poststructuralism, Socialism, Fordism, Neoliberalism, No-Idea-ism.

Lieber Herr Politiker, so schön ich das Pathos in Ihrer Rede auch fand, die Realität sieht an manchen Ecken leider anders aus. Auch wenn sie sicherlich irgendwo verborgen liegt, diese ominöse Wahrheit, die Freiheit und die Weiterentwicklung.

 

Ein weiter(er) Schritt in Richtung Öko (14.11.18)

Jeden Morgen fahre ich an einer Art Hof vorbei, im Garten grasen Ziegen und man kann die Hühner scharren sehen. Dort steht auch ein riesiger Apfelbaum, der anscheinend wenig Beachtung findet- also mache ich den Besitzer des Hofes ausfindig und rufe ihn an. Auf meine Frage, ob ich die Äpfel für ihn ernten dürfe, reagiert er misstrauisch- er hat wohl Angst, dass ich die Äste abbrechen könnte. Natürlich, liegt ja auch nahe denke ich. Ich lebe meinen Vandalismuswahn an einem alten Baum aus, klar. Nachdem ich ihm versichere, dass ich "erfahren im Pflücken bin" und nicht intendiere, irgendwas zu zerstören, machen wir einen Termin aus und ich darf vorbeikommen. An einem sonnigen Nachmittag starte ich also mal wieder ein ökologisches Apfelrettungsprojekt. Der Hofinhaber wundert sich ein bisschen, als ich ohne Kiste, dafür aber mit Fahrrad angefahren komme, lässt mir dann aber freie Hand beim Ernten. Als ich ihn frage, ob die Ziegen ihm gehören, antwortet er trocken: "wieso, brauchense auch nochn paar Ziegen?" Interessanterweise gehören die Ziegen ihm anscheinend selbst auch nicht wirklich, mal mehr und mal weniger, so drückt er es aus. Ziegen sind ja auch an und für sich sehr freie Tiere, das habe ich ja bereits vor zwei Wochen festgestellt auf dem Ökohof bei Berlin. Daher wahrscheinlich seine vage Aussage. Als ich ihm massenweise Äpfel stapele, taut er langsam auf und beginnt von seiner Arbeit zu erzählen, und als brave, einschmeichelnde Zuhörerin nicke ich fleißig und mache lobende Kommentare zu seinem kleinen Anwesen, weil ich auf die Erlaubnis der Erlaubnisse hoffe- die dann auch kommt: "Also, wenn Se wollen, könnense auch nochmal vorbeikommen und sich Äpfel mitnehmen- und wenn jemand schimpft, sagense, ich habs Ihnen erlaubt." Strike, denke ich, als ich meinen schweren Jutebeutel auf meinen Korb hieve und mich dankend von ihm verabschiede. Ein Hoch auf mutiges Nachfragen!

 

Die schwarze Witwe (12.11.18)

Montags habe ich immer von 14-16 Uhr ein Seminar, und regelmäßig komme ich als letzte in den Raum geschlichen, weil ich noch im Botanischen Garten Gemüse mitgenommen habe. Jedes und wirklich JEDES MAL trägt unsere Seminarleiterin den gleichen schwarzen Hosenanzug mit schwarzem Shirt darunter. Das wirkt ob ihrer hageren, leicht habichtartigen Gestalt etwas düster, ironischerweise soll es inhaltlich in der Veranstaltung allerdings hauptsächlich um Kreativität gehen- mit meinem verurteilenden Klischeedenken würde ich unsere Lehrende jetzt ganz spontan nicht zu den Kreativsten Menschen meines Umfelds zählen. Heute soll es um Individualität gehen und der vorzubereitende Text war ellenlang, wir sind also alle eher semi-motiviert. Tatsächlich wird es dann eine höchst inspirierende, angeregte Diskussion, wie ich sie mir für die Uni noch viel öfter wünschen würde. Vor allem, weil ich auf meinem Pullover plötzlich eine kleine schwarze Minispinne finde, die zur Unterhaltung ein wenig beiträgt, als ich sie auf meinem Stift herumspazieren lasse. Als die Diskussion sich gerade um die Vorteile von Print-medien gegenüber mobilen Endgeräten dreht (meinen Text habe ich mal wieder so umweltfreundlich wie möglich doppelseitig und mit vier Seiten auf eine Seite gequetscht gedruckt) hat eine der drei obligatorischen Erasmusstudenten keine Möglichkeit, auf das Internet zuzugreifen. Daraufhin meint unsere Seminarleiterin sarkastisch: "Sehen Sie, da ist doch eine kleine Spinne auf dem Tisch, vielleicht hat die ja Netz für Sie". Und genau dieser Kommentar hat dafür gesorgt, dass die Atmosphäre im Raum um Längen besser wurde- wenn es doch nur mehr solcher ironisch veranlagten Dozenten gäbe...

HPV-Verun(gl)impfung (9.11.18)

Vor circa zehn Jahren wurde ein Impfstoff von der Pharmaindustrie herausgebracht, der gegen die sexuell übertragbaren HPV-Viren schützen soll. Damals hieß es, man solle sich als Mädchen am besten  noch vor dem achtzehnten Lebensjahr impfen lassen, da nur so lange die Kosten von den Krankenkassen übernommen werden. Bis heute habe ich mich allerdings nicht impfen lassen- teils aus Bequemlichkeit, teils aus Unsicherheit über die Wirkungen einer solchen Impfung. Der Impfstoff war schließlich noch relativ unerforscht und man war sich nicht über die Langzeitwirkungen einig. Dennoch gab es eine durch die Werbung angefeuerte regelrechte Impfwelle und ich wurde schief angesehen, weil ich dem Trend damals nicht folgte. Mittlerweile bin ich 23 und stelle mir mal wieder die Frage, ob es nicht vielleicht doch angebracht wäre. Vor allem, weil die Krankenkasse die Kosten anscheinend doch noch bis zum 25. Lebensjahr übernimmt. Die Impfung wird spätestens vor dem ersten Geschlechtsverkehr empfohlen, da sich dadurch das Risiko für eine Infektion erhöht- Kritiker bemängeln allerdings, dass die Impfung nicht, wie gerne behauptet wird, gegen Gebärmutterhalskrebs generell schützt, sondern nur gegen zwei der Risikofaktoren, die die Krankheit begünstigen. Außerdem steht die Frage im Raum, weshalb die Impfung in manchen anderen Ländern bereits wieder vom Markt genommen wurde. Langzeitstudien gibt es ebenfalls noch keine, man weiß also nicht, wie der Stoff im Körper nach zwanzig Jahren wirken könnte- beziehungsweise, ob er er sogar seine Wirkung verliert. Ein weiteres Problem, das einige Eltern bei ihren Töchtern wahrnehmen, ist die Zahl der Impfkomplikationen, die auftreten: Es treten doppelt so viele Beschwerden auf wie die Krankheit, vor denen Impfungen schützen sollen. Fest steht, dass der wirtschaftliche Faktor eine große Rolle spielt, denn je mehr Mädchen und junge Frauen sich impfen lassen, desto mehr Geld wird verdient. Wenn die HPV-Viren sexuell übertragbar sind, wäre es dann nicht angebracht, sich mit Prävention für Männer auseinanderzusetzen? Die öffentliche Diskussion um das Thema hat sich mittlerweile beruhigt, dennoch bin ich nicht wirklich überzeugt von diesem "Wunderstoff". Vielleicht würde mein Körper die Impfungen gar nicht vertragen? Naja, zwei Jahre habe ich ja noch Zeit um mich zu entscheiden...

Ein Öko-Hof-Wochenende im Osten (3.11.18)

Zwei Freundinnen von mir haben ein freiwilliges ökologisches Jahr in Brandenburg gemacht, nördlich von Berlin. Weil ich mir schon lange vorgenommen habe, sie einmal zu besuchen, packe ich meine Sachen, buche ein günstiges Flixbus ticket und mache mich auf die Socken. Verpasse am Bussteig ganz knapp mein Transportmittel, springe in den nächsten Zug nach Dortmund, wo der Bus als nächstes hinfährt und hoffe, ihn dort noch zu erwischen. Ist tatsächlich auch der Fall, ich komme als letzte Fahrgästin angejagt, bevor der Fahrer die Tür schließt. Darauf folgen etliche Stunden in sitzender, lesender tranceartiger Tätigkeit, die Bäume am Autobahnrand ziehen an mir vorbei, bis irgendwann die Hauptstadt naht, wo ich dann vom ZOB in die Ringbahn zum Ostkreuz-bahnhof muss, von wo aus natürlich nur einmal stündlich der Zug zu meinem Endziel fährt, den ich ebenfalls knapp verpasse. Also eine Stunde an einem der hässlichsten Bahnhöfe Berlins rumhängen. Ich mag Berlin nicht, überhaupt nicht. Aber letztlich komme ich dann an, bei meinen Freundinnen, die gerade dabei sind, in der Wohnung Holzlöffel zu schnitzen und sich gegenseitig vorzulesen. Bei Kerzenschein unterhalten wir uns und gehen früh ins Bett, um am nächsten Morgen zeitig (grausam für mich als Studentin) aufzustehen. Um halb sieben klingelt der Wecker, wie in Trance erhebe ich mich von meinem Sofa (das ich mal wieder einem Bett vorziehe) und wir verlassen das Haus in Richtung Bio-Hof, wo meine Freundin arbeitet. Und dann startet das Tagesprogramm: Wir füttern und melken Ziegen, streicheln Kätzchen. Als nächstes bringen wir die Ziegen auf die Weide, es mutet an wie ein Almauftrieb. Dann ernten wir mit anderen zusammen verschiedene Gemüsearten auf dem Feld, die am nächten Tag auf dem Markt in Berlin verkauft werden sollen. Mittags wird Grünkohl mit Tomaten gekocht, wir scharen uns in der kleinen Küche und trinken Kaffee wahlweise mit Ziegen-oder Sojamilch, und Ziegenmilch im Espresso ist WIRKLICH etwas gewöhnungsbedürftig. Auf dem Hof wird auch Käse hergestellt, was ganz schön spannend ist. Die Sonne scheint und ich packe Kartoffeln und Hokkaido-Kürbisse in Kisten um, die wir dann in den Transporter laden. Weil ich dann immer noch Zeit habe, miste ich die Pferdeboxen aus, um als Tagesabschluss die Pferde von der Weide zu holen, bevor es dunkel wird. Dann wird Yogitee getrunken und man liest Biozeitschriften, bis das Lagerfeuer mit Stockbrot startet. Wir latschen zum Bahnhof, um dort zu erfahren, dass der Zug ausfällt. Wir latschen zurück, wärmen uns am Feuer, latschen wieder zum Bahnhof, um über Umsteigen zurück zur Wohnung zu kommen. Bilanz des Tages: Viel frische Luft, viel Herumlaufen, kalte Hände, dreckige und nasse Schuhe, keine Smartphonenutzung. Und vor allem: erschöpfte Zufriedenheit. In dieser Nacht schlafe ich elf Stunden.

Kaffee-Kalamitäten (24.10.18)

Was für ein blöder Tagesstart, wenn der Espressokocher unten kaputt ist und ich deshalb auf die Senseopadmaschine meiner Mitbewohnerin angewiesen bin. Und wieviel blöder ist es, wenn ich dann in der Uni ankomme und dort merke, dass der gesamte Kaffee aus dem Thermobecher ausgelaufen ist und ich jetzt aber ganz dringend Kaffee brauche, weil es nun  mal morgens ist und ich ständig müde. Also den Notfallespresso in Tütchen mit Heißwasser aus der Cafeteria, 10 Cent. Und dann flockt auch noch die Milch aus, die ich hineinschütte. Mit diesem Gesöff also dann auf zum IT-pool, wo ich blöderweise aus Versehen am Farbdrucker nicht die Schwarz-weiß-Funktion einstelle und deshalb dreimal so viel bezahlen muss wie normalerweise schon. Außerdem ist die Hälfte  meiner Arbeitsblätter und Karteikarten voller Kaffee. Super, echt. So sehr sehne ich mich zurück nach dem wunderbaren Espresso aus selbstgemahlenen Bohnen, zubereitet in einer krassen Espressomaschine mit Siebträger, und richtiger Crema oben drauf. Was nichts kostet ist eben auch nichts und so begebe ich mich bei Ebay- Kleinenanzeigen sowohl auf die Suche nach Espressomaschinen als auch nach Laserdruckern. Damit ich in Zukunft weniger Papier verschwende und wieder guten Kaffee mit in die Uni nehmen darf. Der Transport eines Espressos in einem Thermobecher ist allerdings schon an sich eine Freveltat...

Es ist mal wieder Zeit für einen Besuch in der Hansestadt, und der Sparpreis der Bahn lässt mich um sechs Uhr morgens aus dem Bett fallen, katastrophale Morgenstunde für müde Studentinnen, die am Abend vorher viel zu lange Gesellschaftsspiele bei Freunden gespielt haben. Im Intercity schlafe ich also konsequent weiter und komme um halb elf sehr zerknautscht am Hauptbahnhof an, von da aus laufe ich frierend und humpelnd (in Hamburg ist es kälter als im Ruhrgebiet und am Tag vorher hab ich mich mit dem Rad langgelegt) über die Mönckebergstraße Richtung Nordwest, mein Plan: mit Stadtplan eine kleine Wanderung nach Eidelstedt. An der Alster und der Uni vorbei, durch Eimsbüttel, wo die fancy Läden sich aneinanderreihen, die Osterstraße ist eine Kulmination cooler Menschen. Und conceptstores überall. Weiter durch Stellingen, wo es  gemütlich kleingärtnerisch wird, am Hagenbecker Tierpark vorbei, wo ich leider nicht reingehe, weil mir der Eintritt mal wieder zu teuer ist. Komme in der Wohnung der Wohnungen an, vorher noch schnell eine Geschenkblume gekauft. Schlüssel liegt für mich bereit, und Kaffee kann ich mir mit der coolen Espressomaschine fast selber machen. Mein großzügiger Gastgeber/ Onkel kommt von der Arbeit nach Hause und wir chillen gemütlich, auf Holzdielen mit hyggeligen Wolldecken aus Dänemark. Abends dann noch ein bisschen über den Markt und zum Buchladen, man kennt sich, grüßt sich, Eidelstedt ist so wunderbar bodenständig. Senioren und Hausfrauen trinken Filterkaffee in den Bäckereien und abends koche ich mit Linsen, es gibt viele süße Äpfel aus dem kleinen Garten hinter dem Haus, ganz kleine Früchte, eine alte Sorte. Wir schauen Tier- und Reisedokus und schnacken, klönen, irgendwann penne ich auf dem Klippansofa ein, mit angewinkelten Beinen wie ich es von meinen Besuchen in der Münsteraner WG schon gewohnt bin. Die Schürfwunde am Knie meldet sich regelmäßig, auch am nächsten Morgen als wir auf dem Balkon frühstücken (kalt! kalt!) und den besten selbst gemachten Espresso der Welt trinken. Onkelchen hat Bio-Joghurt im Glas, der ungefähr dreimal so teuer ist wie der, den ich gewohnt bin zu kaufen. Irgendwann fahren wir mit der S-Bahn nach Aumühle und gehen in den nach Laubstaub riechenden Wald, und ins Schmetterlinghaus, ein wunderbarer tropischer, unwirklicher, fast mystischer Ort. Und eben voller Metterschlinge. Auf unserer Wanderung durch den Sachsenwald treffen wir verschiedenerlei Pferde, ich humpele nach wie vor und wir trinken Kaffee. Die Sonne scheint und das Glück ist schon irgendwie relativ nah. Abends dann schnell zum Discounter (auch hier kennt man sich, wir stellen uns bei der Kassiererin des Vertrauens an) und in der kleinen Küche kochen, ich bin zu faul zum Duschen und riskiere fettige Haare. Altbaubadezimmer sind immer so kalt. Morgens dann unaufgeregt wieder direkt vom Balkon (Onkel hat Croissants gekauft!) in die Innenstadt, mit dem Schiff nach Finkenwerder, an der Elbe Kaffee trinken und schließlich noch schnell zum Edeka im Hauptbahnhof, etwas für die Fahrt kaufen. Fehler, viel zu voll, zu teuer. Aber da, eine Kiste mit zwei Orangen und Lauch! DAs geübte Auge weiß: Hier wird etwas weggeschmissen. Frage die Kassierin ob ich den "Müll" mitnehmen dürfe. Sie macht eine unwirsche Handbewegung und flugs, schon habe ich wieder Obst und Gemüse gerettet. Kaufe dann auch nix mehr, keine Zeit für die lange Kassenschlange. Dann schon wieder zurück in den Zug, die Zeit ging viel zu schnell rum, wenn man die Möglichkeit hat, in einer so schönen Wohnung zu wohnen. Von solchen Holzdielen träumt unsere WG leider nur...

 

Mitbewohner gesucht! (16.10.18)

Es ist soweit, wir brauchen einen neuen Mitbewohner. Der alte möchte lieber alleine wohnen, vielleicht haben wir zu oft noch abends lange in der Küche gesessen und über Politik pseudofachsimpelt. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wer als nächstes bei uns einzieht? Flugs wird eine Anzeige erstellt und bei WG-gesucht hochgeladen, wie man das eben so macht, und dann trudeln innerhalb weniger Tage fünfzig Anfragen bei uns ein. Und die muss man ja dann auch erst mal sortieren. Die Frage ist: Was wollen wir überhaupt? Einen motivierten, interessierten, sportlichen, lustigen, intelligenten, gewissenhaften Studenten? Ist sie utopisch, die Suche nach dem perfekten Bewohner? Wir filtern die Ergebnisse und kommen schließlich auf zwölf Bewerber, die wir in den engeren Kreis aufnehmen. Anfragen, die nicht mehr beinhalten als "Ist der Zimmer noch frei? Ich interessiere. Danke" machen uns eher skeptisch, was die Motivation bezüglich des Wohnens angeht. Nachdem der erste Schritt geschafft ist, geht es an die Terminfindung. Und das ist nicht, und ich betone an dieser Stelle, NICHT einfach! Mit vier Leuten und vier verschiedenen Alltägen eine Übereinstimmung zu finden. Dazu kommt, dass unser geschätzter jetziger Mitbewohner wie oben beschrieben gerne früh ins Bett geht, was in der Hinsicht problematisch wird, als dass wir um halb elf abends Schwierigkeiten bekommen könnten, den Interessenten besagtes Zimmer zu zeigen. Ein klassischer Interessenkonflikt. An einem unverschämt sonnigen Sonntag haben wir also sieben Besichtigungen, was für mich eine Tortur darstellt, weil ich natürlich viel lieber draußen wäre. Bin also dementsprechend genervt. Als dann auch noch zwei der Menschen ohne abzusagen gar nicht erst kommen, ist die Stimmung perfekt. Jemand passendes ist auch nicht dabei. Einen Tag später die nächste Ladung, Menschen sagen ab, wir verschieben Termine, planen hin und her, sind konfus und gehen früh ins Bett. Und das ist bei meinen Mitbewohnern wirklich ein Zeichen dafür, dass wir uns mitten in einer Herkulesaufgabe befinden. Aber die Suche ist noch nicht vorbei und wir werden nicht aufgeben, bis wir jemanden gefunden haben, der mit uns Feuer macht, Filme guckt und eventuell sogar die Klappe an unserem Backofen reparieren kann...

Über meinen Schatten gesprungen- äh, getanzt (15.10.18)

Am Wochenende war ich auf einer Hochzeit. Das ist lustig, weil mir manchmal vorgeworfen wird, ich würde auf vielen verschiedenen Hochzeiten tanzen- im übertragenen Sinne. Stimmt aber gar nicht, weil nämlich: Bis jetzt war ich nie auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig, noch weniger habe ich dort getanzt. Vor einigen Wochen habe ich darüber einen Text geschrieben. Dass ich mich unwohl fühle, fehl am Platze, wenn ich tanzen soll. Und dass alle anderen es besser können. Bei dieser Hochzeit allerdings war die Stimmung so gut, so ausgelassen und der Anlass ein so schöner - obwohl er das ja bei allen Trauungen irgendwie ist-, dass sich meine Einstellung auf wundersame Weise änderte. Denn was ich noch schlimmer fand als Tanzen, war das untätige Rumsitzen bei lauter Musik. Gespräche geführt hatte ich auch schon zur Genüge, daher überwand ich mich und ging mit einer Freundin (die barfuß tanzte) in Richtung Musik. Tatsächlich war nach einer kurzen Zeit des sich- Unwohl fühlens- die größte Hemmung überwunden und es machte mir immer mehr Spaß, was auch daran lag, dass ich mich an drei Kindern orientierte. Diese Kinder tanzten so ausgelassen und großartig, dass man gar nicht anders konnte, als mitzumachen. Sie sprangen herum und kümmerten sich nicht im Geringsten darum, wie die anderen Gäste um sie herum sich bewegten. Und daran wollte ich mir ein Beispiel nehmen. Je später es wurde, desto mehr gefiel mir meine Entscheidung gegen das Herumsitzen. Schön getanzt habe ich wahrscheinlich nicht, aber ich bin fleißig herumgesprungen und meine Stimme wurde mit der Zeit heiser vom Mitsingen. Das einzige Manko war der hohe Schlager-Anteil, aber daran erfreuten sich zumindest teilweise die anderen Gäste. Die Musik war nicht zu laut und ich hatte genügend Platz, was sonst auch immer ein Ausschlusskriterium für mich war.

Kaum erzählte ich  meinen Mitbewohnern von meiner Erfahrung, versuchten sie mich, zu jeglicher Party in der Innenstadt zu überreden- damit muss ich aber erstmal noch ein bisschen warten. Schließlich habe ich erst angefangen mit dem Tanzen!

Über Bacha Posh (8.10.18)

Mit einiger Gewissheit kann ich von mir sagen, dass ich in biologischer sowie sozial-emotionaler Hinsicht eine Frau bin. Über diese Erkenntnis darf ich, glaube ich, relativ zufrieden sein- schließlich gibt es immer wieder Menschen, die das Gefühl haben im falschen Körper geboren worden zu sein. Dadurch kann man sehr viel Unzufriedenheit und Ausgrenzung erleben, leider. In Afghanistan hingegen ist das "Schicksal" eine Frau zu sein, in ganz anderer Hinsicht negativ behaftet: Als Frau hat man nach wie vor weniger Rechte, viele Frauen können nach wie vor nur ein wenig lesen und schreiben, weil sie von der Familie und dem Patriarchat davon abgehalten werden. Eine Frau zu sein, ist ein Nachteil. Mädchen gehören, ganz klassisch und traditionell, ins Haus, wo sie die Arbeiten verrichten, für die sie angeblich "gemacht sind". Während die Jungen mit ihren Vätern ins Geschäft oder auf die Straße gehen. Was macht denn dann aber eine Familie, die nur aus Töchtern besteht? Eine Horrorvorstellung, die seit langer Zeit traditionell durch die Bacha Poshs umgangen wird: Kleine Mädchen werden als Jungen verkleidet, damit sie auf der Straße mit dem Vater arbeiten können. Die Mütter schneiden ihnen die Haare, ziehen ihnen "typische" Jungenkleidung an und bis die Mädchen in die Pubertät kommen, gelten sie in der Öffentlichkeit als männlich. Sie bekommen natürlich auch einen Jungennamen. Nur zuhause, da dürfen sie -inoffiziell- Mädchen sein, Mädchenspiele spielen und müssen sich nicht verstellen. Die meisten Mädchen haben sich damit abgefunden, dass ihr Geschlecht als minderwertig angesehen wird. Zumal es nach wie vor eine verbreitete Tradition ist. Traurig ist es aber trotzdem, nicht man selbst sein zu dürfen.

Geh mal wieder auf die Straße, geh mal wieder demonstrier'n (6.10.18)

Und, wo warst du heute, was hast du schönes gemacht? Ich für meinen Teil habe Freunde in Hessen besucht und eine ewig lange, nervenaufreibende Zugfahrt hinter mich gebracht. Eigentlich wäre am Hambacher Forst eine Demo gewesen, ich war noch nie auf einer Demo. Da wäre ich gerne hingegangen, habe es allerdings nicht gemacht. War stattdessen mittags in Siegen, wandern. Auch in einem Wald, einem Buchen-Kiefern-Waldgemisch mit Wildgehege, ein kleiner Junge hat mir Rosskastanien gegeben, damit haben wir zusammen das Damwild gefüttert (das schreibt sich nur mit einem M, ist kein Rechtschreibfehler). Und ich war sehr, sehr zufrieden in diesem ruhigen Wald. Auf der Fahrt zurück dann dreimal Umsteigen, ich hatte mir doch vorgenommen, solche Ochsentouren nicht mehr zu machen, in meinem Alter... Von Gießen nach Siegen, von Siegen nach Köln, von Köln nach Essen war es am schlimmsten. Der Zug hatte schon zehn Minuten Verspätung und war proppevoll, als ich einstieg. Unter dem "erhöhten Fahrgastaufkommen" fanden sich auch einige linksalternative Umweltmenschen, die augenscheinlich das Richtige getan hatten- nämlich Demonstrieren, gegen Waldrodung zugunsten von Braunkohle. Im Zug war die Luft schlecht, die alle waren übel gelaunt, es stank und die Verspätung wurde aufgestockt auf 30 Minuten. "Machen Sie die Tür frei, sonst können wir nicht weiterfahren!" Wurde an jeder Station erneut durchgesagt. In Essen stieg ich auf die S-Bahn um, die mich in die Nähe unserer WG brachte. Auf dem Nachhauseweg kam ich noch am Obst- und Gemüseladen vorbei und inspizierte wie schon so manches Mal die Kiste mit den "Abfällen", die aber nun mal keine sind, weil man sie noch verwerten kann. Ist doch so. Als ich also fleißig meine Gurken und Zucchini fürs Kochen zusammensammelte, fragte ein Mann die Verkäuferin, ob sie auch Speisestärke hätten. Die Supermärkte waren schon zu und so bot ich ihm an, ihm die Stärke aus unserer WG zu geben. Dafür trug er mir den Karton mit dem Obst und Gemüse und bot mir zum Tausch zwei Hühnereier aus seiner Zucht an, die ich dankend entgegennahm. So sieht wahrhaftige Nachbarschaft aus, dachte ich. Und vielleicht habe ich ja mit diesen Aktionen - also dem bewussten Waldgenießen und dem Gemüsesammeln- auch ein kleines Mahnmal für Umweltschutz gesetzt, obwohl ich nicht im Hambacher Forst Schilder hochgehalten habe. Das steht aber trotzdem als Nächstes an.

soziales Aus durch Whatsapp-verzicht (2.10.18)

Im September 2014 habe ich mich von Facebook verabschiedet, zwei Jahre später von Whatsapp. Meine Freunde waren damals gelinde gesagt, skeptisch, was meine Einstellung (oder sollte man besser sagen Rechtfertigung?) bezüglich dessen anging. Der Kommentar, den ich am meisten gehört habe, dass es doch sooo umständlich sei, nun mit mir in Kontakt zu treten. Dann müsse man mir ja immer eine Mail schicken. Extra Arbeit, auf die die meisten meiner Freunde anscheinend wenig Lust hatten. Für mich war es ehrlich gesagt eine totale Erleichterung, nicht mehr täglich Whatsapp-nachrichten beantworten zu müssen oder auf Facebook mediokre Kommentare irgendwelcher anderen Nutzer durchzulesen, mit denen ich seit Ewigkeiten keinen Kontakt mehr habe. Seitdem habe ich Lebenszeit dazugewonnen, weil ich mir unzählige Dinge vorstellen kann, die besser sind, als auf meinem Smartphone herumzutippen. Und damit habe ich mich ein Stück weit ins soziale Aus katapultiert, habe ich manchmal das Gefühl. Weil ich eben nicht immer und überall erreichbar bin, und auch nicht super schnell antworte. Dadurch bin ich "anstrengend" und bekomme oft Dinge und Veranstaltungen nicht mit, die meine Freunde gerne besuchen wollen. Wenn es eine Whatsapp-gruppe für einen Spieleabend gibt, bin ich nicht drin, klar. Und oft sind die anderen dann zu faul, mir noch eine extra-SMS zu schicken. So findet dann ein schöner Abend statt- ohne mich. Dann fühle ich mich ausgeschlossen. Nicht teil der Gruppe. Und das alles wegen eines Messengerdienstes.

So ganz ohne tippen kommt man im Leben anscheinend nicht mehr aus, und so habe ich mittlerweile zwei (!) andere Kommunikationsdienste: Threema (gilt als "sicher") und Telegramm. Wird genutzt von nicht ganz so inflationär vielen Menschen wie Whatsapp, und wir organisieren unser WG-Leben damit. Trotzdem finde ich es nach wie vor traurig, wenn ich so sehe, wie wir abends am Esstisch sitzen und uns unterhalten und plötzlich wie auf Knopfdruck jede Unterhaltung erstirbt, wenn einer am Handy ist. Das nervt, weil es eben mittlerweile so sozial akzeptiert ist. Man hält automatisch die Klappe, weil man sich damit abgefunden hat, dass er andere gerade eh nicht zuhört.

Von Beziehungen gar nicht zu reden. Wie wichtig es geworden ist, ob man mit der neuen Bekanntschaft aus der Uni "schreibt"! Wenn ER oder SIE nicht zurückschreibt, verunsichert das ungemein. Und genau davon möchte ich mich nicht abhängig machen. Ich möchte im realen Leben Kontakt mit meinen Freunden haben, und nicht über mein Smartphone. Weil ich das ganze Getippe anstrengend und unnötig finde. Natürlich könnte ich mir jederzeit eine Internetflatrate einrichten und mir Whatsapp wieder installieren. Das hieße für mich allerdings, zu kapitulieren. Mich dem sozialen Druck, der so abnormal ist, zu beugen. Viel lieber stehe ich dazu, es mir kompliziert zu machen, nicht ständig und überall mein Smartphone dabei zu haben und dadurch Geld für SMS ausgeben zu müssen. Dann ist das eben so. 

Ich liebe Leimuiden (1.10.18)

Mit meinem kleinen Zusje war ich das Wochenende über in den Niederlanden, Land der Kühe und Schafe und Käse. Eigentlich wollten wir nach Amsterdam, da waren dann aber die Unterkünfte zu teuer, weshalb ich mich für eine kleine Unterkunft südwestlich der Hauptstadt entschied, auf dem Land. Als es losging, wussten wir beide nicht so wirklich, was uns erwarten würde, wir freuten uns einfach auf ein entspanntes Wochenende. Im Ort angekommen - der wirklich irgendwo im Nirgendwo lag - fanden wir erst die Zufahrt zum Haus überhaupt nicht, weil uns ein paar Hühner den Weg versperrten, außerdem Sträucher und Bäume. Nach kurzem Irrlichtern fanden wir die richtige Hausnummer und liefen über einen zugewachsenen Garten auf ein Haus zu, das niederländischer nicht hätte sein können- große Fenster, ohne Gardinen. An einer der drei Eingänge empfing uns unsere Gastgeberin Betty, eine drahtige kleine Frau mit modischer Brille und resoluter Stimme. Glücklicherweise fiel uns ein, dass wir noch nicht für das Abendessen eingekauft hatten- wir fragten also nach dem nächsten Albert-Heijn-Supermarkt und Betty schaute uns achselzuckend an. "Gibt's hier nicht im Dorf, da müsstet ihr schon nochmal eine halbe Stunde fahren. Im Ort gibt es einen kleinen Markt, der hat aber nur bis 19 Uhr auf." Wir schauten auf die Uhr- es war halb sieben. Also hasteten wir kurzum zum Auto zurück, rasten zum Supermarkt, wo wir überteuerte Lebensmittel einkauften (aber im Urlaub ist das ja in Ordnung), und uns dann erneut auf den Weg zu Bettys Haus machten. Wieder lag ein Huhn in der Einfahrt, das wir nicht überfahren wollten. Vorsichtig rollten wir also auf den Parkplatz und kamen unter einem Apfelbaum zum Stehen, der definitiv noch abgeerntet werden musste - eine Aufgabe für mich? Ich beschloss, Betty zu fragen. Sie zeigte uns das riesige alte Haus von 1874 und erklärte, dass sie hier seit 31 Jahren wohne, ihr Mann sei vor 12 Jahren gestorben und ihre vier Kinder schon länger aus dem Haus, weshalb sie nun zwei der Zimmer an Gäste vermiete. Wir waren begeistert von der alten gemütlichen Einrichtung, dem riesigen Esstisch, den hohen Decken und der stilechten Landhausküche. Hund und Katze wurden ausgiebig von uns gestreichelt, wir kochten und machten noch einen kleinen Abendspaziergang zum Bauernhof nebenan, wo wir Bekanntschaft mit ebenfalls sehr kuschelfreudigen Alpakas und Ponies machten. Ein wahrgewordener Traum... Am nächsten Tag beschlossen wir, mit dem Rad nach Leiden zu fahren, was allerdings ca. zwei Stunden dauerte, da die Niederländer es mit den Fahrradschildern nicht so genau nehmen. Irgendwann kamen wir dann verschwitzt in der süßen alten Universitätsstadt an, gingen Kaffee trinken, auf den Markt und ein bisschen in die typischen Einrichtungsläden, die es in jeder niederländischen Stadt so gibt. Viel zu schnell war der Tag herum und wir mussten ja noch ein gutes Stück zurückfahren! Auf dem Heimweg nahmen wir aus einer Kiste gratis Butternut-Kürbisse mit. Abends waren wir dann viel zu platt um noch irgendetwas zu unternehmen, also lasen wir -ganz oldschool- bis zum Einschlafen. Leider war der Abreisetag dann schon viel zu schnell da und so machten wir noch einen letzten Spaziergang zu den Alpakas, fanden noch ein Kälbchen auf dem Hof, das mit seiner rauen Zunge unsere Hände ableckte, ernteten einen großen Korb voller Äpfel für Betty und verabschiedeten uns schließlich von unserer Bekanntschaft. Ich war neidisch, dass sie jetzt noch auf ihrem Grundstück Rasen mähen durfte, und dass sie so viel Ruhe um sich herum hatte. Und fragte mich, wie realistisch es wohl wäre, einen eigenen Selbstversorger-Hof zu haben. Mit Alpakas.

Forst to disappear (21.09.18)

 

Die deutsche Einstellung zum Klimaschutz regt mich auf. Wo es in Ländern wie Ruanda auf Strafe verboten ist, Plastik zu verwenden, wird in Deutschland fleißig alles in Folie gepackt, was nicht niet-und nagelfest ist. Der Abgasskandal ist so peinlich, dass sich niemand so richtig traut darüber zu sprechen und obwohl der Ausstieg aus der Braunkohle nicht mehr weit entfernt ist, wird mal eben noch ein riesiger, steinalter Wald gerodet, nur weil ein großer Konzern es bestimmt hat.

Eine Gruppe von Umweltaktivisten hat sich in genau diesem Wald „eingenistet“, sie leben auf Baumhäusern, in einer Art Öko-community, heimisch eingerichtet. Es gibt Kochplätze und Toiletten und eigentlich könnte das alles ganz wunderbar und abenteuerlich sein, wenn der Grund für diese Aktion ein anderer wäre, als der, dass der Wald abgeholzt werden soll. Das Ganze ist ziemlich kontrovers, wenn man bedenkt, wie sehr in der Gesellschaft über Umweltschutz debattiert wird – getan wird allerdings nach wie vor eben herzlich wenig. Im Münsteraner Aasee sind im Juli und August tausende Kilo an totem Fisch geborgen worden, weil es zu warm war. Die Ernteausfälle nach einem der sich häufenden "Rekordsommer" sprechen ebenfalls für sich. Vor einigen Tagen ist ein Blogger, der über die Situation im Hambacher Forst berichtet hat, von einer Brücke zu Tode gestürzt, woraufhin die Räumungsarbeiten für einige Tage eingestellt wurden. Allerdings soll nun damit fortgefahren werden, die Bäumhäuser "leerzuräumen", weil es angeblich 4-5 Milliarden Euro kosten würde, die Arbeiten zu stoppen. Und das alles für Braunkohle, die so oder so nur noch einige Jahre gefördert werden wird. Danach ist ein  mehrere Jahrhunderte alter Wald einfach weg. "Zu fällen einen schönen Baum /braucht's eine halbe Stunde kaum/ zu wachsen, bis man ihn bewundert/ braucht er- bedenk es- ein Jahrhundert" hat Eugen Roth gedichtet. Was für wahre, traurige Worte.

 

Das Glück der Erde (19.09.18)

Dass ich kein besonders ruhiger Charakter bin, sollte der Leserschaft in den letzten sieben Jahren meiner Tätigkeit als Schreiberin zur Genüge aufgefallen sein. Letzten Freitag habe ich allerdings eine ultimativ beruhigende Erfahrung gemacht: Mit einer Freundin war ich zum Ausreiten verabredet, im schönen Wald nahe Oer-Erkenschwick. Dieser Name klingt wie die Vermischung zweier nicht geglückter Eierkuchen, tatsächlich ist das Naturgebiet, was wir hoch zu Ross zu erkunden gedachten, jedoch wirklich der Rede wert. Stilecht mit meinem Fahrradhelm als Kopfschutz erklomm ich hernach also mein Reittier, meine Freundin trug "vernünftige" Reitausstattung, aber es ging hier ja nicht um Aussehen, sondern um die Pferde und uns. Und ich machte die Erfahrung, dass ich, sobald ich mit dem Tier in Berührung kam, seltsam entspannt wurde. Meine Gedanken entschleunigten sich und obwohl wir unsere Mühe hatten, die Pferde vorwärtszubewegen, weil die beiden sich äußerst wenig leiden konnten -und uns scheinbar auch nicht- war es wirklich ein schöner Ausritt. Zwischendurch, wenn das Pony trotz aller Bemühungen und trotz unserer Reiterfahrung so bockig war, dass wir absteigen mussten und laufen, dachte ich, dass ich es wahrscheinlich auch nicht so gerne hätte, immer auf Abruf bereit zu stehen und dann stundenlang durch den Wald zu latschen ohne entscheiden zu können, wo es lang geht. Und dennoch war es das Highlight meiner letzten Wochen, die geprägt waren von grau und Computerbildschirmen, von Literaturlisten und Problemen mit der "Breitbandmodemkonnektivität". Jetzt ist nur die Frage, wie ich in Zukunft möglichst günstig an ein Pony herankomme? Und vor allem- in welchem Zimmer unserer WG im vierten Stock wird es wohnen?

 

 

Ich frage mich, ich frag mich schon, was macht die Welt in Iserlohn? (14.08.18)

Als erlebnisgierige Jungspundin habe ich mich gefragt, was es im Sauerland aufregendes zu erleben gibt- mein Weg führte mich nach Iserlohn, genauer gesagt, nach Hemer ins -Achtung- FELSENMEER. Mit dem Bus vom Iserlohner Stadtbahnof (warum es nicht nur "Bahnhof" oder etwas großspuriger "Hauptbahnhof" heißt, habe ich nicht herausgefunden) in Richtung Westig, was nicht wirklich erwähnenswert ist, außer, dass man irgendwann eben da ist, wo man halt hinwill. Vielleicht war ich nach meinem Urlaub in den Highlands anderes gewohnt und dadurch arrogant, aber besagte Felsenformationen fand ich lediglich "ganz nett". Dann rief ich mich zur Ordnung, schließlich ging es um Natur, und dann schämte ich mich ordentlich. Und die Hemerer/ Hemer, also die Menschen, die Hemer ihr Zuhause nennen, freuen sich ja auch darüber. Als ich nach einer Stunde fertig war mit den Felsenund den Holzbrücken, die darüber führten (und es, entgegen der Wettervorhersage, die mal wieder UNWETTERWARNUNG!!!! gegeben hatte, immer noch nicht wirklich unwetterte), beschloss ich, noch in Richtung Iserlohn zurück zu spazieren. Und als ich während des Laufens so in die Ferne blickte, wo am Horizont sanft benadelwaldete Hügel sich erstreckten, fand ich das Ganze dann doch wirklich relativ hübsch. Wenn man die ganzen Neubau- und Gewerbegebiete durch alte Stein- und Holzhüttchen ersetzen würde. In Iserlohn war dann auch alles so wie erwartet: un-hektisch, ohne vollbärtige Großstädter und, so weit ich das beurteilen konnte, ohne vegane Filter-Cold-Brew-Cafés. So intensiv habe ich mich dann aber auch nicht mit dem Stadtbild beschäftigt. Tatsächlich gab es ein paar wirklich sehr hübsche Altbauten mit Zwiebeltürmchen, die Mietpreise hier sind wahrscheinlich wirklich gut verträglich. Ein Typ mit einem quietschenden Rad und Hosenträgern fuhr vor mir her, und ein entgegenkommender, offenbar befreundeter Radler kommentierte: "Hömma, dein Farrad (das H hörte man bei ihm nicht) hört sich an wie'n Schwarm Gänse!"

Das Erstaunlichste an diesem Tag war tatsächlich, dass ich mein Urteil über die deutsche Bahn letztlich revidieren musste- denn: alle vier Züge, die ich in diesen sechs Stunden benutzte, waren pünktlich. Unglaublich.

Staubsauger und U-Bahnhof (08.08.18)

Dienstag morgen. Ich stehe vor unserer Haustür, mit einem riesigen Staubsauger in meinem Fahrradkorb. Und harre der Dinge, die da kommen- denn gegenüber von unserer WG befindet sich ein Elektroladen. Dort gedenke ich, unseren kaputten Sauger abzugeben. Ich intendiere, ihn dort zu entsorgen, aber mir schwant schon Übles. Unsere Mikrowelle beispielsweise konnte ich damals dort abgeben (ja, bei uns in der Wohnung gehen viele Dinge kaputt, auch Waschmaschinen, Toaster, Küchenmaschinen und Radios). Aber ein riesiges Säuberungsgerät? Ich betrete den Laden und die Dame informiert mich darüber, dass sie nur "Geräte bis 25cm" machen. Jetzt müsste man die Pilze von Alice im Wunderland besitzen, die Dinge kleiner oder größer machen, denke ich. Allerdings müsste der Sauger sie dann saugen, i.e. essen, und das geht ja nun aus verschiedenen Gründen nicht. So, ich muss also das Gerät mit dem Rad zum Wertstoffhof transportieren, bei 35 Grad Außentemparatur. Was für ein Unternehmen. Aber irgendwann habe ich es geschafft und trenne mich von meinem EIO, den ich in die WG mitgebracht habe. Jetzt haben wir noch eine Ausrede mehr, um nicht putzen zu müssen. Haben ja keinen Staubsauger, tja, was will man machen. Und mit Besen, das ist doch nichts.

Weiter geht es dann zur Uni, wo ich umgehend schmelze. In den Fluren laufen verschwommene Gestalten herum, das einzige Geräusch ist das Surren der Ventilatoren. Gruselig, wie in einem Western. Fehlt nur noch dieser komische Busch, der über den Gang rollt, von imaginärem Wind angetrieben. Einmal kurz googlen, wie die Pflanze heißt... Aha, Steppenläufer. Ein Busch, der ursprünglich aus Russland stammt. Aber in Russland ist es doch selten so heiß wie in den Westernfilmen! Fragen über Fragen, vielleicht ist der Busch deshalb ausgewandert? Naja, mein Gehirn spielt mir einen Streich nach dem anderen an diesem Nachmittag. Als ich abends in der Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof sitze, schlapp und abgekämpft auf der Suche nach einem kühlen Ort, erscheint mir plötzlich der unterirdische Bahnsteig so attraktiv wie noch nie. Ich steige aus und falle umgehend auf die Plastiksitze, die frische Brise der einfahrenden Bahnen ist das Schönste überhaupt und ich möchte umgehend dort übernachten. Um mich herum schlurfende ältere Herren, die mich aber wohlmeinend in Ruhe gewähren lassen. Augen zu. Wenn ich die Augen öffne, starre ich auf orangene Kacheln und streusekuchenartige Deckenverkleidung. Nur noch fünf Minuten... Kühl... Ausruhen...

Über Wasser (22.07.18)

Mineralwasser ist nicht das gleiche wie Sprudel, wie ich vor einigen Jahren enttäuscht feststellen musste, als ich eine Flasche solchen Getränks kaufte und dann aber in Sachen Kohlensäure enttäuscht wurde. Heute bin ich da schlauer. Das Sprudel fehlt mir trotzdem in meiner WG, wir wohnen nämlich im dritten, also eigentlich vierten Stock, weil die Treppenstufen so viele sind. Und da habe ich nun mal keine Lust, mehr Last als nötig hochzuschleppen. Das hat zur Folge, dass mir das Sprudel fehlt und ich mich mit Kranwasser begnüge. Und immer wieder lechze ich nach kühlem kohlensäurehaltigen Getränk - das bekomme ich aber momentan dann eben nur bei meinen Eltern, bei Freunden und auf Parties. Jetzt habe ich in der Zeitung gelesen, dass in der französischen Stadt Vittel die Menschen auf die Barrikaden gehen, weil der Konzern Nestlé nach und nach alle Quellen für sein tolles Mineralwasser leerpumpt, und besagtes Produkt dann an zum Großteil deutsche Konsumenten verkauft. In Plastikflaschen. Wo mal wieder das Problem liegt, denn obwohl Plastikflaschen als recyclebar gepriesen werden, findet man darin immer wieder Mikroplastikteilchen, und überhaupt. Plastik. Da muss man gar nicht mehr drüber schreiben. Als ich im Mai in Italien war, war das Kranwasser dort so abstoßend verchlort, dass man keine andere Möglichkeit hatte, als Wasser in PET-flaschen zu kaufen, wo nicht mal Pfand drauf war. Ätzend, sowas. Eine Möglichkeit wäre natürlich noch, sich einen Sodasprudler anzuschaffen. Da ist nur die Frage, ob sich so ein Teil auch lohnt? Da fällt mir eine Freundin ein, die immer eine Liste neben ihrem Sprudeldings liegen hatte, wo sie Striche eintrug um zu sehen, wie so der Kosten-Nutzen ausgleich ausfiel.

Wasser ist schon wirklich eine wunder- und kostbare Sache, das sollte man sich immer wieder vor Augen führen. Deshalb sammle ich so gerne Regenwasser in der Tonne um damit die Blumen zu gießen, deshalb bade ich nicht (höchstens in der Ruhr...) und verstehe absolut nicht, weshalb in der geisteswissenschaftlichen Fakultät meiner Uni nicht endlich dafür gesorgt wird, dass man dort aus dem Hahn trinken kann, schließlich ist das doch ein Grundrecht eines jeden Menschen oder? Wenn wir doch in einem so reichen, privilegierten Land leben, warum läuft dann der Geschäftsführer unseres Bereichs jeden Morgen durchs Gebäude und stellt eine halbe Stunde alle Wasserhähne an, damit die braune Plörre aus den Bleirohren laufen kann? Seltsame, seltsame Welt.

Eyja Fjalla jöküll (16.07.18)

Freunde von mir haben gefragt, ob ich auf ihre Katze (und nebenbei das Haus) aufpassen könnte, während sie im Urlaub sind. Die Katze heißt Fjalla und ist sehr niedlich; eigentlich habe ich mit Katzen nämlich nicht viel am Hut, deshalb ist das wichtig zu erwähnen. Viele Katzen, die ich bis jetzt kennengelernt habe, stinken und haaren und kratzen oder rennen weg, wenn man sie streicheln will. Ihr Futter (vor allem das Nassfutter) riecht ebenfalls bestialisch und das Katzenklo braucht man ja gar nicht erst zu erwähnen. Aber die kleine Fjalla ist irgendwie anders, sie wurde letztes Jahr aus Skandinavien importiert und ist seit jeher die Kuschelbedürftigkeit in Person. Zwischendurch, wenn ich nichts ahnend auf der (sehr großen, sehr schönen, sehr ruhigen) Dachterasse sitze und überlege, wie weit man hier wohl gucken kann, SPRINGT sie auf einmal auf meine Schulter oder spurtet wie von der Tarantel gestochen durch die Wohnung. Wenn ich abends ins Haus komme, kommt sie mir schon auf der Treppe entgegen und will unterhalten werden, wenn ich aufs Klo gehe, kommt sie konsequent mit und schaut zu. Sie liegt dann im Waschbecken und leckt am tropfenden Wasserhahn, wie in Trance. Das kann sie stundenlang machen. Da ich momentan im Wohnzimmer schlafe, wache ich auch manchmal nachts davon auf, dass sie auf mir drauf sitzt und ihre Krallen (als eine Art makaberer Zuneigungsbeweis) in meinen Oberarm haut oder meine Hände ableckt, weil sie den Seifengeruch anscheinend mag. Verrücktes Tier. Die Frage ist jetzt natürlich: Obwohl ich mir vorgenommen hatte, dieses Tier nicht vom ersten Tag an sehr sehr liebzugewinnen, ist das natürlich schon passiert. Aber ein paar Tage hab ich ja noch mit ihr, bevor sich unsere Wege wieder trennen... 

 Total Irr-rad-tional (3.7.18)

"Sie nannten sie das Biker-girl" - so oder so ähnlich könnte meine Biographie lauten, wenn sich denn genug Menschen für meinen Lebenswandel interessieren würden. Vor allem nachdem ich beim Autofahren zweimal innerhalb von einem Monat geblitzt wurde und sämtliche Züge und Bahnen Verspätung hatten, ausfielen oder brechend voll waren, machte ich mich immer wieder öfter auf um mal längere Strecken mit dem Rad zurückzulegen. Eigentlich kein Problem, wenn man sich die Routen genau anguckt, eine Straßenkarte dabei hat und die Beschilderung vernünftig ist. In der Realität sieht das alles etwas anders aus. Auf dem Weg von Witten nach Dortmund Aplerbeck-Süd zum Beispiel hatte mir google-maps gestern im Vorhinein meiner Tour angegeben, es sei eine Dauer von 1:45. Gut zu schaffen, so dachte ich. Und es ist auch wirklich eine schöne Gegend, viel grün. Bis ich irgendwann auf Hauptstraßen geriet und jegliche Fahrradwegweiser wegfielen. So. Dann kann man resignieren und sich irgendwie zur nächsten Bahnstation durchfragen oder man hat -in meinem Fall- so viel Stolz, es irgendwie schaffen zu wollen, am Ziel anzukommen, koste es was es wolle. Bei mir wurden also aus den 1:45 ganz schnell zweieinhalb Stunden, und einem erhöhten Blutdruck in Anbetracht der Tatsache, dass ich mir ein Scheitern auf keinen Fall eingestehen wollte. So schwer konnte es doch nicht sein, schließlich hatte ich mich am Stand der Sonne orientiert! Richtung Süd-Osten, da mussten doch irgendwann Straßenschilder nach Aplerbeck kommen! Nach einer schier endlosen Odyssee hatte ich es dann gestern Abend tatsächlich geschafft. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass oben beschriebener Sachverhalt stark gekürzt ist!!! Heute (anscheinend hatte ich nicht aus meinem Fehler gelernt) kam dann die Déjà-vu Erfahrung, als ich mir vornahm, mit dem Rad von Herne nach Gelsenkirchen zum Nordsternpark zu fahren, am Kanal entlang, ganz easy. (Leider nein, leider gar nicht). Und hier wurde mein eiserner Wille des irgendwie so lange Herumgurkens, bis man schließlich ankommt, tatsächlich bezwungen. Gestrandet in Gelsenkirchen-Bismarck, in sengender Hitze, verschwitzt und entmutigt, gab ich mein Vorhaben auf und stieg in den nächsten Bus zurück in Richtung Bahnhof, ließ mich nach Wanne-Eickel kutschieren, nach Bochum, zur Uni. Entkräftet und übermüdet, vor allem: peinlich berührt, dass alles irgendwie umsonst gewesen war. An dieser Stelle möchte ich an jegliche Menschen appellieren, die schon mal von keuchenden Radfahrern nach dem Weg gefragt wurden: NIEMAND, wirklich NIEMAND braucht so eine Aussage wie "Oh, Aplerbeck-Süd? (Hier Zielort der Wahl einsetzen) Da müssense aber noch ein ganzes Stück!!!!" Es könnte sonst irgendwann passieren, dass Ihnen unflätige Flüche an den Kopf geworfen werden, vielleicht sogar ganze Fahrräder. 

Bonding und Fleischboy (27.06.2018)

Hattingen ist wirklich ein beschauliches, bürgerliches Städtchen, mit vielen Fachwerkhäuschen und Rentnern die mit ihren Rollatoren die Straßenbahn besetzen und sich über Studentinnen mit Fahrrädern aufregen, die in ebensolchen Straßenbahnen von ihrem Semesterticket Gebrauch machen. An einer der pittoresken Straßenbahnhaltestellen sitze ich also an einem sonnigen Sonntagnachmittag, für den die Beschreibung "tote Hose" quasi erfunden wurde. Die Vorstellung hier die Toten Hosen aufzufinden, hat etwas abstruses, in Anbetracht der vielen Blumenbeete und gestärkten Gardinen. Und genau in dieser Straße befindet sich ein Erotic Store, mit Werbung für BDSM, Dessous und anderer delikater Dinge. Ich liebe es, alte Omis mit ihren beigefarbenen Handtaschen dort am Schaufenster vorbeigehen zu sehen, mit pikiertem, starren Blick auf die Straße gerichtet. Als ich also an der Straßenbahnhaltestelle stehe und meinen Gedanken nachhänge (Warum gibt es kein Gegenteil von "durstig"???) fährt ein 50+ Pärchen auf E-Bikes vorbei. Er sieht den anstößigen Laden und fragt rufend, so dass es die ganze Straße hören muss: "Wat is denn BDSM, Schatz?" Sie antwortet, genauso laut, mit wehenden blondierten Haaren: "Dat is Bonding, dat würde nochmal ordentlich Schwung in unsere Ehe bringen!" An dieser Stelle möchte ich als Anglistin einbringen, dass Bonding nicht mit Bondage gleichzusetzen ist. Bonding meint eine Verbindung zwischen zwei Subjekten oder auch Objekten. Natürlich kann das Bonding durch Bondage nicht nur im wörtlichen Sinne, sondern auch im übertragenen Sinne verstärkt werden, i.e. indem ich jemanden ans Bett fessele, intendiere ich, ihn vielleicht auf lange Sicht auch an mich zu binden... Jaja, die Feinheiten der englischen Sprache. Dazu fällt mir noch ein, dass ich im Secondhandkaufhaus meines Vertrauens neulich ein Gerät fand, das als "Fleischboy" angepriesen wurde. Besagter Fleischboy produziert im weitesten Sinne Hackfleisch und ist somit laut Verpackung ein "unerlässlicher Helfer für jede gute Hausfrau". War man sich in den 80er Jahren der Metaebene dieser Werbung bewusst? Oder sind meine Assoziationen nur das Produkt einer übersexualisierten Gesellschaft? Fragen über Fragen...

wie gerädert (22.06.18)

An meinem Fahr-rad, ist alles dran/ damit so leicht nichts passieren kann!/ Wenn ich mich auf meeeiii-nen Sattel schwing / ist so ein Fahr-rad / ein starkes Ding (Zuckowski, Rolf: Mein Fahrrad. Rolfs Schulweg Hitparade, 1979). Öko, wie ich bin, brauche ich meinen fahrbaren Untersatz jeden Tag. Der Verschleiß lässt da natürlich nicht lange auf sich warten. Also bringe ich es zum Fahrradladen in der Innenstadt, wo mich natürlich der Satz der Sätze erwartet: "Oh oh oh, also- billig wird das nicht." Es wird aufgezählt, was alles kaputt wäre und DRINGEND repariert werden müsste, aber eigentlich wäre es so kaputt, dass es sich wohl eher lohnen würde, ein neues Rad zu kaufen. Genervt nehme ich mein ach so kaputtes Rad wieder mit und als ich das nächste mal in meiner Heimatstadt bin, beschließe ich, mir eine zweite Meinung einzuholen. Also auf zur Werkstatt meines Vertrauens, wo der kauzige Mechaniker mich schon begrüßt. Grüßen heißt in seinem Fall: mit dem Kopf nicken. Der Inhaber ist auch in der Werkstatt und gemeinsam (wie Meerjungfraumann und Blaubarschbube, wie Watson und Holmes) hören sie sich mein Problem an. An dieser Stelle hätte eine Entdeckermusik anfangen müssen zu spielen, denn jetzt gehen die wahren Profis ans Werk! "So, Paul, schreib mal auf. Dann wolln wa uns dat Ganze ma angucken. Also. Kette kürzen, Bremsen erneuern, Montage etc. pp. Bremsklötze hmm... hmmm... dat macht dann summa summarum .... schreibse noch mit Paul?" Paul schreibt noch mit, über den Daumen gepeilt kommen wir auf 60 Euro. Der Chefmechaniker betätigt noch mit Kennerblick zum Abschluss meine Fahrradklingel, daran erkenne ich: er versteht sein Handwerk! Anstelle von mindestens 250 Euro, die der tolle Fahrradmensch in der Großstadtfahrradfiliale voller E-bikes veranschlagt hatte. So sieht das aus, man muss nur die richtigen Leute kennen!

 

Anti-Denk-Weg (18.06.2018)

Manchmal kommt es im Alltag ja vor, dass man zu viel denkt und sich dann total verstrickt. An solchen Tagen ist es gut, sich mal wieder so richtig auf seine Intuition zu verlassen. Bei mir sah diese Intuition am vergangenen Samstag folgendermaßen aus: Eine Etappe des Neanderlandsteigs von Hattingen nach Neviges wandern. Von der S-Bahnstation aus einfach los, und nicht denken. Und dies, um mal im Bild zu bleiben, stellt für mich eine Mammutaufgabe dar, jedes Mal. Ich bin ja sowieso der Meinung, dass es, ganz entgegen jedem buddhistischen Streben definitiv nicht Ziel für das menschliche Denken sein sollte, die Gedanken loszulassen. Wenn das Gehirn denken will, dann ist das schon ganz richtig so! Aber zurück zum Wandern. Wenn man so ganz alleine 30 Kilometer vor sich hinläuft, dann überwiegt meistens der Gedanke: Wie bescheuert bin ich eigentlich? Warum tu ich mir das an? Und dann, irgendwann, wenn man über jedes Hinweisschild mit sinkender Kilometerzahl bis zum Ziel froh und erleichtert ist, läuft man nur noch. Man läuft durch Farn und Brennnesseln, bewaldete Berge hoch, über Baumstämme, steile Waldpfade wieder hinunter, man ignoriert die schmerzenden Füße und den Schweiß und die laufende Nase und will einfach nur noch irgendwo ankommen. Wie man aussieht, ist einem egal. Was die Leute wohl denken, ist egal. Hauptsache weiterlaufen. Ohne Pause, weil es dann umso schwerer wäre, wieder weiterzumachen. Die Beine jucken, der Kopf wird schwer, man hat nicht mehr genug zu trinken und muss es sich einteilen, so richtig survivalmäßig. Kurz vor dem Ziel läuft man dann noch einmal in die falsche Richtung, weil die Beschilderung fehlt, was einem ein, zwei extra Kilometer einträgt. Der Mund trocken, während endlich in der Ferne das Ortsschild Neviges auftaucht, Neubaugebiete aus dem Boden schießen und eine polnische Wallfahrtsprozession vor mir her läuft, mit riesiger wehender Fahne und einem Typ, der lautstark durch ein Megafon slawische Gesänge anstimmt, die von den Hundertschaften mantraartig wiederholt werden. Und man selbst fragt sich, ob das wohl eine Erschöpfungshalluzination ist. Am Zielort angekommen, kauft man sich dann eine 1,5 Literflasche Wasser, die man in einem Zug leertrinkt. Oder besser gesagt, S-Bahn. In dieser S-Bahn kommt es einem fürchterlich laut vor, wenn man sechs Stunden kein anderes Geräusch gehört hat als einen rauschenden Bach, Pferde, Kühe und Vögelzwitschern. Sowieso ist die Wahrnehmung eine andere, weil man nur noch ins Bett will und schlafen. Gleichzeitig ist man wie euphorisiert, weil man es geschafft hat. Einen neuen persönlichen Rekord und den eigenen Willen zu brechen. Die Frage ist nur: was kommt jetzt als nächstes? 

Wasserhahn und Brennnessel (11.6.18)

"Gibt so Tage". Gibt so Tage, an denen ist man noch müde von der Hochzeit am Abend vorher, und kommt in die Küche und da ist immer noch der Wasserhahn kaputt. Seit Wochen ist der Wasserhahn kaputt. Und das neue Gerät ist zwar schon gekauft (auch so ein Akt mit Umtauschen und so, weil das zuerst gekaufte Gerät angeblich schlechte Qualität sei etc.), aber noch nicht montiert. Also in einer genervten "Jetzt oder nie" das Projekt angegangen. Und läppische zwei Stunden mit Mitbewohner am Waschbecken rumgeschraubt, die Platte abgenommen, Schläuche und Stecker und ganz viel Dreck auseinanderklamüsert und ratlos vor der Anleitung gestanden, und es am Ende dann doch irgendwie geschafft. Verrückterweise ohne eine geflutete Küche. So ganz perfekt ist es jetzt nicht wirklich, aber wer will in einer WG-Küche schon von hohen Ansprüchen reden? Hauptsache man muss nicht mehr ins Badezimmer um Wasser zu holen. Geschafft von dieser Aktion fahre ich zum Fluss der Flüsse um mich zu entspannen, was auch ganz gut klappt. Steg, Stricksachen, Schwimmen, Sonnen. Von da aus dann mit dem Fahrrad weiter, mit nassen Haaren versteht sich. Und dieser Umstand ist zu erwähnen, weil ich beim Radeln mein Zopfgummi löse und meine Haare schüttele, damit sie schneller trocknen. Das führt dazu, dass ich das Gleichgewicht verliere und höchst unelegant in die Brennnesseln rausche. Das führt aufgrund des Umstands meiner sehr kurzen Hose zu Verbrennungen am linken Bein. Diese verwandeln sich im Lauf der nächsten Viertelstunde in riesige Quaddeln, was wirklich beeindruckend dramatisch aussieht. Das führt dazu, dass meine Freunde mich fragen, was passiert ist. An dieser Stelle hätte ich zu gerne eine spannende Geschichte auf Lager, wie es zu meinem verquollenen linken Bein gekommen ist. Aber leider, leider, leider, ist es nur die Folge temporär aussetzenden Gleichgewichtssinns. Von dem Gift was jetzt bei mir unter der Haut lagert, werde ich wahrscheinlich noch die nächste Woche zehren...

Urban exploring in my hood (6.6.2018)

Seit zwei Jahren fahre ich mindestens einmal in der Woche an einem alten, verfallenen Haus vorbei. Einmal stand dort die Tür auf, weshalb ich vom Fahrrad stieg und mir die Sache näher ansah. Durch die offene Tür blickte man über einen Flur in ein dunkles Wohnzimmer, wo eine alte Dame reglos auf einem Sofa saß. Damals fragte ich die Nachbarn, ob sich jemand um die alte Frau kümmern würde, was sie bejahten. In der letzten Zeit tat sich relativ wenig an diesem Haus, außer dass es immer mehr verwahrloste. Die alte Frau habe ich seitdem nicht mehr gesehen, aber als ich vorgestern wieder dort vorbeifuhr, war gerade eine Baufirma dabei, Bauschutt abzutragen, anscheinend wollte jemand neues dort einziehen und es renovieren lassen. Ich fragte einen der Arbeiter, ob er wüsste, was mit der alten Frau passiert sei, und er sagte, sie wäre vor einiger Zeit gestorben- es hätte sich allerdings niemand darum gekümmert, das Haus leerzuräumen. "Wie in einem Horrorfilm sieht es da drinnen aus!" Wiederholte er immer wieder. Dann fragte er mich, ob ich mir das Hausinnere nicht mal ansehen wollte. Natürlich wollte ich das, schließlich reizen mich alte Häuser mit ihren Geschichten enorm. Ich ging also hinein und wusste sofort, was der Mann mit dem Begriff "Horrorfilm" meinte - die Räume sahen aus, als hätte jemand dort eingebrochen, dann noch eine kleine Bombe gezündet und alles aus den Schränken herausgerissen. Darüber lag eine Schicht Staub. Im Zimmer links vom Flur stand ein riesiger, alter Flügel, darauf unzählige Briefe und alte Akten, Dokumente in Ordnern, Zeitschriften und Bücher auf dem Boden. Der Flügel war sogar noch gestimmt und als ich ein paar Melodien darauf spielte, hörte es sich zugegebenermaßen ziemlich schaurig an. Während ich mir also meinen Weg durch den staubigen, kaputten Flur ins Wohnzimmer bahnte, rissen die Arbeiter die dunklen Holzfassaden von der Wand ab. Im Wohnzimmer erwartete mich ein ähnliches Bild: antike Bücher auf dem Fußboden verstreut, altes Keramikgeschirr im Schrank, Wäschehaufen überall verteilt und sogar das Federbett im Schlafzimmer war noch bezogen. Fasziniert, aber auch etwas peinlich berührt machte ich mich wieder auf den Weg nach draußen, weil ich, obwohl das Haus offensichtlich leerstand, das Gefühl hatte, fremdes Eigentum zu betreten. Als ich wieder an der frischen Luft war (was ziemlich erleichternd war, nach der dunklen, stickigen, staubigen Luft in dem Haus), fragte ich mich, wer sich wohl nun für die ganzen Sachen in dem Haus verantwortlich fühlen würde. Es würde jetzt über die alte Geschichte eine neue Geschichte gelegt, mit neuen Hausbewohnern, die ein neues Leben in diesem Haus leben würden. 

Ich möchte einfach meine Ruhe haben! (1.6.18)

Morgens, halb sieben in Deutschland. Ich möchte schlafen, aber das geht nicht. Draußen ist nämlich immer was los, Donnerstags ist Markttag. Stände, die aufgebaut werden, Menschen, die sich anschreien. Wenn kein Markt ist, wird aus irgendeinem Grund extrem intensiv die Straße von einem Reinigungsfahrzeug gesäubert, das Ding macht ungefähr so 1000 Dezibel. Warum hat die Stadt einen solchen Anspruch an die Sauberkeit unseres Stadtteils? Abgesehen davon wird gefühlt jeden Tag irgendeine Art von Müll abgeholt, die Müllabfuhr rauscht wie blöde direkt unter meinem Zimmerfenster entlang, sie piept und knallt und brummt. Gerne sitzen auf dem Platz unterhalb unserer WG auch halbstarke Jugendliche, aus deren Smartphone lautstark Gangsta-Rap schallt, und sie haben einen kleinen fiesen Köter dabei, der unentwegt kläfft, ohne Grund. Er bellt. Und bellt. Und bellt. Also schließe ich jede Nacht und jeden Morgen schlaftrunken das Fenster. Meine geliebten Ohrenstöpsel darf ich ja jetzt, nach meiner Ohrenentzündung, nicht mehr benutzen und meine bestellten Lärmschutzkopfhörer sind noch nicht geliefert worden. Es ist zum Verrücktwerden, denn wenn ich das Fenster erfolgreich geschlossen habe und wieder ins Bett falle, steht kurz danach einer meiner Mitbewohner auf (an dieser Stelle wird nicht gegendert, weil es hier nicht um meine wunderbare Mitbewohnerin geht, die grundsätzlich bis elf vormittags schläft) und weil wir in einer Altbauwohnung wohnen, quietschen die Dielen. Aber sie quietschen nicht nur ein bisschen, nein. Sondern volle Kanne. Und meine Mitbewohner gehen ja auch nicht nur einmal von ihrem Zimmer in die Küche, sondern so circa 10- 15 mal. 

Immer wieder fühle ich mich an den Meerkönig von Jim Knopf erinnert, denn dieser möchte genau wie ich "endlich seine Ruhe haben!" 

 "Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?" (24.05.18)

Auf dem Weg zurück aus meinem Campingurlaub in Holland werde ich von einem sehr netten Rentner-Ehepaar mitgenommen, beide sind Ende 70 und noch so fit, dass sie locker zwei Stunden Autofahrt vertragen und mir dabei noch ihre halbe Lebensgeschichte erzählen können. Ganz schön spannend, was man so alles erlebt, zwischen 20 und 80! Und damit meine ich nicht die Geschwindigkeitsbegrenzung, denn der Fahrer hielt nichts von "Bummeln" und gab immer mal ordentlich Stoff (130). Große Aufregung, wenn Blitzer angekündigt wurden! Eigentlich wollten die beiden Schlagermusik hören, aber weil wir dann so gut ins Gespräch kamen, wurde das Radio ausgelassen. Und dann ging es los mit der Geschichte. Sie wollte anfangen zu erzählen, aber weil er der Meinung war, sie würde alles durcheinanderbringen, unterbrach er sie ständig und fuhr selbst fort. Er erzählte, wie er mit 21, gerade volljährig und als Schlosser bei einer Firma im Ruhrgebiet beschäftigt, zu einer Freizeit nach Österreich fuhr und sie mitnahm. Die beiden kannten sich nicht, aber sie wollte zuerst auch gar nichts von ihm wissen. Bis er schließlich auf einem Ausflug einen riesigen Strauß Veilchen pflückte und ihr überreichte. Das Schicksal wollte es wohl so, meinten die beiden lächelnd und erinnern sich daran, wie er sie an einem warmen Tag mit der Luftmatratze auf den See hinausschob, mitten hinein in die Seerosen, weil er ein bisschen ungestört sein wollte, der Rest der Gruppe sollte nicht sehen, wie die beiden "poussierten". Wohlgemerkt siezten sie sich noch, und er dachte, sie scherzte nur, als sie immer ängstlicher wurde, weil sie nicht schwimmen konnte. Schließlich merkte er, dass sie tatsächlich Nichtschwimmerin war und paddelte sie vorsichtig zurück. Ihm imponierte, dass sie eine "harte Nuss" war, dass sie sich zierte, das war er nicht gewohnt. Aber irgendwie kam eins zum anderen und so verlobten sie sich schließlich ein Jahr später. Verträumt und grinsend schaue ich aus dem Fenster und lausche den Erzählungen, und plötzlich sind wir schon wieder zurück in meiner Heimatstadt. Schön war das!

Meine erste Tagung (10.05.18)

So, jetzt ist es offiziell. Ich komme dem Berufsleben in Siebenmeilenstiefeln näher. Letzte Woche hatte ich das erste Mal eine Konferenz, es wurden Tagungsmappen verteilt, es gab Kaffeepausen und Keynotespeaker. Große Sache, das. Die meisten Menschen gingen vermutlich hin, um sich Themen für ihre Masterarbeit zu besorgen, oder weil sie wollten, dass andere sahen, dass sie auf dieser furchtbar wichtigen Konferenz waren, endlich mal wieder ihren schicken Blazer anziehen konnten oder in den Pausen auf der Terrasse Pfeife rauchen. Was die Intellektuellen halt so machen. Ich will aber auch intellektuell sein!! Nur nicht...so. Weshalb ich dort teilgenommen habe? Nun, es gab gratis Kaffee und einen großen Obstkorb. Außerdem gekühltes Sprudelwasser, was ich mir privat nie kaufe, weil ich keine schweren Flaschen in den dritten Stock schleppen will. Call me Schnorrer, aber dafür habe ich mir ja auch brav die Vorträge angehört. Und es war ja nicht so, dass nur die superwichtigen Professoren referiert hätten, nein: Auch die Studierenden hatten etwas vorbereitet. Nämlich: Elektroschrott, zusammengebastelt und voller symbolischer Metaebenen. Sie hatten jeweils fünf Minuten um ihre Projekte zu präsentieren. Eine Glasflasche mit Kabeln darin, ein Aluminiumgerüst mit Schüsseln voller Putzschwämme und eine Rampe mit aufgeklebten leeren Klorollen. Natürlich alles im wissenschaftlichen Kontext erschließbar und sehr durchdacht - nur, ernst nehmen konnte man diese Kunstwerke nicht wirklich. Und dabei habe ich mir schon sehr Mühe gegeben, mit dem nicht-Lachen. Der letzte und wichtigste Sprecher war dann tatsächlich sehr gut, und ich hätte ihm gerne eine Frage gestellt. Nur leider wurden die ganzen wichtigen Professoren vor mir dran genommen, was mich wieder an meine Position in der Hierarchie der Forschung erinnerte: Bin eben doch nur eine kleine Studentin und ergo nicht ganz so wichtig für so eine Tagung. Was solls, ich kann ja meine Frage zurücknehmen. Die Zeit wäre ja auch knapp geworden. Ich, beleidigt? Ach quatsch...

Jeden Tag eine gute Tat, auch Freitags (4.5.18)

Puh, Brrr, Schüttel, schlechte Laune. Obwohl Freitag ist und obwohl die Sonne so schön scheint, als ob sie jemandem etwas beweisen müsste. Diese doofe amerikanische Dozentin, am Mittwoch. Jedenfalls steht mir ein ätzender Bürotag bevor, mit Essay schreiben und Korrekturen einarbeiten und wenig draußen, das gefällt mir gar nicht... gefällt mir gar nicht viel! Schon beim Frühstück kippe ich mir heiße Milch über meine frisch angezogene neue Hose, nicht die, die ich schon ein paar Tage getragen hatte. Die neue. Und ich sage mir die ganze Zeit, dass es nur besser werden kann, schließlich ist ja bald Wochenende. Auf dem Weg zur Uni komme ich beim Türkenladen vorbei und kaufe eine der berüchtigten "Dötschobsttüten", für einen Euro. Die Mango, Äpfel, Birnen, Grapefruit und der Granatapfel darin sind tatsächlich dann auch beeindruckend matschig, aber was solls. Schließlich habe ich zu solchen Zwecken mittlerweile immer ein Schälmesserchen dabei. Um Früchte zu retten. An der Uni angekommen gucke ich schnell beim Foodsharing Schrank vorbei, der eigentlich IMMER leer ist. Und heute? Ist alles voller Kekse, unzählige Packungen Kaffee und Latte macchiato pads stapeln sich, Tütensuppen und vor allem: Kürbiskerne!!! Geröstet und gesalzen!!! Die, die ich nie selber kaufe weil sie drei Euro pro Tüte kosten.  Schnell decke ich mich mit den Schätzen ein und stiefele in Richtung Büro, wo ich dann eine riesige Schweinerei veranstalte, mit Obst waschen, schlechte Stellen abschneiden, Obst in Ermangelung einer Schüssel in die leere Kaffeekanne klein schneiden, alles volltropfen, klebrige Hände waschen und vor allem: OBSTSALAT essen! Die Laune hebt sich ob der Überzuckerung nun ganz ungemein. Und jetzt sind es auch nur noch vier Stunden, dann kann ich wieder raus in die Sonne. Vier Stunden Büro, das schaffe ich!!!

I'm utterly sCARed (23.04.18)

Seit Jahren sträube ich mich gegen das Autofahren, ok, wenn ich selber fahre, ist es nicht so schlimm. Aber ich hasse es, Beifahrerin zu sein, oder, noch schlimmer - hinten zu sitzen. Oft schon bin ich bei Fahrten innerhalb meiner Heimatstadt einfach zwischendrin plötzlich ausgestiegen und nach Hause gelaufen, weil ich das Sitzen in beengtem Raum so unerträglich fand. Noch schlimmer ist es für mich, wenn mich jemand partout nicht mit der Bahn fahren lässt, sondern mich "doch schnell vor der Haustür rauslassen kann". Eigentlich ist das ja eine sehr nette Geste und irgendwie bin ich auch froh darüber, aber das Auto an sich, vor allem jegliche neumoderne Vehikel mit Ledersitzen und diesem absolut Kopfschmerz- und Übelkeiterregenden Geruch nach Leder und Armaturen rufen jedes Mal wieder Grauen bei mir hervor. Ach, es ist schwer zu sagen. Manchmal ist es natürlich schon ein Privileg, nicht fünfmal umsteigen zu müssen. Und trotzdem finde ich es unangenehm, diese Atmosphäre im Auto aushalten zu müssen, wenn alles so ein bisschen dumpf ist und vor allem, wenn man gezwungene Konversation führen muss. Und sich dabei nicht in die Augen guckt, was ja potenziell auch mal ganz angenehm sein kann, aber trotzdem oft komisch ist, zumindest für mich persönlich. Schlimm ist immer, wenn man hinten drin sitzt und vorne sitzt das Pärchen, das einen mitnimmt. Und zuverlässigerweise streiten die beiden sich während der Fahrt über irgendwas, meistens macht sie ihm Vorwürfe, dass er irgendwas vergessen hat oder grade sitzen soll oder endlich die Kontoauszüge ausdrucken oder Klopapier kaufen. Und ich sitz hinten drin und schweige und fühle mich blöd, weil diese Situation eine Intimität hervorruft, an der ich überhaupt nicht teilhaben möchte. An den Beziehungsdiskussionen anderer Menschen. Letztens erzählte mir eine Mutter, dass sie mit ihrer pubertären Tochter am ehesten während einer Autofahrt ins Gespräch kommt, was ja auch wieder für diese besondere intime Stimmung spricht, außerdem gibt es viele Mütter die aus Verzweiflung stundenlang den Säugling herumfahren, weil er sonst die ganze Zeit nur schreit, im Auto aber wundersame Weise tief und fest schlummert. So kann man also auch positiven Aspekte der Autonutzung beleuchten. Wenn ich die Wahl habe, nehme ich aber trotzdem lieber die Bahn, weil man da lustige Leute trifft und hin und her laufen kann...

Über Kinderfreizeiten ( 13.04.18)

Jaja, der Kindheit glückliche Spiele... früher, das heißt von 2007-2009 war ich eine Woche lang im tiefsten Sauerland, Schlammschlachten mitmachen, verknallt sein in die Hendriks und Cedrics und Fabians und Lucasse von damals, mit dreizehn. Und kaum sind zehn Jahre herum, finde ich mich wieder an diesem Ort, der voller Erinnerungen ist, allerdings diesmal als professionelle Kinderbespaßerin. Am ersten April, dem Start der Freizeit, erzähle ich einem kleinen 8-jährigen, dass die Küchenfrauen streiken und wir uns währen der nächsten Tage das Essen selbst zubereiten müssen. Er darauf, ganz erschrocken: Ich kann aber nur mit Thermomix kochen! Daraufhin verkneife ich mir ein Lachen und er doziert über Crepe rezepte, die er bereits ausprobiert hat. Des abends merken die Kinder dann, dass sie veräppelt wurden, es soll allerdings nur die erste von vielen Veräppelungen sein. Wir lassen die Teilnehmer toben, laut sein, quietschen, wir bewerten ihre Zimmer nach Sauberkeit und Dekoration, wir atmen diesen ganz besonderen muffeligen Teppichboden geruch ein, ohne den unser Freizeitheim nicht das wäre, was es schon seit 60 Jahren für uns ist, damals, als schon meine Omi als junge Frau Zeltlager dort leitete. Und heute genießen wir den Anblick von Kindern, die kein Smartphone dabei haben, sondern sich gegenseitig über die Flure jagen, und sich Witze erzählen und die eine unfassbare Energie entfalten können, wenn sie nur genug übersüßte Cornflakes und Schokocremebrötchen zum Frühstück gegessen haben. Nicht zu vergessen die Tonnen von Süßigkeiten, die sie allesamt mitschleppen und die man in allen Ritzen findet. Eines vermisse ich jedoch regelmäßig auf den Freizeiten: Schlaf. Mitte der Woche zittern meine Beine, mir ist schwindelig und ein anderer Mitarbeiter erzählt mir, er hätte mal am Abholtag einer solchen Osterferienwoche Halluzinationen bekommen, aufgrund von Schlafmangel. Das sei es ihm allerdings wert. Ich jedoch, ich brauche meine 6-7 Stunden Schlaf pro Nacht, sonst wäre ich sicherlich bei der gute Nacht Geschichte, die ich den Kindern abends erzähle, selbst eingeschlafen. Eines Tages erfahre ich dann, dass ich vorzügliche Oma-Qualtäten besitze: "Du wirst bestimmt mal eine tolle Oma", sagt eine Teilnehmerin, "du kannst stricken und Geschichten erzählen!" Und wenn es stimmt, dass Kindermund Wahrheit kundtut, dann überspringe ich einfach die Phase die dazwischen liegt und werde direkt Seniorin. Bei Woodstock wäre ich ja auch zu gerne dabeigewesen...

 Wie wird ein doofer Wochenstart gut??? (9.4.18)

Ein nebelgrüner Frühlingstag und ich habe Husten, Schnupfen, Kopfschmerzen. Nervig, nervig, nervig. Warum muss auch ausgerechnet jetzt, im April, mein Heuschnupfen nochmal einsetzen? Ich habe das Gefühl, meine gesamten Nebenhöhlen, oder was auch immer das alles hinter meinem Gesicht so ist, sind verstopft und verkrampft. So setze ich mich selber unter Kopfschmerztabletten und homöopathische Kügelchen, deren Wirkweise ich gespannt abwarte. Als ich aus der Tür trete, merke ich, dass ich etwas in der Wohnung vergessen habe- also wieder hoch in den dritten Stock. Müll und Altglas muss auch weg, also jongliere ich mal wieder mit zwei Beuteln in den Händen, dabei reist ausgerechnet der mit dem Biomüll. Schimmelige Obstreste und Kaffeesatz auf dem Küchenfußboden. Gestern noch wurde unsere Küche gewischt. Super, der Montag fängt richtig an. Ich versuche gleichzeitig mein Fahrrad aus dem Hausflur herauszuschieben und die schwere Tür aufzuhalten. Dabei fallen dreimal kurz nacheinander Gläser aus dem Altglasbeutel, eines davon hat natürlich die Güte, dabei zu zerspringen und den Rest Marmelade gemischt mit Scherben zwischen Schwelle und Hausflur zu verteilen. Also muss ich wohl oder übel mit dem Kehrbesen den Schaden beseitigen, meine Hände sind nun voller klebriger Marmelade. Die Mülltonnenbox geht mal wieder nicht auf, es ist zum Chinchillamelken. Aber noch ist mein Optimismus nicht vollständig verschwunden, erst nach drei Stunden dröger Büroarbeit mit Übelkeit und Schwindel, und vor allem, nachdem ich meine Kontoauszüge angesehen habe. Drauf steht nämlich, dass irgendjemand per Lastschriftverfahren unbefugt Geld  von meinem Konto abgebucht hat, weshalb ich nun auch noch zur Polizei stiefeln darf, Anzeige erstatten. Und das alles mit Wackelpuddingbeinen, juckenden Augen, asthmatisch anmutendem Husten und geschwollenen Schleimhäuten. Super, der Frühling, echt. Kann also nur besser werden, mit guten Kaffee, und Was mich ebenfalls aufheitert, ist das Seniorenpaar, das mir aus der Unibib entgegen kommt: Beide tragen weißen Tennisdress mit pastellfarbenen Kopfbedeckungen, sowie Rollkoffer, als seien sie auf dem Weg in den Urlaub, Madeira, höchstwahrscheinlich. War das wohl eine Fata Morgana? Blumen kaufen will ich eigentlich auch noch... Wobei, davon bekomme ich ja vielleicht wieder Heuschnupfen. Es ist ein immerwährender Kreislauf.

Wunderbares in Wuppertal

Einmal im Leben über Wuppertal schweben- das habe ich leider während meines Kurztrips Richtung Bergisches Land nicht getan, das ist das nächste Mal auf der Liste. Genauso wenig habe ich mir Wuppertal selbst angeschaut, vielmehr bin ich von Hattingen nach Schwelm gelaufen, beides Städte, die nicht wirklich bekannt für ihren metropolitären Charakter sind. Das ist aber auch gar nicht schlimm, weil es sie nämlich umso reizvoller macht. Mit ausgedruckter Wegbeschreibung bin ich also an einem nasskalten Gründonnerstag losgestiefelt, hoch, an der Schulenburg vorbei, Richtung Bredenscheid und Berger Hof. Durch den Wald, alleine. Kein großer böser Mann ist mir begegnet, der mich hätte klauen können. Nur ein paar Ausflügler, die im Hofladen Bioprodukte kauften. Ansonsten hatte ich den Wald wirklich für mich, genauso wie es sein sollte. Am Felderbach habe ich mich ziemlich verlaufen, weil ich eben keine Wanderkarte hatte - normalerweise kann ich mich eigentlich sehr gut nach dem Stand der Sonne orientieren. Wenn es allerdings graupelt und hagelt, gestaltet sich das als eher schwierig. Als ich dann irgendwann einen Fachwerkhausbewohner nach dem Weg nach Schwelm fragte, schaute der mich mitleidig an und ich wusste schon was kommt: Ich müsste genau in die Richtung zurückgehen, aus der ich gekommen war. Also kleine Planänderung: Nicht nach Schwelm, sondern nach Herzkamp. Auch ok. Dort gab es dann sogar eine Buslinie nach Wuppertal, die - man glaubt es kaum - selbst am Feiertag noch stündlich fuhr. Was für ein Luxus! Ich hatte mit dieser Annehmlichkeit tatsächlich nicht gerechnet. So stieg ich also widerstrebend an der Haltestelle "Mettberg" ein und grüßte die anderen Fahrgäste im Bus, weil man das so macht, im Bergischen. Dann noch in Barmen einen Kaffee am Bahnhof getrunken und den Fischgesprächen der alten Männer gelauscht ("nee, also Lachs ess ich nur geräuchert und Makrele nur freitags am Marktstand!") und dann auf in den Bus, der mich zu meiner Großtante bringt, bei der ich übernachten darf. Ein wunderbarer Tag, mit 5,5 Stunden wandern ohne Pause und kostenloser Frühstückspension. Ich finde sogar heraus, dass es in der Wohnung meine Lieblingswochenzeitung gibt und es duftet wunderbar nach frisch gebackenen Osterlämmchen. Der Ausblick aus dem riesigen Wohnzimmerfenster auf bewaldete Hügel im Sonnenschein ist so ganz das Gegenteil von dem, was man aus Bochum kennt und ich suche schon während des Frühstücks nach einem neuen Termin, zum Weiterwandern. In Wuppertal.

der Besuch der Alten Dame (Genitivus Objectivus) (20.3.18)

Es sind Semesterferien und wie könnte man seine seltsam freie Zeit besser nutzen als den buckligen Verwandten einen Besuch abzustatten? Naja, bucklig ist meine Oma eigentlich nicht, nur sehr klein. Sie sitzt da und trinkt ihren Kaffee als ich ankomme, und erkennt mich glücklicherweise sofort, obwohl ich mir am Morgen die Haare abgeschnitten habe. Neben ihr liegt in DinA4 format ein Foto, das sie als braungebrannte junge Frau mit ebenfalls Kurzhaarfrisur zeigt. Ich finde, sie sieht ein bisschen aus wie eine Mischung aus Romy Schneider und Audrey Hepburn, die mochte sie jedenfalls lieber, sagt sie, und ist ein bisschen geschmeichelt. Ganz lange durfte sie sich nämlich nicht die Haare abschneiden, musste immer einen Dutt tragen, wegen ihres religiösen Vaters. Eigentlich will sie sich grade nicht unterhalten, lieber mit mir das "Traumschiff" gucken, wo doch jetzt der Hauptdarsteller gestorben ist- ich möchte lieber quatschen, ganz meinem Naturell entsprechend. Und so texte ich sie zu, über meine WG und mein Studium und meine Reisen, die noch nicht gemacht wurden, die ich aber heißblütig plane. Nach einiger Zeit begeben wir uns dann ins Wohnzimmer, wo noch laut der Fernseher läuft, wahrscheinlich schon seit mindestens zwei Stunden. Und ich bin ziemlich stolz, dass ich sie dazu bewegen kann, mit mir ein Fotoalbum anzusehen. Über ihre Zeit als Krankenschwester in Norddeutschland, und ihre Zimmergenossin, die wohl in sie verliebt war. Was? Da muss ich nachhaken. Hat sie dir denn gesagt, dass sie dich liebt? -Nein, aber sie hat es mir gezeigt. Sie war auch nicht eifersüchtig, als ich meinen Mann kennenlernte, sie hat tatsächlich später dann auch selbst geheiratet, einen Mann. 

Meine Oma ist hübsch auf den Bildern, finde ich und sage ihr das auch. Sie erzählt, dass ihr Mann sich immer darüber aufgeregt habe, dass sie ihr Aussehen nicht mochte, weil er natürlich in sie verliebt war. Über eine ganze Stunde lang sitzen wir so bei ihr, sehen Schwarz-Weiß und verblichene Farbfotos an, mit Schlaghosen und Knickerbockertrends, ganz kurios. Dann das erste Bild von meiner Mutter als Säugling, Omas Augen leuchten, sie sagt, dass ich ganz nach meiner Uroma komme, und das kann ich schlecht beurteilen, aber freue mich trotzdem. Irgendwann schläft dann mein linkes Bein ganz fürchterlich ein, wegen des schweren Albums. Leider sind wir noch nicht ganz durch, aber ich verspreche, bald wiederzukommen und den Rest der Bilder anzusehen. Vom Umzug ins Ruhrgebiet und den ersten Hosen nach Jahrzehntelangem Röcke- und Kleidertragen...

die nervigsten Elternsprüche und wie man sich davon befreit (13.03.18)

Liebe liebe Krummelus, lass mich  niemals werden groß! Sagte schon Pippi Langstrumpf und genau deshalb, deshalb sollte man öfter auf anderer Leuts Gepäckträgern durch die abendliche  Innenstadt fahren und mit der Ukulele am Bahnsteig stehen und singen, als gäbe es kein Morgen mehr. Und sich vor allem für nichts schämen, weil Schämen doof ist. Wer andern eine Grube gräbt, hat Gold im Mund. Das ist die vollkommen passende Überleitung zu den Sprüchen, die einem das Leben eng machen: Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, wird gegessen was auf ebendiesen Tisch kommt - ohne Gemüseaufessen keinen Nachtisch, Teller leer essen, sonst wird das Wetter schlecht und man bekommt viereckige Augen. Und Kinder die was wollen, sagen nie das Zauberwort. Sie schaffen den Bollen nicht, weil die Augen mal wieder größer waren als der Magen. Wer feiern kann, der kann auch aufstehen und zum Gottesdienst gehen und vor allem danach noch zum Spaziergang mitkommen. Aber man darf abends nicht zu lange lesen, sonst heißt es: "Du hast morgen früh Schule". Oder man muss "jetzt ausmachen", weil es "das letzte Mal ist". Wenn man dann Widerworte gibt, heißt es, dass man nicht immer das letzte Wort haben soll und nicht rumschreien, "ich bin doch nicht taub!" Außerdem spricht man nicht so mit seiner Mutter/seinem Vater! Nicht in diesem Ton, Fräulein! Oft wird man auch gefragt, ob man denn nicht richtig zugehört habe und überhaupt, man bekommt KEIN Haustier -die machen nur Dreck- und damit BASTA! Mach mal die Augen zu, dann siehst du was du bekommst! Und wenn man dann immer noch "frech wird", setzt es gleich was, und "es ist mir egal was die anderen dürfen, wenn die anderen Kinder von der Brücke springen, springst du dann auch?" Und die XY soll man "auch mal mitspielen lassen", obwohl sie immer blöd ist und  alles bestimmen will! In der Schule darf man nicht kippeln, sonst "brichst du dir das Genick!" Und mit vollem Mund spricht man nicht, Süßigkeiten verursachen Karies und "vielleicht kaufen wir dir das beim nächsten Mal! Oder du kannst ja dafür sparen." Messer rechts, Gabel links, das hab ich dir schon tausend Mal gesagt! Manchmal muss man halt Sachen machen, die man nicht will. Jetzt stell dich nicht dümmer als du bist! Zieh dir die Schuhe aus wenn du reinkommst, ich hab grade gesaugt! Und wenn es dunkel wird, bist du zuhause! (Mittlerweile habe ich vor lauter Empörung vergessen, Anführungszeichen zu setzen) Am Allerschlimmsten ist natürlich: "Dafür bist du noch zu klein, das verstehst du noch nicht", sowie "ich diskutiere das jetzt nicht mit dir!" Gänsehaut pur! 

man ist immer so alt wie man sich fühlt (13.03.18)

Hey, mittlerweile bin ich 23. Und lebe nach dem Prinzip: Was du heute kannst besorge, das... mach am besten erst nächste Woche. Mein Mitbewohner ist da ganz meiner Meinung, er proklamiert in unserer Küche: "Der frühe Vogel fängt sich gleich eine!" Wir sind also konform mit einer blödsinnigen, zeitverschwenderischen Lebensweise, wie es uns in den Kram passt. Und dazu gehört eben auch, um 11 Uhr nachts den Flur zu streichen, mit Abkleben und fehlender Fußbodenabdeckfolie, weshalb wir Zeitung nehmen, die verrutscht natürlich. Es wird alles ganz fleckig und um drei Uhr morgens haben wir leider keine Farbe mehr. Und auch keine Lust, also setzen wir uns aufs Sofa und quatschen noch eine Stunde, dann schlafen wir ein und das Projekt liegt seitdem auf Eis, bzw. der Boden voller Zeitung und Eimer, über die man nachts stolpert. Am nächsten Morgen sind die Ex-Mitbewohner da, die mittlerweile als Pärchen in eine gemeinsame Wohnung gezogen sind, die "so schön ruhig ist", man müsste ja auch soooo viel arbeiten. Die beiden sitzen auf unserem Küchensofa und tunken synchron ihre Teebeutel in die Tassen (nachdem schon Wasser drin ist, so zieht der doch niemals richtig, denke ich! Wie im Cafe, wo der Teebeutel auch immer zum heißen Wasser dazugelegt wird, komplett bescheuert) und erzählen von Wohnungseinrichtungen und Arbeit und no-carb-Frühstück und teuren Restaurants und sooo viel Arbeit, und man müsste ja auch Zeit für die Beziehung haben. Call me spießig, aber ich bin froh, dass ich mich nach kurzer Zeit zum Babysitten verabschieden kann, wo ich mit drei coolen Kindern vom Spielplatz aus einen bewaldeten Hang hochkraxele und wir oben die Aussicht auf unseren Stadtteil genießen. Die Vierjährige findet: "Ich hab so ganz viel Wald in den Schuhen!" Ihr großer Bruder sammelt derweil Waldmünzen (Eichelhütchen), beide Taschen voll, als es nachmittag vom Turme scholl. Sie rutschen auf dem Hosenboden den Berg wieder hinunter und später lese ich Märchen vor und lasse auf mir herumklettern. Als ich nach Hause fahre, finde ich auf der Straße eine Unterbettkiste, wie ich sie schon lange selber bauen wollte. Schließe kurzerhand mein Rad dort an und schleppe die Kiste in die Bahn, und jeder, der schonmal an einem Samstagabend mit einer riesigen Unterbettkiste durch den Bochumer Hbf spaziert ist, der weiß, was es heißt, wenn es heißt "die Leute gucken schon". Das ist mir aber egal, weil es auf dem Weg zur WG nach den ersten Frühlingsregen gibt und es nach Angrillen riecht und ich werde ganz neidisch. So viel  zu unvernünftigen Aktionen. Fortsetzung folgt!

 

The decaf-quest (8.3.18)

Auf der Suche nach koffeinfreiem Kaffee führt mich mein Weg in eine Bäckerei. Dort, an der längsten Theke der Welt, weiß ich erst mal gar nicht, wo ich überhaupt meine Bestellung aufgeben soll. Laufe einmal von links nach rechts an der L-förmigen Auslage entlang, was zehn Minuten dauert. Dann wieder zurück, wo mittlerweile zwei Kundinnen angekommen sind, die nun vor mir bedient werden. Mist. Warte ich halt nochmal zehn Minuten. Es sind drei Verkäuferinnen da, eine wendet sich mir gütigst zu: "Wer bekommt?" Das ist auch so eine meiner Lieblingsphrasen im Bäckerei- und Metzgereisektor. Wobei, Metzgerei könnte ich jetzt nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, da war ich ewig nicht. Ersetzen wir also Metzgerei durch Käsetheke. Und endlich darf ich bestellen: "Ein koffeinfreier Kaffee zum hier Trinken bitte." Die Verkäuferin: "Zum Mitnehmen?" Ich:  "Nein, zum Hier trinken. Sie haben doch koffeinfreien Kaffee oder?" Sie: "Wir haben bis 19 Uhr auf." Ich: "Ja, aber der Kaffee, der ist doch ohne Koffein oder?" Sie: "Die Kollegin bedient Sie, einmal zur Ausgabe bitte!" Ich stiefele also wieder an der Theke entlang, komme verschwitzt zur Ausgabe=Kasse, wo eine andere Verkäuferin bereits auf mich wartet. Sie fragt: Einmal einen normalen Kaffee? Ich: "Ja, nur ohne Koffein." Sie: "Ja, also ganz normal!" Ich antworte darauf nicht, sondern bezahle stumm. Die Brotschneidemaschine schneidet so brutal Brot, dass  man sein eigenes Brot, äh, Wort nicht versteht. Ich bekomme meinen Kaffee und meinen Keks und während ich mich in eine schlecht einsehbare Ecke setze, um ungestört heimlich mitgebrachte Milch in meinen Kaffee zu schütten, weil ich Kondensmilch als pervertierte Form der Laktoseprodukte betrachte, bestellt ein anderer Kunde, der sich wohl schon seit geraumer Zeit in der Bäckerei aufhält. Die Verkäuferin fragt: "Wie kann ich Ihnen helfen?" Er: "Kaffee." Dann eine lange Kunstpause. Schließlich fügt er gedehnt hinzu: "Und eine Wurstrolle!" Die Wurstrolle ist die Weiterentwicklung der Bifi-Roll, die ich als Kind an der Tankstelle bekam, wenn ich samstags mit Vati zum Einkaufen ging. An diese denke ich nun  mit aufgestellten Nackenhaaren zurück - und finde, dass die Wurstrolle natürlich deutlich mehr Klasse hat. 

Etwas flitzpiepige Waschmaschinen-Handlettering-Theologie