Weihnachtsmarktimpressionen (7.12.18)

Jetzt ist es also wieder so weit, die Zeit der 36 Grad ist lange vorbei, genauso wie das Reformationsfest und die Stutenkerle sind auch mittlerweile aufgegessen, die Menschheit braucht also Nachschub in Sachen Jubel, Trubel, Heiterkeit. Oder, wie es Anfang Dezember vielleicht passender ist: Husten, Trubel, Heiserkeit. Weihnachtsmarkt also. Mit meinen Mitbewohnern bin ich um 18:45 Uhr vor dem Hauptbahnhofseingang verabredet, wir wollen "Heiss-wein" trinken, wie unsere türkischstämmige Wohnungsteilhaberin es letztens so treffend formulierte. Es ist nur leider um Viertel vor Sieben keiner da, hm. Um mich herum lauter suchende Augenpaare der Menschen, die sich ebenfalls an diesem Platz verabredet haben und  nun hektisch herumtelefonieren, man schnappt Wortfetzen auf wie "Ja wie, du bist auch hier? Wir stehen doch genau vor dem Eingang, rechte Tür, wir können uns gar nicht verpassen!" Auf dem Weihnachtsmarkt ist man doch irgendwie immer nur damit beschäftigt, Menschen zu suchen. Oder die Duftkumulationen zu verarbeiten. Es geht los mit Jagertee, Crepes, gebrannten Mandeln, Zuckerwatte, Flammlachs, Bratwurst, chinesischen Nudeln, Churros, französischen Käse- und Wurstspezialitäten und auf dem Mittelaltermarkt (der in den letzten Jahren immens an Beliebtheit gewonnen hat!) dazu Fleischspieße, Spanfertkel, Met und Knoblauchbrot. Wem da noch nicht schlecht geworden ist, der hat wirklich einen stabilen Magen. Und einen großen Geldbeutel, denn die ganzen Kulinaritäten können einen wirklich um ein Monatsgehalt bringen. Wenn man mit dem Essen fertig ist, guckt man noch an den Kunstgewerbeständen vorbei, den alternativen Räucherstäbchen-Schuppen, den Lichter- und Sterne-Hütten, den Mützen- und Schal-Angeboten und sammelt Inspirationen dafür, was man sich definitiv nie, niemals in die Wohnung stellen würde. Man ist auch sowieso nicht mehr aufnahmefähig. Menschengruppen drängeln, Polizistengruppen gönnen sich einen Grog im Dienst, man hört noch aus der Mittelalterecke einen Dudelsackspieler, Trommeln und schreiende Kinder, dazu das scheppernde "Jingle Bells" der Fahrgeschäfte. Ich laufe an einem Mann vorbei, der wie wild auf sein Smartphone einhämmert. Will er es wohl zerstören, frage ich mich- letztlich ist es aber wohl nur eine sehr ambitioniert-verzweifelte Partie Candy-Crush, ich kenne mich damit nicht so aus. Ungeahnte Brutalität mitten in einem Hort der Besinnlichkeit und des Konsums. Als letztes, auf dem Weg zurück zum Hauptbahnhof geht es noch durchs Märchenland, in jeder der kleinen Hütten wird ein anderes Märchen von kleinen Püppchen dargestellt. Etwas makaber, aber auch niedlich, denke ich und rate um welche Geschichten es sich jeweils handelt. Die Menschenmassen haben sich längst ausgedünnt, nur noch einzelne Mandel-stände säumen meinen Weg, jugendliche Mädchen sitzen hinter dem Glastresen und warten auf nicht vorhandene Kunden. Das Resumee zum Weihnachtsmarktbesuch lautet also: Es ist laut, teuer, voll und stressig- man nimmt sich jedes Jahr vor, nicht mehr hinzugehen. Und dann geht man doch wieder hin. Das ist er wohl, der Zauber des Advents...

Backöfen und Fruchtfliegen (27.11.18)

Vor vier Wochen hat meine liebe Mitbewohnerin unseren alten (sehr alten) Backofen geschrottet, das Scharnier der Klappe ist abgebrochen. Seitdem haben wir einen klappenlosen Backofen und können keinen Kuchen und keine Plätzchen backen, was sehr traurig ist. Wir erinnerten also in regelmäßigen Abständen daran, dass man sich wohl darum kümmern müsse. Nach nur drei Wochen Bearbeitungszeit steht also nun seit gestern abend ein nicht eingebauter Backofen bei uns in der Küche rum. Die Frage ist nun, wie lange es wohl dauern wird, bis das alte Gerät aus der Anrichte ausmontiert, abgestöpselt und ohne bleibende Schäden bei Mitbewohnern oder Interieur aus dem dritten Stock zum Wertstoffhof transportiert ist. Geschweige denn, das neue Ding eingebaut. Man braucht nämlich ein Düsometer, ein Strommessgerät. Mir ist bei der ganzen Sache nicht so wohl, vor allem, weil mein Mitbewohner sich brüstet, das Anschließen zu übernehmen. Parallel dazu findet er aber auch, dass ich mich als Hauptobstkonsumentin darum kümmern müsste, die Fruchtfliegen loszuwerden, die sich hartnäckig bei uns in der Küche aufhalten. Meine andere Mitbewohnerin ist allerdings der Meinung, die Fliegen kämen aus dem Restmüll, der in einem viel zu großen, schweren Mülleimer bei uns in der Küche regelmäßig darauf wartet, runtergebracht zu werden. Um diese Aufgabe drückt sich allerdings jeder, weil es ein unheimliches Gefiddel und ein Kraftakt ist, die volle, schwere Tüte aus dem Eimer herauszubekommen, ohne dass besagte Tüte reißt und sich der Inhalt über den Küchenboden ergießt. Alles schon vorgekommen. Es wird also für neue, kleinere Mülleimer votiert, bis dieser Vorschlag allerdings durchgebracht und realisiert ist (denn das bedeutet ja wiederum, die alten, sehr großen Metalleimer zu entsorgen, (an dieser Stelle erinnere ich wieder an den Wertstoffhof) und neue zu kaufen. Es ist schon wirklich ein teuflischer Kreislauf. Ich für meinen Teil betrachte die Fruchtfliegen als Haustiere und störe mich nicht an ihnen. Wir symbiosieren gut miteinander und ich finde, bevor wir dieses Problem angehen, sollte erstmal der Backofen wieder funktionieren, eins nach dem Anderen. Ein nicht abreißender Strom (haha) zu erledigender Aufgaben...

Borgholzhausen (25.11.18)

Borgholzhausen hat keine Innenstadt, möchte ich meinen. Das Ehepaar, das uns im Auto mitgenommen hat, hat es aber so beschrieben, was sie mir gleich sehr sympatisch gemacht hat! Und das kam so: Seit einiger Zeit hatten zwei Freundinnen und ich geplant, eine Etappe auf dem Hermannnsweg zu wandern und zwar von Halle(Westf.) nach Bielefeld. Wie es dann manchmal kommt, wurde leider eine Freundin krank und so machten wir uns zu zweit auf den Weg, bei Eiseskälte, Nebel und Schneeregen. Wir trafen und am ZOB in Halle (Metropolen-Alarm!) und besahen uns die Karte, dann ging es los. Ich trug nur eine Thermostrumpfhose und ein langes Oberteil, und meine Wanderschuhe hatte ich aus welchen gedankenlosen Gründen auch immer zuhause gelassen. Weil sie immer so klobig und schwer sind. An diesem Tag wären sie allerdings von Nutzen gewesen. Bergauf, bergab, Matsche und vor allem: fiese spitze Eisstücke, die von den Ästen der Bäume herabprasselten. So etwas Skurriles und gleichzeitig faszinierend schönes hatte ich tatsächlich noch nicht gesehen. Unzählige rechteckige Eisbrocken, die man auch als Wurfgeschosse hätte benutzen können, knisterten und knackten, als wir darüber stapften. Tatsächlich waren meine Schuhe am Ende der Wanderung nicht so nass wie man hätte meinen können, das Imprägnierspray erfüllte anscheinend gute Zwecke. Dafür merkten wir nach dreieinhalb Stunden wandern, dass wir die ganze Zeit in die falsche Richtung gelaufen waren. Auf einem Schild stand: Bielefeld 23 Km. Also änderten wir kurzentschlossen unseren Plan und näherten uns besagtem Borgholzhausen, einer Bastion der Neubaugebiete und Gemeinschaftszentren. Nur ein Bahnhof war nicht in Sicht und meine Hände fingen schon an, jegliches Gefühl zu verlieren, als aus einer Haustür ein älteres Ehepaar heraustrat. Auf meine Frage, wo denn der Bahnhof wäre, kam die obligatorische Antwort: "Oh, das ist aber noch ein ganzes Stück" In Gedanken verdrehte ich die Augen. Da meinten die beiden: "Steigen Sie ein, wir fahren da sowieso vorbei!" Überglücklich trampten wir also das Stück bis zum Bahnhof und konnten unser Glück kaum fassen, dass es noch so nette Menschen in Ostwestfalen gibt. Sie erzählten uns vom Adventsmarkt in der "Innenstadt" und luden uns herzlich zu diesem Event der Events ein. Als wir schließlich wieder am Hauptbahnhof angekommen waren und vor einer Tasse Schnellrestraurantscappuccino saßen (es war die einzige Möglichkeit an Kaffee und eine Sitzgelegenheit zu kommen, unter anderen Umständen hätte ich dieses kapitalistische amerikanische Unternehmen natürlich gemieden), dachte ich, was es doch für ein schöner Tag gewesen war. Und irgendwann spürte ich dann auch meine Füße wieder.

Universität- Subjektivität-Realität (23.11.18)

Vor einiger Zeit hielt ein großer deutscher Politiker eine große flammende Rede in einer großen überregionalen Zeitung, anlässlich einer großen Feier, es ging um eine große deutsche Universität. Der Politiker sprach sich sehr für den universitären Kontext und alles was damit zusammenhängt, aus: Es war von der Erhaltung der Demokratie die Rede, von Verantwortung und Freiheit und der akademischen Suche nach Wahrheit. Die Studierenden würden im Laufe ihrer Zeit dort eine enorme persönliche Weiterentwicklung erleben, und er hoffe, dass sie sich dieses Privilegs und der Bedeutung frei zugänglichen Wissens bewusst seien.

Als ich die abgedruckte Rede las, musste ich ein bisschen lachen.

Bei mir geht es nämlich in der Uni hauptsächlich um andere Sachen. Es geht um Sprechstundenzeiten schlechtgelaunter Mitarbeiter irgendwelcher Lehrstühle, bei denen ich mir Dinge anrechnen lassen muss. Diese Angestellten helfen mir beim Einsortieren irgendwelcher Leistungen, die ich bereits erbracht habe, in irgendwelche Computersysteme. Dann muss ich noch Module abschließen, Creditpointexcelberechnungen erstellen und die Passwörter, um in den Onlinekurs der Vorlesung XY eingeschrieben werden zu können, funktionieren nicht. Geschweige denn die Card-reader, mithilfe derer ich mich in das Campussystem einloggen kann. "Sie konnten nicht angemeldet werden, aus folgenden Gründen:" Und dann folgt eine Reihe von IT-Problematiken, die mich eher wenig interessieren.

Im Seminar sitzen die Leute oft stumm hinter ihren Tablets, Laptops und ihren großen Wasserflaschen, man hört sich mediokre Referate an oder schlägt sich mit nervigen Powerpointprogrammen herum und die Teilnehmer haben selten eine Meinung zu irgendetwas. Die Lautsprecher im Raum sind zu laut oder zu leise eingestelllt und in Diskussionen mit dem Prof kommt heraus, dass niemand den Text so richtig gelesen oder verstanden hat. Betretenes Schweigen.

Manche hören sich aber auch selbst sehr gerne reden, vor allem wenn sie einen coolen amerikanischen Dialekt vorweisen können, wenn sie einen englischen Text vorlesen. Dann wiederum gibt es die, die überhaupt kein englisches TH-aussprechen können und fragen, wer denn bitteschön dieser "Shakespeare" gewesen sei. Abgesehen davon erschlagen einen die vielen -isms. Capitalism, Communism, Marxism, Poststructuralism, Socialism, Fordism, Neoliberalism, No-Idea-ism.

Lieber Herr Politiker, so schön ich das Pathos in Ihrer Rede auch fand, die Realität sieht an manchen Ecken leider anders aus. Auch wenn sie sicherlich irgendwo verborgen liegt, diese ominöse Wahrheit, die Freiheit und die Weiterentwicklung.

 

Ein weiter(er) Schritt in Richtung Öko (14.11.18)

Jeden Morgen fahre ich an einer Art Hof vorbei, im Garten grasen Ziegen und man kann die Hühner scharren sehen. Dort steht auch ein riesiger Apfelbaum, der anscheinend wenig Beachtung findet- also mache ich den Besitzer des Hofes ausfindig und rufe ihn an. Auf meine Frage, ob ich die Äpfel für ihn ernten dürfe, reagiert er misstrauisch- er hat wohl Angst, dass ich die Äste abbrechen könnte. Natürlich, liegt ja auch nahe denke ich. Ich lebe meinen Vandalismuswahn an einem alten Baum aus, klar. Nachdem ich ihm versichere, dass ich "erfahren im Pflücken bin" und nicht intendiere, irgendwas zu zerstören, machen wir einen Termin aus und ich darf vorbeikommen. An einem sonnigen Nachmittag starte ich also mal wieder ein ökologisches Apfelrettungsprojekt. Der Hofinhaber wundert sich ein bisschen, als ich ohne Kiste, dafür aber mit Fahrrad angefahren komme, lässt mir dann aber freie Hand beim Ernten. Als ich ihn frage, ob die Ziegen ihm gehören, antwortet er trocken: "wieso, brauchense auch nochn paar Ziegen?" Interessanterweise gehören die Ziegen ihm anscheinend selbst auch nicht wirklich, mal mehr und mal weniger, so drückt er es aus. Ziegen sind ja auch an und für sich sehr freie Tiere, das habe ich ja bereits vor zwei Wochen festgestellt auf dem Ökohof bei Berlin. Daher wahrscheinlich seine vage Aussage. Als ich ihm massenweise Äpfel stapele, taut er langsam auf und beginnt von seiner Arbeit zu erzählen, und als brave, einschmeichelnde Zuhörerin nicke ich fleißig und mache lobende Kommentare zu seinem kleinen Anwesen, weil ich auf die Erlaubnis der Erlaubnisse hoffe- die dann auch kommt: "Also, wenn Se wollen, könnense auch nochmal vorbeikommen und sich Äpfel mitnehmen- und wenn jemand schimpft, sagense, ich habs Ihnen erlaubt." Strike, denke ich, als ich meinen schweren Jutebeutel auf meinen Korb hieve und mich dankend von ihm verabschiede. Ein Hoch auf mutiges Nachfragen!

 

Die schwarze Witwe (12.11.18)

Montags habe ich immer von 14-16 Uhr ein Seminar, und regelmäßig komme ich als letzte in den Raum geschlichen, weil ich noch im Botanischen Garten Gemüse mitgenommen habe. Jedes und wirklich JEDES MAL trägt unsere Seminarleiterin den gleichen schwarzen Hosenanzug mit schwarzem Shirt darunter. Das wirkt ob ihrer hageren, leicht habichtartigen Gestalt etwas düster, ironischerweise soll es inhaltlich in der Veranstaltung allerdings hauptsächlich um Kreativität gehen- mit meinem verurteilenden Klischeedenken würde ich unsere Lehrende jetzt ganz spontan nicht zu den Kreativsten Menschen meines Umfelds zählen. Heute soll es um Individualität gehen und der vorzubereitende Text war ellenlang, wir sind also alle eher semi-motiviert. Tatsächlich wird es dann eine höchst inspirierende, angeregte Diskussion, wie ich sie mir für die Uni noch viel öfter wünschen würde. Vor allem, weil ich auf meinem Pullover plötzlich eine kleine schwarze Minispinne finde, die zur Unterhaltung ein wenig beiträgt, als ich sie auf meinem Stift herumspazieren lasse. Als die Diskussion sich gerade um die Vorteile von Print-medien gegenüber mobilen Endgeräten dreht (meinen Text habe ich mal wieder so umweltfreundlich wie möglich doppelseitig und mit vier Seiten auf eine Seite gequetscht gedruckt) hat eine der drei obligatorischen Erasmusstudenten keine Möglichkeit, auf das Internet zuzugreifen. Daraufhin meint unsere Seminarleiterin sarkastisch: "Sehen Sie, da ist doch eine kleine Spinne auf dem Tisch, vielleicht hat die ja Netz für Sie". Und genau dieser Kommentar hat dafür gesorgt, dass die Atmosphäre im Raum um Längen besser wurde- wenn es doch nur mehr solcher ironisch veranlagten Dozenten gäbe...

HPV-Verun(gl)impfung (9.11.18)

Vor circa zehn Jahren wurde ein Impfstoff von der Pharmaindustrie herausgebracht, der gegen die sexuell übertragbaren HPV-Viren schützen soll. Damals hieß es, man solle sich als Mädchen am besten  noch vor dem achtzehnten Lebensjahr impfen lassen, da nur so lange die Kosten von den Krankenkassen übernommen werden. Bis heute habe ich mich allerdings nicht impfen lassen- teils aus Bequemlichkeit, teils aus Unsicherheit über die Wirkungen einer solchen Impfung. Der Impfstoff war schließlich noch relativ unerforscht und man war sich nicht über die Langzeitwirkungen einig. Dennoch gab es eine durch die Werbung angefeuerte regelrechte Impfwelle und ich wurde schief angesehen, weil ich dem Trend damals nicht folgte. Mittlerweile bin ich 23 und stelle mir mal wieder die Frage, ob es nicht vielleicht doch angebracht wäre. Vor allem, weil die Krankenkasse die Kosten anscheinend doch noch bis zum 25. Lebensjahr übernimmt. Die Impfung wird spätestens vor dem ersten Geschlechtsverkehr empfohlen, da sich dadurch das Risiko für eine Infektion erhöht- Kritiker bemängeln allerdings, dass die Impfung nicht, wie gerne behauptet wird, gegen Gebärmutterhalskrebs generell schützt, sondern nur gegen zwei der Risikofaktoren, die die Krankheit begünstigen. Außerdem steht die Frage im Raum, weshalb die Impfung in manchen anderen Ländern bereits wieder vom Markt genommen wurde. Langzeitstudien gibt es ebenfalls noch keine, man weiß also nicht, wie der Stoff im Körper nach zwanzig Jahren wirken könnte- beziehungsweise, ob er er sogar seine Wirkung verliert. Ein weiteres Problem, das einige Eltern bei ihren Töchtern wahrnehmen, ist die Zahl der Impfkomplikationen, die auftreten: Es treten doppelt so viele Beschwerden auf wie die Krankheit, vor denen Impfungen schützen sollen. Fest steht, dass der wirtschaftliche Faktor eine große Rolle spielt, denn je mehr Mädchen und junge Frauen sich impfen lassen, desto mehr Geld wird verdient. Wenn die HPV-Viren sexuell übertragbar sind, wäre es dann nicht angebracht, sich mit Prävention für Männer auseinanderzusetzen? Die öffentliche Diskussion um das Thema hat sich mittlerweile beruhigt, dennoch bin ich nicht wirklich überzeugt von diesem "Wunderstoff". Vielleicht würde mein Körper die Impfungen gar nicht vertragen? Naja, zwei Jahre habe ich ja noch Zeit um mich zu entscheiden...

Ein Öko-Hof-Wochenende im Osten (3.11.18)

Zwei Freundinnen von mir haben ein freiwilliges ökologisches Jahr in Brandenburg gemacht, nördlich von Berlin. Weil ich mir schon lange vorgenommen habe, sie einmal zu besuchen, packe ich meine Sachen, buche ein günstiges Flixbus ticket und mache mich auf die Socken. Verpasse am Bussteig ganz knapp mein Transportmittel, springe in den nächsten Zug nach Dortmund, wo der Bus als nächstes hinfährt und hoffe, ihn dort noch zu erwischen. Ist tatsächlich auch der Fall, ich komme als letzte Fahrgästin angejagt, bevor der Fahrer die Tür schließt. Darauf folgen etliche Stunden in sitzender, lesender tranceartiger Tätigkeit, die Bäume am Autobahnrand ziehen an mir vorbei, bis irgendwann die Hauptstadt naht, wo ich dann vom ZOB in die Ringbahn zum Ostkreuz-bahnhof muss, von wo aus natürlich nur einmal stündlich der Zug zu meinem Endziel fährt, den ich ebenfalls knapp verpasse. Also eine Stunde an einem der hässlichsten Bahnhöfe Berlins rumhängen. Ich mag Berlin nicht, überhaupt nicht. Aber letztlich komme ich dann an, bei meinen Freundinnen, die gerade dabei sind, in der Wohnung Holzlöffel zu schnitzen und sich gegenseitig vorzulesen. Bei Kerzenschein unterhalten wir uns und gehen früh ins Bett, um am nächsten Morgen zeitig (grausam für mich als Studentin) aufzustehen. Um halb sieben klingelt der Wecker, wie in Trance erhebe ich mich von meinem Sofa (das ich mal wieder einem Bett vorziehe) und wir verlassen das Haus in Richtung Bio-Hof, wo meine Freundin arbeitet. Und dann startet das Tagesprogramm: Wir füttern und melken Ziegen, streicheln Kätzchen. Als nächstes bringen wir die Ziegen auf die Weide, es mutet an wie ein Almauftrieb. Dann ernten wir mit anderen zusammen verschiedene Gemüsearten auf dem Feld, die am nächten Tag auf dem Markt in Berlin verkauft werden sollen. Mittags wird Grünkohl mit Tomaten gekocht, wir scharen uns in der kleinen Küche und trinken Kaffee wahlweise mit Ziegen-oder Sojamilch, und Ziegenmilch im Espresso ist WIRKLICH etwas gewöhnungsbedürftig. Auf dem Hof wird auch Käse hergestellt, was ganz schön spannend ist. Die Sonne scheint und ich packe Kartoffeln und Hokkaido-Kürbisse in Kisten um, die wir dann in den Transporter laden. Weil ich dann immer noch Zeit habe, miste ich die Pferdeboxen aus, um als Tagesabschluss die Pferde von der Weide zu holen, bevor es dunkel wird. Dann wird Yogitee getrunken und man liest Biozeitschriften, bis das Lagerfeuer mit Stockbrot startet. Wir latschen zum Bahnhof, um dort zu erfahren, dass der Zug ausfällt. Wir latschen zurück, wärmen uns am Feuer, latschen wieder zum Bahnhof, um über Umsteigen zurück zur Wohnung zu kommen. Bilanz des Tages: Viel frische Luft, viel Herumlaufen, kalte Hände, dreckige und nasse Schuhe, keine Smartphonenutzung. Und vor allem: erschöpfte Zufriedenheit. In dieser Nacht schlafe ich elf Stunden.

Kaffee-Kalamitäten (24.10.18)

Was für ein blöder Tagesstart, wenn der Espressokocher unten kaputt ist und ich deshalb auf die Senseopadmaschine meiner Mitbewohnerin angewiesen bin. Und wieviel blöder ist es, wenn ich dann in der Uni ankomme und dort merke, dass der gesamte Kaffee aus dem Thermobecher ausgelaufen ist und ich jetzt aber ganz dringend Kaffee brauche, weil es nun  mal morgens ist und ich ständig müde. Also den Notfallespresso in Tütchen mit Heißwasser aus der Cafeteria, 10 Cent. Und dann flockt auch noch die Milch aus, die ich hineinschütte. Mit diesem Gesöff also dann auf zum IT-pool, wo ich blöderweise aus Versehen am Farbdrucker nicht die Schwarz-weiß-Funktion einstelle und deshalb dreimal so viel bezahlen muss wie normalerweise schon. Außerdem ist die Hälfte  meiner Arbeitsblätter und Karteikarten voller Kaffee. Super, echt. So sehr sehne ich mich zurück nach dem wunderbaren Espresso aus selbstgemahlenen Bohnen, zubereitet in einer krassen Espressomaschine mit Siebträger, und richtiger Crema oben drauf. Was nichts kostet ist eben auch nichts und so begebe ich mich bei Ebay- Kleinenanzeigen sowohl auf die Suche nach Espressomaschinen als auch nach Laserdruckern. Damit ich in Zukunft weniger Papier verschwende und wieder guten Kaffee mit in die Uni nehmen darf. Der Transport eines Espressos in einem Thermobecher ist allerdings schon an sich eine Freveltat...

Es ist mal wieder Zeit für einen Besuch in der Hansestadt, und der Sparpreis der Bahn lässt mich um sechs Uhr morgens aus dem Bett fallen, katastrophale Morgenstunde für müde Studentinnen, die am Abend vorher viel zu lange Gesellschaftsspiele bei Freunden gespielt haben. Im Intercity schlafe ich also konsequent weiter und komme um halb elf sehr zerknautscht am Hauptbahnhof an, von da aus laufe ich frierend und humpelnd (in Hamburg ist es kälter als im Ruhrgebiet und am Tag vorher hab ich mich mit dem Rad langgelegt) über die Mönckebergstraße Richtung Nordwest, mein Plan: mit Stadtplan eine kleine Wanderung nach Eidelstedt. An der Alster und der Uni vorbei, durch Eimsbüttel, wo die fancy Läden sich aneinanderreihen, die Osterstraße ist eine Kulmination cooler Menschen. Und conceptstores überall. Weiter durch Stellingen, wo es  gemütlich kleingärtnerisch wird, am Hagenbecker Tierpark vorbei, wo ich leider nicht reingehe, weil mir der Eintritt mal wieder zu teuer ist. Komme in der Wohnung der Wohnungen an, vorher noch schnell eine Geschenkblume gekauft. Schlüssel liegt für mich bereit, und Kaffee kann ich mir mit der coolen Espressomaschine fast selber machen. Mein großzügiger Gastgeber/ Onkel kommt von der Arbeit nach Hause und wir chillen gemütlich, auf Holzdielen mit hyggeligen Wolldecken aus Dänemark. Abends dann noch ein bisschen über den Markt und zum Buchladen, man kennt sich, grüßt sich, Eidelstedt ist so wunderbar bodenständig. Senioren und Hausfrauen trinken Filterkaffee in den Bäckereien und abends koche ich mit Linsen, es gibt viele süße Äpfel aus dem kleinen Garten hinter dem Haus, ganz kleine Früchte, eine alte Sorte. Wir schauen Tier- und Reisedokus und schnacken, klönen, irgendwann penne ich auf dem Klippansofa ein, mit angewinkelten Beinen wie ich es von meinen Besuchen in der Münsteraner WG schon gewohnt bin. Die Schürfwunde am Knie meldet sich regelmäßig, auch am nächsten Morgen als wir auf dem Balkon frühstücken (kalt! kalt!) und den besten selbst gemachten Espresso der Welt trinken. Onkelchen hat Bio-Joghurt im Glas, der ungefähr dreimal so teuer ist wie der, den ich gewohnt bin zu kaufen. Irgendwann fahren wir mit der S-Bahn nach Aumühle und gehen in den nach Laubstaub riechenden Wald, und ins Schmetterlinghaus, ein wunderbarer tropischer, unwirklicher, fast mystischer Ort. Und eben voller Metterschlinge. Auf unserer Wanderung durch den Sachsenwald treffen wir verschiedenerlei Pferde, ich humpele nach wie vor und wir trinken Kaffee. Die Sonne scheint und das Glück ist schon irgendwie relativ nah. Abends dann schnell zum Discounter (auch hier kennt man sich, wir stellen uns bei der Kassiererin des Vertrauens an) und in der kleinen Küche kochen, ich bin zu faul zum Duschen und riskiere fettige Haare. Altbaubadezimmer sind immer so kalt. Morgens dann unaufgeregt wieder direkt vom Balkon (Onkel hat Croissants gekauft!) in die Innenstadt, mit dem Schiff nach Finkenwerder, an der Elbe Kaffee trinken und schließlich noch schnell zum Edeka im Hauptbahnhof, etwas für die Fahrt kaufen. Fehler, viel zu voll, zu teuer. Aber da, eine Kiste mit zwei Orangen und Lauch! DAs geübte Auge weiß: Hier wird etwas weggeschmissen. Frage die Kassierin ob ich den "Müll" mitnehmen dürfe. Sie macht eine unwirsche Handbewegung und flugs, schon habe ich wieder Obst und Gemüse gerettet. Kaufe dann auch nix mehr, keine Zeit für die lange Kassenschlange. Dann schon wieder zurück in den Zug, die Zeit ging viel zu schnell rum, wenn man die Möglichkeit hat, in einer so schönen Wohnung zu wohnen. Von solchen Holzdielen träumt unsere WG leider nur...

 

Mitbewohner gesucht! (16.10.18)

Es ist soweit, wir brauchen einen neuen Mitbewohner. Der alte möchte lieber alleine wohnen, vielleicht haben wir zu oft noch abends lange in der Küche gesessen und über Politik pseudofachsimpelt. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wer als nächstes bei uns einzieht? Flugs wird eine Anzeige erstellt und bei WG-gesucht hochgeladen, wie man das eben so macht, und dann trudeln innerhalb weniger Tage fünfzig Anfragen bei uns ein. Und die muss man ja dann auch erst mal sortieren. Die Frage ist: Was wollen wir überhaupt? Einen motivierten, interessierten, sportlichen, lustigen, intelligenten, gewissenhaften Studenten? Ist sie utopisch, die Suche nach dem perfekten Bewohner? Wir filtern die Ergebnisse und kommen schließlich auf zwölf Bewerber, die wir in den engeren Kreis aufnehmen. Anfragen, die nicht mehr beinhalten als "Ist der Zimmer noch frei? Ich interessiere. Danke" machen uns eher skeptisch, was die Motivation bezüglich des Wohnens angeht. Nachdem der erste Schritt geschafft ist, geht es an die Terminfindung. Und das ist nicht, und ich betone an dieser Stelle, NICHT einfach! Mit vier Leuten und vier verschiedenen Alltägen eine Übereinstimmung zu finden. Dazu kommt, dass unser geschätzter jetziger Mitbewohner wie oben beschrieben gerne früh ins Bett geht, was in der Hinsicht problematisch wird, als dass wir um halb elf abends Schwierigkeiten bekommen könnten, den Interessenten besagtes Zimmer zu zeigen. Ein klassischer Interessenkonflikt. An einem unverschämt sonnigen Sonntag haben wir also sieben Besichtigungen, was für mich eine Tortur darstellt, weil ich natürlich viel lieber draußen wäre. Bin also dementsprechend genervt. Als dann auch noch zwei der Menschen ohne abzusagen gar nicht erst kommen, ist die Stimmung perfekt. Jemand passendes ist auch nicht dabei. Einen Tag später die nächste Ladung, Menschen sagen ab, wir verschieben Termine, planen hin und her, sind konfus und gehen früh ins Bett. Und das ist bei meinen Mitbewohnern wirklich ein Zeichen dafür, dass wir uns mitten in einer Herkulesaufgabe befinden. Aber die Suche ist noch nicht vorbei und wir werden nicht aufgeben, bis wir jemanden gefunden haben, der mit uns Feuer macht, Filme guckt und eventuell sogar die Klappe an unserem Backofen reparieren kann...

Über meinen Schatten gesprungen- äh, getanzt (15.10.18)

Am Wochenende war ich auf einer Hochzeit. Das ist lustig, weil mir manchmal vorgeworfen wird, ich würde auf vielen verschiedenen Hochzeiten tanzen- im übertragenen Sinne. Stimmt aber gar nicht, weil nämlich: Bis jetzt war ich nie auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig, noch weniger habe ich dort getanzt. Vor einigen Wochen habe ich darüber einen Text geschrieben. Dass ich mich unwohl fühle, fehl am Platze, wenn ich tanzen soll. Und dass alle anderen es besser können. Bei dieser Hochzeit allerdings war die Stimmung so gut, so ausgelassen und der Anlass ein so schöner - obwohl er das ja bei allen Trauungen irgendwie ist-, dass sich meine Einstellung auf wundersame Weise änderte. Denn was ich noch schlimmer fand als Tanzen, war das untätige Rumsitzen bei lauter Musik. Gespräche geführt hatte ich auch schon zur Genüge, daher überwand ich mich und ging mit einer Freundin (die barfuß tanzte) in Richtung Musik. Tatsächlich war nach einer kurzen Zeit des sich- Unwohl fühlens- die größte Hemmung überwunden und es machte mir immer mehr Spaß, was auch daran lag, dass ich mich an drei Kindern orientierte. Diese Kinder tanzten so ausgelassen und großartig, dass man gar nicht anders konnte, als mitzumachen. Sie sprangen herum und kümmerten sich nicht im Geringsten darum, wie die anderen Gäste um sie herum sich bewegten. Und daran wollte ich mir ein Beispiel nehmen. Je später es wurde, desto mehr gefiel mir meine Entscheidung gegen das Herumsitzen. Schön getanzt habe ich wahrscheinlich nicht, aber ich bin fleißig herumgesprungen und meine Stimme wurde mit der Zeit heiser vom Mitsingen. Das einzige Manko war der hohe Schlager-Anteil, aber daran erfreuten sich zumindest teilweise die anderen Gäste. Die Musik war nicht zu laut und ich hatte genügend Platz, was sonst auch immer ein Ausschlusskriterium für mich war.

Kaum erzählte ich  meinen Mitbewohnern von meiner Erfahrung, versuchten sie mich, zu jeglicher Party in der Innenstadt zu überreden- damit muss ich aber erstmal noch ein bisschen warten. Schließlich habe ich erst angefangen mit dem Tanzen!

Über Bacha Posh (8.10.18)

Mit einiger Gewissheit kann ich von mir sagen, dass ich in biologischer sowie sozial-emotionaler Hinsicht eine Frau bin. Über diese Erkenntnis darf ich, glaube ich, relativ zufrieden sein- schließlich gibt es immer wieder Menschen, die das Gefühl haben im falschen Körper geboren worden zu sein. Dadurch kann man sehr viel Unzufriedenheit und Ausgrenzung erleben, leider. In Afghanistan hingegen ist das "Schicksal" eine Frau zu sein, in ganz anderer Hinsicht negativ behaftet: Als Frau hat man nach wie vor weniger Rechte, viele Frauen können nach wie vor nur ein wenig lesen und schreiben, weil sie von der Familie und dem Patriarchat davon abgehalten werden. Eine Frau zu sein, ist ein Nachteil. Mädchen gehören, ganz klassisch und traditionell, ins Haus, wo sie die Arbeiten verrichten, für die sie angeblich "gemacht sind". Während die Jungen mit ihren Vätern ins Geschäft oder auf die Straße gehen. Was macht denn dann aber eine Familie, die nur aus Töchtern besteht? Eine Horrorvorstellung, die seit langer Zeit traditionell durch die Bacha Poshs umgangen wird: Kleine Mädchen werden als Jungen verkleidet, damit sie auf der Straße mit dem Vater arbeiten können. Die Mütter schneiden ihnen die Haare, ziehen ihnen "typische" Jungenkleidung an und bis die Mädchen in die Pubertät kommen, gelten sie in der Öffentlichkeit als männlich. Sie bekommen natürlich auch einen Jungennamen. Nur zuhause, da dürfen sie -inoffiziell- Mädchen sein, Mädchenspiele spielen und müssen sich nicht verstellen. Die meisten Mädchen haben sich damit abgefunden, dass ihr Geschlecht als minderwertig angesehen wird. Zumal es nach wie vor eine verbreitete Tradition ist. Traurig ist es aber trotzdem, nicht man selbst sein zu dürfen.

Geh mal wieder auf die Straße, geh mal wieder demonstrier'n (6.10.18)

Und, wo warst du heute, was hast du schönes gemacht? Ich für meinen Teil habe Freunde in Hessen besucht und eine ewig lange, nervenaufreibende Zugfahrt hinter mich gebracht. Eigentlich wäre am Hambacher Forst eine Demo gewesen, ich war noch nie auf einer Demo. Da wäre ich gerne hingegangen, habe es allerdings nicht gemacht. War stattdessen mittags in Siegen, wandern. Auch in einem Wald, einem Buchen-Kiefern-Waldgemisch mit Wildgehege, ein kleiner Junge hat mir Rosskastanien gegeben, damit haben wir zusammen das Damwild gefüttert (das schreibt sich nur mit einem M, ist kein Rechtschreibfehler). Und ich war sehr, sehr zufrieden in diesem ruhigen Wald. Auf der Fahrt zurück dann dreimal Umsteigen, ich hatte mir doch vorgenommen, solche Ochsentouren nicht mehr zu machen, in meinem Alter... Von Gießen nach Siegen, von Siegen nach Köln, von Köln nach Essen war es am schlimmsten. Der Zug hatte schon zehn Minuten Verspätung und war proppevoll, als ich einstieg. Unter dem "erhöhten Fahrgastaufkommen" fanden sich auch einige linksalternative Umweltmenschen, die augenscheinlich das Richtige getan hatten- nämlich Demonstrieren, gegen Waldrodung zugunsten von Braunkohle. Im Zug war die Luft schlecht, die alle waren übel gelaunt, es stank und die Verspätung wurde aufgestockt auf 30 Minuten. "Machen Sie die Tür frei, sonst können wir nicht weiterfahren!" Wurde an jeder Station erneut durchgesagt. In Essen stieg ich auf die S-Bahn um, die mich in die Nähe unserer WG brachte. Auf dem Nachhauseweg kam ich noch am Obst- und Gemüseladen vorbei und inspizierte wie schon so manches Mal die Kiste mit den "Abfällen", die aber nun mal keine sind, weil man sie noch verwerten kann. Ist doch so. Als ich also fleißig meine Gurken und Zucchini fürs Kochen zusammensammelte, fragte ein Mann die Verkäuferin, ob sie auch Speisestärke hätten. Die Supermärkte waren schon zu und so bot ich ihm an, ihm die Stärke aus unserer WG zu geben. Dafür trug er mir den Karton mit dem Obst und Gemüse und bot mir zum Tausch zwei Hühnereier aus seiner Zucht an, die ich dankend entgegennahm. So sieht wahrhaftige Nachbarschaft aus, dachte ich. Und vielleicht habe ich ja mit diesen Aktionen - also dem bewussten Waldgenießen und dem Gemüsesammeln- auch ein kleines Mahnmal für Umweltschutz gesetzt, obwohl ich nicht im Hambacher Forst Schilder hochgehalten habe. Das steht aber trotzdem als Nächstes an.

soziales Aus durch Whatsapp-verzicht (2.10.18)

Im September 2014 habe ich mich von Facebook verabschiedet, zwei Jahre später von Whatsapp. Meine Freunde waren damals gelinde gesagt, skeptisch, was meine Einstellung (oder sollte man besser sagen Rechtfertigung?) bezüglich dessen anging. Der Kommentar, den ich am meisten gehört habe, dass es doch sooo umständlich sei, nun mit mir in Kontakt zu treten. Dann müsse man mir ja immer eine Mail schicken. Extra Arbeit, auf die die meisten meiner Freunde anscheinend wenig Lust hatten. Für mich war es ehrlich gesagt eine totale Erleichterung, nicht mehr täglich Whatsapp-nachrichten beantworten zu müssen oder auf Facebook mediokre Kommentare irgendwelcher anderen Nutzer durchzulesen, mit denen ich seit Ewigkeiten keinen Kontakt mehr habe. Seitdem habe ich Lebenszeit dazugewonnen, weil ich mir unzählige Dinge vorstellen kann, die besser sind, als auf meinem Smartphone herumzutippen. Und damit habe ich mich ein Stück weit ins soziale Aus katapultiert, habe ich manchmal das Gefühl. Weil ich eben nicht immer und überall erreichbar bin, und auch nicht super schnell antworte. Dadurch bin ich "anstrengend" und bekomme oft Dinge und Veranstaltungen nicht mit, die meine Freunde gerne besuchen wollen. Wenn es eine Whatsapp-gruppe für einen Spieleabend gibt, bin ich nicht drin, klar. Und oft sind die anderen dann zu faul, mir noch eine extra-SMS zu schicken. So findet dann ein schöner Abend statt- ohne mich. Dann fühle ich mich ausgeschlossen. Nicht teil der Gruppe. Und das alles wegen eines Messengerdienstes.

So ganz ohne tippen kommt man im Leben anscheinend nicht mehr aus, und so habe ich mittlerweile zwei (!) andere Kommunikationsdienste: Threema (gilt als "sicher") und Telegramm. Wird genutzt von nicht ganz so inflationär vielen Menschen wie Whatsapp, und wir organisieren unser WG-Leben damit. Trotzdem finde ich es nach wie vor traurig, wenn ich so sehe, wie wir abends am Esstisch sitzen und uns unterhalten und plötzlich wie auf Knopfdruck jede Unterhaltung erstirbt, wenn einer am Handy ist. Das nervt, weil es eben mittlerweile so sozial akzeptiert ist. Man hält automatisch die Klappe, weil man sich damit abgefunden hat, dass er andere gerade eh nicht zuhört.

Von Beziehungen gar nicht zu reden. Wie wichtig es geworden ist, ob man mit der neuen Bekanntschaft aus der Uni "schreibt"! Wenn ER oder SIE nicht zurückschreibt, verunsichert das ungemein. Und genau davon möchte ich mich nicht abhängig machen. Ich möchte im realen Leben Kontakt mit meinen Freunden haben, und nicht über mein Smartphone. Weil ich das ganze Getippe anstrengend und unnötig finde. Natürlich könnte ich mir jederzeit eine Internetflatrate einrichten und mir Whatsapp wieder installieren. Das hieße für mich allerdings, zu kapitulieren. Mich dem sozialen Druck, der so abnormal ist, zu beugen. Viel lieber stehe ich dazu, es mir kompliziert zu machen, nicht ständig und überall mein Smartphone dabei zu haben und dadurch Geld für SMS ausgeben zu müssen. Dann ist das eben so. 

Ich liebe Leimuiden (1.10.18)

Mit meinem kleinen Zusje war ich das Wochenende über in den Niederlanden, Land der Kühe und Schafe und Käse. Eigentlich wollten wir nach Amsterdam, da waren dann aber die Unterkünfte zu teuer, weshalb ich mich für eine kleine Unterkunft südwestlich der Hauptstadt entschied, auf dem Land. Als es losging, wussten wir beide nicht so wirklich, was uns erwarten würde, wir freuten uns einfach auf ein entspanntes Wochenende. Im Ort angekommen - der wirklich irgendwo im Nirgendwo lag - fanden wir erst die Zufahrt zum Haus überhaupt nicht, weil uns ein paar Hühner den Weg versperrten, außerdem Sträucher und Bäume. Nach kurzem Irrlichtern fanden wir die richtige Hausnummer und liefen über einen zugewachsenen Garten auf ein Haus zu, das niederländischer nicht hätte sein können- große Fenster, ohne Gardinen. An einer der drei Eingänge empfing uns unsere Gastgeberin Betty, eine drahtige kleine Frau mit modischer Brille und resoluter Stimme. Glücklicherweise fiel uns ein, dass wir noch nicht für das Abendessen eingekauft hatten- wir fragten also nach dem nächsten Albert-Heijn-Supermarkt und Betty schaute uns achselzuckend an. "Gibt's hier nicht im Dorf, da müsstet ihr schon nochmal eine halbe Stunde fahren. Im Ort gibt es einen kleinen Markt, der hat aber nur bis 19 Uhr auf." Wir schauten auf die Uhr- es war halb sieben. Also hasteten wir kurzum zum Auto zurück, rasten zum Supermarkt, wo wir überteuerte Lebensmittel einkauften (aber im Urlaub ist das ja in Ordnung), und uns dann erneut auf den Weg zu Bettys Haus machten. Wieder lag ein Huhn in der Einfahrt, das wir nicht überfahren wollten. Vorsichtig rollten wir also auf den Parkplatz und kamen unter einem Apfelbaum zum Stehen, der definitiv noch abgeerntet werden musste - eine Aufgabe für mich? Ich beschloss, Betty zu fragen. Sie zeigte uns das riesige alte Haus von 1874 und erklärte, dass sie hier seit 31 Jahren wohne, ihr Mann sei vor 12 Jahren gestorben und ihre vier Kinder schon länger aus dem Haus, weshalb sie nun zwei der Zimmer an Gäste vermiete. Wir waren begeistert von der alten gemütlichen Einrichtung, dem riesigen Esstisch, den hohen Decken und der stilechten Landhausküche. Hund und Katze wurden ausgiebig von uns gestreichelt, wir kochten und machten noch einen kleinen Abendspaziergang zum Bauernhof nebenan, wo wir Bekanntschaft mit ebenfalls sehr kuschelfreudigen Alpakas und Ponies machten. Ein wahrgewordener Traum... Am nächsten Tag beschlossen wir, mit dem Rad nach Leiden zu fahren, was allerdings ca. zwei Stunden dauerte, da die Niederländer es mit den Fahrradschildern nicht so genau nehmen. Irgendwann kamen wir dann verschwitzt in der süßen alten Universitätsstadt an, gingen Kaffee trinken, auf den Markt und ein bisschen in die typischen Einrichtungsläden, die es in jeder niederländischen Stadt so gibt. Viel zu schnell war der Tag herum und wir mussten ja noch ein gutes Stück zurückfahren! Auf dem Heimweg nahmen wir aus einer Kiste gratis Butternut-Kürbisse mit. Abends waren wir dann viel zu platt um noch irgendetwas zu unternehmen, also lasen wir -ganz oldschool- bis zum Einschlafen. Leider war der Abreisetag dann schon viel zu schnell da und so machten wir noch einen letzten Spaziergang zu den Alpakas, fanden noch ein Kälbchen auf dem Hof, das mit seiner rauen Zunge unsere Hände ableckte, ernteten einen großen Korb voller Äpfel für Betty und verabschiedeten uns schließlich von unserer Bekanntschaft. Ich war neidisch, dass sie jetzt noch auf ihrem Grundstück Rasen mähen durfte, und dass sie so viel Ruhe um sich herum hatte. Und fragte mich, wie realistisch es wohl wäre, einen eigenen Selbstversorger-Hof zu haben. Mit Alpakas.

Forst to disappear (21.09.18)

 

Die deutsche Einstellung zum Klimaschutz regt mich auf. Wo es in Ländern wie Ruanda auf Strafe verboten ist, Plastik zu verwenden, wird in Deutschland fleißig alles in Folie gepackt, was nicht niet-und nagelfest ist. Der Abgasskandal ist so peinlich, dass sich niemand so richtig traut darüber zu sprechen und obwohl der Ausstieg aus der Braunkohle nicht mehr weit entfernt ist, wird mal eben noch ein riesiger, steinalter Wald gerodet, nur weil ein großer Konzern es bestimmt hat.

Eine Gruppe von Umweltaktivisten hat sich in genau diesem Wald „eingenistet“, sie leben auf Baumhäusern, in einer Art Öko-community, heimisch eingerichtet. Es gibt Kochplätze und Toiletten und eigentlich könnte das alles ganz wunderbar und abenteuerlich sein, wenn der Grund für diese Aktion ein anderer wäre, als der, dass der Wald abgeholzt werden soll. Das Ganze ist ziemlich kontrovers, wenn man bedenkt, wie sehr in der Gesellschaft über Umweltschutz debattiert wird – getan wird allerdings nach wie vor eben herzlich wenig. Im Münsteraner Aasee sind im Juli und August tausende Kilo an totem Fisch geborgen worden, weil es zu warm war. Die Ernteausfälle nach einem der sich häufenden "Rekordsommer" sprechen ebenfalls für sich. Vor einigen Tagen ist ein Blogger, der über die Situation im Hambacher Forst berichtet hat, von einer Brücke zu Tode gestürzt, woraufhin die Räumungsarbeiten für einige Tage eingestellt wurden. Allerdings soll nun damit fortgefahren werden, die Bäumhäuser "leerzuräumen", weil es angeblich 4-5 Milliarden Euro kosten würde, die Arbeiten zu stoppen. Und das alles für Braunkohle, die so oder so nur noch einige Jahre gefördert werden wird. Danach ist ein  mehrere Jahrhunderte alter Wald einfach weg. "Zu fällen einen schönen Baum /braucht's eine halbe Stunde kaum/ zu wachsen, bis man ihn bewundert/ braucht er- bedenk es- ein Jahrhundert" hat Eugen Roth gedichtet. Was für wahre, traurige Worte.

 

Das Glück der Erde (19.09.18)

Dass ich kein besonders ruhiger Charakter bin, sollte der Leserschaft in den letzten sieben Jahren meiner Tätigkeit als Schreiberin zur Genüge aufgefallen sein. Letzten Freitag habe ich allerdings eine ultimativ beruhigende Erfahrung gemacht: Mit einer Freundin war ich zum Ausreiten verabredet, im schönen Wald nahe Oer-Erkenschwick. Dieser Name klingt wie die Vermischung zweier nicht geglückter Eierkuchen, tatsächlich ist das Naturgebiet, was wir hoch zu Ross zu erkunden gedachten, jedoch wirklich der Rede wert. Stilecht mit meinem Fahrradhelm als Kopfschutz erklomm ich hernach also mein Reittier, meine Freundin trug "vernünftige" Reitausstattung, aber es ging hier ja nicht um Aussehen, sondern um die Pferde und uns. Und ich machte die Erfahrung, dass ich, sobald ich mit dem Tier in Berührung kam, seltsam entspannt wurde. Meine Gedanken entschleunigten sich und obwohl wir unsere Mühe hatten, die Pferde vorwärtszubewegen, weil die beiden sich äußerst wenig leiden konnten -und uns scheinbar auch nicht- war es wirklich ein schöner Ausritt. Zwischendurch, wenn das Pony trotz aller Bemühungen und trotz unserer Reiterfahrung so bockig war, dass wir absteigen mussten und laufen, dachte ich, dass ich es wahrscheinlich auch nicht so gerne hätte, immer auf Abruf bereit zu stehen und dann stundenlang durch den Wald zu latschen ohne entscheiden zu können, wo es lang geht. Und dennoch war es das Highlight meiner letzten Wochen, die geprägt waren von grau und Computerbildschirmen, von Literaturlisten und Problemen mit der "Breitbandmodemkonnektivität". Jetzt ist nur die Frage, wie ich in Zukunft möglichst günstig an ein Pony herankomme? Und vor allem- in welchem Zimmer unserer WG im vierten Stock wird es wohnen?

 

 

Ich frage mich, ich frag mich schon, was macht die Welt in Iserlohn? (14.08.18)

Als erlebnisgierige Jungspundin habe ich mich gefragt, was es im Sauerland aufregendes zu erleben gibt- mein Weg führte mich nach Iserlohn, genauer gesagt, nach Hemer ins -Achtung- FELSENMEER. Mit dem Bus vom Iserlohner Stadtbahnof (warum es nicht nur "Bahnhof" oder etwas großspuriger "Hauptbahnhof" heißt, habe ich nicht herausgefunden) in Richtung Westig, was nicht wirklich erwähnenswert ist, außer, dass man irgendwann eben da ist, wo man halt hinwill. Vielleicht war ich nach meinem Urlaub in den Highlands anderes gewohnt und dadurch arrogant, aber besagte Felsenformationen fand ich lediglich "ganz nett". Dann rief ich mich zur Ordnung, schließlich ging es um Natur, und dann schämte ich mich ordentlich. Und die Hemerer/ Hemer, also die Menschen, die Hemer ihr Zuhause nennen, freuen sich ja auch darüber. Als ich nach einer Stunde fertig war mit den Felsenund den Holzbrücken, die darüber führten (und es, entgegen der Wettervorhersage, die mal wieder UNWETTERWARNUNG!!!! gegeben hatte, immer noch nicht wirklich unwetterte), beschloss ich, noch in Richtung Iserlohn zurück zu spazieren. Und als ich während des Laufens so in die Ferne blickte, wo am Horizont sanft benadelwaldete Hügel sich erstreckten, fand ich das Ganze dann doch wirklich relativ hübsch. Wenn man die ganzen Neubau- und Gewerbegebiete durch alte Stein- und Holzhüttchen ersetzen würde. In Iserlohn war dann auch alles so wie erwartet: un-hektisch, ohne vollbärtige Großstädter und, so weit ich das beurteilen konnte, ohne vegane Filter-Cold-Brew-Cafés. So intensiv habe ich mich dann aber auch nicht mit dem Stadtbild beschäftigt. Tatsächlich gab es ein paar wirklich sehr hübsche Altbauten mit Zwiebeltürmchen, die Mietpreise hier sind wahrscheinlich wirklich gut verträglich. Ein Typ mit einem quietschenden Rad und Hosenträgern fuhr vor mir her, und ein entgegenkommender, offenbar befreundeter Radler kommentierte: "Hömma, dein Farrad (das H hörte man bei ihm nicht) hört sich an wie'n Schwarm Gänse!"

Das Erstaunlichste an diesem Tag war tatsächlich, dass ich mein Urteil über die deutsche Bahn letztlich revidieren musste- denn: alle vier Züge, die ich in diesen sechs Stunden benutzte, waren pünktlich. Unglaublich.

Staubsauger und U-Bahnhof (08.08.18)

Dienstag morgen. Ich stehe vor unserer Haustür, mit einem riesigen Staubsauger in meinem Fahrradkorb. Und harre der Dinge, die da kommen- denn gegenüber von unserer WG befindet sich ein Elektroladen. Dort gedenke ich, unseren kaputten Sauger abzugeben. Ich intendiere, ihn dort zu entsorgen, aber mir schwant schon Übles. Unsere Mikrowelle beispielsweise konnte ich damals dort abgeben (ja, bei uns in der Wohnung gehen viele Dinge kaputt, auch Waschmaschinen, Toaster, Küchenmaschinen und Radios). Aber ein riesiges Säuberungsgerät? Ich betrete den Laden und die Dame informiert mich darüber, dass sie nur "Geräte bis 25cm" machen. Jetzt müsste man die Pilze von Alice im Wunderland besitzen, die Dinge kleiner oder größer machen, denke ich. Allerdings müsste der Sauger sie dann saugen, i.e. essen, und das geht ja nun aus verschiedenen Gründen nicht. So, ich muss also das Gerät mit dem Rad zum Wertstoffhof transportieren, bei 35 Grad Außentemparatur. Was für ein Unternehmen. Aber irgendwann habe ich es geschafft und trenne mich von meinem EIO, den ich in die WG mitgebracht habe. Jetzt haben wir noch eine Ausrede mehr, um nicht putzen zu müssen. Haben ja keinen Staubsauger, tja, was will man machen. Und mit Besen, das ist doch nichts.

Weiter geht es dann zur Uni, wo ich umgehend schmelze. In den Fluren laufen verschwommene Gestalten herum, das einzige Geräusch ist das Surren der Ventilatoren. Gruselig, wie in einem Western. Fehlt nur noch dieser komische Busch, der über den Gang rollt, von imaginärem Wind angetrieben. Einmal kurz googlen, wie die Pflanze heißt... Aha, Steppenläufer. Ein Busch, der ursprünglich aus Russland stammt. Aber in Russland ist es doch selten so heiß wie in den Westernfilmen! Fragen über Fragen, vielleicht ist der Busch deshalb ausgewandert? Naja, mein Gehirn spielt mir einen Streich nach dem anderen an diesem Nachmittag. Als ich abends in der Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof sitze, schlapp und abgekämpft auf der Suche nach einem kühlen Ort, erscheint mir plötzlich der unterirdische Bahnsteig so attraktiv wie noch nie. Ich steige aus und falle umgehend auf die Plastiksitze, die frische Brise der einfahrenden Bahnen ist das Schönste überhaupt und ich möchte umgehend dort übernachten. Um mich herum schlurfende ältere Herren, die mich aber wohlmeinend in Ruhe gewähren lassen. Augen zu. Wenn ich die Augen öffne, starre ich auf orangene Kacheln und streusekuchenartige Deckenverkleidung. Nur noch fünf Minuten... Kühl... Ausruhen...

Über Wasser (22.07.18)

Mineralwasser ist nicht das gleiche wie Sprudel, wie ich vor einigen Jahren enttäuscht feststellen musste, als ich eine Flasche solchen Getränks kaufte und dann aber in Sachen Kohlensäure enttäuscht wurde. Heute bin ich da schlauer. Das Sprudel fehlt mir trotzdem in meiner WG, wir wohnen nämlich im dritten, also eigentlich vierten Stock, weil die Treppenstufen so viele sind. Und da habe ich nun mal keine Lust, mehr Last als nötig hochzuschleppen. Das hat zur Folge, dass mir das Sprudel fehlt und ich mich mit Kranwasser begnüge. Und immer wieder lechze ich nach kühlem kohlensäurehaltigen Getränk - das bekomme ich aber momentan dann eben nur bei meinen Eltern, bei Freunden und auf Parties. Jetzt habe ich in der Zeitung gelesen, dass in der französischen Stadt Vittel die Menschen auf die Barrikaden gehen, weil der Konzern Nestlé nach und nach alle Quellen für sein tolles Mineralwasser leerpumpt, und besagtes Produkt dann an zum Großteil deutsche Konsumenten verkauft. In Plastikflaschen. Wo mal wieder das Problem liegt, denn obwohl Plastikflaschen als recyclebar gepriesen werden, findet man darin immer wieder Mikroplastikteilchen, und überhaupt. Plastik. Da muss man gar nicht mehr drüber schreiben. Als ich im Mai in Italien war, war das Kranwasser dort so abstoßend verchlort, dass man keine andere Möglichkeit hatte, als Wasser in PET-flaschen zu kaufen, wo nicht mal Pfand drauf war. Ätzend, sowas. Eine Möglichkeit wäre natürlich noch, sich einen Sodasprudler anzuschaffen. Da ist nur die Frage, ob sich so ein Teil auch lohnt? Da fällt mir eine Freundin ein, die immer eine Liste neben ihrem Sprudeldings liegen hatte, wo sie Striche eintrug um zu sehen, wie so der Kosten-Nutzen ausgleich ausfiel.

Wasser ist schon wirklich eine wunder- und kostbare Sache, das sollte man sich immer wieder vor Augen führen. Deshalb sammle ich so gerne Regenwasser in der Tonne um damit die Blumen zu gießen, deshalb bade ich nicht (höchstens in der Ruhr...) und verstehe absolut nicht, weshalb in der geisteswissenschaftlichen Fakultät meiner Uni nicht endlich dafür gesorgt wird, dass man dort aus dem Hahn trinken kann, schließlich ist das doch ein Grundrecht eines jeden Menschen oder? Wenn wir doch in einem so reichen, privilegierten Land leben, warum läuft dann der Geschäftsführer unseres Bereichs jeden Morgen durchs Gebäude und stellt eine halbe Stunde alle Wasserhähne an, damit die braune Plörre aus den Bleirohren laufen kann? Seltsame, seltsame Welt.

Eyja Fjalla jöküll (16.07.18)

Freunde von mir haben gefragt, ob ich auf ihre Katze (und nebenbei das Haus) aufpassen könnte, während sie im Urlaub sind. Die Katze heißt Fjalla und ist sehr niedlich; eigentlich habe ich mit Katzen nämlich nicht viel am Hut, deshalb ist das wichtig zu erwähnen. Viele Katzen, die ich bis jetzt kennengelernt habe, stinken und haaren und kratzen oder rennen weg, wenn man sie streicheln will. Ihr Futter (vor allem das Nassfutter) riecht ebenfalls bestialisch und das Katzenklo braucht man ja gar nicht erst zu erwähnen. Aber die kleine Fjalla ist irgendwie anders, sie wurde letztes Jahr aus Skandinavien importiert und ist seit jeher die Kuschelbedürftigkeit in Person. Zwischendurch, wenn ich nichts ahnend auf der (sehr großen, sehr schönen, sehr ruhigen) Dachterasse sitze und überlege, wie weit man hier wohl gucken kann, SPRINGT sie auf einmal auf meine Schulter oder spurtet wie von der Tarantel gestochen durch die Wohnung. Wenn ich abends ins Haus komme, kommt sie mir schon auf der Treppe entgegen und will unterhalten werden, wenn ich aufs Klo gehe, kommt sie konsequent mit und schaut zu. Sie liegt dann im Waschbecken und leckt am tropfenden Wasserhahn, wie in Trance. Das kann sie stundenlang machen. Da ich momentan im Wohnzimmer schlafe, wache ich auch manchmal nachts davon auf, dass sie auf mir drauf sitzt und ihre Krallen (als eine Art makaberer Zuneigungsbeweis) in meinen Oberarm haut oder meine Hände ableckt, weil sie den Seifengeruch anscheinend mag. Verrücktes Tier. Die Frage ist jetzt natürlich: Obwohl ich mir vorgenommen hatte, dieses Tier nicht vom ersten Tag an sehr sehr liebzugewinnen, ist das natürlich schon passiert. Aber ein paar Tage hab ich ja noch mit ihr, bevor sich unsere Wege wieder trennen... 

 Total Irr-rad-tional (3.7.18)

"Sie nannten sie das Biker-girl" - so oder so ähnlich könnte meine Biographie lauten, wenn sich denn genug Menschen für meinen Lebenswandel interessieren würden. Vor allem nachdem ich beim Autofahren zweimal innerhalb von einem Monat geblitzt wurde und sämtliche Züge und Bahnen Verspätung hatten, ausfielen oder brechend voll waren, machte ich mich immer wieder öfter auf um mal längere Strecken mit dem Rad zurückzulegen. Eigentlich kein Problem, wenn man sich die Routen genau anguckt, eine Straßenkarte dabei hat und die Beschilderung vernünftig ist. In der Realität sieht das alles etwas anders aus. Auf dem Weg von Witten nach Dortmund Aplerbeck-Süd zum Beispiel hatte mir google-maps gestern im Vorhinein meiner Tour angegeben, es sei eine Dauer von 1:45. Gut zu schaffen, so dachte ich. Und es ist auch wirklich eine schöne Gegend, viel grün. Bis ich irgendwann auf Hauptstraßen geriet und jegliche Fahrradwegweiser wegfielen. So. Dann kann man resignieren und sich irgendwie zur nächsten Bahnstation durchfragen oder man hat -in meinem Fall- so viel Stolz, es irgendwie schaffen zu wollen, am Ziel anzukommen, koste es was es wolle. Bei mir wurden also aus den 1:45 ganz schnell zweieinhalb Stunden, und einem erhöhten Blutdruck in Anbetracht der Tatsache, dass ich mir ein Scheitern auf keinen Fall eingestehen wollte. So schwer konnte es doch nicht sein, schließlich hatte ich mich am Stand der Sonne orientiert! Richtung Süd-Osten, da mussten doch irgendwann Straßenschilder nach Aplerbeck kommen! Nach einer schier endlosen Odyssee hatte ich es dann gestern Abend tatsächlich geschafft. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass oben beschriebener Sachverhalt stark gekürzt ist!!! Heute (anscheinend hatte ich nicht aus meinem Fehler gelernt) kam dann die Déjà-vu Erfahrung, als ich mir vornahm, mit dem Rad von Herne nach Gelsenkirchen zum Nordsternpark zu fahren, am Kanal entlang, ganz easy. (Leider nein, leider gar nicht). Und hier wurde mein eiserner Wille des irgendwie so lange Herumgurkens, bis man schließlich ankommt, tatsächlich bezwungen. Gestrandet in Gelsenkirchen-Bismarck, in sengender Hitze, verschwitzt und entmutigt, gab ich mein Vorhaben auf und stieg in den nächsten Bus zurück in Richtung Bahnhof, ließ mich nach Wanne-Eickel kutschieren, nach Bochum, zur Uni. Entkräftet und übermüdet, vor allem: peinlich berührt, dass alles irgendwie umsonst gewesen war. An dieser Stelle möchte ich an jegliche Menschen appellieren, die schon mal von keuchenden Radfahrern nach dem Weg gefragt wurden: NIEMAND, wirklich NIEMAND braucht so eine Aussage wie "Oh, Aplerbeck-Süd? (Hier Zielort der Wahl einsetzen) Da müssense aber noch ein ganzes Stück!!!!" Es könnte sonst irgendwann passieren, dass Ihnen unflätige Flüche an den Kopf geworfen werden, vielleicht sogar ganze Fahrräder. 

Bonding und Fleischboy (27.06.2018)

Hattingen ist wirklich ein beschauliches, bürgerliches Städtchen, mit vielen Fachwerkhäuschen und Rentnern die mit ihren Rollatoren die Straßenbahn besetzen und sich über Studentinnen mit Fahrrädern aufregen, die in ebensolchen Straßenbahnen von ihrem Semesterticket Gebrauch machen. An einer der pittoresken Straßenbahnhaltestellen sitze ich also an einem sonnigen Sonntagnachmittag, für den die Beschreibung "tote Hose" quasi erfunden wurde. Die Vorstellung hier die Toten Hosen aufzufinden, hat etwas abstruses, in Anbetracht der vielen Blumenbeete und gestärkten Gardinen. Und genau in dieser Straße befindet sich ein Erotic Store, mit Werbung für BDSM, Dessous und anderer delikater Dinge. Ich liebe es, alte Omis mit ihren beigefarbenen Handtaschen dort am Schaufenster vorbeigehen zu sehen, mit pikiertem, starren Blick auf die Straße gerichtet. Als ich also an der Straßenbahnhaltestelle stehe und meinen Gedanken nachhänge (Warum gibt es kein Gegenteil von "durstig"???) fährt ein 50+ Pärchen auf E-Bikes vorbei. Er sieht den anstößigen Laden und fragt rufend, so dass es die ganze Straße hören muss: "Wat is denn BDSM, Schatz?" Sie antwortet, genauso laut, mit wehenden blondierten Haaren: "Dat is Bonding, dat würde nochmal ordentlich Schwung in unsere Ehe bringen!" An dieser Stelle möchte ich als Anglistin einbringen, dass Bonding nicht mit Bondage gleichzusetzen ist. Bonding meint eine Verbindung zwischen zwei Subjekten oder auch Objekten. Natürlich kann das Bonding durch Bondage nicht nur im wörtlichen Sinne, sondern auch im übertragenen Sinne verstärkt werden, i.e. indem ich jemanden ans Bett fessele, intendiere ich, ihn vielleicht auf lange Sicht auch an mich zu binden... Jaja, die Feinheiten der englischen Sprache. Dazu fällt mir noch ein, dass ich im Secondhandkaufhaus meines Vertrauens neulich ein Gerät fand, das als "Fleischboy" angepriesen wurde. Besagter Fleischboy produziert im weitesten Sinne Hackfleisch und ist somit laut Verpackung ein "unerlässlicher Helfer für jede gute Hausfrau". War man sich in den 80er Jahren der Metaebene dieser Werbung bewusst? Oder sind meine Assoziationen nur das Produkt einer übersexualisierten Gesellschaft? Fragen über Fragen...

wie gerädert (22.06.18)

An meinem Fahr-rad, ist alles dran/ damit so leicht nichts passieren kann!/ Wenn ich mich auf meeeiii-nen Sattel schwing / ist so ein Fahr-rad / ein starkes Ding (Zuckowski, Rolf: Mein Fahrrad. Rolfs Schulweg Hitparade, 1979). Öko, wie ich bin, brauche ich meinen fahrbaren Untersatz jeden Tag. Der Verschleiß lässt da natürlich nicht lange auf sich warten. Also bringe ich es zum Fahrradladen in der Innenstadt, wo mich natürlich der Satz der Sätze erwartet: "Oh oh oh, also- billig wird das nicht." Es wird aufgezählt, was alles kaputt wäre und DRINGEND repariert werden müsste, aber eigentlich wäre es so kaputt, dass es sich wohl eher lohnen würde, ein neues Rad zu kaufen. Genervt nehme ich mein ach so kaputtes Rad wieder mit und als ich das nächste mal in meiner Heimatstadt bin, beschließe ich, mir eine zweite Meinung einzuholen. Also auf zur Werkstatt meines Vertrauens, wo der kauzige Mechaniker mich schon begrüßt. Grüßen heißt in seinem Fall: mit dem Kopf nicken. Der Inhaber ist auch in der Werkstatt und gemeinsam (wie Meerjungfraumann und Blaubarschbube, wie Watson und Holmes) hören sie sich mein Problem an. An dieser Stelle hätte eine Entdeckermusik anfangen müssen zu spielen, denn jetzt gehen die wahren Profis ans Werk! "So, Paul, schreib mal auf. Dann wolln wa uns dat Ganze ma angucken. Also. Kette kürzen, Bremsen erneuern, Montage etc. pp. Bremsklötze hmm... hmmm... dat macht dann summa summarum .... schreibse noch mit Paul?" Paul schreibt noch mit, über den Daumen gepeilt kommen wir auf 60 Euro. Der Chefmechaniker betätigt noch mit Kennerblick zum Abschluss meine Fahrradklingel, daran erkenne ich: er versteht sein Handwerk! Anstelle von mindestens 250 Euro, die der tolle Fahrradmensch in der Großstadtfahrradfiliale voller E-bikes veranschlagt hatte. So sieht das aus, man muss nur die richtigen Leute kennen!

 

Anti-Denk-Weg (18.06.2018)

Manchmal kommt es im Alltag ja vor, dass man zu viel denkt und sich dann total verstrickt. An solchen Tagen ist es gut, sich mal wieder so richtig auf seine Intuition zu verlassen. Bei mir sah diese Intuition am vergangenen Samstag folgendermaßen aus: Eine Etappe des Neanderlandsteigs von Hattingen nach Neviges wandern. Von der S-Bahnstation aus einfach los, und nicht denken. Und dies, um mal im Bild zu bleiben, stellt für mich eine Mammutaufgabe dar, jedes Mal. Ich bin ja sowieso der Meinung, dass es, ganz entgegen jedem buddhistischen Streben definitiv nicht Ziel für das menschliche Denken sein sollte, die Gedanken loszulassen. Wenn das Gehirn denken will, dann ist das schon ganz richtig so! Aber zurück zum Wandern. Wenn man so ganz alleine 30 Kilometer vor sich hinläuft, dann überwiegt meistens der Gedanke: Wie bescheuert bin ich eigentlich? Warum tu ich mir das an? Und dann, irgendwann, wenn man über jedes Hinweisschild mit sinkender Kilometerzahl bis zum Ziel froh und erleichtert ist, läuft man nur noch. Man läuft durch Farn und Brennnesseln, bewaldete Berge hoch, über Baumstämme, steile Waldpfade wieder hinunter, man ignoriert die schmerzenden Füße und den Schweiß und die laufende Nase und will einfach nur noch irgendwo ankommen. Wie man aussieht, ist einem egal. Was die Leute wohl denken, ist egal. Hauptsache weiterlaufen. Ohne Pause, weil es dann umso schwerer wäre, wieder weiterzumachen. Die Beine jucken, der Kopf wird schwer, man hat nicht mehr genug zu trinken und muss es sich einteilen, so richtig survivalmäßig. Kurz vor dem Ziel läuft man dann noch einmal in die falsche Richtung, weil die Beschilderung fehlt, was einem ein, zwei extra Kilometer einträgt. Der Mund trocken, während endlich in der Ferne das Ortsschild Neviges auftaucht, Neubaugebiete aus dem Boden schießen und eine polnische Wallfahrtsprozession vor mir her läuft, mit riesiger wehender Fahne und einem Typ, der lautstark durch ein Megafon slawische Gesänge anstimmt, die von den Hundertschaften mantraartig wiederholt werden. Und man selbst fragt sich, ob das wohl eine Erschöpfungshalluzination ist. Am Zielort angekommen, kauft man sich dann eine 1,5 Literflasche Wasser, die man in einem Zug leertrinkt. Oder besser gesagt, S-Bahn. In dieser S-Bahn kommt es einem fürchterlich laut vor, wenn man sechs Stunden kein anderes Geräusch gehört hat als einen rauschenden Bach, Pferde, Kühe und Vögelzwitschern. Sowieso ist die Wahrnehmung eine andere, weil man nur noch ins Bett will und schlafen. Gleichzeitig ist man wie euphorisiert, weil man es geschafft hat. Einen neuen persönlichen Rekord und den eigenen Willen zu brechen. Die Frage ist nur: was kommt jetzt als nächstes? 

Wasserhahn und Brennnessel (11.6.18)

"Gibt so Tage". Gibt so Tage, an denen ist man noch müde von der Hochzeit am Abend vorher, und kommt in die Küche und da ist immer noch der Wasserhahn kaputt. Seit Wochen ist der Wasserhahn kaputt. Und das neue Gerät ist zwar schon gekauft (auch so ein Akt mit Umtauschen und so, weil das zuerst gekaufte Gerät angeblich schlechte Qualität sei etc.), aber noch nicht montiert. Also in einer genervten "Jetzt oder nie" das Projekt angegangen. Und läppische zwei Stunden mit Mitbewohner am Waschbecken rumgeschraubt, die Platte abgenommen, Schläuche und Stecker und ganz viel Dreck auseinanderklamüsert und ratlos vor der Anleitung gestanden, und es am Ende dann doch irgendwie geschafft. Verrückterweise ohne eine geflutete Küche. So ganz perfekt ist es jetzt nicht wirklich, aber wer will in einer WG-Küche schon von hohen Ansprüchen reden? Hauptsache man muss nicht mehr ins Badezimmer um Wasser zu holen. Geschafft von dieser Aktion fahre ich zum Fluss der Flüsse um mich zu entspannen, was auch ganz gut klappt. Steg, Stricksachen, Schwimmen, Sonnen. Von da aus dann mit dem Fahrrad weiter, mit nassen Haaren versteht sich. Und dieser Umstand ist zu erwähnen, weil ich beim Radeln mein Zopfgummi löse und meine Haare schüttele, damit sie schneller trocknen. Das führt dazu, dass ich das Gleichgewicht verliere und höchst unelegant in die Brennnesseln rausche. Das führt aufgrund des Umstands meiner sehr kurzen Hose zu Verbrennungen am linken Bein. Diese verwandeln sich im Lauf der nächsten Viertelstunde in riesige Quaddeln, was wirklich beeindruckend dramatisch aussieht. Das führt dazu, dass meine Freunde mich fragen, was passiert ist. An dieser Stelle hätte ich zu gerne eine spannende Geschichte auf Lager, wie es zu meinem verquollenen linken Bein gekommen ist. Aber leider, leider, leider, ist es nur die Folge temporär aussetzenden Gleichgewichtssinns. Von dem Gift was jetzt bei mir unter der Haut lagert, werde ich wahrscheinlich noch die nächste Woche zehren...

Urban exploring in my hood (6.6.2018)

Seit zwei Jahren fahre ich mindestens einmal in der Woche an einem alten, verfallenen Haus vorbei. Einmal stand dort die Tür auf, weshalb ich vom Fahrrad stieg und mir die Sache näher ansah. Durch die offene Tür blickte man über einen Flur in ein dunkles Wohnzimmer, wo eine alte Dame reglos auf einem Sofa saß. Damals fragte ich die Nachbarn, ob sich jemand um die alte Frau kümmern würde, was sie bejahten. In der letzten Zeit tat sich relativ wenig an diesem Haus, außer dass es immer mehr verwahrloste. Die alte Frau habe ich seitdem nicht mehr gesehen, aber als ich vorgestern wieder dort vorbeifuhr, war gerade eine Baufirma dabei, Bauschutt abzutragen, anscheinend wollte jemand neues dort einziehen und es renovieren lassen. Ich fragte einen der Arbeiter, ob er wüsste, was mit der alten Frau passiert sei, und er sagte, sie wäre vor einiger Zeit gestorben- es hätte sich allerdings niemand darum gekümmert, das Haus leerzuräumen. "Wie in einem Horrorfilm sieht es da drinnen aus!" Wiederholte er immer wieder. Dann fragte er mich, ob ich mir das Hausinnere nicht mal ansehen wollte. Natürlich wollte ich das, schließlich reizen mich alte Häuser mit ihren Geschichten enorm. Ich ging also hinein und wusste sofort, was der Mann mit dem Begriff "Horrorfilm" meinte - die Räume sahen aus, als hätte jemand dort eingebrochen, dann noch eine kleine Bombe gezündet und alles aus den Schränken herausgerissen. Darüber lag eine Schicht Staub. Im Zimmer links vom Flur stand ein riesiger, alter Flügel, darauf unzählige Briefe und alte Akten, Dokumente in Ordnern, Zeitschriften und Bücher auf dem Boden. Der Flügel war sogar noch gestimmt und als ich ein paar Melodien darauf spielte, hörte es sich zugegebenermaßen ziemlich schaurig an. Während ich mir also meinen Weg durch den staubigen, kaputten Flur ins Wohnzimmer bahnte, rissen die Arbeiter die dunklen Holzfassaden von der Wand ab. Im Wohnzimmer erwartete mich ein ähnliches Bild: antike Bücher auf dem Fußboden verstreut, altes Keramikgeschirr im Schrank, Wäschehaufen überall verteilt und sogar das Federbett im Schlafzimmer war noch bezogen. Fasziniert, aber auch etwas peinlich berührt machte ich mich wieder auf den Weg nach draußen, weil ich, obwohl das Haus offensichtlich leerstand, das Gefühl hatte, fremdes Eigentum zu betreten. Als ich wieder an der frischen Luft war (was ziemlich erleichternd war, nach der dunklen, stickigen, staubigen Luft in dem Haus), fragte ich mich, wer sich wohl nun für die ganzen Sachen in dem Haus verantwortlich fühlen würde. Es würde jetzt über die alte Geschichte eine neue Geschichte gelegt, mit neuen Hausbewohnern, die ein neues Leben in diesem Haus leben würden. 

Ich möchte einfach meine Ruhe haben! (1.6.18)

Morgens, halb sieben in Deutschland. Ich möchte schlafen, aber das geht nicht. Draußen ist nämlich immer was los, Donnerstags ist Markttag. Stände, die aufgebaut werden, Menschen, die sich anschreien. Wenn kein Markt ist, wird aus irgendeinem Grund extrem intensiv die Straße von einem Reinigungsfahrzeug gesäubert, das Ding macht ungefähr so 1000 Dezibel. Warum hat die Stadt einen solchen Anspruch an die Sauberkeit unseres Stadtteils? Abgesehen davon wird gefühlt jeden Tag irgendeine Art von Müll abgeholt, die Müllabfuhr rauscht wie blöde direkt unter meinem Zimmerfenster entlang, sie piept und knallt und brummt. Gerne sitzen auf dem Platz unterhalb unserer WG auch halbstarke Jugendliche, aus deren Smartphone lautstark Gangsta-Rap schallt, und sie haben einen kleinen fiesen Köter dabei, der unentwegt kläfft, ohne Grund. Er bellt. Und bellt. Und bellt. Also schließe ich jede Nacht und jeden Morgen schlaftrunken das Fenster. Meine geliebten Ohrenstöpsel darf ich ja jetzt, nach meiner Ohrenentzündung, nicht mehr benutzen und meine bestellten Lärmschutzkopfhörer sind noch nicht geliefert worden. Es ist zum Verrücktwerden, denn wenn ich das Fenster erfolgreich geschlossen habe und wieder ins Bett falle, steht kurz danach einer meiner Mitbewohner auf (an dieser Stelle wird nicht gegendert, weil es hier nicht um meine wunderbare Mitbewohnerin geht, die grundsätzlich bis elf vormittags schläft) und weil wir in einer Altbauwohnung wohnen, quietschen die Dielen. Aber sie quietschen nicht nur ein bisschen, nein. Sondern volle Kanne. Und meine Mitbewohner gehen ja auch nicht nur einmal von ihrem Zimmer in die Küche, sondern so circa 10- 15 mal. 

Immer wieder fühle ich mich an den Meerkönig von Jim Knopf erinnert, denn dieser möchte genau wie ich "endlich seine Ruhe haben!" 

 "Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?" (24.05.18)

Auf dem Weg zurück aus meinem Campingurlaub in Holland werde ich von einem sehr netten Rentner-Ehepaar mitgenommen, beide sind Ende 70 und noch so fit, dass sie locker zwei Stunden Autofahrt vertragen und mir dabei noch ihre halbe Lebensgeschichte erzählen können. Ganz schön spannend, was man so alles erlebt, zwischen 20 und 80! Und damit meine ich nicht die Geschwindigkeitsbegrenzung, denn der Fahrer hielt nichts von "Bummeln" und gab immer mal ordentlich Stoff (130). Große Aufregung, wenn Blitzer angekündigt wurden! Eigentlich wollten die beiden Schlagermusik hören, aber weil wir dann so gut ins Gespräch kamen, wurde das Radio ausgelassen. Und dann ging es los mit der Geschichte. Sie wollte anfangen zu erzählen, aber weil er der Meinung war, sie würde alles durcheinanderbringen, unterbrach er sie ständig und fuhr selbst fort. Er erzählte, wie er mit 21, gerade volljährig und als Schlosser bei einer Firma im Ruhrgebiet beschäftigt, zu einer Freizeit nach Österreich fuhr und sie mitnahm. Die beiden kannten sich nicht, aber sie wollte zuerst auch gar nichts von ihm wissen. Bis er schließlich auf einem Ausflug einen riesigen Strauß Veilchen pflückte und ihr überreichte. Das Schicksal wollte es wohl so, meinten die beiden lächelnd und erinnern sich daran, wie er sie an einem warmen Tag mit der Luftmatratze auf den See hinausschob, mitten hinein in die Seerosen, weil er ein bisschen ungestört sein wollte, der Rest der Gruppe sollte nicht sehen, wie die beiden "poussierten". Wohlgemerkt siezten sie sich noch, und er dachte, sie scherzte nur, als sie immer ängstlicher wurde, weil sie nicht schwimmen konnte. Schließlich merkte er, dass sie tatsächlich Nichtschwimmerin war und paddelte sie vorsichtig zurück. Ihm imponierte, dass sie eine "harte Nuss" war, dass sie sich zierte, das war er nicht gewohnt. Aber irgendwie kam eins zum anderen und so verlobten sie sich schließlich ein Jahr später. Verträumt und grinsend schaue ich aus dem Fenster und lausche den Erzählungen, und plötzlich sind wir schon wieder zurück in meiner Heimatstadt. Schön war das!

Meine erste Tagung (10.05.18)

So, jetzt ist es offiziell. Ich komme dem Berufsleben in Siebenmeilenstiefeln näher. Letzte Woche hatte ich das erste Mal eine Konferenz, es wurden Tagungsmappen verteilt, es gab Kaffeepausen und Keynotespeaker. Große Sache, das. Die meisten Menschen gingen vermutlich hin, um sich Themen für ihre Masterarbeit zu besorgen, oder weil sie wollten, dass andere sahen, dass sie auf dieser furchtbar wichtigen Konferenz waren, endlich mal wieder ihren schicken Blazer anziehen konnten oder in den Pausen auf der Terrasse Pfeife rauchen. Was die Intellektuellen halt so machen. Ich will aber auch intellektuell sein!! Nur nicht...so. Weshalb ich dort teilgenommen habe? Nun, es gab gratis Kaffee und einen großen Obstkorb. Außerdem gekühltes Sprudelwasser, was ich mir privat nie kaufe, weil ich keine schweren Flaschen in den dritten Stock schleppen will. Call me Schnorrer, aber dafür habe ich mir ja auch brav die Vorträge angehört. Und es war ja nicht so, dass nur die superwichtigen Professoren referiert hätten, nein: Auch die Studierenden hatten etwas vorbereitet. Nämlich: Elektroschrott, zusammengebastelt und voller symbolischer Metaebenen. Sie hatten jeweils fünf Minuten um ihre Projekte zu präsentieren. Eine Glasflasche mit Kabeln darin, ein Aluminiumgerüst mit Schüsseln voller Putzschwämme und eine Rampe mit aufgeklebten leeren Klorollen. Natürlich alles im wissenschaftlichen Kontext erschließbar und sehr durchdacht - nur, ernst nehmen konnte man diese Kunstwerke nicht wirklich. Und dabei habe ich mir schon sehr Mühe gegeben, mit dem nicht-Lachen. Der letzte und wichtigste Sprecher war dann tatsächlich sehr gut, und ich hätte ihm gerne eine Frage gestellt. Nur leider wurden die ganzen wichtigen Professoren vor mir dran genommen, was mich wieder an meine Position in der Hierarchie der Forschung erinnerte: Bin eben doch nur eine kleine Studentin und ergo nicht ganz so wichtig für so eine Tagung. Was solls, ich kann ja meine Frage zurücknehmen. Die Zeit wäre ja auch knapp geworden. Ich, beleidigt? Ach quatsch...

Jeden Tag eine gute Tat, auch Freitags (4.5.18)

Puh, Brrr, Schüttel, schlechte Laune. Obwohl Freitag ist und obwohl die Sonne so schön scheint, als ob sie jemandem etwas beweisen müsste. Diese doofe amerikanische Dozentin, am Mittwoch. Jedenfalls steht mir ein ätzender Bürotag bevor, mit Essay schreiben und Korrekturen einarbeiten und wenig draußen, das gefällt mir gar nicht... gefällt mir gar nicht viel! Schon beim Frühstück kippe ich mir heiße Milch über meine frisch angezogene neue Hose, nicht die, die ich schon ein paar Tage getragen hatte. Die neue. Und ich sage mir die ganze Zeit, dass es nur besser werden kann, schließlich ist ja bald Wochenende. Auf dem Weg zur Uni komme ich beim Türkenladen vorbei und kaufe eine der berüchtigten "Dötschobsttüten", für einen Euro. Die Mango, Äpfel, Birnen, Grapefruit und der Granatapfel darin sind tatsächlich dann auch beeindruckend matschig, aber was solls. Schließlich habe ich zu solchen Zwecken mittlerweile immer ein Schälmesserchen dabei. Um Früchte zu retten. An der Uni angekommen gucke ich schnell beim Foodsharing Schrank vorbei, der eigentlich IMMER leer ist. Und heute? Ist alles voller Kekse, unzählige Packungen Kaffee und Latte macchiato pads stapeln sich, Tütensuppen und vor allem: Kürbiskerne!!! Geröstet und gesalzen!!! Die, die ich nie selber kaufe weil sie drei Euro pro Tüte kosten.  Schnell decke ich mich mit den Schätzen ein und stiefele in Richtung Büro, wo ich dann eine riesige Schweinerei veranstalte, mit Obst waschen, schlechte Stellen abschneiden, Obst in Ermangelung einer Schüssel in die leere Kaffeekanne klein schneiden, alles volltropfen, klebrige Hände waschen und vor allem: OBSTSALAT essen! Die Laune hebt sich ob der Überzuckerung nun ganz ungemein. Und jetzt sind es auch nur noch vier Stunden, dann kann ich wieder raus in die Sonne. Vier Stunden Büro, das schaffe ich!!!

I'm utterly sCARed (23.04.18)

Seit Jahren sträube ich mich gegen das Autofahren, ok, wenn ich selber fahre, ist es nicht so schlimm. Aber ich hasse es, Beifahrerin zu sein, oder, noch schlimmer - hinten zu sitzen. Oft schon bin ich bei Fahrten innerhalb meiner Heimatstadt einfach zwischendrin plötzlich ausgestiegen und nach Hause gelaufen, weil ich das Sitzen in beengtem Raum so unerträglich fand. Noch schlimmer ist es für mich, wenn mich jemand partout nicht mit der Bahn fahren lässt, sondern mich "doch schnell vor der Haustür rauslassen kann". Eigentlich ist das ja eine sehr nette Geste und irgendwie bin ich auch froh darüber, aber das Auto an sich, vor allem jegliche neumoderne Vehikel mit Ledersitzen und diesem absolut Kopfschmerz- und Übelkeiterregenden Geruch nach Leder und Armaturen rufen jedes Mal wieder Grauen bei mir hervor. Ach, es ist schwer zu sagen. Manchmal ist es natürlich schon ein Privileg, nicht fünfmal umsteigen zu müssen. Und trotzdem finde ich es unangenehm, diese Atmosphäre im Auto aushalten zu müssen, wenn alles so ein bisschen dumpf ist und vor allem, wenn man gezwungene Konversation führen muss. Und sich dabei nicht in die Augen guckt, was ja potenziell auch mal ganz angenehm sein kann, aber trotzdem oft komisch ist, zumindest für mich persönlich. Schlimm ist immer, wenn man hinten drin sitzt und vorne sitzt das Pärchen, das einen mitnimmt. Und zuverlässigerweise streiten die beiden sich während der Fahrt über irgendwas, meistens macht sie ihm Vorwürfe, dass er irgendwas vergessen hat oder grade sitzen soll oder endlich die Kontoauszüge ausdrucken oder Klopapier kaufen. Und ich sitz hinten drin und schweige und fühle mich blöd, weil diese Situation eine Intimität hervorruft, an der ich überhaupt nicht teilhaben möchte. An den Beziehungsdiskussionen anderer Menschen. Letztens erzählte mir eine Mutter, dass sie mit ihrer pubertären Tochter am ehesten während einer Autofahrt ins Gespräch kommt, was ja auch wieder für diese besondere intime Stimmung spricht, außerdem gibt es viele Mütter die aus Verzweiflung stundenlang den Säugling herumfahren, weil er sonst die ganze Zeit nur schreit, im Auto aber wundersame Weise tief und fest schlummert. So kann man also auch positiven Aspekte der Autonutzung beleuchten. Wenn ich die Wahl habe, nehme ich aber trotzdem lieber die Bahn, weil man da lustige Leute trifft und hin und her laufen kann...

Über Kinderfreizeiten ( 13.04.18)

Jaja, der Kindheit glückliche Spiele... früher, das heißt von 2007-2009 war ich eine Woche lang im tiefsten Sauerland, Schlammschlachten mitmachen, verknallt sein in die Hendriks und Cedrics und Fabians und Lucasse von damals, mit dreizehn. Und kaum sind zehn Jahre herum, finde ich mich wieder an diesem Ort, der voller Erinnerungen ist, allerdings diesmal als professionelle Kinderbespaßerin. Am ersten April, dem Start der Freizeit, erzähle ich einem kleinen 8-jährigen, dass die Küchenfrauen streiken und wir uns währen der nächsten Tage das Essen selbst zubereiten müssen. Er darauf, ganz erschrocken: Ich kann aber nur mit Thermomix kochen! Daraufhin verkneife ich mir ein Lachen und er doziert über Crepe rezepte, die er bereits ausprobiert hat. Des abends merken die Kinder dann, dass sie veräppelt wurden, es soll allerdings nur die erste von vielen Veräppelungen sein. Wir lassen die Teilnehmer toben, laut sein, quietschen, wir bewerten ihre Zimmer nach Sauberkeit und Dekoration, wir atmen diesen ganz besonderen muffeligen Teppichboden geruch ein, ohne den unser Freizeitheim nicht das wäre, was es schon seit 60 Jahren für uns ist, damals, als schon meine Omi als junge Frau Zeltlager dort leitete. Und heute genießen wir den Anblick von Kindern, die kein Smartphone dabei haben, sondern sich gegenseitig über die Flure jagen, und sich Witze erzählen und die eine unfassbare Energie entfalten können, wenn sie nur genug übersüßte Cornflakes und Schokocremebrötchen zum Frühstück gegessen haben. Nicht zu vergessen die Tonnen von Süßigkeiten, die sie allesamt mitschleppen und die man in allen Ritzen findet. Eines vermisse ich jedoch regelmäßig auf den Freizeiten: Schlaf. Mitte der Woche zittern meine Beine, mir ist schwindelig und ein anderer Mitarbeiter erzählt mir, er hätte mal am Abholtag einer solchen Osterferienwoche Halluzinationen bekommen, aufgrund von Schlafmangel. Das sei es ihm allerdings wert. Ich jedoch, ich brauche meine 6-7 Stunden Schlaf pro Nacht, sonst wäre ich sicherlich bei der gute Nacht Geschichte, die ich den Kindern abends erzähle, selbst eingeschlafen. Eines Tages erfahre ich dann, dass ich vorzügliche Oma-Qualtäten besitze: "Du wirst bestimmt mal eine tolle Oma", sagt eine Teilnehmerin, "du kannst stricken und Geschichten erzählen!" Und wenn es stimmt, dass Kindermund Wahrheit kundtut, dann überspringe ich einfach die Phase die dazwischen liegt und werde direkt Seniorin. Bei Woodstock wäre ich ja auch zu gerne dabeigewesen...

 Wie wird ein doofer Wochenstart gut??? (9.4.18)

Ein nebelgrüner Frühlingstag und ich habe Husten, Schnupfen, Kopfschmerzen. Nervig, nervig, nervig. Warum muss auch ausgerechnet jetzt, im April, mein Heuschnupfen nochmal einsetzen? Ich habe das Gefühl, meine gesamten Nebenhöhlen, oder was auch immer das alles hinter meinem Gesicht so ist, sind verstopft und verkrampft. So setze ich mich selber unter Kopfschmerztabletten und homöopathische Kügelchen, deren Wirkweise ich gespannt abwarte. Als ich aus der Tür trete, merke ich, dass ich etwas in der Wohnung vergessen habe- also wieder hoch in den dritten Stock. Müll und Altglas muss auch weg, also jongliere ich mal wieder mit zwei Beuteln in den Händen, dabei reist ausgerechnet der mit dem Biomüll. Schimmelige Obstreste und Kaffeesatz auf dem Küchenfußboden. Gestern noch wurde unsere Küche gewischt. Super, der Montag fängt richtig an. Ich versuche gleichzeitig mein Fahrrad aus dem Hausflur herauszuschieben und die schwere Tür aufzuhalten. Dabei fallen dreimal kurz nacheinander Gläser aus dem Altglasbeutel, eines davon hat natürlich die Güte, dabei zu zerspringen und den Rest Marmelade gemischt mit Scherben zwischen Schwelle und Hausflur zu verteilen. Also muss ich wohl oder übel mit dem Kehrbesen den Schaden beseitigen, meine Hände sind nun voller klebriger Marmelade. Die Mülltonnenbox geht mal wieder nicht auf, es ist zum Chinchillamelken. Aber noch ist mein Optimismus nicht vollständig verschwunden, erst nach drei Stunden dröger Büroarbeit mit Übelkeit und Schwindel, und vor allem, nachdem ich meine Kontoauszüge angesehen habe. Drauf steht nämlich, dass irgendjemand per Lastschriftverfahren unbefugt Geld  von meinem Konto abgebucht hat, weshalb ich nun auch noch zur Polizei stiefeln darf, Anzeige erstatten. Und das alles mit Wackelpuddingbeinen, juckenden Augen, asthmatisch anmutendem Husten und geschwollenen Schleimhäuten. Super, der Frühling, echt. Kann also nur besser werden, mit guten Kaffee, und Was mich ebenfalls aufheitert, ist das Seniorenpaar, das mir aus der Unibib entgegen kommt: Beide tragen weißen Tennisdress mit pastellfarbenen Kopfbedeckungen, sowie Rollkoffer, als seien sie auf dem Weg in den Urlaub, Madeira, höchstwahrscheinlich. War das wohl eine Fata Morgana? Blumen kaufen will ich eigentlich auch noch... Wobei, davon bekomme ich ja vielleicht wieder Heuschnupfen. Es ist ein immerwährender Kreislauf.

Wunderbares in Wuppertal

Einmal im Leben über Wuppertal schweben- das habe ich leider während meines Kurztrips Richtung Bergisches Land nicht getan, das ist das nächste Mal auf der Liste. Genauso wenig habe ich mir Wuppertal selbst angeschaut, vielmehr bin ich von Hattingen nach Schwelm gelaufen, beides Städte, die nicht wirklich bekannt für ihren metropolitären Charakter sind. Das ist aber auch gar nicht schlimm, weil es sie nämlich umso reizvoller macht. Mit ausgedruckter Wegbeschreibung bin ich also an einem nasskalten Gründonnerstag losgestiefelt, hoch, an der Schulenburg vorbei, Richtung Bredenscheid und Berger Hof. Durch den Wald, alleine. Kein großer böser Mann ist mir begegnet, der mich hätte klauen können. Nur ein paar Ausflügler, die im Hofladen Bioprodukte kauften. Ansonsten hatte ich den Wald wirklich für mich, genauso wie es sein sollte. Am Felderbach habe ich mich ziemlich verlaufen, weil ich eben keine Wanderkarte hatte - normalerweise kann ich mich eigentlich sehr gut nach dem Stand der Sonne orientieren. Wenn es allerdings graupelt und hagelt, gestaltet sich das als eher schwierig. Als ich dann irgendwann einen Fachwerkhausbewohner nach dem Weg nach Schwelm fragte, schaute der mich mitleidig an und ich wusste schon was kommt: Ich müsste genau in die Richtung zurückgehen, aus der ich gekommen war. Also kleine Planänderung: Nicht nach Schwelm, sondern nach Herzkamp. Auch ok. Dort gab es dann sogar eine Buslinie nach Wuppertal, die - man glaubt es kaum - selbst am Feiertag noch stündlich fuhr. Was für ein Luxus! Ich hatte mit dieser Annehmlichkeit tatsächlich nicht gerechnet. So stieg ich also widerstrebend an der Haltestelle "Mettberg" ein und grüßte die anderen Fahrgäste im Bus, weil man das so macht, im Bergischen. Dann noch in Barmen einen Kaffee am Bahnhof getrunken und den Fischgesprächen der alten Männer gelauscht ("nee, also Lachs ess ich nur geräuchert und Makrele nur freitags am Marktstand!") und dann auf in den Bus, der mich zu meiner Großtante bringt, bei der ich übernachten darf. Ein wunderbarer Tag, mit 5,5 Stunden wandern ohne Pause und kostenloser Frühstückspension. Ich finde sogar heraus, dass es in der Wohnung meine Lieblingswochenzeitung gibt und es duftet wunderbar nach frisch gebackenen Osterlämmchen. Der Ausblick aus dem riesigen Wohnzimmerfenster auf bewaldete Hügel im Sonnenschein ist so ganz das Gegenteil von dem, was man aus Bochum kennt und ich suche schon während des Frühstücks nach einem neuen Termin, zum Weiterwandern. In Wuppertal.

der Besuch der Alten Dame (Genitivus Objectivus) (20.3.18)

Es sind Semesterferien und wie könnte man seine seltsam freie Zeit besser nutzen als den buckligen Verwandten einen Besuch abzustatten? Naja, bucklig ist meine Oma eigentlich nicht, nur sehr klein. Sie sitzt da und trinkt ihren Kaffee als ich ankomme, und erkennt mich glücklicherweise sofort, obwohl ich mir am Morgen die Haare abgeschnitten habe. Neben ihr liegt in DinA4 format ein Foto, das sie als braungebrannte junge Frau mit ebenfalls Kurzhaarfrisur zeigt. Ich finde, sie sieht ein bisschen aus wie eine Mischung aus Romy Schneider und Audrey Hepburn, die mochte sie jedenfalls lieber, sagt sie, und ist ein bisschen geschmeichelt. Ganz lange durfte sie sich nämlich nicht die Haare abschneiden, musste immer einen Dutt tragen, wegen ihres religiösen Vaters. Eigentlich will sie sich grade nicht unterhalten, lieber mit mir das "Traumschiff" gucken, wo doch jetzt der Hauptdarsteller gestorben ist- ich möchte lieber quatschen, ganz meinem Naturell entsprechend. Und so texte ich sie zu, über meine WG und mein Studium und meine Reisen, die noch nicht gemacht wurden, die ich aber heißblütig plane. Nach einiger Zeit begeben wir uns dann ins Wohnzimmer, wo noch laut der Fernseher läuft, wahrscheinlich schon seit mindestens zwei Stunden. Und ich bin ziemlich stolz, dass ich sie dazu bewegen kann, mit mir ein Fotoalbum anzusehen. Über ihre Zeit als Krankenschwester in Norddeutschland, und ihre Zimmergenossin, die wohl in sie verliebt war. Was? Da muss ich nachhaken. Hat sie dir denn gesagt, dass sie dich liebt? -Nein, aber sie hat es mir gezeigt. Sie war auch nicht eifersüchtig, als ich meinen Mann kennenlernte, sie hat tatsächlich später dann auch selbst geheiratet, einen Mann. 

Meine Oma ist hübsch auf den Bildern, finde ich und sage ihr das auch. Sie erzählt, dass ihr Mann sich immer darüber aufgeregt habe, dass sie ihr Aussehen nicht mochte, weil er natürlich in sie verliebt war. Über eine ganze Stunde lang sitzen wir so bei ihr, sehen Schwarz-Weiß und verblichene Farbfotos an, mit Schlaghosen und Knickerbockertrends, ganz kurios. Dann das erste Bild von meiner Mutter als Säugling, Omas Augen leuchten, sie sagt, dass ich ganz nach meiner Uroma komme, und das kann ich schlecht beurteilen, aber freue mich trotzdem. Irgendwann schläft dann mein linkes Bein ganz fürchterlich ein, wegen des schweren Albums. Leider sind wir noch nicht ganz durch, aber ich verspreche, bald wiederzukommen und den Rest der Bilder anzusehen. Vom Umzug ins Ruhrgebiet und den ersten Hosen nach Jahrzehntelangem Röcke- und Kleidertragen...

die nervigsten Elternsprüche und wie man sich davon befreit (13.03.18)

Liebe liebe Krummelus, lass mich  niemals werden groß! Sagte schon Pippi Langstrumpf und genau deshalb, deshalb sollte man öfter auf anderer Leuts Gepäckträgern durch die abendliche  Innenstadt fahren und mit der Ukulele am Bahnsteig stehen und singen, als gäbe es kein Morgen mehr. Und sich vor allem für nichts schämen, weil Schämen doof ist. Wer andern eine Grube gräbt, hat Gold im Mund. Das ist die vollkommen passende Überleitung zu den Sprüchen, die einem das Leben eng machen: Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, wird gegessen was auf ebendiesen Tisch kommt - ohne Gemüseaufessen keinen Nachtisch, Teller leer essen, sonst wird das Wetter schlecht und man bekommt viereckige Augen. Und Kinder die was wollen, sagen nie das Zauberwort. Sie schaffen den Bollen nicht, weil die Augen mal wieder größer waren als der Magen. Wer feiern kann, der kann auch aufstehen und zum Gottesdienst gehen und vor allem danach noch zum Spaziergang mitkommen. Aber man darf abends nicht zu lange lesen, sonst heißt es: "Du hast morgen früh Schule". Oder man muss "jetzt ausmachen", weil es "das letzte Mal ist". Wenn man dann Widerworte gibt, heißt es, dass man nicht immer das letzte Wort haben soll und nicht rumschreien, "ich bin doch nicht taub!" Außerdem spricht man nicht so mit seiner Mutter/seinem Vater! Nicht in diesem Ton, Fräulein! Oft wird man auch gefragt, ob man denn nicht richtig zugehört habe und überhaupt, man bekommt KEIN Haustier -die machen nur Dreck- und damit BASTA! Mach mal die Augen zu, dann siehst du was du bekommst! Und wenn man dann immer noch "frech wird", setzt es gleich was, und "es ist mir egal was die anderen dürfen, wenn die anderen Kinder von der Brücke springen, springst du dann auch?" Und die XY soll man "auch mal mitspielen lassen", obwohl sie immer blöd ist und  alles bestimmen will! In der Schule darf man nicht kippeln, sonst "brichst du dir das Genick!" Und mit vollem Mund spricht man nicht, Süßigkeiten verursachen Karies und "vielleicht kaufen wir dir das beim nächsten Mal! Oder du kannst ja dafür sparen." Messer rechts, Gabel links, das hab ich dir schon tausend Mal gesagt! Manchmal muss man halt Sachen machen, die man nicht will. Jetzt stell dich nicht dümmer als du bist! Zieh dir die Schuhe aus wenn du reinkommst, ich hab grade gesaugt! Und wenn es dunkel wird, bist du zuhause! (Mittlerweile habe ich vor lauter Empörung vergessen, Anführungszeichen zu setzen) Am Allerschlimmsten ist natürlich: "Dafür bist du noch zu klein, das verstehst du noch nicht", sowie "ich diskutiere das jetzt nicht mit dir!" Gänsehaut pur! 

man ist immer so alt wie man sich fühlt (13.03.18)

Hey, mittlerweile bin ich 23. Und lebe nach dem Prinzip: Was du heute kannst besorge, das... mach am besten erst nächste Woche. Mein Mitbewohner ist da ganz meiner Meinung, er proklamiert in unserer Küche: "Der frühe Vogel fängt sich gleich eine!" Wir sind also konform mit einer blödsinnigen, zeitverschwenderischen Lebensweise, wie es uns in den Kram passt. Und dazu gehört eben auch, um 11 Uhr nachts den Flur zu streichen, mit Abkleben und fehlender Fußbodenabdeckfolie, weshalb wir Zeitung nehmen, die verrutscht natürlich. Es wird alles ganz fleckig und um drei Uhr morgens haben wir leider keine Farbe mehr. Und auch keine Lust, also setzen wir uns aufs Sofa und quatschen noch eine Stunde, dann schlafen wir ein und das Projekt liegt seitdem auf Eis, bzw. der Boden voller Zeitung und Eimer, über die man nachts stolpert. Am nächsten Morgen sind die Ex-Mitbewohner da, die mittlerweile als Pärchen in eine gemeinsame Wohnung gezogen sind, die "so schön ruhig ist", man müsste ja auch soooo viel arbeiten. Die beiden sitzen auf unserem Küchensofa und tunken synchron ihre Teebeutel in die Tassen (nachdem schon Wasser drin ist, so zieht der doch niemals richtig, denke ich! Wie im Cafe, wo der Teebeutel auch immer zum heißen Wasser dazugelegt wird, komplett bescheuert) und erzählen von Wohnungseinrichtungen und Arbeit und no-carb-Frühstück und teuren Restaurants und sooo viel Arbeit, und man müsste ja auch Zeit für die Beziehung haben. Call me spießig, aber ich bin froh, dass ich mich nach kurzer Zeit zum Babysitten verabschieden kann, wo ich mit drei coolen Kindern vom Spielplatz aus einen bewaldeten Hang hochkraxele und wir oben die Aussicht auf unseren Stadtteil genießen. Die Vierjährige findet: "Ich hab so ganz viel Wald in den Schuhen!" Ihr großer Bruder sammelt derweil Waldmünzen (Eichelhütchen), beide Taschen voll, als es nachmittag vom Turme scholl. Sie rutschen auf dem Hosenboden den Berg wieder hinunter und später lese ich Märchen vor und lasse auf mir herumklettern. Als ich nach Hause fahre, finde ich auf der Straße eine Unterbettkiste, wie ich sie schon lange selber bauen wollte. Schließe kurzerhand mein Rad dort an und schleppe die Kiste in die Bahn, und jeder, der schonmal an einem Samstagabend mit einer riesigen Unterbettkiste durch den Bochumer Hbf spaziert ist, der weiß, was es heißt, wenn es heißt "die Leute gucken schon". Das ist mir aber egal, weil es auf dem Weg zur WG nach den ersten Frühlingsregen gibt und es nach Angrillen riecht und ich werde ganz neidisch. So viel  zu unvernünftigen Aktionen. Fortsetzung folgt!

 

The decaf-quest (8.3.18)

Auf der Suche nach koffeinfreiem Kaffee führt mich mein Weg in eine Bäckerei. Dort, an der längsten Theke der Welt, weiß ich erst mal gar nicht, wo ich überhaupt meine Bestellung aufgeben soll. Laufe einmal von links nach rechts an der L-förmigen Auslage entlang, was zehn Minuten dauert. Dann wieder zurück, wo mittlerweile zwei Kundinnen angekommen sind, die nun vor mir bedient werden. Mist. Warte ich halt nochmal zehn Minuten. Es sind drei Verkäuferinnen da, eine wendet sich mir gütigst zu: "Wer bekommt?" Das ist auch so eine meiner Lieblingsphrasen im Bäckerei- und Metzgereisektor. Wobei, Metzgerei könnte ich jetzt nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, da war ich ewig nicht. Ersetzen wir also Metzgerei durch Käsetheke. Und endlich darf ich bestellen: "Ein koffeinfreier Kaffee zum hier Trinken bitte." Die Verkäuferin: "Zum Mitnehmen?" Ich:  "Nein, zum Hier trinken. Sie haben doch koffeinfreien Kaffee oder?" Sie: "Wir haben bis 19 Uhr auf." Ich: "Ja, aber der Kaffee, der ist doch ohne Koffein oder?" Sie: "Die Kollegin bedient Sie, einmal zur Ausgabe bitte!" Ich stiefele also wieder an der Theke entlang, komme verschwitzt zur Ausgabe=Kasse, wo eine andere Verkäuferin bereits auf mich wartet. Sie fragt: Einmal einen normalen Kaffee? Ich: "Ja, nur ohne Koffein." Sie: "Ja, also ganz normal!" Ich antworte darauf nicht, sondern bezahle stumm. Die Brotschneidemaschine schneidet so brutal Brot, dass  man sein eigenes Brot, äh, Wort nicht versteht. Ich bekomme meinen Kaffee und meinen Keks und während ich mich in eine schlecht einsehbare Ecke setze, um ungestört heimlich mitgebrachte Milch in meinen Kaffee zu schütten, weil ich Kondensmilch als pervertierte Form der Laktoseprodukte betrachte, bestellt ein anderer Kunde, der sich wohl schon seit geraumer Zeit in der Bäckerei aufhält. Die Verkäuferin fragt: "Wie kann ich Ihnen helfen?" Er: "Kaffee." Dann eine lange Kunstpause. Schließlich fügt er gedehnt hinzu: "Und eine Wurstrolle!" Die Wurstrolle ist die Weiterentwicklung der Bifi-Roll, die ich als Kind an der Tankstelle bekam, wenn ich samstags mit Vati zum Einkaufen ging. An diese denke ich nun  mit aufgestellten Nackenhaaren zurück - und finde, dass die Wurstrolle natürlich deutlich mehr Klasse hat. 

Man sollte (04.03.18)

Man sollte sich drei Mal am Tag die Zähne putzen, weiß und bunt separat waschen, wenig Kohlenhydrate essen, kein Fleisch essen, weniger Zucker essen, Kochwäsche bei 95 Grad waschen, einmal in der Woche die Wohnung wischen, die Spülmaschine öfter entkalken, alle sechs Monate zur Vorsorge (egal für was), Fenster putzen, mindestens 7-8 Stunden schlafen, aber nicht mehr als 9 Stunden, man sollte sich immer die Hände waschen. Man sollte nicht popeln, jeden Tag frische Unterwäsche anziehen, pro Tag eine halbe Stunde an der frischen Luft sein, fünf Portionen Obst und Gemüse pro Tag essen, weniger Plastikmüll produzieren, den Schneefegeplan einhalten, weniger Autofahren, weniger Flugreisen buchen, gerade sitzen, nicht mit dem Finger auf Leute zeigen, nicht lästern, auch in den Ecken putzen, den Müll trennen sollte man auch. Man sollte alten Menschen einen Sitzplatz anbieten, Bitte und Danke sagen, im Fahrstuhl keinen Augenkontakt haben, den Teebeutel drei bis Fünf Minuten ziehen lassen und dann herausnehmen, zehn Prozent Trinkgeld geben, immer Sonnencreme benutzen. Man sollte nicht mit vollem Magen schwimmen gehen. Man sollte nicht mit leerem Magen schwimmen gehen. Man sollte keine gesättigten Fettsäuren zu sich nehmen, die Dunstabzugshaube erneuern, seine Hemden bügeln, in die Ellenbeuge niesen, keine Enten füttern, ab 22 Uhr Nachtruhe einhalten, die Geschwindigkeitsbegrenzung nicht überschreiten, mit Helm Fahrrad fahren, schwere Dinge aus der Hocke heraus heben. Man sollte sich als Frau die Beine rasieren, bei Erkältung nicht barfuß laufen, nicht mit nassen Haaren raus, nicht mit Schnupfen in die Sauna, nicht mit Fremden reden, jeden Bissen dreißig Mal kauen, nicht die Nase hochziehen, nicht in unbekannte Gewässer springen, Zahnseide benutzen und mit der Zahnbürste auch die Zunge reinigen.

 

Barefoot over stone- ein Selbstversuch (04.03.18)

Was sollen bloß die Leute denken? Sie sollen gar nichts denken. Und noch weniger will ich darüber nachdenken, was die Leute denken könnten. Weil mir genau das aber immer wieder passiert, starte ich heute, an diesem so ungewöhnlich warmen, sonnigen Sonntag den ultimativen Selbstversuch: Schuhe aus. Was ich normalerweise früher immer vor den Doppelhaushälfteneingangstüren der Neubaugebiete zu hören bekam, wenn ich meine Schulfreundinnen besuchte, tue ich nun, auf meinem Weg durch Wald, Stock, Schlamm, Weide einfach mal so. Es fühlt sich sooo gut an, nachdem man eine Woche hinter sich hat, in der man teilweise nicht weniger als sechzehn Kleidungsstücke getragen hat. Die Füße sind frei beweglich, freuen sich über den Kontakt zum warmen Boden und vor allem als es durch den Schlamm im Wald geht, könnte der Tag nicht besser werden, wenn man die Zehen im feuchten Boden bewegt und der Matsch zwischen den Zehen hervorquillt, und dann auf dem weiteren Weg langsam trocknet. Aber jetzt natürlich die Frage - reagieren die fleißigen Sonntagsspaziergänger auf mich? Ja, manche reagieren. Das alte Ehepaar grinst mich an, der Herr staunt: "Das ist aber mutig!". Ein Outdoorjackenträger auf peinlichem Liegefahrrad fragt mich, ob es denn schon warm genug dafür sei. Ich sage: "Türlich! Man muss nur wollen!". Gleichzeitig, so merke ich, übe ich in meinem Selbstversuch nämlich auch, zurück zu kommentieren, wenn ich kommentiert werde. Immer beschwingter tapse, ja tänzele ich meinen Weg entlang, über die Eisenbahnbrücke, wo mir vierjährige Knirpse entgegen watscheln und konstatieren: "Das darf man gar nicht, barfuß!". Die Väter dackeln hinterher und grinsen mit Blick auf meine nicht vorhandenen Schuhe: "So kalt kann es ja dann tatsächlich nicht mehr sein!" Finde ich auch nicht. Ein Junge fragt: "Warum geht die Frau barfuß?" Ich antworte: "Weil ich es kann!". Und ich denke: Und weil ich es früher im Winter eben NICHT konnte. Gut, dass mich jetzt keiner mehr ausschimpfen kann, für meine dreckige Barfüßigkeit. Wobei, meine Eltern haben früher glaube ich auch nicht geschimpft. Tatsächlich genieße ich es nach einiger Zeit richtig, dass die Menschen in der Bahn misstrauisch auf meine dreckigen Füße linsen, und dann schnell wegsehen. Tja, so ist das eben. Ich würde sagen: Selbstversuch geglückt!

I want to ride my bicycle (28.02.18)

Ende Februar 2018 feiert Deutschland offenbar nochmal nachträglich Karneval und verkleidet sich als Sibirien. Ich traue mich mittlerweile gar nicht mehr, auf das Thermometer zu schauen, und dennoch ist es eine Art grausige Faszination, wenn es mal wieder minus sieben Grad sind und man trotzdem irgendwie raus muss, und man sich einredet, dass es durch den Sonnenschein doch bestimmt gar nicht sooo kalt ist. Und dann steige ich, hardcore wie ich drauf bin, auf mein geliebtes Fahrrad, das mich überall hin begleitet, mit meinen schwarzen Turnschuhen und drei paar Socken darunter, weil ich mich nach wie vor weigere, Winterschuhe anzuziehen. Durch den eisigen Wind schmerzen meine Nasenschleimhäute und meine Augen tränen, innerhalb von wenigen Minuten ist der Bereich zwischen Mund und Nase ein See voller Schnodder, weil ich meine dicken Handschuhe nicht ausziehen will um mir die Nase zu putzen. Also tropft die Schnodder auf meinen überdimensionalen Schal und friert dort allmählich fest, während ich mich die eisigen Straßen entlang kämpfe und das alles mit eingefrorener Gangschaltung. Dann kommen die zwei berüchtigten Berge, die ich raufstrampeln muss und es weht Gegenwind, wie immer eigentlich, wenn man einen Berg hoch muss. Meine Beinmuskeln wollen nicht so wie sonst, ich komme einfach nicht vorwärts und alles ist ganz schrecklich, außerdem fühle ich mich wie ein Michelinmännchen, mit meinen sechs Klamottenschichten und zwei Mützen übereinander und ich kann mich nicht bewegen und das An- und Ausziehen dauert jeweils eine halbe Stunde. Dabei falle ich regelmäßig fast auf die sehr wunde Nase, weil meine Beine sich in der doofen Drüber-hose verheddern und ich das Gleichgewicht verliere. An diesem Punkt fange ich dann fast an zu weinen und sehne mich nach einer 100 Grad Sauna. Es ist schon wirklich ein Trauerspiel. Natürlich könnte ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, aber davon bin ich noch gereizter, weil alle Menschen um mich rum mich nach kurzer Zeit nerven. Also: Keep calm and cycle on. Auch, wenn ich zur Zeit nicht amused bin.

es ist zum Davonlaufen- über das Joggen (10.2.17)

In einer Gesellschaft, in der alles schnell gehen muss, ist es kein Wunder, dass sich das Joggen immer größerer Beliebtheit erfreut. Wo das Auge hinblickt, überall rennen die Menschen in presswurstartigen Polyesterausrüstungen durch die Weltgeschichte. Es gibt das Runners-knee, manche Marathonläufer haben mittlerweile keine Zehennägel mehr, komplett abgefallen durch die Lauferei. Mir, die ich mich nicht gerade als bewegungsfaul beschreiben würde, ist dieser Trend natürlich nicht entgangen, und so habe ich vor zwei Wochen gedacht, dass es ja so schlimm nicht sein kann, vierzig Minuten durch die Walachei zu zockeln. Also schön schwitz-fördernde Baumwollklamotten angezogen, um ein Zeichen gegen die Neon-Lycra-Manie zu setzen und los. Und es ging auch anfangs ganz gut. Einmal um den See herum, fühlte ich mich die ganze Zeit richtig fit, war stolz auf mich. Bis ich, zehn Minuten später auf dem Rückweg, plötzlich beinahe hingefallen wäre, weil mir plötzlich schwindelig wurde. Dazu hatte ich den spontanen Drang, mich erst zu übergeben und dann auf den matsch-kalten Boden zu legen. Dem gab ich allerdings nicht nach und quälte mich nach Hause, wo ich mit knallrotem Gesicht in meinem Zimmer auf den Boden fiel und mich wie ein Fisch auf dem Trockenen fühlte. Mein Mitbewohner kam in mein Zimmer, sah mich mit großen Augen an und sagte etwas wie "Was hast DU denn gemacht??" Ganz genau erinnere ich mich nicht mehr daran, vielleicht war ich auch halb ohnmächtig. Nach einer Viertelstunde traute ich mich dann vorsichtig zu duschen, und versuchte das Übelkeitsgefühl zu unterdrücken. Lange hypochondrische Rede, gar kein Sinn: mir ging es den Rest des Tages dreckig und ich war richtig, richtig sauer auf alle Jogger. Ich schwor mir in einer Trotzreaktion, nie wieder laufen zu gehen, nur noch spazieren und wandern. Mein Verdruss geht sogar jetzt noch so weit, dass ich mich aufrege, wenn mich irgendwo Läufer überholen, die es dann auch noch wagen, in irgendeiner Weise zufrieden auszusehen oder mich gar zu GRÜSSEN! Mit meinem nostalgischen, trödelnden Bummelgehen setze ich also ein Zeichen gegen die fortlaufende gesellschaftliche Entwicklung, man sollte mich tatsächlich mit einem Orden dafür ehren...

The Millenials (7.2.18)

Heute habe ich wieder mit meinem wunderbaren Elftklässer zur Englisch Nachhilfe getroffen. Wie man das als Tutorin so macht, quatsche ich erst mal auf Englisch mit ihm über alles mögliche, bevor es an die Zeitenformen und das Wörterbuch geht. Nachdem diese Quälerei vorbei ist, zeigt er mir den Text über die Millenials, den er in der vergangenen Stunde bekommen hat. Darin wird eine These dargestellt, die folgendermaßen lautet: "the so called millenials are presented as lazy and selfish in the media". Zu deutsch also: Die Millenials werden in den Medien als faul und selbstsüchtig dargestellt. Kurze Vokabelfrage an meinen Schüler: Was bedeutet lazy? Ich beschreibe es ihm: "What are you when you're lying in bed all day, not doing anythin?" Er, darauf grinsend: Chillen. Das ist zwar nicht ganz richtig, allein schon in grammatischer Hinsicht (Verb/Adjektiv und so) aber seine Einstellung dem Nichtstun gegenüber ist auf jeden Fall schon denkwürdig. Dann möchte ich ein bisschen provozieren und ihn aus der Reserve locken: Ob er denn denkt, dass diese These so stimme. Ich rechne also damit, dass er Argumente bringt, die seine Altersgruppe als genauso engagiert, aktiv und sozial interessiert wie andere Generationen zeigen. Er sieht mich an, denkt kurz nach, und nickt dann langsam mit dem Kopf. "Yes, I think it's right." Ich denke, ich habe mich verhört. Er meint also tatsächlich, dass alle Millenials faul und selbstsüchtig sind. Ich frage nochmals nach, um sicher zu gehen. Er rudert etwas zurück: Okay, nicht alle sind so, aber schon die meisten. Und das ist, was mich irgendwie echt schockiert. Dass er gar nicht versucht, die These zu entkräftigen oder sich zu rechtfertigen - beziehungsweise seine Altersgruppe - sondern, dass er mit einem solchen Statement konform geht! Und gar kein Problem damit hat, zuzugeben, dass ihn das auch nicht sonderlich stört. Das nimmt mir tatsächlich ein bisschen den Wind aus den Segeln, wollte ich doch nicht nur das Argumentieren mit ihm üben, sondern auch seine Sicht auf die Dinge erfahren, schließlich möchte er in den Sozialwissenschafts-LK! Was wird denn das für ein Leistungskurs, in dem alle nur rumsitzen und sich nicht auf die Stunde vorbereiten? Wobei, andererseits wäre das vielleicht eine gute Vorbereitung auf ein geisteswissenschaftliches Studium?

 

Ed versus Johannes (6.2.18)

Seit einiger Zeit bin ich bekennender Radio-junkie. Das Radio ist neben der Kaffeemaschine das erste, mit dem ich mich morgens unterhalte. Ich begrüße die Moderatoren von WDR2 und rege mich über die Nachrichten auf, wenn Trump wieder irgendeinen Super GAU verursacht hat. Jedes mal, wenn ich gerade noch nicht richtig empfänglich bin, wird dann deutscher Rock-Pop gespielt, und das teilt sich in meiner persönlichen Top-10 der Geschmacklosigkeit einen Platz mit Reggaemusik von Gentleman und Balladen von Nickelback. Silbermond, Revolverheld, Mark Forster, Max Giesinger und Johannes Oerding- wer hat denen den Floh ins Ohr gesetzt, sich einbilden zu können, das was sie produzieren, wäre Musik? Okay, über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Lieder wie "lass uns hier raus" oder "100 Leben" sind aber definitiv so geschmacklos, dass man ergo gar nichts hat, worüber man sich streiten könnte. Meine Meinung. Und genau um "100 Leben" geht es, viel mehr um den Inhalt. um eine super Kindheit und Jugendzeit, in der man sooo viel geniale Zeit zusammen verbracht hat, und hihi, man hat sogar heimlich eine Zigarette zusammen geraucht. Und hat entdeckt, dass Leben hinterm Ortsschild ist- das kann man sich ja noch bildlich vorstellen. Wäre Johannes Oerding brav vor seinem Ortsschild geblieben, wäre der Musikwelt vielleicht einiges erspart geblieben. So muss man sich nun täglich anhören, dass Melle, Christian und Ben alle alte Säcke geworden sind, mit Bart und Kindern, die sie ins Bett bringen müssen, außerdem haben alle eigentlich wenig Zeit, aber trotzdem, trotzdem, war es ja so einzigartig, damals. In Geldern-Kapellen. 

Es mutet an wie ein fader deutscher Abklatsch von Ed Sheerans "castle on the hill", wo es eigentlich um genau das gleiche Thema geht: Die Rückkehr in den Heimatort, nachdem man einige Jahre weg gewesen ist; jetzt erinnert man sich mit einer großen Portion Melancholie an den ersten Rausch, den ersten Kuss und die ganzen Orte, an denen man sich damals getroffen hat. Der Unterschied zwischen beiden Liedern ist: Ed Sheerans Version war zu erst da. Ed Sheerans Version kann man guten Gewissens als erfolgreichen Song bezeichnen, mit ordentlich Ohrwurmpotential - woran Johannes Oerding offensichtlich nicht wirklich herankommt. Aber vielleicht ist es ja schon Strafe genug für sein unterschwelliges Plagiat, dass er mit Ina Müller zusammen lebt...

Bürgermeister (5.2.18)

Irgendjemand ist auf die Idee gekommen, ein Burgeressen zu veranstalten. Mit irgendjemand meine ich natürlich meine Mitbewohner, die berühmt-berüchtigten Planungshelden und Strukturliebhaber. Es kommen also einige eingeladene Leute, und bis kurz vorher ist nichts vorbereitet, es ist auch keiner da, weil alle lernen und Basketballspiele haben. Kurz bevor es zum ersten Mal an der Tür klingelt, kommen wir noch auf die Idee, den neuen Vitrinenschrank für die Küche aufzubauen. So wird das Burger vorbereiten zu einer kleinen Belastungsprobe, bei der wir aber sehr viel Spaß haben. Innerhalb kürzester Zeit ist also die Wohnung voller Menschen und Schrauben und einer riesigen Portion zusammengematschter Kidneybohnen mit Haferflocken und Gewürzen. Sind nämlich vegetarische Burger, Falafel hab ich auch ein bisschen gemacht, die mag aber keiner, wie sich später herausstellt, umso besser- mehr für mich. Und nicht nur das, auch die Brötchen werden selbstverständlich selbst gemacht. Alles voller Mehl, von dem zur Sicherheit noch ein Kilo gekauft wurde, weshalb wir jetzt eine ganze Bäckerei vorrätig haben. Wir hatten noch ein bisschen (10 Kilo) vorrätig. Während also mit 8 Leuten in der Küche gewerkelt wird, nutze ich die Gunst der Stunde und überrede zwei Gäste, mir beim Bettaufbau zu helfen. Den Tag zuvor hatte ich noch eine Fuhre Möbel in die Wohnung geschleppt, sozusagen den zweiten Teil meines Umzugs. Bis dato diente mir ein ausgeliehenes Schlafsofa als Ruhestätte, dieses muss nun ein Zimmer weiter nach links geschoben werden. Aber weil wir drei Frauen stark sind, kriegen wir das hin. Bei der Bettkonstruktion stellen wir uns natürlich ebenfalls sehr geschickt an, zwischendurch kommt unser WG-Ältester rein, guckt uns zu und macht dann einen dieser typischen Kommentare, die man unbedingt und ganz bestimmt hören will, wenn man selber gerade beim Schraubenreindrehen am Rad dreht: "Also, vorher sah das aber anders aus. Ich hab das abgebaut, ich weiß das. Seid ihr sicher, dass das so richtig ist?" Wir jagen ihn kurzerhand aus dem Zimmer. Drehen dann kleinlaut ein paar Schrauben wieder raus um sie an anderer Stelle zu montieren. Letzten Endes habe ich aber tatsächlich wieder ein Bett und wir tapern in die Küche, weil wir jetzt echt Hunger haben. 11 hungrige Studenten machen sich also über das ganze selbst hergestellte Zeug her und amüsieren sich königlich. Irgendwann sitzen wir noch in der Küche und machen eine spontane Bandprobe mit Ukulele und Gesang. Und konstatieren, dass es ein großartiger Abend war, der förmlich nach Wiederholung schreit- mit dem Aufräumen ist es allerdings so eine andere Sache...

Einmal als Profi arbeiten (27.01.18)

Weder fühle ich mich besonders erwachsen, noch besonders professionell. Seit ein paar Monaten tue ich allerdings so, als wäre ich ein Bürofräulein - wobei, das Wort Bürofräulein hört sich ziemlich nach 50er Jahre und Bleistiftrock an, vor allem hört es sich nach Chef an, der gerne mal anzügliche Kommentare zu Beinen in Nylonstrumpfhosen macht. Angeekelter Schauder, nein, das Wort Bürofräulein streichen wir bitte wieder. Studentische Hilfskraft also. Und obwohl ich immer wieder ein großes Fragezeichen in meinem Kopf habe, was meine neue Rolle angeht - denn eine Rolle spiele ich da auf jeden Fall - klappt es mittlerweile ganz gut. Sozusagen. Meine Arbeitszeit besteht aus wichtigtuerischem Büroaufschließen mit meinem EIGENEN Schlüssel, auf dem Kärtchen an der Tür steht sogar unter anderem mein Name, ha! Am Computer kann ich dann extra laut auf die Tasten hauen, damit alle sehen, wie schnell ich tippen kann, und wie unfassbar viele (natürlich rein geschäftliche) Mails ich bearbeiten muss. Wenn ich zwischendurch keinen Bock mehr habe, Korrekturen einzuarbeiten und fisselige Akzente und Diakritika auf altgriechische Wörter zu schreiben, gehe ich runter in die Cafeteria und klaue ganz viel Milch für meinen Kaffee, die Milch ist da nämlich umsonst. Eigentlich müsste ich gar keine Milch mehr selbst kaufen, ich könnte einfach immer direkt an der Milchstation meine Ration abholen. 65 ct in der Woche gespart. Wenn ich dann wieder hoch ins Büro gehe, klingelt in seltenen Fällen sogar das Telefon und ich kann dann rangehen und mit professioneller Stimme antworten, dass man sich mit derlei Anliegen besser an meine Kollegin wenden solle, und ob ich sonst noch etwas ausrichten könne. Dabei tropft mir dickflüssige Süßlichkeit aus allen Poren und ich mag mich selber nicht, wie ich da mit übergeschlagenen Beinen sitze. Manchmal habe ich auch Besprechungen, wo ich dann dicke Ordner hin und hertrage und frage, ob ich Tee kochen soll, und wo ich mir unfassbar essentielle Notizen mache, die ich dann hinterher nicht mehr lesen kann. Ich beuge mich auch immer super-interessiert nach vorne und zeige so meine Zugewandtheit. Halt profi-mäßig. Und wenn ich dann abends im Bett liege, lache ich mich über mein albernes Gehabe kaputt und über die Tatsache, dass ich immer noch nicht vernünftig kopieren kann und mich deshalb vor allem drücke, was mich auch nur in die Nähe dieser blöden Vervielfältigungsmaschine bringt. Aber irgendwann wird meine Zeit kommen und dann bin ich the Queen of the office.

myoklonische Hypochondrie (26.01.18)

Wie der IS sich leider zu allem möglichen bekennt (außer einem Mindestmaß an Verstand und Nächstenliebe), bekenne ich mich zu Hypochondrie - tatsächlich bin ich nie krank und wenn es dann mal vorkommt, wird das entsprechend zelebriert. Man übergieße mich mit Mitleid, bitte schön! Das ist dann das einzige was hilft. Wenn ich mal keine Lust auf Uni hab, dann hole ich mir zum Beispiel einfach einen neurologischen Termin um überprüfen zu lassen, wo meine Muskelzuckungen herkommen. Manche Menschen haben ja zum Beispiel ein zuckendes Augenlid, oder fallen kurz vor dem Einschlafen immer mal vom Hochhaus runter. Bei mir ist das quasi Dauerzustand. Als wenn irgendwo in meinem Körper ein Stromkasten installiert wäre, der ständig unter Hochspannung läuft. Und hin und wieder entlädt sich die ganze Energie dann in seltsamen Reflexen. Also tapere ich zum Onkel Doktor, lege mich dort auf die Liege und lasse mir auf die Beine klopfen. Das geht noch. Dann unterhält sich der nette Arzt mit der Maschine, die nicht zu funktionieren scheint- er stellt Vermutungen über die Menschlichkeit von Computern an und fragt mich um meine Meinung. Er selbt glaubt nicht, dass Computer irgendwann die Welt beherrschen werden. Dazu kann ich spontan nichts sagen, vor allem, weil ich meine Hose und meine Socken nicht anhabe, dann möchte ich keine gesellschaftskritischen Äußerungen vornehmen. Jedenfalls pikst er mich danach mit Nadeln in die Beine und verpasst mir ein paar schmerzhafte Stromschläge, außerdem soll ich ihn boxen. Er ist aber kleiner als ich, deshalb bin ich eher vorsichtig. Er soll ja schließlich noch ein paar Jahre neurologieren. Letzten Endes bin ich dann genau so schlau wie vorher: Es sind- Überraschung, täterätätätää- Muskelzuckungen. Gutartig. Der Arzt sagt: "Hunde, die haben das auch oft." Super, schön, dass ich jetzt mit schlafenden Hunden verglichen werde. Was man dagegen machen soll? Er zuckt die Schultern (auch ein Fall von Myoklonie???) "Eigentlich nichts. Viel Bewegung." Wahrscheinlich möchte er auch gerne Wochenende haben. Ich fahre also mit einer positiven Negativdiagnose wieder zurück in meine WG, wo ich weiter herumzucke. Vielleicht sollte ich mal in eine Stroboskop Disko gehen um mich unter meines gleichen zu fühlen.

verschwinde, Verschwendung! (23.01.18)

Es ist doch seltsam, in was für einer Welt wir leben. Die westliche Welt, in der Donald Trump sich hauptsächlich von Junk Food und zwölf Flaschen Diet Coke am Tag ernährt, regt mich nur auf, wenn ich zu viel daran denke. Dann gibt es natürlich noch das andere Extrem: Die Lebensmittelretter, die um jeden Preis keinen hohen Preis bezahlen wollen, um sich ihre tägliche Nahrung zu suchen. Natürlich kann man einfach im Supermarkt nach Angeboten gucken oder fragen, ob es Dinge gibt, die verderblich sind und deshalb nach Ladenschluss abzugeben sind. Leider sieht die Rechtslage so aus, dass die Märkte diese Lebensmittel oft nicht mehr verkaufen beziehungsweise verschenken dürfen, weil sie sich im Fall einer eventuellen Lebensmittelvergiftung strafbar machen könnten. Der Fall ist allerdings in den letzten Jahren noch nie eingetreten. Das Mülltauchen oder auch "Dumpstern" ist mittlerweile in vielen Städten ein Phänomen; exakte Regelungen gibt es dazu tatsächlich nicht. Der Supermarkt muss selbst Anzeige gegen diejenigen erstatten, die sich die Naturalien aus den Containern heraussuchen. Ist bis jetzt noch nie vorgekommen. Als Hausfriedensbruch gilt es, sobald Schlösser aufgebrochen oder Zäune bzw. Mauern ignoriert werden, um an die Güter zu gelangen. Da allerdings bei vielen Supermärkten die Behälter frei zugänglich auf dem Parkplatz stehen und nicht abgeschlossen sind, macht man sich streng genommen nicht strafbar. Auch wenn die Ware offiziell noch dem Supermarkt gehört, wählen immer mehr Menschen diese Alternative, um damit ein Zeichen gegen die Verschwendung zu setzen und teilweise auch, weil sie einfach kein Geld haben um sich genug Lebensmittel leisten zu können. Die Frage ist letzten Endes, inwiefern die Lebensmittelindustrie es verantworten kann, so vieles zu entsorgen, was noch verwertbar ist. Andere Länder, zum Beispiel Dänemark, machen es vor: Apps, mithilfe derer man sich darüber informieren kann, wo ein Supermarkt oder ein Restaurant Speisen oder ähnliches übrig hat, die man dann für einen Bruchteil des ursprünglichen Preises abholen kann. Bis Deutschland da nachzieht, dauert es hoffentlich nicht mehr allzu lange.

Krepierende Kreppbandcrepes (14.01.18)

Ein höchst seltsamer Samstag. Er fing schon am Mittwoch an, als ich nämlich mit Sack und Pack und drei weltbesten Helfern Kram, Zeugs und Stehrümchen in meine neue WG übersiedelte, nebenbei natürlich auch mich selbst. Ein Umzug kann einen hervorragend von Unikram ablenken, den man eigentlich zu tun hätte. StaubsaugenBilderaufhängenausGeschirrhandtüchernPatchworkdecken nähen. Und das ist nur ein Bruchteil der Dinge, die ich tue, um nicht für die Klausur lernen zu müssen. Gestern wollte ich dann WIRKLICH lernen, habe mich allerdings mit meinem Mitbewohner in der Küche so dermaßen verquatscht, dass ich danach direkt losmusste zum Selbstverteidigungskurs - wo ich dann feststellen musste, dass ich mich gar nicht dafür angemeldet hatte. Auf dem Weg zurück zum Bahnhof kam ich am Blutspendezentrum vorbei, entschied spontan dass es mal wieder Zeit für Plasmaspende wäre und ließ mir in den Arm piksen. Dooferweise schwoll (schwillte??) dieser dann nach zehn Minuten an, kein Wunder, bei der riesigen Kanüle die mir da reingehauen wurde. Meine guten Absichten konnten also nicht vollbracht werden und so fuhr ich unverrichteter Dinge, aber dafür mit schmerzendem Arm nach Hause, wo ich noch einkaufen musste. Und ich war der Kassiererin unfassbar dankbar, dass sie mir meinen Joghurt, die Orangen und das Tiefkühlgemüse in den Rucksack packte. Dann schnallte sie ihn mir auch noch fürsorglich auf den Rücken, weil mein rechter Arm traurig herunterhing und zu nichts zu gebrauchen war. Zurück in der WG dachte ich, dass es jetzt aber endlich Zeit wäre, sich in den Unistoff zu vertiefen, bis mein Mitbewohner vorschlug, das Badmintonspiel seines Vereins gemeinsam anzuschauen. Er meinte, es würde nur ganz kurz dauern und danach könnte ich ja immer noch lernen. Gesagt, getan. Ich, die einarmige Banditin saß also beim Badminton und fachsimpelte über Dinge, von denen ich nichts verstand, lernte aber ein paar nette Menschen aus Borken kennen, insofern hatte sich der Abend doch gelohnt. Leider war ich danach nur so müde, dass ich einfach nichts mehr für die Uni machen konnte. Stattdessen schickte ich pseudolustige Textnachrichten an meine Mitbewohner, die alle die Nacht zum Tag machten, während ich auf dem Küchensofa lag, mit meiner Häkeldecke zugedeckt, und mich selbst bemitleidete. Prokrastination sollte ein Studienfach sein, da hätte ich den Bachelor in Nullkommanichts!

Turning tables (9.1.18)

Der Vormieter hat den Esstisch und den Kühlschrank aus unserer WG mitgenommen. Das ist für mich eigentlich nicht ganz so problematisch, schließlich kann ich meine Sachen auch auf der Fensterbank unserer Küche lagern, solange es draußen kalt genug ist. Und mit einem Couchtisch als Ersatz komme ich ebenso gut zurecht, schließlich habe ich ja meine Ansprüche heruntergefahren - zumindest ist das mein Ziel. Meine Mitbewohner wollen allerdings dringend einen riesigen Esstisch haben, nur will keiner von uns das Geld für einen Transporter bezahlen. Daraus resultiert, dass wir uns zum Tischtragen verabreden und also an einem kalten Montagabend mit ÖPNV zu meiner alten Wohnung fahren und meinen alten Esstisch mitnehmen. Gut, dass die beiden Jungs so stark sind, dann muss ich nicht schleppen und darf feixend nebenher gehen und Kommentare machen. Zwei Typen, die hinter uns auf der Rolltreppe stehen, beglückwünschen uns fachmännisch zur Qualität besagten Holztisches, nachdem sie die Oberfläche befühlt haben; schlechterdings bemängeln sie die Brandflecken, die - ich gebe es reuig zu - durch Kerzen entstanden. Sie geben uns den Rat, das Holz einfach abzuschleifen. (Ich weiß schon, wer das garantiert NICHT machen wird...) Die Straßen- und S-Bahnfahrt mit riesigem Möbelstück ist das lustigste, was ich seit langem unternommen habe, und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, erfreue ich meine WG-Kumpanen mit einem ukulelebegleiteten Liedchen auf dem Bahnsteig. Turning Tables von Adele, und mein Mitbewohner schämt sich in Grund und Boden, worüber ich mich geradezu diebisch freue. Schließlich helfe ich auch mal mit beim Tragen und kurze Zeit später steht das alte Schätzchen in unserer Küche, mit schicker Stoffdecke darüber drapiert. Was für eine exklusive Abendgestaltung!

Über Sense and Sensitivity (3.1.18)

Bin ich eigentlich komplett übergeschnappt? Warum tue ich mir das an? Habe ich denn gar nichts gelernt? Das schreit mein Kopf mir entgegen, seit ich mir Anfang Dezember plötzlich wieder eine WG angesehen habe. Ja, eine Wohngemeinschaft. Mit anderen Studenten, im dritten Stock, Altbau. Und das alles, nachdem ich in zwei richtig doofen WGs gewohnt habe, und mir geschworen hatte, das nie wieder zu machen. Danach habe ich 1,5 Jahre in einer Einzimmerwohnung gewohnt, mit Blick auf einen wunderschönen Garten. Mit netten Nachbarn, netten Vermietern und netter Natur, einem netten Supermarkt mit netten Kassierern. Und jeder, dem ich von meiner Entscheidung erzähle, hält mich für mehr oder weniger meschugge. Denn ich bin Anfang Januar, nur mit ein paar Rucksäcken und Taschen (danke für's Tragen helfen noch mal, liebe kleine Schwester!!!) mal wieder auf Wanderschaft gegangen, in eine neue Bleibe. Jetzt ergeben sich natürlich ganz neue Perspektiven. Perspektiven auf: Ummeldung, Umzugsorganisation, Nachmieterorganisation,Kündigung des Stromanbieters, Umgewöhnung in neuer Umgebung. Um es kurz zu sagen: Es bleibt spannend. Tatsächlich bin ich ein Mensch, der sich gerne unterhält. Und das nicht nur mit sich selbst, sondern mit anderen. Das habe ich zur Genüge getan, in dem ich bei Freunden Urlaub gemacht habe, immer mal wieder bei meinen Eltern aufgeschlagen bin, in der Stadt war und Ukulele vor dem Rathaus gespielt habe. Ohne mir einzugestehen, dass ich nicht in eine Wohnung kommen wollte, in der niemand auf mich wartet. Denn man kann sich zwar an das Alleinsein gewöhnen, allerdings wird man dann mit der Zeit ein bisschen... komisch. Zumindest war das bei mir der Fall. Stichwort Haare waschen mit Spülmittel und geräuschvolles Nasehochziehen. Dafür werde ich jetzt aus Selbstschutzgründen nicht ins Detail gehen, aber der Punkt ist doch: Warum bezahle ich eine Stange Geld an Miete für eine Wohnung, in der ich faktisch selten bin, weil ich mich gerne bei Leuten aufhalte oder eben in der Natur? Mal sehen, wie es wird, mit zwei Jungs und einem Mädchen zusammenzuwohnen, die möglicherweise chaotisch und verpeilt sind wie ich, bei denen die Flurwand mit Edding vollgemalt ist und die Badezimmerfliesen einen angsteinflößenden 60er Jahre Blumenmuster-Braunton haben? Wir haben übrigens momentan auch keinen Esstisch, den hat mein Vormieter mitgenommen. Dafür haben wir aber im Sommer Obstfliegen und quietschende Dielen, wir haben Elektroschrott im Flurschrank und so weiter. Das ist ok, wenn mein Mitbewohner mich fragt ob ich Hilfe bei der Lampeninstallation brauche oder Krankenpflege, weil ich erkältet bin.

Schick 'ne Eule (27.12.17)

Wenn über Weihnachten das Elternhaus plötzlich voller großer Kinder ist, die den Kühlschrank leeren und die Wäsche vergessen aufzuhängen, ganz zu schweigen von der Badezimmerbelegung, dann ist gute Kommunikation essentiell. Wir sind da mittlerweile Profis, obwohl ich selbst kein Whatsapp habe. Aber es gibt ja noch andere Wege, sich gegenseitig Nachrichten zu schicken! Nämlich die guten alten Schmierzettel, da bin ich ein großer Fan von. Schmierzettel erfahren in unserer heutigen Gesellschaft nach wie vor nicht genug Achtung und Respekt, sind sie doch schließlich ein kleiner stetiger Helfer, der uns im Trubel des Alltags auf die wichtigen Dinge fokussieren lässt. So zum Beispiel, wenn es um wohlverdiente Ruhephasen geht. "Ich schlafe, nicht aufwecken". Dieser Zettel ist des öfteren bei uns auf den Treppenabsatz gelegt. Meistens riecht es dann auch im ganzen Haus nach Tee und warmem Körnerkissen. Vor den Feiertagen ging es aber auch darum, wer wem was schenken soll, beziehungsweise wie das Abendessen zu Heiligabend organisiert werden soll! Da hilft nur eins: Zwei Din A4 Zettel auf den Flurfußboden geklebt, mit Tesakrepp. Darauf die Notiz: "Denkt daran, was ihr zum Essen beitragen wolltet! Bruscetta, Käseplatte, Mousse au chocolat." Daneben eine weitere Notiz: "Bitte eure Aufgaben im Badezimmer erledigen! Und: Wer holt Omi zur Christvesper ab?" In der Küche liegen neben dem Abtropfbecken heute drei Eier, auf einem Blatt Papier. Darauf die Anmerkung: "SEHR weiche Eier!" Und wir wissen direkt Bescheid! In unserer Familie spielen weichgekochte Eier seit jeher eine wichtige Rolle. An der Kaffeemaschine auf der Arbeitsplatte geht es direkt weiter mit den Nachrichten. Mir war nämlich den Abend zuvor schlecht und schwindelig. Ich finde also morgens den Hinweis: "Es kann sein, dass du einen Magen-Darm Infekt hast. Nimm bitte fünf Löffel von der Medizin im Badezimmerschrank! Denkst du an deine Aufgaben im Badezimmer?" Mittlerweile reden wir nicht mehr miteinander, sondern schicken uns nur noch gegenseitig Schmierzettel: "Wir sind heute nachmittag ab 14.30 spazieren!" "Einkaufszettel: Lachs, aber nicht den tiefgefrorenen, sondern den mit dem Pfefferrand! Äpfel, aber nicht die in der Tüte, sondern die in dem Korb! Gemüse, zum Einfrieren." Auch an den Töpfen und Tupperdosen sind Schmierzettel angeklebt: "Für heute Abend, für Kartoffelsalat!" "Nicht jetzt essen, im Kühlschrank sind noch Frikadellen. Bastelt euch was aus den Resten zusammen!" "Bitte was für Papa übrig lassen!" Am Telefon: "XYZ hat angerufen, Bitte um Rückruf!" Wir brauchen keine Anrufbeantworter mehr. Wenn es doch weiße Zettel gibt!

Über Baby-Entertaining (18.12.17)

Der beste Kontrast zu einem harten, stressigen, grauen Unitag ist doch das Spiel an sich. Noch besser ist natürlich das Bespaßen von kleinen 11 Monate alten Wesen, um sich von zu viel Trubel abzulenken, das kommt ja in der Adventszeit durchaus mal vor. Ich betrete also das Haus meiner Babysitterfamilie mit schlammigen Leggins, weil das Wetter auf dem Weg dorthin mal wieder nicht so mitgespielt hat wie ich wollte. Als Teilzeit-Erlebnispädagogin passt das aber wahrscheinlich ganz gut zu mir, denke ich grinsend und wende mich dem wollstricktragenden Kleinkind zu, um die Mutter ein bisschen zu entlasten. Die nächsten zwei Stunden werden meine Fähigkeiten als Entertainerin auf die Probe gestellt: Kind und riesigen, hyperaktiven Hund unter einen Hut bringen, mich von beiden ansabbern lassen und darauf achten, dass nichts kaputtgeht im allgemeinen Tohubawohu! Gut dass meine Hose schon dreckig ist, denn ich rutsche gefühlt die ganze Zeit auf dem Boden herum um mich von der Kleinen überkrabbeln zu lassen (das macht allerdings ganz schön viel Spaß, wie ich finde. Mit Babys kuscheln ist sehr entspannend, ich kann es nur empfehlen.) Vor allem wenn sie so wunderbar pflegeleicht sind, und intelektuell interessiert: Wir tauchen ein in die Welt der Literatur. Leo und sein Traktor, unser kleiner Bauernhof, Lars der Eisbär, kunterbunte Tierwelt, 12 kuschelige Enten. Die Klassiker eben. Auch in musischer Hinsicht bilden wir uns gemeinsam weiter: wie viele Töne doch aus so einem Kinderpiano herauszubekommen sind! Meine noch etwas zahnlose Freundin trägt vor allem zum Rhythmus bei, indem sie besagtes Klavier immer wieder in regelmäßigen Abständen auf den Boden schmeißt. Kinder werfen ja generell gerne Dinge auf den Boden, um dann mich als möchtegern Erwachsene (wo bei, eigentlich möchte ich gar nicht sooo gerne erwachsen sein, aber das ist es ja, was die Gesellschaft von einer 22-jährigen erwartet!) dabei zu beobachten, wie ich es mühevoll immer und immer wieder aufhebe. Und ich könnte schwören, dass sie das extra macht, so wie sie dabei immer grinst. Da spart man sich auf jeden Fall den Frühsport, den ich aber sowieso nicht mache. Wir trainieren nämlich gemeinsam: Schritt für Schritt wackeln wir durch die Küche, sie an meinen Händen. Und ein bisschen gemein bin ich dann zugegebenermaßen auch: Immer, wenn sie meine zweite Hand greifen will, ziehe ich sie weg, so dass sie schon fast alleine stehen muss. Sie kriegt es nämlich hin, sogar alleine zu stehen. Mit diesem Tageserfolg verlasse ich glücklich, zufrieden und voller Salzstangenkrümeln in den Haaren das Haus. Jetzt: Auf zur Uni!

Über Mädelswochenenden und Advent (9.12.17)

Ach wie gut dass jeder weiß: wenn's nicht kalt ist, ist es heiß! Solche Gedanken schießen mir durch den Kopf, auf dem Weg nach Münster, in die WG der WGs, wo mich ein lustiges Wochenende erwartet! Im Secondhandshop am Bahnhof finde ich im Bereich "Religion" das Büchlein "Schlank durch Smoothies". Womit mal wieder meine These der Flüssignahrung als Ersatzspiritualität bestätigt wäre... Im Badezimmer der Lieblingswohnung angekommen, dusche ich abends und benutze heimlich Mitbewohnershampoo, welches so blumige Namen trägt wie "ich fühle mich vitaminisiert" oder "7-Blüten-Öl" oder "Malve extra cremig sensitiv überglücklich". Wahrscheinlich ist das für Menschen, die gerne unter der Dusche lesen. Möglicherweise wird es schon bald eine neue Therapieform geben: die Sapounitherapie, die mit wohlriechenden Ölen das Seelenheil der Menschen streichelt. Da frage ich mich ganz wie Frank Goosen: Was ist da los?

Aber weiter im Text, es wird nämlich nicht nur geduscht, sondern auch Reis verwertet, aus dem Kühlschrankt. Das Problem ist, dass wir Reis essen wie blöde, und er geht trotzdem nicht weg. Da wir aber nix wegschmeißen, wird fleißig Reis verwertet. Aber wir backen und kochen auch fleißig, Apfel-Zimt Marmelade und Schwarz-Weiß-Gebäck. Die Küche sieht aus wie ein Saustall, alles ist voller Zeug und Bastelkram und wir spülen ungefähr fünf Mal riesige Berge an Geschirr weg. Abends sind wir dann zufrieden und so müde, dass wir nach einer Nachtwanderung, bei der es ultimativ kitschig volle Kanne anfängt zu schneiden, Bridget Jones gucken. Nach so einem Frauen-Quietschefilm kann ich besonders gut auf meiner Gastcouch schlafen und träume angenehmerweise von Patrick Dempsey... Viel zu schnell ist das Wochenende dann schon wieder um und ich mache mich bei Schneegestöber auf, natürlich mit Schienenersatzverkehr zurück ins Ruhrgebiet. Der arme Schienenersatzverkehrsbusfahrer gibt sich alle Mühe, mit dem Gefährt nicht auszurutschen und flucht vor sich hin, während es aus dem Radio "Last Christmas" plärrt. Da fällt mir ein, dass ich gerne mal eine Masterarbeit darüber schreiben würde, wie um alles in der Welt ausgerechnet dieses Lied so bezeichnend für die Vorweihnachtszeit geworden ist... Aber das ist eine andere Geschichte.

Konzentrierung und Intellenz (8.12.17)

Donnerstagnachmittag, ich sitze im Seminar und kann mich nicht konzentrieren. Die Luft ist schlecht, mir ist langweilig, schwindelig, ich will nicht sitzenbleiben und zuhören müssen. Ich will nicht mitdenken müssen oder erwachsen und ordentlich und strukturiert sein, sondern am liebsten irgendwas kaputt machen. Draußen ist es so grau, dass man nicht erkennen kann wo der Himmel aufhört und die Gebäude anfangen - welcome to Germany. Also gehe ich raus, und fahre einfach los, immer schneller. Natürlich regnet es, egal. Weiterfahren. Irgendwann bin ich nassgeschwitzt und könnte mich jetzt darüber aufregen, aber selbst dafür reicht mein Denkvermögen nicht mehr. Einfach nur weiterfahren, auf der großen Bundesstraße im Wettbewerb mit den vielen Feierabendautos. Nicht unbedingt ungefährlich, hier so langzufahren im Dunkeln, auch wenn mein Fahrrad Licht hat. Egal, sagt die Stimme in meinem Kopf, fahr weiter. Es fängt wieder an zu regnen, diesmal stärker. Im Licht von meinem Vorderrad sieht das spritzende Wasser aus wie die Funken einer Wunderkerze, denke ich, bald ist Sylvester. Durch die Wassertropfen von meiner Brille glitzert alles, ich spüre nichts außer der Nässe auf einem Gesicht und meine kalten Hände. So nass bin ich wirklich noch nie geworden. Aber ich will durchziehen, will es schaffen. Zwei Stunden später komme ich im Warmen an, mit klammen Fingern und brennenden Beinen, aber mein Kopf - mein Kopf, der ist seltsamerweise wie in Watte gepackt und trotzdem durchgepustet.

Über postpubertäre Rebellion (4.12.17)

Auf die Frage, ob ich eine anstrengende Pubertät hatte, sagt meine Mutter oft: "Die (damit meint sie mich) ist pubertär auf die Welt gekommen." Das meint sie gewiss nicht wertend, sondern ganz neutral, schließlich hatte ich immer schon einen etwas eigenen Willen, was Lebensgestaltung angeht. An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass ich es überhaupt nicht ausstehen kann, wenn ich in meiner Freiheit, zu tun und zu lassen, was ich will, eingeschränkt bin. So geschehen bei meiner ersten Au-pair Gastfamilie in Surbiton, Kingston, Surrey. "You cannot even manage the easiest things". Vielen Dank nochmal, liebe Surekha! Aber jetzt bin ich abgeschwoffen. Zurück zu meiner persönlichen Form der Rebellion. Diese zeigt sich momentan vor allem in meiner sportlichen Betätigung als Pilatikerin (vielleicht habe ich an der einen oder anderen Stelle schonmal was erwähnt...) Jedenfalls frage ich mich jedes Mal, wenn ich mich da auf Zuruf verbiege, ob das vielleicht ein neuartiges Phänomen ist: So viele Menschen lassen sich von ihrem Fitnesstrainer sagen, wie sie sich zu verhalten haben. Iss Babyspinat. Trinke Smoothies. Bemühe dich um eine Thigh-Gap. Spricht daraus vielleicht eine unterschwellige Sehnsucht nach Struktur und Orientierung, in einer Welt in der man als Europäer so frei in seinen Entscheidungen ist, dass es wackelig wird? Gegen Freiheit will ich in keinster Weise etwas gesagt haben, deshalb war ich auch letzten Freitag in Jeans bei der Pilatesstunde. (Das lag in gewisser Weise aber auch daran, dass ich meine Sportsachen vergessen hatte). Wir hatten komische Gummibänder mit Haltegriffen an beiden Enden, mit denen wir die seltsamsten Verrenkungen durchführen sollten, ich habe mich selten so blöd gefühlt. Deshalb lege ich meine Matte ja auch immer nach ganz hinten, damit die Trainerin nicht sieht, wenn ich nicht mitmache. Beim autogenen Training für Kinder damals hab ich bei der Traumreise ja auch nicht rumgelegen und meine Zeit verschwendet.

Auch was das Atmen angeht, spüre ich den Geist der Rebellion in mir: Denn, ich weiß nicht wieso, meistens atme ich in genau diametral entgegengesetzter Weise. Soll man in der Brücke ausatmen, atme ich ein. Mein Körper sträubt sich gegen kontrollierte Atmung, vermute ich. Zum Glück kann man den Vorgang des Atmens nicht sehen, so kann mich auch niemand kritisieren, wenn ich mich sozusagen pneumatisch wiedersetze. Geschadet hat es mir bis jetzt jedenfalls nicht. In diesem Sinne: Viva la revolución!

Dezemberbeginn mit Schuss (1.12.17)

Aus Herne Baukau komm ich her, ich muss euch sagen, ich schnall gar nichts mehr! Und zwar bin ich von der Uni Richtung heimeliges, warmes Elternhaus gefahren, mit Hoffnung auf Mandarinen und Kakao. In der Nähe der Innenstadt fuhr ich an zwei Jugendlichen vorbei, in dem Moment als ich sie überholte, sah ich, dass der eine eine Pistole in der Hand hatte. Spielzeugpistole? Dann hörte ich noch, wie er von einem Schuss redete und bekam Angst. Was sollte ich machen? Glücklicherweise war direkt zwei Straßen weiter ein Polizeirevier, wo ich dann zitternd von meiner Begegnung erzählte und mich zusammenreißen musste, um nicht zu heulen. Die netten Beamten meinten, sie würden direkt jemanden dort hinschicken, um nachzuschauen. Endlich zuhause angekommen fing ich dann auch prompt an zu weinen, bis der Schock vorüber war. Danach aß ich Clementinen und las Astrid Lindgren, bis es mir wieder besser ging. Heute morgen ging es dann direkt aufregend weiter, wie ich vermutete - erster Teil des ADHS tests! Am Test PC klappte dann aber so überhaupt gar nichts und so musste ich wohl oder übel die Aufgaben an einem anderen Rechner nochmal machen. Auf Ok drücken, wenn gefüllte Kästchen erscheinen, Logikaufgaben und so ein Krimskrams. Es kommt ein großes Rechteck und noch ein großes Rechteck, was kommt dann wohl als drittes? Genau. Und dabei dann Töne, die mich "ablenken" sollen. Das ganze kommt mir nicht zu hundertprozent realitätsgetreu vor, aber ich spiele mit.

Und damit soll dann festgestellt werden, ob mein Gehirn normal funktioniert oder nicht? Seltsam. Laut Testergebnis ist nichts auffälliges dabei. Das wäre aber auch komisch, denn dann hätte ich nicht mal die Grundschule geschafft. Mal sehen, was der nächste Test bringt, vielleicht muss ich mir dann mal mehr Wörter merken als "Viel, Haut, kurz und Faul". Oder nacheinander in der RICHTIGEN REIHENFOLGE, DAS IST WICHTIG! auf die Zahlen 1, 2,3 und 4 klicken. Man darf gespannt sein. Oh mann.

Über Kritik und Funktionskleidung (23.11.17)

Ja, es lässt sich nicht leugnen - der November ist da, mit Regen, Wind und mehr. Unfassbar, dass ich immer noch mit dem Rad zur Uni fahre, ich Heldin! Das Problem bei der ganzen Sache ist, dass ich nie irgendwelche Regenklamotten besessen habe, die auch tatsächlich wasserdicht waren. An dieser Stelle möchte ich das Thema "Funktionskleidung" ansprechen - und mit Johann König antworten, der sich schon immer die Frage gestellt hat, welche Kleidung denn bitte schön KEINE Funktion besitzt? Aber das nur am Rande. Des Nervenzusammenbruchs. Denn in der vergangenen Woche bin ich drei mal klitsche, klatsche nass geworden. "'Ich bin nass geworden', sagte die Krähe." (vgl.: Nordqvist, Sven, Wieslander, Jujja: Mama Muh will rutschen. Oetinger Verlag Hamburg 2004, S. 5.)

Dadurch steigt die Laune natürlich ungemein, und wahrscheinlich ist auch das NervenKOSTÜM in Mitleidenschaft gezogen worden, denn Kritik steigt mir direkt und volle Kanne zu Kopf, um nicht zu sagen, auf die Netzhaut. Mache ich etwas falsch, geht für mich meistens die Welt unter (vielleicht auch wegen des Regens? Wer weiß?) Und der Tag ist ins Wasser gefallen. Manche Menschen können so etwas einfach an sich vorbeigehen lassen, das muss ich noch gründlich trainieren. Weil es mich fürchterlich aufregt, wenn ich etwas noch nicht so kann, wie ich möchte. Und je mehr Mühe ich mir dann gebe, desto weniger klappt es. Meine Konzentration und Motivation haben sich dann schon lange verabschiedet und ich sitze da wie ein fahriges, hektisches Häuflein Elend und klicke auf dem Word- Dokument herum, mit dem ich mich im Krieg befinde. Sozusagen im Word-War.

Das wird wahrscheinlich mit der Zeit besser, denn jeder weiß: "Alle machen Fehler, alle machen Fehler, keiner ist ein Supermann" (vgl.: Zuckowski, Rolf: Rolfs Schulweg Hitparade. Sikorski Musikverlag Hamburg, 1979.) Da kann man nur hoffen, dass ich mich in Geduld und Gelassenheit üben kann um in Zukunft zu sagen: Niemand ist perfekt!

Ruhrgebietsrentner (18.11.)

Man glaubt es kaum, aber es gibt eine Qualle, die unsterblich ist. In der ZEIT ausgabe von letztem Donnerstag wurde von einem Philosophen darüber philosophiert, ob es sich für den Menschen denn auch lohne, die Ewigkeit zu erreichen. Und ob die Krankenkassen das überhaupt übernehmen täten. Es ist unwahrscheinlich, meint er. Tja, es kommt also der Moment, an dem jeder von uns irgendwie merkt, dass er oder sie alt ist. Manche kommen gut damit klar, von dieser Sorte habe ich schon viele kennengelernt. Die, die behaupten, "Rentner" komme von "rennen", weil sie sich im "Unruhestand" befinden. Die ein Seniorenstudium mit links abschließen und stramme Wanderungen durchziehen. Kurzum: ganz schön coole Menschen! In der letzten Woche sind mir allerdings zwei Begegnungen mit älteren Herren so dermaßen tiefgreifend auf den Sack gegangen, dass ich meinen Positivismus um ein Haar über Bord geworfen hätte. Am Donnerstag fuhr ich wie so oft an der Ruhr entlang, auf einem breiten Radweg. Plötzlich wurde ich von hinten regelrecht angeplärrt: "Ey, Chefin!" Dann hechtete ein weißhaariger Rennradfahrer offensichtlich sehr wütend an mir vorbei. Ich also: "Ja, wie wär's mit Klingeln???" Mittlerweile bin auch ich nicht mehr schüchtern, wenn es um agressive Repliken geht. Vor allem, wenn ich nichts falsch gemacht habe! Er setzte aber noch einen drauf: "Hast du deinen Kopf zuhause gelassen, du blöde Kuh?". Leider konnte ich darauf nichts mehr erwidern, weil er schon außer Hörweite war. Hätte ich ihn einholen können, hätte ich ihn von seinem überteuerten Rennrad geworfen und in die eiskalte Ruhr geschubst. Ich bin dann stattdessen zitternd vor Wut und Empörung weitergefahren. Später hatte ich eingekauft und musste mit meinem schweren, vollgepackten Rad im Regen und Gegenwind den Berg hoch. Also beschloss ich das Rad für die nächsten paar Stationen in die Bahn zu verfrachten. An der nächsten Haltestelle stiegen vier Senioren ein, die sich lautstark über mein Rad beschwerten, obwohl sie genügend Platz hatten, so dass sie bequem daran vorbeigehen konnten. Sie lästerten dann über mich, ohne sich darum zu scheren, ob ich mithören konnte. Dann stand ein glubschäugiger 70-jähriger auf und erkärte mir in autoritärer Manier und mit unfassbarem Fischstäbchen- Mundgeruch, wie ich das Rad gefälligst hinzustellen hätte, so dass ich meine Haltestelle verpasste. Ich war so sauer auf den Typ, dass ich fast angefangen hätte zu heulen, ernsthaft. Warum können diese Leute nicht einfach in Ruhe ihren Kondensmilchkaffee trinken und sich darüber freuen, dass es noch Menschen gibt, die mit dem Rad fahren und nicht die Umwelt verpesten. Mann, bin ich sauer.

Ach du heiliger Strohsack (ADHS) (14.11.17)

Schon seit einem Jahr warte ich auf diesen Termin, der mein Leben für immer verändern soll... nicht. Heutzutage, wo jedem lebhaften neunjährigen Grundschüler direkt Hyperaktivität diagnostiziert wird, ist es schließlich gar nichts besonderes mehr, wenn man sich schlecht konzentrieren kann, schnell gelangweilt ist, in geschlossenen Räumen Platzangst bekommt und aus der Vorlesung rausgeht, wenn einen das Thema grade nicht interessiert. In Zeiten, in denen während der Klausurenphasen Ritalin die Modedroge schlechthin ist, fragt man sich natürlich, ob es nötig ist, das Zeug zu nehmen- oder ob man lieber versucht, ohne auszukommen. Und um genau das herauszufinden, habe ich also nun diese Testung, deretwegen ich schon ganz hibbelig bin - oh the Irony. Ich fahre per Rad (erhöhter Bewegungsdrang und motorische Unruhe, just saying)  zum Testzentrum und stelle mich auf eine Reihe von Fragen ein, man kennt das ja von Zeugenverhören im Tatort. Zuerst passiert aber herzlich wenig, um genau zu sein: Nichts. Im Wartezimmer empfängt mich eine Schar nichtssagender Gestalten und sogar die Zeitschriften sind so reizarm, dass ich mittlerweile eine therapeutische Strategie hinter diesem ganzen System vermute; schließlich haben viele ADHSler mit Reizfilterschwäche zu kämpfen, was bedeutet, dass das Gehirn Informationen schlechter verarbeiten kann. Ich sitze also und starre Löcher in die Luft, bis ich von Dr. Kastenfrosch hereingebeten werde. Was dann folgt ist mitnichten und Neffen (vgl. Schmitz, Ralf: Schmitz' Katze. Hunde haben Herrchen, Katzen haben Personal. Fischer Verlag Frankfurt 2008, S. 29.) ein spannender Test, sondern eher ein nettes Gespräch über mein ach so unspannendes bisheriges Leben - denn der wahre, der ultimativ echte Test ist aufgesplittet in fünf ergotherapeutische Sitzungen innerhalb der nächsten Wochen. Menno. Wie bin ich also aufgewachsen, war ich ein anstrengendes Kind (Mama, was meinst du?), hatte ich Probleme in der Schule? AufallesgebeichbravingewohnterManierundvorallemingewohntemRedetempoAntwort, weshalb der Onkel Doktor mich mehrmals unterbrechen muss doch bitte. langsamer. zu. reden. Okay. ich. verspreche. es. Nach einer Stunde muss er dann leider schon zum nächsten Patienten, ich hätte mich gerne noch etwas mit ihn unterhalten! Also greife ich mir mein gesamtes Zeug und als ich in den Spiegel schaue, muss ich lachen, weil ich mit meiner ins Gesicht rutschenden Mütze, den ganzen Zetteln und der zerbeulten Teekanne sowie der Brille, die mir fast von der Nase fällt, wenn ich mich bücke, so ziemlich den prototyp einer verpeilten, hektischen ADHSlerin darstelle, wie man sich sie eben vorstellt. Mal sehen, was die nächsten Monate noch so an Erkenntnissen bringen!

#meToo (11.11.17)

Herbst 2008, ich bin eine unsichere Dreizehnjährige mittendrin in der Pubertät, mit weiten Hosen und Pullis, weil ich Angst habe, von Männern blöd angeguckt oder sogar angefasst zu werden - was eigentlich noch nie der Fall gewesen ist, aber die Sorge ist trotzdem da. Man kann es überempfindlich nennen, aber das tut eigentlich im Folgenden nichts zur Sache. Beim Kinderarzt muss ich zu einer Untersuchung, in dieser Praxis bin ich vorher noch nie gewesen. Ich sitze also mit meiner Mutter im Wartezimmer, und schließlich kommt der Kinderarzt; schon als ich ihn sehe fühle ich mich unwohl. Er setzt sich viel zu nah neben mich und legt die eine Hand auf meinen Oberschenkel, mit der anderen umfasst er meine Schultern. Er wirkt irgendwie schleimig, und ich finde es absolut abstoßend, dass er mich so anfasst, ohne dass ich jemals mit ihm zutun gehabt habe. Meine Mutter ist in dem Moment genau so geschockt wie ich, und kommt mit ins Behandlungszimmer, auch wenn der Arzt meinte, sie könne ruhig im Warteraum bleiben. Für die Untersuchung soll ich mich plötzlich bis zur Unterwäsche ausziehen, wogegen ich mich vehement wehre. Er versucht mich zu überzeugen, dass es aber ganz wichtig sei, obwohl ich im Endeffekt nur auf einem Bein durchs Zimmer hüpfen soll und ich bis heute nicht nachvollziehen kann, weshalb ich mich dafür komplett ausziehen sollte. Als er mich fertig untersucht hat, verlasse ich den Raum, ohne mich von ihm zu verabschieden. Während ich schweigend vor der Praxistür warte, weist meine Mutter ihn deutlich darauf hin, dass sein Körperkontakt unangemessen gewesen sei, woraufhin er ganz erstaunt erklärt, er hätte versucht, mir die Scheu zu nehmen. Dabei hat er aber anscheinend übersehen, dass er es nicht mit einem vierjährigen Kind zu tun hat. Die Frage ist, ob das etwas geändert hätte. Was mich an der ganzen Sache nervt, ist, dass einige meiner Freundinnen in Nachhinein zugegeben haben, dass auch sie sich immer sehr unwohl in dieser Kinderarztpraxis fühlten. Und dass ich nicht in der Situation selbst reagiert habe - allerdings war ich viel zu unsicher, um etwas zu sagen. Schließlich war es für mich immer noch eine erwachsene Autoritätsperson. Würde ich heute in eine Situation geraten, fiele es mir wahrscheinlich nicht mehr so schwer, selbstbewusst zu handeln.

Über kompliziert Einfaches (7.11.17)

Ein großes TROTZDEM. Jetzt verdiene ich ein bisschen Kohle - das Idealistische Ideal verfolge ich dennoch. Irgendeiner muss es schließlich machen. Und so kompliziere ich vor mich hin. Als Student*_/in hat man ja angeblich Zeit. Sogar für Gendergaps hat man Zeit, jedoch will ich mich nicht länger mit dieser Debatte aufhalten, das machen schon genug andere.

Es geht also ums Geld, eines jeden Menschen Freund und Feind. Letzten Sonntag saß ich im Café im Essener Hauptbahnhof, weil ich da am besten Unitexte lesen kann, tatsächlich. Neben mir ein Pärchen, er hatte einen Kaffee gekauft, sie eine Flasche Wasser. Sie verließen das Café irgendwann und tatsächlich- die leere Pfandflasche blieb stehen. Zack, schnell wanderten die 25ct in meine Flasche. so kostete mich der Cappuccino nur noch 2,05 Euro, theoretisch. Wer den Kreuzer nicht ehrt! Man muss allerdings die seltsamen Blicke der anderen Gäste aushalten können. Kann ich aber. Freunden bringe ich den billigsten Wein mit, der schon in einer Flasche ist und nicht im Tetrapak, das wäre schließlich geschmacklos, im doppelten Sinne. Auf den verschiedensten Plakaten in der schönsten Stadt des Ruhrgebiets wird außerdem dafür geworben, dass in Albrechts Discounter der Hokkaidokürbis nur 50 cent pro Kilo kostet. Und weil Kürbis meine "Leib- und Magenspeise" ist (Janosch, Oh, wie schön ist Panama. Die Geschichte, wie der kleine Tiger und der kleine Bär nach Panama reisen. 10. überarb. Aufl.,Weinheim 2005, S. 15), kaufe ich drei große Kürbisse, in Kürbismanie. Die Manie hält so lange an, bis ich draußen vor dem Laden vor meinem Fahrrad stehe und mir mal wieder einfällt, dass ich die ganze orangefarbene Pracht ja noch nach Hause transportieren muss- und die Treppe hinauf obendrein. Das sind sage und schreibe fünf Kilo, steht auf dem Kassenzettel. Aber letzten Endes habe ich es dann doch geschafft. 

Nun noch das Gutschein phänomen: Im Seminarraum liegen ganz viele Gutscheine für's Unicenter, von einer Ersti-Veranstaltung. 10 Gutscheine stopfe ich in meine Tasche und hole mir fortan meinen Espresso täglich im Bio-Cafe, wo es aber leider nur Kondensmilch dazu gibt, keine richtige. Die wiederum hole ich mir in der Uni-Cafeteria, da kann man nämlich aussuchen zwischen H-milch, L-freie milch und Sojamilch. Und weil ich ganz dicke mit den Kassierinnen bin, werde ich auch nicht ausgeschimpft. Man muss sich nur zu helfen wissen! In diesem Sinne: Ein hoch auf das Komplizierte, selbst wenn es auch einfach ginge!

von Pontius nach Pilates (4.11.17)

Weil ich in der Uni immer so krumm sitze, mache ich Pilates vom Hochschulsport. Pilates ist Gymnastik, nur mit coolerem Namen. Und der Tatsache, dass man über sein Atmen REDET, anstatt es einfach zu tun. Normalerweise machen wir 1,5 Stunden lang brav mit der Pilatestrainerin unsere mittelmäßig anstrengenden Übungen, allerdings scheint sie heute im Urlaub zu sein, denn ein gestählter Typ hat seine Matte am einen Ende des Raums ausgebreitet und die Teilnehmerinnen wärmen sich bereits zusammen auf, als ich mal wieder zu spät hereinhusche und mir schnell eine Matte nehme. Gymnastikbälle gibt' keine mehr. Die nächsten 90 Minuten sind dann vor allem eines: schmerzhaft. Denn dieser Trainer scheint uns auf einen Marathon vorbereiten zu wollen- "Dusch die Nase einatmen, dusch den Mund- ausatmen". Irgendwann verstehe ich, dass er "durch" meint. Wenn ihm nichts einfällt, was er uns zurufen kann, heißt es "Powerhouse aktiv halten!". Keine Ahnung, was das sein soll, Powerhouse. Power haben wir jedenfalls alle herzlich wenig, das zeigt sich spätestens bei den Liegestützen, die wir auf dem Ball durchführen sollen. Das funktiniert allerdings nur so semi-gut. Gut, dass ich in weiser Vorraussicht wie immer ganz hinten meinen Platz habe, damit mich niemand sieht. Hoffentlich muss jetzt keiner vor Anstrengung pupsen, denke ich.

Wir kugeln seitlich von den Bällen herunter, fallen bauchklatschermäßig wie ein Fisch auf die Matte oder klappen nach hinten weg. Ein Pilatesball platzt mit lautem Knall. Zu alldem tönt sanfte Panflötenmusik und jede Sekunde erwarte ich Celine Dions "my heart will go on". Und das ist wiederum pure Ironie, denn die Hälfte der Gruppe steht kurz vor einem Herzkasper. Beim Dänen (er meint Dehnen) müssen wir die Zähnespitzen zu uns hin ziehen. Die Zähnespitzen immer nach vorne. So, stark. Noch fünf Mal. Pffffft- ausatmen. Noch dreimal. Kontrolliert atmen, Powerhouse ist aktiv. Eine Teilnehmerin vor mir schielt sehnsüchtig auf ihre goldene Armbanduhr, als es endlich 18 Uhr ist und wir uns bei unserem Vertretungslehrer bedanken, bevor wir aus der Halle kriechen.

 

total angeflixt (2.11.17)

Bremen, wie sehr liebe ich dich, du Stadt an der Weser, mit deinen Schiffen und deinem hübschen Hauptbahnhof. Den ich allerdings selten durchschreite, weil ich meistens mit dem Fernbus zwischen Bremen und Ruhrgebiet hin und her tingele. Aus Sparsamkeitsgründen. Das Ding ist, dass man sich zwar die paar Euro spart, aber dafür doppelt so viel Ärger hat. Denn jedesmal, jedesmal kommt dieser blöde grüne Bus einfach nicht. So auch dieses Mal: geschlagene zwei Stunden stehe ich am Breitenweg im Regen und friere mir die Zehen ab, werde immer genervter und verfluche meine Entscheidung. ("Das nächste Mal GARANTIERT mit der Bahn", denke ich dann immer). Irgendwann kommen drei grüne Busse nacheinander, die alle von Fernreisenden fliegenschwarmartig belagert werden. Ein Bus hat auf dem Leuchtschild fett PAUSE stehen, allerdings keine Angaben dazu, wohin er kommt oder wohin er fährt. Der Fahrer steigt aus und brüllt sämtliche Reisenden an, dass er jetzt Pause habe und sie ihn alle in Ruhe lassen sollen. Er scheucht alle Leute aus dem Bus heraus, schließt das Fahrzeug ab und verschwindet für eine Dreiviertelstunde. Alsdann kehrt er aus der Dönerbude zurück, bereit, die Reise nun fortzuführen. Wir drängeln uns verzweifelt in den Bus hinein, wie in die Rettungsboote auf der MS Titanic. Endlich habe ich einen Sitzplatz und will nun anfangen, in Ruhe meine Unilektüre nachzuholen, da geht das Gelaber los. Wer hat diesem Busfahrer bloß das Mikro in die Hand gedrückt? War dieser Hanseat in einem früheren Leben Hans Albers oder hat auf einem Kreuzfahrtschiff an der Costa Brava britische Rentner animiert? Oder war er Lehrer? Vor allem, weil er alles ins Englische übersetzt - dabei aber vergisst, dass er des Englischen nur in deutsche-Bahn-Manier mächtig ist. Das sieht dann folgendermaßen aus: Es besteht Anschnallpflicht. Stay seatbelted. Nicht aufs Klo gehen, bevor wir nicht auf der Autbahn sind. Don't go to the toilet until we reach the motorway. Oi, jetzt kommen wir an eine Nachtbaustelle. This tastes like a night-site! Wir sind jetzt in Vechta, wo zwei Leute aussteigen und einer dazusteigt - alle anderen bleiben im Bus, keine Raucherpause! In Vechta, two people leave the bus and one.... Ach, die sind ja eh deutsch, da brauch ich nicht übersetzen.

In Vechta kontrolliert er Lehrer-Polizistenmäßig, ob auch wirklich NUR ZWEI LEUTE AUSSTEIGEN!

Irgendwann will ich verzweifelt meinen Papi anrufen, weil ich durch die Verspätung vorraussichtlich eine Stunde in Münster auf meine Regionalbahn warten muss. Da merke ich, dass mein Akku kurz davor ist, den Geist aufzugeben. Als wir in Münster an einer roten Ampel halten, dreht der Fahrer sich plötzlich nach hinten um und blafft zwei Passagiere an: "Ihr da! Warum seid ihr nicht angeschnallt! Ihr könnt mich das Leben kosten und obendrein 10000 Euro!" Das übersetzt er nicht auf Englisch. Dann bleibt er wie ein störrischer Halbwüchsiger/ kurz vor der Pensionierung stehender Pädagoge mit dem grünen Bus zwei Ampelphasen lang mitten auf der Kreuzung stehen, bis die beiden Jungs sich auf ihren Sitzen mit hochroten Köpfen angeschnallt sind. "Because YOU are risking MY life now." In Dortmund seien nämlich welche bei 20km/ mit dem Kopf durch die Windschutzscheibe geflogen. Through the air-security-window.

Noch nie bin ich so froh gewesen, am Busbahnhof meinen (tendenziell schweigsamen) Vater zu sehen.

Sambas und Mett, mann! (23.10.17)

In der Bibliothek herrscht absolute Ruhe. Bis man plötzlich ein entferntes Quietschen hört, das sich langsam nähert. Die Studenten schauen auf und erblicken: Mich, mit den quietschenden Schuhen. Den sehr laut und eingängig rhythmisch quietschenden Schuhen, im Takt zu meinem Laufschritt. Man hört mich deshalb auch meistens, bevor man mich sieht. Diese Schuhe, ich habe sie vor zwei Jahren gebraucht gekauft, sind schwarze Sambas mit weißen Streifen an der Seite. Und sie sind meine Lieblinge, die jeden Tag getragen werden. Das sind Schuhe, die mich niemals im Stich lassen, die mit mir wandern gehen, die nass werden und dann total stinken, weshalb sie auch immer wieder in die Waschmaschine gesteckt werden. Meine Sambas halten durch. Sie sind schön breit, damit meine breiten, kurzen Füße genug Platz darin haben. Converse Chucks mögen zwar ganz cool aussehen, bequem sind sie jedoch nicht. Aber Sambas, die halten was aus. Auch wenn sie niemals aufhören werden zu quietschen. Und wer sich jetzt fragt, was das ganze mit Mett zutun hat, das ist ganz einfach: Mett mag ich einfach überhaupt nicht. 

Bachelor of Copystudies  (23.10.17)

Wenn man einen Studentenhilfskraftjob annimmt, nimmt man an, dass man wahrscheinlich auch kopieren muss. So auch ich, die ich mich schon so wunderbar fühlte mit dem Büroschlüssel und meinem Namen an der Sekretariatstür und dem Stapel Bücher, den ich kopieren sollte, aber nicht in der Fachbibliothek, sondern in der großen Bib, wo man zehn Minuten hinlaufen muss. Mit zehn Kilo Büchern. Und noch einer Stunde Zeit bis zur Vorlesung. "Das schaffe ich", hab ich mir gedacht und stapfte also wagemutig los zum Kopierer. Da ging es dann los. Die Doppelseite, die ich aus dem riesigen Lexikon kopieren sollte, verrutschte ständig und hatte oben einen riesigen schwarzen Balken. Ach ja, zum Thema kopieren und Drucken muss man bei mir noch hinzufügen, dass ich einen kleinen Umweltrettungsspleen habe. Möglicherweise habe ich da irgendwann mal was erwähnt. Ich versuche also konstant, Papier zu sparen und drucke/kopiere demnach immer doppelseitig, außerdem liebe ich es so viele Seiten wie möglich auf eine Seite zu quetschen. Jedenfalls kopierte ich vor mich hin, immer hektischer und im Schweiße meines Angesichts angesichts der heißen Luft die vom Gerät aus kam. Es funktionierte einfach nicht so, wie ich es brauchte. Fetter schwarzer Rand drumherum, der in der Uni nicht so gerne gesehen wird. Aber das mit dem Zoomen funktionierte einfach nicht. XY Faktoren, es rutschte einfach immer weg. Die Einstellungen musste ich auch immer und immer wieder erneuern, weil sie warum auch immer nicht gespeichert wurden. A4R, 85%... Mein Kopf schwirrte. Irgendwann war ich dann fertig und brachte die Bücher vollkommen entnervt an der Theke zurück. Kam zu spät zu meiner Veranstaltung und schwitzte aus allen Poren - am nächsten Tag erfuhr ich so dies und das. Erstens. Doppelseitig kopieren ist nicht optimal für die Arbeit. Zweitens. Bei der einen Kopie fehlten in der Mitte drei Seiten. Drittens. Die Bücher waren größtenteils Fernleihen aus anderen Bibliotheken. Was bedeutete: So ziemlich alles, was man beim Kopieren falsch machen kann, hatte ich falsch gemacht. Und die Bücher waren jetzt auch wieder weg, man musste sie erst wieder neu bestellen. Das hieß, ich würde sie neu bestellen müssen. Herzlichen Glückwunsch. Und ich dachte, ich würde meinen Bachelor of Arts machen wollen, nicht den Bachelor of Copystudies. Den sollte man an der Uni definitiv auch mal einführen, das wäre doch sinnvoll.

 

Über Umkippen, Schals und Milch (18.10.17)

In den letzten Tagen hatte ich einige sehr seltsame und einige sehr schöne Erlebnisse. Teilweise hingen sie sogar von einander ab. Am Sonntag beispielsweise, war die Milch schlecht. Ausgerechnet an einem Sonntag, an dem das Wetter so überwältigend schön war, dass man für jegliche Regenfälle im Juni und Juli entschädigt war. Und ich, ich kann meinen Kaffee nicht ohne Milch trinken. Zum Thema Kaffee komme ich später. Meine Nachbarn waren alle nicht zu erreichen beziehungsweise, ich wollte nicht an einem Sonntagmorgen vor der Tür stehen und in Känguruhmanier nach Milch fragen (und nach Eiern, Mehl, einem Backofen...) So stiefelte ich also zur Aral Tankstelle und fragte dort schüchtern ob ich wohl dort welche bekäme. Der nette Tankstellenmann stellte ohne Probleme meinen Mehrwegbecher unter die Maschine und füllte ihn voll, ohne dass ich was bezahlen musste, das war ganz schön nett! Er meinte, er könne das eh nicht abrechnen. Da war der Tag schonmal gerettet! Auch wenn ich später nicht, wie geplant beim Streichelzoo in Witten war, sondern nur bis zum Hauptbahnhof gekommen bin. Das nächste Miniwunder geschah am Montag: Mein Schal war eine Woche vorher verschwunden, ich hatte überall nachgefragt, im Uni-Funbüro etc. Ich hatte ihn schon als verloren betrauert, doch als ich dann nachmittags in der Vorlesung saß, kam hinterher ein Typ zu mir und fragte mich, ob ich vielleicht was vergessen hätte: Er hatte meinen Schal dabei! Ich dankte ihm überschwänglich und freute mich, schließlich ist dieser Schal nicht nur ein Schal, sondern so vieles andere: Handtuch, Decke, Kleid, Zelt, Auswandererbeutel, Einkaufstüte, Kissen. Es wäre wirklich ein großer Verlust gewesen. Jetzt hatte ich ihn also wieder, Puh!

Am Dienstag, bei der Arbeit kippte die Stimmung gewissermaßen. Weil nämlich mein Kaffee (mit Milch) sich über den gesamten Schreibtisch ergoss, als ich unvorsichtig war. Sowas passiert mir durchschnittlich vielleicht einmal alle zwei Jahre. Aber ausgerechnet in der zweiten Arbeitswoche, als wir im Büro einen neuen Drucker bekamen, der frisch installiert war. Jetzt war irgendwo Kaffee reingesickert. Das Ding funktioniert aber soweit noch. Gestern abend wollte ich dann schnell ins Bett und stolperte so richtig schön über den vollen Putzeimer mit altem Wischwasser. Eine Sekunde vorher hatte ich noch gedacht: "Oh, der Eimer steht hier aber ungünstig, den musst du bald mal wegkippen, sonst stolperst du noch drüber." Ha. Ha. Ha. Das Resultat: Meine Wohnung war noch nie so nass, inklusive meines Schlafanzugs. Jetzt konnte ich endlich mal alle drillionen Geschirrhandtücher sinnvoll gebrauchen.

 

WDR2 Reportagen- oder: mein Potential als Erwachsene

Man ist ja eigentlich nie wirklich erwachsen, das habe ich schon einmal betont. Höchstens wäre dieser Prozess als Verbum "Erwachsen" und nicht als Zustandsperfekt zu beschreiben. Gestern habe ich das Gefühl gehabt, mich seltsam erwachsen zu verhalten. Das Gefühl beschleicht mich ehrlich gesagt schon seit ich angefangen habe, WDR2 Radio zu hören. Viel, viel besser als Einslive, auch wenn Thorsten Schorn jetzt zu WDR2 übergesiedelt ist und einem eben nicht mehr auf Einslive die Ohren wundlabert. So, jedenfalls war ich gestern im Gottesdienst und habe danach Termine in meinen Kalender eingetragen. Am Nachmittag war ich mit einem Kumpel im Wald wandern/spazieren. Wir unterhielten uns über Rentenversicherungen, Ökostrom, Hauskaufpreise und ab wann es wohl sinnvoll ist, einen Bausparvertrag zu haben (dieses Wort! Ich kriege schon wieder Gänsehaut!). Danach sind wir mit seinem Firmenwagen zu einem anderen Kumpel gefahren um dort in geselliger Runde Tatort zu schauen. In den letzten Wochen habe ich außerdem Verträge unterschrieben und Rechnungen verschickt, habe Weißweinschorle getrunken- und zwar aus richtigen Weingläsern, nicht aus der Flasche oder dem Tetrapak. Das alles gibt mir wirklich zu denken, muss ich sagen. Aber wenn ich mir allzu erwachsen vorkomme, kann ich ja immer noch die Notbremse ziehen und ein paar Gläser Babybrei essen. Oder mein Gemüse nicht mögen.

Über Avocado (06.10.17)

In einer Gesellschaft, in der die Menschen sich auf Ersatzreligionen wie Yoga oder Healthy Eating stürzen, weil sie von der Kirche enttäuscht sind, nimmt die Avocado die Rolle des Papstes ein. Oder des Gurus, je nachdem ob man eher christlich oder buddhistisch unterwegs ist. Jeder isst Avocado und fühlt sich gut. Avocado in den Drink, aufs Brot, aufs Gesicht, in die Bodylotion, in den Frühstücksshake. Zu dem Thema fällt mir ein sehr treffendes Zitat von Horst Evers ein, in welchem er sich auf Babynahrung und Seniorenteller bezieht: Mit Brei beginnen wir, mit Brei enden wir- die Klammer des Lebens, am Ende ist sie das Püree. Aber jetzt ist Matsche nicht mehr nur etwas für Babys und alte Menschen ohne Gebiss, sondern sie ist im Zentrum der Gesellschaft angekommen, sozusagen salonfähig geworden. Guacamole stellt man her, indem man die reife Frucht aushölt und mit Tomatenstücken, Zitronensaft, Salz und Pfeffer ZERMATSCHT. Das wird sich dann auf der ganzen Welt tonnenweise reingezogen und die Menschen füllen sich glücklich. Oder sie versuchen einfach nur, ihr Gewissen zu beruhigen. Dabei ist die Avocado total scheinheilig: Beziehungsweise die Anbaumethoden derselben. Denn in Neuseeland werden ganze Waldgebiete gerodet um dem exponentiell steigenden globalen Verbrauch dieser grünen Steinfrucht nachkommen zu können. Danach werden die Avocados noch in ganzen Wagenladungen in die Flugzeuge verfrachtet und um den Erdball geflogen, damit die Foodblogger was haben, worüber sie bloggen können. Von dem ökologischen Fußabdruck, der durch den CO2 Ausstoß entsteht will ich jetzt mal gar nicht reden- ich atme einfach nur seufzend aus. Ich muss nämlich zugeben, dass auch ich hin und wieder ganz gerne eine Avocado esse, auch wenn sie schon braun geworden ist. Und dann habe ich dieses gesunde Gefühl...

the European Onion (10.9.17)

Mein Hostelleben geht weiter: Auch hier versprühe ich meinen Öko-Charme: Ich trage selbst gepflückte Birnen zurück ins Hostel und backe selbst Brot für die anderen Gäste: Besondere Ingredienzen sind diesmal Pesto und Salzstangen (Ich liebe es Sachen zu verarbeiten, die nicht mehr gebraucht werden). Die Menschen sind positiv überrascht und ich bin noch ein Stück glücklicher. Wenn ich nicht gerade dabei bin, meine Spülmaschinenausräum/-Einräumneurose auszuleben, quatsche ich auf Niederländisch, Englisch oder Französisch die anderen Studenten voll und kleistere die Küchenwand mit selbst gezeichneten Bildern zu. Am Freitag geht es abends auf ins Karaoke-Cafe, gekleidet in feschen Müllbeuteln, weil es schüttet wie aus Eimern und wir alle schon mindestens einmal klitschnass geworden sind. Aus diesem Grund mache ich mich auch barfuß auf den Weg. Wir singen also zwei Stunden lang fleißig, danach mache ich mich auf den Weg zurück ins Hostel- schließlich bin ich nicht mehr 18. Weil das Tor zum Zuckerfabrikgeländer nicht mehr offen ist, muss ich über den Zaun klettern. Zurück in meinem Container treffe ich auf die Dänin, die ich auf dem Gepäckträger mit in die Stadt genommen habe, wo wir das Fahrrad abgeschlossen haben. Sie wollte schon eher zurück fahren und konnte das Fahrrad nicht mehr finden, weshalb sie zurückgelaufen ist. Der Rest der Truppe ist wohl noch bis sechs Uhr in der Früh tanzen gewesen und ich bin froh, dass ich anderen einen schönen Abend beschert habe. Am Samstag gehen wir es alle etwas ruhiger an, ich treffe Renske auf einen Koffie verkeerd bei Hema- schade, dass ich sie jetzt erst kennengelernt habe! Eine vollkommen entspannte und lustige Groningerin. Am Abend essen mal wieder alle Mädchen im Hostel brav ihre Avocados, es ist wie eine Manie. Danach fahren wir in die Stadt, diesmal bin ich auf dem Gepäckträger, es klappt erstaunlich gut. Wir verbringen eine sehr entspannte Zeit auf einem echten niederländischen Hausboot und schauen auf den Kanal, sowie die anderen hübsch erleuchteten Boote. Ich will gar nicht zurück nach Hause, vor allem als am nächsten Morgen die Sonne so unschuldig scheint, als hätte es die ganze Woche überhaupt nicht geregnet. Bevor ich mich wieder auf die Socken mache, backe ich noch einen Apfel-Müslikuchen und verspreche bald, ganz bald wiederzukommen. Bestimmt.

 Weil

das rebellische Hostel (06.09.17)

Und aufs neue bin ich unterwegs, dieses Mal in Groningen, gesprochen: CCCHHHRROningen. Um fünf Uhr morgens aufstehen und sieben mal umsteigen, bevor ich endlich, um halb zwölf mittags ankomme, in einer Stadt, die ich noch nie besucht habe. Und alles ist ganz neu, erst mal orientieren. Das ist immer ein großes Abenteuer für mich, wobei ich diesmal eher schlechte Laune habe- Hunger und schwerer Rucksack, schlechte Kombi. Also einen Albert Heijn Supermarkt finden und danach irgendwo in die Sonne setzen. Dabei muss ich aufpassen, dass ich nicht von höchst aggressiven Radfahrern überfahren werde, denn hier gilt das Recht des Stärkeren; das bin in diesem Falle definitiv nicht ich. Dann muss ich als nächstes noch mein Hostel finden- nicht so einfach, wie sich herausstellt. Abseits von der Innenstadt, an der vielbefahrenen Bundesstraße entlang latsche ich bis ich zu einem bruchbudenartigen Industriegebiet komme, inmitten dessen sich eine ehemalige Zuckerfabrik befindet. Auf dem Gelände ist nun ein Containerdorf aufgebaut, das alternativer nicht sein kann. Mit Holzbrettern verkleidet, recycleten Sitzgelegenheiten und Paletten, die nun als Hochbetten dienen. Die Inhaberinnen tragen weiß gefärbte Haare und Piercings sowie tarnfarbene Boots. Oder pinkfarbene Overalls, wenn sie gerade Außenarbeiten erledigen müssen. Ein verrückter Ort, der fast traumartig anmutet. Bevölkert wird er von Studienbeginnern jeglicher Nation, die alle noch kein Zimmer in Groningen gefunden haben und deshalb im Hostel wohnen müssen. Island, Indien, Holland, Südtirol, England, Slovakei, Frankreich. Lauter junge Menschen, die irgendwas internationales studieren. Der Kühlschrank des Hostels ist übervoll, mit Sojamilch und in der Spüle liegen Essensreste. Dazwischen Menschen, die an ihren Laptops sitzen und versuchen, sich in Jura einzulesen oder sich für eine der unzähligen Introductionparties zurechthübschen. Und ich, ich bin die Einzige die im Urlaub ist und nichts zu tun hat.

The allowed forest (2.9.17)

Gut, dass es Wälder gibt. Ich mache mich auf den Weg, mal wieder. Nach einer wunderbaren Ruhrgebietserfahrung in Duisburg, wo ich im Schrebergarten einer Freundin einen Riesenkürbis finde (oh, welche Offenbarung für mein zartes Herz!) und daraufhin 4 Kg geschnittenes Orangefarbenes im Zug nach hause transportiere -diese Blicke meiner Mitreisenden, herrlich- bin ich nun fürs erste für die kalte Jahreszeit gerüstet. Und ja, irgendwie ist es schon wieder so weit- der September ist da. Zwar leise und warm, aber er ist da. Und wie sollte man ihn besser begrüßen, als mit einer Wanderung? Auf geht es also, mit Kaffee und Zeitung im Gepäck. Nach einer halben Stunde laufen hab ich allerdings Blasen an den Füßen, weil ich so lange ohne Schuhe rumgelaufen bin. Na super, aber halte durch, altes Haus, vor allem weil der einmalige Ausblick aufs Ruhrtal für einiges entschädigt. Nachdem ich am Freitagabend noch lange Radio gehört hatte (auch eine interessante Erfahrung, nachts um halb 12 WDR 2 pop ,mit dem einsamsten DJ der Welt), bin ich froh zu sehen, dass die Wettervorhersage sich nicht wirklich bestätigt. Es scheint nämlich WOHL die Sonne! Und die Luft riecht gut, sooo gut. Und in Spiel wäre das mein Zauberwald, mit Gebirgsbach und einer Verpackungshülle für Schokolinsen von AS Schlecker, dieses Stück Plastik muss schon einige Jahre unter diesem Felsen gelegen haben. Sozusagen Lebensmittelarchäologie. Als ich irgendwann aufs Klo muss, finde ich die Gaststätte "Zum Deutschen", wo es griechische Küche gibt. Kali mera- mein Beitrag zur Internationalität besteht aus dem alten Trick, mich als Engländerin auszugeben. Could I use your toilet, maybe? Thanks very much. Immer wieder schön. Auf dem Weg an der Ruhr entlang gluckert der Fluß unisono mit dem leichten Donnergrollen in der Ferne über Bochum, aber nicht mal die Regentropfen können meiner guten Laune jetzt noch was anhaben. Ach ja, hatte ich schon erwähnt, dass Samstag ist und ich bald nach Groningen fahre? Träumchen.

Greti ist hier (29.08.17)

Ein weiterer Montagabend in der besten Stadt des Ruhrgebiets. Die Exegese verschluckt mich, obwohl draußen die Sonne träge scheint. Schnell nach hause, schnell die Ukulele und das Stickzeug einpacken. Schnell an den Fluss der Flüsse, Ukulele spielen. Ich beobachte Fische unter der Wasseroberfläche und versuche anständige Töne aus mir herauszubekommen. Die tätowierten und gefärbt brünetten Campingplatzeinwohner mustern mich skeptisch, wie ich da auf dem Steg sitze und konsequent gegen das Geplatsche der Kinder ansinge, die die Wärme dieses Sommertags noch einmal auskosten wollen. Irgendwann höre ich vornehmlich spanische Töne und komme mit einer südamerikanischen Rassedame ins Gespräch- kompakt, klein, praktisch und mit aufgeklebten Wimpern. Sie hat einen Mann im Gepäck und zwei kleine nackte Jungs, die quietschend immer wieder ihre Gummilatschen ins Wasser schmeißen. Sie schimpft auf Spanisch (es lässt sich wunderbar in dieser Sprache schimpfen, die ganzen Fauchlaute!) und tippt zwischendrin mit ihren Acrylnägeln auf ihrem übergroßen Smartphone herum. Ihr Mann ist Rechtsanwalt, die beiden kennen sich aus Equador- wo ich unbedingt auch einmal hinmuss. Sie spricht konsequent immer wieder in ihrer Muttersprache, wovon ich mit Glück 50 % verstehe. Ich kann ja nicht mal im Präteritum reden. Sie gibt mir die Handynummer ihrer Tochter, die solle ich anrufen und nach Greti fragen, sie würde dann ans Handy kommen und wir könnten uns verabreden zum Spanisch üben, wenn die Jungs in der Kita sind. Der rauchende Rechtsanwaltsgatte gibt bereitwillig Informationen zum Leben und Arbeiten in Spanien und Südamerika, wir verstehen uns gut. Greti ist auch der Religion nicht abgeneigt, ich solle viel mit Gott sprechen, in allem. Ist gebongt. Die beiden haben übrigens noch drei weitere Kinder, sind wohl schon Großeltern- die Familienverhältnisse habe ich nicht ganz durchschaut. Viele Hermanos und Hermanas, anscheinend. Als es anfängt zu dämmern, verabschiede ich mich und spiele an dem Abend noch ein bisschen weiter Ukulele auf dem Kirchplatz, selbstvergessen und versunken in diesem besonderen Sommerabend.

über Jazzkonzerte (22.08.17)

Nennt mich Kulturbanane, aber ich kann Jazz nicht genießen. Da werde ich doch tatsächlich mal gefragt ob ich zu einem Konzert mitmöchte, sage begeistert ja und bin gespannt. Und dann stellt sich heraus, dass ich so unlocker bin, dass ich mich die ganze Zeit für die älteren Menschen schäme, die mitwippen und "richtig Stimmung machen". Ich schäme mich für anderer Leuts Schnipsereien, abblätternden Nagellack und lachsfarbene Caprihosen mit Espadrilles, durch welche die Fußfesseln schmaler aussehen sollen- im Endeffekt werde ich aber nur an Kohlrouladen erinnert. Und das ist so furchtbar gemein, weil ich selber schließlich auch nicht besser aussehe, mit meinen vermackten Schienbeinen, wie ich da auf dem Steinboden des Open-Air Geländes sitze und versuche, nicht auf die Uhr zu starren. Die Musiker haben, Talent, ohne Frage. Das will ich nicht bezweifeln. Und trotzdem kann ich es nicht genießen, wenn ich mitklatschen soll. Ich finde Mitklatschen so richtig, richtig doof. Der Mann in der zu engen schwarzen Lederhose neben mir klatscht dann einfach für mich mit, und alle sollen "cheap thrills" singen. Ich singe nicht mit, sondern zeichne einen Hochofen aus der Froschperspektive, weil ich ja auf dem Boden sitze. Schneidersitz, ich muss auf meinen Rock aufpassen. Irgendwann wird mir dann schwindelig, na super. Gnädig werde ich nach hause kutschiert und freue mich auf mein Bett, wo keine haargeligen Mittfünfziger herumtanzen, in ihren Sakkos und Camp-David Hemden, den Rotwein in der Hand, den Schal um den aftershavigen Hals geknotet.

ich bin so öko (17.08.17)

Gehe ich zu Rossmann hin/ intressiert mich bio-life/ wo ich speziell begeistert bin, aus den Regalen greif/ Leinsamen und Weizenkleie/ reizen mein Gemüt gar sehr/ auch diverse Hirsebreie/ die große Auswahl machts mir schwer/ mich für Dinge zu entscheiden/ fällt mir wahrlich nicht so leicht/ gegen ein Verstopfungsleiden/ helfen Haferkeime seicht/ Kürbskernmus oder Saft/ aus Sauerkraute hergestellt/ ist was Freude mir verschafft/ ich liebe diese Ökowelt/ Dinkel Vollkorn Stevia/ Apfel Mango Trockenfrucht/ Bekannt auch Samen von Chia/ kauft man die, ist man betucht/ denn Öko kostet etwas mehr/ bereitet gut Gewissen/ Grünkernbulgur gibt viel her/ bei jedem faden Bissen/ Medizintee, Haferflocken/ fairtrade bio Röstkaffee/ lässt mich jedes mal frohlocken/ wenn ich diese Auswahl seh/ Rote Linsen, Dinkelcracker/ Körner und auch Knäckebrot/ schmecken irgendwie echt lecker/ helfen gegen Weißmehlnot/ Drinks aus Hafer, Soja, Reis/ Müsli und auch Sesamcreme/ sind der Vollwertkostbeweis/ weshalb ich sie so gerne nehm/

Exegese exit (16.08.17)

Das Powerfräulein hat sich an eine Exegese gewagt. So, now we have the salad- ich sitze in der theologischen Bibliothek und mache wirklich alles mögliche, nur nicht an meiner wissenschaftlichen Arbeit weiterschreiben. Fünfzig Bücher hab ich gewälzt, Informationen gesammelt, die ich jetzt irgendwie zu einem flüssigen Text zusammenschustern müsste, aber es funktioniert einfach nicht. Ständig kommen mir so wichtige Sachen dazwischen wie Mails schreiben, Urlaube buchen, mir noch ein drittes Mal Kaffee aus der Cafeteria holen, aus dem Fenster in den Sonnenschein starren und mich fragen was ich hier mache. Ich habe das Gefühl, Alice im Wunderland zu sein und ich möchte unbedingt in den Garten, aber ich komme einfach nicht aus dem Haus raus, weil mein Kopf und meine Gedanken viel zu viel Platz einnehmen. Und die Gedanken beschäftigen sich eben blöderweise nicht im Ansatz mit Noahs Fluch und Segen in der Genesis, sondern mit... wichtigeren Dingen. Kann man nicht irgendwo einen Knopf betätigen, damit mir jemand ganz genau vorschreibt, was ich jetzt wie und wo tun soll, bitteschön? Hebräisch  kann ich übrigens auch nicht, deshalb nützen mir die Hälfte der Kommentare zu meinem Bibeltext herzlich wenig. Aber ein Gedicht habe ich zumindest schonmal zustande gebracht:

Hommage an Heinz Erhardt

Hinter eines Apfels Rinde/ fand ich eine kleine Made/ nannte sie im Geist Gerlinde/ denn ohne Name wär's doch schade/ Sie guckte mich entgeistert an/ weil ich ihr Haus zerstörte/ ich hatte ihr ein Leids getan/(vielleicht hieß sie auch Dörte)./ Zum Glück verspeiste ich sie nicht/ Ums Eiweiß war es schade/ so blickte sie das Tageslicht/ und folgte ihrem Pfade/ Das Kerngehäuse schmiss ich fort/ so trennten sich die Wege/ sie ist nun an 'nem ander'n Ort/ und windet sich dort, träge/ Wird vielleicht ein Schmetterling/ Vielleicht auch bloß ein Käfer/ Pfauenauge, Kohlweißling/ gewiss kein Siebenschläfer.

 

der junge Mann und das Meer (2.8.17)

Ich bin am Schwimmsee, zum Schwimmen, obwohl es regnet- denn dann ist es nicht schlimm, nass zu werden. Herrliches Gefühl. Abtrocknen, die kleinen weißen Enten beobachten, die sich vollkommen ohne Scheu ganz nah an mich heranwagen. Im Wasser spielt ein kleiner Junge, ganz versunken- aber nicht im wörtlichen Sinne, denn dann hätten die pickligen DLRG jugendlichen endlich mal was zu tun gehabt an diesem regnerischen Julinachmittag. Nein, er scheint vollkommen mit sich selbst zufrieden, wie er da unermüdlich Sand und Schlamm hin und her schleppt. Ich geselle mich zu ihm, und wir unterhalten uns- über Enten, die man auf dem Bauernhof kaufen möchte und Killerwale, aber auch gefährliche Fische in ebendiesem Badesee. Er belehrt mich, dass es Exemplare gebe, die ganze Enten verschlingen können, sie zögen sie einfach an die Oberfläche. Ich bin beeindruckt und im weiteren Gespräch erfahre ich, dass seine Großmutter Anglerin in Südamerika gewesen ist, aber dann von einem Aal getötet wurde. Gruselig, spätestens jetzt ist mein Interesse geweckt. Der Junge scheint ganz allein dort zu sein, seine Mutter hole ihn später ab, erklärt er mir. Neun Jahre und schon so selbstständig, denke ich nicht unbeeindruckt. Wir fahren fort eine Tropfsteinburg aus nassem Sand zu bauen, was ich Ewigkeiten nicht gemacht habe. Daraus wird ein ganzes Resort für fiktive Liliputaner, die auf dem Sandberg stehen könnten und die Aussicht genießen, bevor sie in den kleinen ausgehöhlten Baggersee zum Baden gehen- das stellen wir uns jedenfalls vor. Als wir Hunger bekommen und mein Kompagnon sich am Kiosk eine Bratwurst holen möchte um mit beigelegtem Toastbrot die kleinen weißen Entenküken zu füttern, hat dieser leider geschlossen. Etwas enttäuscht kehren wir zurück in den Sand und ich muss mich leider verabschieden, weil furchtbar erwachsene Dinge auf mich warten. Der Junge scheint nicht großartig berührt von dem Verlust seiner Spielgefährtin, er hat ja seine Entenküken und den ganzen See. Zumindest noch, bis seine Mutter ihn hoffentlich abholt.

Bafög- eine Leidensgeschichte (28.7.17)

Wir befinden uns im Jahr 2016 und ich stelle meinen Bafög Antrag. Bis zum Juli 2017 muss ich noch circa fünf Mal Sachen nachreichen, daran bin ich ja mittlerweile gewöhnt. Jeder, der schonmal Bafög beantragt hat, wird mir mitleidig zunicken. Damit hört die Geschichte aber noch längst nicht auf. Dadurch, dass ich in meinen ersten Jahren an der Universität inhaltlich noch keine Leistungen erbracht habe, sondern "nur" das Latinum und das Graecum gemachte, sieht es für das Amt anscheinend so aus, als hätte ich gechillt. Und ich KANN JEDEM VERSICHERN DASS DAS NICHT DER FALL WAR. Wer mir nicht glaubt, soll sich meine Sprachzeugnisse angucken. Jedenfalls musste ich der lieben Sachbearbeiterin negative, dann positive Leistungsbescheide nachreichen. Im Juli 2017 bekam ich dann eine Nachzahlung von Dezember bis April- die Frage war nur, wo das Geld von April bis Juli war? Auf Nachfrage wurde mir mitgeteilt - und jetzt kommt der abstruse Teil der Geschichte- ich hätte nämlich, um erneut Bafög zu bekommen, bereits bis Ende März einen neuen Antrag stellen müssen. Das heißt, bevor der erste Antrag durch war. Das heißt, bevor ich überhaupt irgendeine Nachricht vom Amt bekommen habe, schonmal einfach so einen neuen Antrag stellen. Klar, dass ich das nicht gemacht habe, warum auch? Außerdem bin ich ja mittlerweile schon am Ende des sechsten Semesters, das heißt, ich bekomme bald sowieso kein Bafög mehr, weil ich außerhalb der Regelstudienzeit bin, aufgrund der alten Sprachen. Als ich in Münster begann zu studieren, hieß es noch, man bekäme für jedes Jahr, in dem man Sprachen studiert hat, nur ein Semester draufgerechnet, das hätte bedeutet, dass ich insgesamt ein Jahr länger für den Bachelor brauche. Die liebe Sachbearbeiterin meinte allerdings fast gelangweilt, dass ich das Latinum angeblich gar nicht hätte machen müssen, weil ich es ja bereits in der Schule hätte machen können. Aus Bafög-Sicht sieht es also so aus, als hätte ich aus Jux und Dollerei ein Jahr lang Latein gelernt. Also auf zum Geschäftsführer der theologischen Fakultät, der entsprechend aufgebracht reagiert und mir einen hochoffiziellen Wisch mitgibt, der bescheinigt, dass man in der Theologie WOHL NOCH BEIDE SPRACHEN BRAUCHT. So. Das nächste Treffen mit meiner "neuen Freundin" besteht aus einem hektischen neuen Antrag meinerseits, damit ich wenigstens noch für Juli Bafög bekomme. Dann stellt sich heraus, dass die vorherige Sachbearbeiterin anscheinend keine Ahnung von ihrem Job hatte und mir falsche Infos über meinen Leistungsnachweis gegeben hat. Ich muss also nochmal los, einen erneuten Leistungsbescheid abholen, diesmal über fünf Semester anstatt über vier. Aber ich werde nicht aufgeben, ich werde kämpfen. Bis das Recht siegt.

 

Music as a mission (25.7.17)

Versetzt wurde ich, schnöde. Ein Abendessen und Ukulelemusikmachen wurde spontan abgesagt, weshalb meine ganze Montagabendplanung über den Haufen geworfen wurde. Sowas hasse ich. Die Wohnung sieht aus wie ein Schweinestall. Dreckig ist sie auch. Spülen, Spülen und fieberhaftes Überlegen, wie ich aus dem Abend noch das Beste rausholen kann. Fest steht: Nicht drinnen bleiben. Also wird die Ukulele geschultert und ich radele nach Dahlhausen, the place to be on a monday evening. Penner auf dem Bahnhofsvorplatz und Kik-Menschen mit Plastiktüten von Lidl. Das ist definitiv mein Publikum für erste Straßenmusikversuche! Auf den Stufen sitzend schrammele ich auf meiner Makala vor mich hin und während ich singe setzt sich eine behütete Barfüßlerin neben mich. Sie findet meine Musik schön und auch die Herren vor dem Wettbüro rufen mir "Zugabe, Zugabe" zu. Dies bestärkt mich noch ein wenig weiter zu singen. Auf der anderen Seite des Bahnhofsvorplatzes pinkelt ein Langhaariger lässig in die Büsche. Meine Zuhörerin sitzt weiter zu meinen Füßen und wir fangen an uns zu unterhalten, über Malaysia, Indien, Neuseeland, Yoga Ashrams, man sieht, dass sie keinen BH trägt, während sie erzählt, dass sie, genau wie ich, am liebsten draußen ist. An ihrem schwarzen Hut sind verschiedene Federn angebracht, ihr Gesichtsausdruck ist yogaverklärt und ruhig. Sie studiert Religionswissenschaften (was sonst???), möchte aber eigentlich eine Ausbildung zur Yogalehrerin machen. Klar, sie ist Profi, nach zehn Tagen Schweigekloster in Indien. Was ich definitiv niemals aushalten würde, aber sie hat es als klärend für den Geist empfunden. Plaudernd gehen wir Richtung Ruhr, wo sie sich von mir verabschiedet, sie muss noch ein bisschen Energietanken für die Klausuren. Das kann ich verstehen und so setze ich meinen Weg fort, fahre im Halbdunkeln an der Ruhr entlang und bin beeindruckt, was so ein Fluss im Sommer bewirken kann. Spät am Abend komme ich verschwitzt vom Radfahren nach hause und bin froh, dass ich versetzt wurde. Spontane Aktionen sind schließlich die besten. 

Brombeerkratzer und diverse Schadstoffe (24.07.17)

Was für ein aufregendes Wochenende! Mit der kleinen Schwester, die gar nicht mehr klein ist, zur Blutspende und abends Kiloweise Brombeeren pflücken. Davon sind meine Arme und Beine voller Kratzer, was sich gut macht zu meinen sowieso vermackten Beinen- wie oft ich schon mit den Schienbeinen gegen die Pedale oder gegen offene Spülmaschinentüren geknallt bin, zähle ich nicht mehr. Auch meine kleine Ohrenentzündung inklusive übelriechendem Sekret (Streptokokkeninfektion aufgrund von Keimen im Flusswasser vermute ich). Aber tatsächlich sind dies doch Zeichen meiner Natürlichkeit, würde ich sagen. Und niemand sonst von meinen Freunden holt sich aufgeschrammte Knie, weil er oder sie auf den Kirschbaum raufgeklettert ist, um die besten Kirschen zu kriegen. Einen wunderbaren Ausblick hat man von da oben übrigens! Die Brombeeren koche ich zu Marmelade und das klebrige Zeug verbrennt den Topf relativ hoffnungslos. Aber weiter gehts, lebe jetzt, spüle später! Am heutigen Montag Linguistics-Exam, danach auf zum Bafögamt und zur Fachschaft, und wie immer ergeben sich lustige Unterhaltungen. Diesmal mit einer Fachschaftsvertreterin, die mich umfassend über ihre Beziehungsansichten unterrichtet. Ich nicke und mache "hm, ja,". Sehr oft, sogar. Danach unterhalten wir uns noch über den Asbestbefund an unserer schönen Universität- es geht um Bleirohre, die, obwohl die ganze Uni denkmalgeschützt ist, längst mal ausgetauscht werden müssten. Das dauert aber so seine Zeit- deshalb wurde die Kita schonmal aus unserem Unigebäude ausquartiert, außerdem dürfen Schwangere sich nicht besonders lange in unseren Räumen aufhalten sollten. Aber der Rest der Studenten wird das schon aushalten. Schließlich sind wir ja alle Arbeiterkinder, wie unlängst eine Dozentin so treffend konstatierte. Wir sind Schmutz und Schadstoffe gewohnt. Deshalb bin ich wahrscheinlich bis jetzt auch noch nicht umgekippt, obwohl ich schon seit letzten Oktober immer das (laut Fachschaftsvertreterin verseuchte) Wasser aus dem Hahn bei den Frauenklos trinke. Echte Pottkinder können sowas.

Griechische Sagen und Babysitten (22.07.17)

Wenn man als Babysitzerin engagiert ist, erlebt man immer die tollsten Dinge. Diesmal bin ich bei einer befreundeten Familie mit vier Kindern, einem weißen Haus mit blauer Tür und Gemüsegarten- alles Eigenschaften, die mein Herz höher schlagen. Zu den Kindern gehört noch ein hyperaktiver Hund, der eigentlich Ed von Schleck heißen müsste, weil es seine Lieblingsbeschäftigung ist, mich abzusabbern. Scheint mich zu mögen. Gut, dass Menschen sowas nicht machen. Im Hausinneren geht es genauso wunderbar weiter, wie das Äußere versprochen hat: Dunkle antike Möbel, darunter hübsche Sekretäre (und damit meine ich Schreibtische, keine attraktiven Verwaltungsangestellten, wobei mich das auch nicht sonderlich gestört hätte) und bunte orientalische Lampen. Besonders begeistert bin ich von dem Agatha Christie-Poster und den ausgestopften Kranichen auf dem Wohnzimmersideboard. In diesem Haus könnte locker eine Zeitreise stattfinden, und ich erwarte beinahe, im quietschenden Schrank Pelzmäntel vorzufinden, hinter denen Narnia beginnt. Auf dem weiß getünchten Kamin steht ein alter Globus, daneben ein bunt gemusterter Polsterstuhl mit Strickzubehör darauf gelagert. Nachdem die Eltern sich mit dem Baby verabschiedet habe, gebe ich mir Mühe, so einschläfernd wie möglich aus "Elmar" vorzulesen, was anscheinend sogar funktioniert, denn die Dreijährige erlaubt mir gnädig, das Zimmer zu verlassen um noch ein wenig Hörspiele zum Einschlafen zu hören. Das läuft ja wie geschmiert, denke ich. Mit den beiden Älteren ist es etwas kniffliger, denn sie versuchen hartnäckig, eine längere Aufbleibezeit auszuhandeln. Und sie haben gute Argumente, sehr gute. Erst spielen wir Schach, zwei gegen einen, weil die Älteste Schachprofi ist und uns eiskalt abzocken würde. Dann brechen wir ab und zeichnen lustige Menschen im Kinderzimmer, bis ich die beiden irgendwann ins Hochbett navigiere, wo sie heute zusammen übernachten dürfen. Dann verstricken wir uns allerdings in die Erzählung von griechischen Sagen, genauer gesagt Odysseus. Und es tauchen mysteriöserweise Tictacs auf, obwohl die Zähne schon geputzt sind. Na gut, ein paar Tictacs und dann noch ein Glas Milch, dann nochmal Zähneputzen. Als ich gerade dabei bin, vorzulesen und den beiden zum fünften Mal zu sagen, dass jetzt ABER WIRKLICH SCHLAFENSZEIT IST, kommen die Eltern bereits wieder und ich habe das Gefühl, ich bin Babysitterprofi. Wann darf ich das nächste Mal? Ich freu mich jetzt schon drauf.

Einhorn-Invasion (22.07.17)

Seit das Einhorn in "Despicable me" das Prädikat 'besonders flauschig' erhalten hat, scheint es sich schnurstraks in die Welt des Konsums vergaloppiert zu haben und ich frage mich: Wieso ist das so? Wieso meint plötzlich jeder Hersteller, Einhornprodukte anbieten zu müssen, um den Umsatz zu steigern? Zumal es, wie ich behaupte, einfach kein gendergerechtes Produkt ist. Mittlerweile gibt es Einhorn-Schokoküsse (wo bleibt da die Schokolade?), Einhorn-Schokoladentafeln (mit Himbeer Creme und Spratzelcrispies), Einhornparties an der Uni, von den Kindergeburtstagstorten ganz zu schweigen. Mein Bäcker um die Ecke bietet Einhornmuffins an und eine bekannte Supermarktkette nahm Einhornküchenrollen ,-Taschentücher und -Klopapier mit Zuckerwatteduft in ihr Sortiment auf. Ein Metzger in Ostdeutschland versuchte sogar, Einhornbratwurst als besonders lecker und passend zur Grillsaison 2017 feilzubieten, ob dieser Marketinggag gezündet hat weiß ich nicht. Ich hoffe, das Stück Fleisch hat Feuer gefangen und ist verbrannt. Es muss nicht alles rosa, fluffig und bunt sein, sorry.

Adonis und Erdbeerbowle (20.07.17)

Das Wetter ist sonnig und warm, und damit mein Gemüt diesen Zustand übernimmt, geht es ab an die Ruhr, sitzen und lesen und so. Ins Wasser gucken. Weil ich aber nicht anders kann, fange ich mal wieder ein Gespräch mit drei Jungs an, Phil, Armin und Adonis. Alle sweet thirteen- und sweet sind sie irgendwie echt, vor allem weil Adonis so eine schöne Plauze hat, wie sympathisch- er ist wegen Sport sitzengeblieben. Aber jetzt geht es für die drei erstmal in den Urlaub in den Balkan, Verwandte und Freunde besuchen. Da die Herren wirklich nicht auf den Kopf gefallen sind, deduzieren sie aufgrund meiner weiten Haremshose (man passt sich ja den Geisteswissenschaftlern an) und meines Strickzeugs, dass ich erstens vegetarisch bin und zweitens Lehrerin. Bin beeindruckt und bekomme wertvolle Ratschläge darüber, welchen Frechheitsgrad ich in meiner pädagogischen Funktion einhalten müsse, um die Schüler in Schach zu halten. Dann werde ich gebeten, in der Realschule der Jungs zu arbeiten, weil, "da sind nur scheiß Lehrer". Weil ich die drei schon ein bisschen ins Herz geschlossen habe, finde ich die Idee gar nicht so schlecht. Erstmal frage ich noch nach Adonis' Lieblingskuchen (Maulwurfkuchen- jeder kennt ihn aus der Werbung!) und erfahre, dass er am nächsten Tag seinen Geburtstag just an diesem Ort feiern werde. Ich werde eingeladen und backe am nächsten Tag nach der Uni direkt einen Schokokuchen, in Ermangelung von Maulwürfen. Dann wird das Wetter allerdings so gewitterig, dass mein Weg mich nicht an die Ruhr führt, sondern mit Freunden in den Irish Pub, wo wir bis spät abends in illustrer Runde zusammensitzen und noch ein paar lifpelnde Informatiker kennenlernen, die den Reft def Fokokuchenf aufeffen. In der Bahn nach Hause sitzen mir dann schließlich zwei wahre Bochumer Originale gegenüber: Nummer eins mit olivfarbenen ZippOutdoorhosen, gedrungenem Körperbau, langen Locken und Glatze obendrauf, sowie kreisrunder Brille. Nummer zwei relativ klein, in königsblau gekleidet und quietschfidel. Sie unterhalten sich über Erdbeerbowle und der Körpersprache entnehme ich, dass Nummer eins in der Freundschaft wahrscheinlich Oliver Hardy ist- während der kleine blaue Stan Laurels Rolle einnimmt. Mit diesem Gedanken beobachte ich die beiden, wie sie einträchtig mit den Händen voller Plastiktüten die Bahn verlassen, um nach dem Rechten zu sehen und die Welt wieder in Ordnung zu bringen, sowas in der Richtung. Grinsend gehe ich nach Hause.

Über ALLES GUT (27.06.17)

An Montagen passieren immer die schönsten Sachen. In der Uni kann ich meiner grammatischen, linguistischen Amourösität frönen, in dem ich in der Ethik Martin Luthers-Vorlesungen den Kommilitonen erkläre, dass die Banken im 15. Jh in Italien entstanden und die Bankgeschäfte ursprünglich eben auf einer Bank, oder einem Tisch abgewickelt wurden. Bankrott leitet sich vom italienischen banca rotta ab- wenn die Bank zerbrochen war, war nicht mehr viel mit Kohle. Hach, ich liebe es, Besserwisserin zu sein. Nach der Vorlesung sitze ich auf der Campuswiese direkt neben den kiffenden DreadlockHaremshosenPhilosophiestudenten und dokumentiere, was der biertrinkende Herr mit dem Pferdeschwanz auf der Bank neben mir so von sich gibt: "Hab auch ne Machete. Badewanne. Party ist vorbei ist sowieso zu spät. Z 1, Z2 gewesen, schlimm. Durst ist sowieso vorbei. Herrlich. NEIN; NEIN NEIN und dann werfen die mit Wasserwerfern - ganz einfach! Fuck the dinosaurs. ach ehrlich! Nee! Klopf, Klopf Wunder von Eppendorf. oha, Aua! Zwei Hunde mal, ja. AAAACH. Das möchte jeder sehen, dass hier Fledermäuse eingezogen wurden. Was macht der denn da? Genau auf 60! ( Damit pustet er in seine Bierflasche.) Nur für dich, der Gran ist aufgewacht! Kikerikiki. Tiki, was los? Staubsauger kaputt gemacht, reingepisst. Aber ist auch nicht so schlimm, vielleicht läuft der noch. Atlantik Burnout."

Dann geht er weg und ich gehe auch weg, stoße aus Versehen eine Studentin an und entschuldige mich. Sie darauf lächelnd: "Alles Gut!". Was momentan alles gut ist, das ist doch wirklich unglaublich! Was ist bloß aus dem schönen "schon in Ordnung" passiert? Warum sagt niemand mehr "Passt schon"? Seltsam, woraus sich wohl dieser inflationäre Gebrauch entwickelt hat. Mit diesen Fragen im Kopf fahre ich nach Hause zu Freunden, wo ich JOhannisbeeren pflücke und die Hühner füttere. Heute haben sie nur ein kleines Ei gelegt, aber es ist schon toll, wie glücklich mich so ein kleines Ei machen kann. Genialer Wochenanfang!

Über das Backen Ahnung für sich (25.06.17)

Eigentlich heißt es "an und für sich", habe ich unlängst herausgefunden. Da musste ich sehr lange sehr laut lachen. Naja, so kann man sich irren. So, in diesem Text geht es um traumatische Erfahrungen, die meine Familie kürzlich erleiden musste. Es ging um Natron. Natron ist, um es mit einem Songtext der "Ärzte" zu beschreiben, AN UND FÜR SICH schon okay (vgl.: Die Ärzte, drei Tage Bart, Berlin, 1996, Z. 8). Man kann es benutzen um saure Früchte wie Johannisbeeren und Rhabarber bekömmlicher zu machen. Laugenbrötchen macht man ebenfalls daraus und wenn man Sodbrennen hat, hilft es vorzüglich, weiß meine Großmutter mütterlicherseits. Was ist also das Problem? Nun, man kann Natron auch als Backtriebmittel gebrauchen, wenn man kein Backpulver im Haus hat. Die Engländer kennen es als Baking Soda. Schon eine kleine Messerspitze reicht für einen Kuchenteig. Da es bei mir mit den Rezeptangaben nicht so weit her ist, habe ich für den Geburtstagsapfelkuchen meiner Schwester wohl etwas mehr genommen, ich weiß das nicht mehr so genau. Jedenfalls saß die Familie andächtig am sonntäglichen Kaffeetisch, stach voller Freude in den saftigen Kuchen. Mein Vater nahm einen Bissen in den Mund und verzog das Gesicht. "Der schmeckt giftig", äußerte er und fortan probierte auch der Rest meiner Geschwister skeptisch den guten Kuchen. Was soll ich sagen- die Resonanz fiel eher mittelmäßig aus und man konstatierte, ich hätte irgendwas mit dem Backpulver falsch gemacht. Da erinnerte ich mich an das gute alte Natron und die Mengenangaben. Mist. Das Ende vom Lied war, dass wir die Apfelfüllung aus dem Inneren aßen und der gute Kuchenmürbeteigboden von Vati wortlos in den Biomüll geschmissen wurde, ein wahrlich patriarchischer Akt. Meine Familie ist seitdem skeptisch wenn ich Kuchen mit nach Marl bringe, sei es Apfelmus-Schokokuchen, Möhrenkuchen oder Käsetorte. Und ich hüte mich davor, zu viel Natron zu benutzen...

die Politik und ich (25.06.17)

jüngstens intressier ich mich/ auch mal für Politik/ denn Trump hat einen Sonnenstich/ nicht nur sein Kopf ist dick/ Der Mann hat einen Sockenschuss/ und findet Folter gut/ da ist mit Toleranz echt Schluss/ mich packt so langsam Wut/ Darüber was der President/ sich wöchentlich erlaubt/ weshalb ihn jetzt echt jeder kennt/ und man es fast nicht glaubt: Dieser Typ regiert doch wohl mit totalem Narzissmus! Dazu ist seine Birne hohl und produziert nur kranken Stuss. Was soll man bloß dagegen tun, damit sich mal was ändert? Mir platzt der Kragen, grade drum wird ab jetzt gegendert. So kommen wir zum zweiten Teil politischer Polemik, er sie es ist nicht mehr geil- und wer so spricht ist dämlik! Frau handelt sich viel Ärger ein wenn sie am Herde steht die Dame hat ein Chef zu sein damit sie was bewegt! Feminismus, Gender pur bestimmt die heut'ge Zeit, Geschlecht kommt rein aus der Natur? nicht länger Möglichkeit. Gleichberechtigt überall, "Frau heiratet sich selbst" lautet der Presse Widerhall- was du wohl davon hältst? Das frage ich mich jetzt im Ernst, denn Toleranz ist wichtig. Darüber schreib ich allergernst und find das Thema richtig. Irgendwann wird es jedoch auch ein Stück weit lächerlich- wer ständig auf das Gendern pocht der gilt sehr bald als zwanghaftig. Muss man mit Geschlecht hausieren und sich ständig aufregen? Man könnte den Verstand verlieren anstatt Fortschritt zu bewegen...

Nur die Ruhr (22.06.17)

Wenn man am längsten Tag des Jahres keine Dogmatikvorlesung hat, sollte man unbedingt alle Theologenkommilitonen und sonstige soziale Kontakte einladen, zur Ruhr zu kommen. Wo ließe es sich besser müßig sein als zwischen lustigen Bochumer Mitbürgern in Dahlhausen? Wir treffen auf zwei Typen- wobei, eigentlich treffen sie eher auf uns, weil wir Bier haben. Die beiden gesellen sich fortan zu uns und wenn sie nicht Bier trinken oder vom Baum aus in den Fluss springen, erzählen sie von ihrer politischen Aktivität, die sich durch Hausbesetzung äußert. Mit nassen Dreadlocks und Irokesenschnitt erklären sie die Intention ihrers Vorhabens und der sowieso schon arg verhangene Blick wird noch verklärter. Mir geht es vorrangig darum, darauf zu achten, dass keiner von ihnen besoffen in der Ruhr untergeht, jedoch erklärt mir der Ältere, der mit den Dreads, dass er schon mehr als zehn Jahre Übung darin habe (im Schwimmen und im Bier trinken). Beruhigen tut mich das nicht so ganz. Da sitzen also wir Theologen mit den antifa-Punks zusammen und reden über Kapitalismus und Konsum, dabei schaufeln wir kiloweise Melone in uns rein. Irgendwann wechselt das Gesprächsthema, weil wir auch eine angehende Hebamme dabei haben- plötzlich geht es um Wassergeburten, freiwillige Einläufe und Dezibelgrenzen im Kreißsaal. Derweil die anderen Karten spielen, spiele ich fleißig Ukulele und mache mich auf, Pfandflaschen einzusammeln. Daraus ergeben sich interessante Unterhaltungen mit polnischstämmigen Herren, weshalb ich jetzt weiß, dass Bier piwo heißt. Später bringe ich die Flaschen zum Supermarkt, wo ein kleiner Junge mich mit großen Augen ansieht und zu seiner Mutti sagt: Mama, guck mal, die Frau ist ja NACKIG! Ich empöre mich grinsen dazu, dass ich sehr wohl einen Bikini sowie eine kurze Hose trage, dass ich nur auf die Schnelle mein T-shirt nicht gefunden habe bevor ich losging. An dieser Stelle sollte sich wohl eher die Mutter des Kindes Gedanken über die Absichten ihres Sohnemanns machen! Jedenfalls bekomme ich 2,75 Euro Pfand und kehre zur Wiese zurück, wo wir noch bis spät in den Abend Spielen, schwimmen und Quatsch erzählen. Auf dem Weg nach Hause begleiten mich tatsächlich Glühwürmchen, ein spektuakulärer Anblick. Was für eine besondere Sommersonnenwende, wirklich.

Über Verkopftsein und Prokrastination ( 21.6.)

Seit drei Stunden will ich eigentlich diese blöde Introduction für den blöden Skillscourse schreiben. Seit 1,5 Stunden gehe ich nicht zum Protestantismus seminar, weil ich mir gesagt habe, dass es ok ist, sich mal abzumelden wenn man sich auch irgendwie einen Schnupfen einbildet und, ja der Hals kratzt schon auch ein bisschen. So, was ich allerdings den ganzen Morgen schon vor mir her prokrastiniere ist eben diese akademische Arbeit. Stattdessen vertiefe ich mit Duolingo in schon fast manischer Art und Weise meine NiederländischSpanischItalienischkenntnisse, es ist wie eine Sucht, immer die nächste Stufe erreichen, ich kann da ganz schlecht mit aufhören wenn ich einmal angefangen hab. Naja, gibt schlimmere Süchte vermute ich mal. Zwischendurch stelle ich mich vor meinen Ganzkörperspiegel, mache mir eine bescheuerte Frisur und übe tanzen zu populärer, zeitgenössischer Musik. Mit dem Tanzen habe ich nämlich ein ziemliches Problem, weil ich zu viel darüber nachdenke. Mit dem Tanzen ist es wie mit dem Hochsprung früher im Leichtathletikkurs, Montags von 18-20 Uhr. Herzliche Grüße an dieser Stelle an alle meine ehemaligen Sportlehrer, die in meiner Gymnasialzeit versuchten, mir weiszumachen, dass man doch einfach "nur zählen müsse, und dann so laufen und dann springen und zack, bist du drüben". Und ich ging dagegen an, indem ich drei Jahre lang jede 90cm Marke im Hochsprung gerissen habe. Irgendwann sagte ich dann keinen Lehrern, sie sollten mir einfach eine Sechs aufschreiben, um mir die Demütigung zu ersparen, es als einzige im ganzen Kurs wieder nicht zu schaffen. Denn da war mir die schlechte Note eindeutig lieber, und schließlich bewies ich meiner Meinung nach auch ordentlichen Mut, denn ich hatte nie, nicht einmal im Sportunterricht meine Tage und/oder schrieb mir meine Entschuldigungen selbst. Dazu war ich viel zu moralisch erzogen. Aber zurück zum roten Faden: Ich mache mir zu viele Gedanken und kann mich schlecht gehen lassen, und das hat für mich viel mit Discotanzen zu tun. Aber wenn es so viele Menschen so gerne machen, kann es doch so teuflisch nicht sein? Also stelle ich mich vor den Spiegel und übe rhythmische Verrenkungen. Der Spaß bleibt nicht aus, das liegt aber daran, dass ich nicht unter Leuten bin, nicht alkoholisiert und dass ich eine bescheuerte Frisur habe. Mich kann niemand beobachten und auslachen. Dabei ist das faktisch noch nie passiert, das Trauma wurzelt jedoch tief in mir, wie man sieht. Es bleibt schwierig.

Über gelbe Vitamine und Stuhl (20.6.17)

Sehr geehrte Damen und Herren, heute möchte ich über zweierlei Themen schreiben, die an sich wenig miteinander zutun haben, mich jedoch in den letzten Tagen beschäftigt haben. Es geht sozusagen um Innerlichkeiten und Äußerlichkeiten. Kommen wir zuerst zum Punkt eins: die Individualisierung von Obst und Gemüse. In den vergangenen Monaten hat sich in der Lebensmittelindustrie der Trend durchgesetzt, farbliche Änderung zu bewerben. So sah der vitamingeneigte Konsument beispielsweise Plakate für gelbe Kiwis, die sehr reif sein sollen. Möglicherweise wäre ein Kunde sonst abgeschreckt, man kennt das ja. Es gibt aber nicht nur gelbe Kiwis, sondern auch gelbe Tomaten und gelbe Melonen. Woher kommt diese Gelbsucht im Grünzeugbereich? Ist es der ewig verzweifelte Kampf um Umsatzsteigerung durch Attraktions-gemüse? Warum dürfen Kiwis, Tomaten und Melonen nicht einfach grün oder rot bleiben? Gelb ist lebensmittelästhetisch gesehen nicht mal eine besonders attraktive Farbe! Ich plädiere für althergebrachtes, sozusagen "back to the roots". Dabei sind weder Kiwi, noch Melone noch Tomate Wurzelgemüse. Höchstens rote Beete und Möhren, aber die haben ja kein gelbes Problem. Noch nicht.

Kommen wir zu Punkt zwei der Tagesordnung: Stuhl, Horn und Eiter. Die Überleitung sei hier durch den Prozess des Verdauens gegeben, schließlich ist, um Altkanzler Kohl an dieser Stelle zu zitieren, "wichtig, was hinten heraus kommt." Wahre Worte- denn es herrscht ja auch im Körper ein ständiges Kommen und Gehen! Man führt dem Körper bunte Lebensmittel zu (je bunter, desto besser übrigens! Und ich spreche nicht von Skittles oder Smarties!) und egal was man versucht, das Endprodukt stinkt, ist wertlos und braun, ganz wie die deutsche Politik bis 1945. Aber sollte man sich dessen schämen? Es gibt eklatante Unterschiede zwischen dem männlichen und dem weiblichen Geschlecht was Fäkalien angeht. Viele Frauen haben große Probleme damit, zuzugeben, dass sie, nun ja, auch aufs Klo gehen. Der natürlichste Vorgang des Lebens wird bei uns auf dramatische Art und Weise zu einer Peinlichkeit, ja, sogar zu einem UNDING herabgewürdigt! Die meisten Frauen gehen ja, wenn die ersehnte Privatsphäre beispielsweise auf Freizeiten oder beim Camping nicht gegeben ist, nur spät in der Nacht oder früh am Morgen aufs WC, um Gesellschaft zu vermeiden. Viele riskieren übelste Verstopfung- ein schüchterner Darm kann sogar zu einer zwanghaften Erkrankung werden. Da werden in der Toilette Streichhölzer und Duftkerzen angezündet um Unwohlgerüche zu vertreiben und wehe, wehe dem, der einen erwischt, während man auf einem öffentlichen Abort geräuschvoll "schlechtes" absondert. Denn das umgangssprachliche Wort "Kacke" leitet sich ab vom griechischen "Kakos" ab, was "schlecht" bedeutet. Der Stuhlgang wiederum kommt aus dem Mittelalter, wo es einen Stuhl mit Loch in der Mitte gab, wo ein Topf druntergestellt wurde. Im alten Rom waren die Menschen übrigens weitaus entspannter was Fäkales anging: In den öffentlichen Latrinenhäusern saß man sich während des Geschäfts in Gruppen gegenüber. Es ist doch interessant, wie sich die Gesellschaft in dieser Hinsicht verändert hat. Niemand will heutzutage mit Scheiße zutun haben, höchstens Proktologen- die sehen eh den ganzen Tag nur Arschlöcher.

Über Kamperen in Holland (18.6.17)

Es gibt doch wirklich nichts schöneres, als an einem langen Wochenende mit lieben Freunden und jungen Familien nach Holland zu fahren, zum Campen. Dort angekommen, sind sogar die Enten zahm und tiefenentspannt und watscheln gemütlich über den Platz, ohne sich an den Menschen zu stören. Es sind sehr moderne transgender-Enten, man kann nämlich keinen Unterschied zwischen Ente und Erpel ausmachen.  Nachdem die Zelte aufgebaut sind (Ikea lässt grüßen), fahre ich mit dem Rad in den Ort und treffe auf dem Weg zwei Jungs, mit denen ich direkt mein Niederländisch üben kann. Dort kann ich so richtig schön schmuddelig herumlaufen, mit Socken in FlipFlops und Jogginghose sowie ungewaschenen Haaren- wie es sich eben fürs Camping gehört. Im Supermarkt schäme ich mich dann für meine Deutsch-Sauerländischen Landsmänner, und tue so un-deutsch wie möglich. Auch esse ich mehrere Gratis-Äpfel, die eigentlich für Kinder sind. Man ist immer so alt wie man sich fühlt. Die erste Nacht auf der Luftmatratze ist wie immer unbequem, was vor allem daran liegt, dass besagte Matratze am frühen Morgen keine Luft mehr erhält und der Boden dann doch recht hart ist. Ist egal, meine Haut riecht nach Sommer, das ist was zählt. Beim Frühstück unterhalte ich mich mit Kindern über Bananenhaare, aus denen man lukrativ Profit schlagen könnte, weil sie jedes Jahr- aber nur in Holland- nachwachsen. Dabei essen wir so viel Vla, bis es uns aus den Ohren wieder herauskommt. Nach den Mahlzeiten spühlen wir jungen Leute gemeinsam ab, aus den Handylautsprecherboxen tönt "Tequila", ein Saxophonohrwurm ohne gleichen. Irgendwann tanzt das ganze Waschhaus mehr oder weniger mit und wir haben super Laune! Womit wir auch gleich beim Thema Sanitäranlagen wären: Während das männliche Geschlecht nach Herzenslust Fäkal- und Genitalwitze macht, passen die Mädchen auf, dass niemand im Toilettenvorraum ist, wenn es auf dem stillen Örtchen mal etwas länger dauert. Ewiges Problem auf öffentlichen Toiletten!

Eine Petersilienhochzeit wird während unseres Campingwochenendes auch gefeiert: 12,5 Jahre Ehe und eine Überraschungsparty mit quietschgrünem Büffet und Grillen. Wir trinken Waldmeisterschorle und spielen mit den Kindern Teekesselchen, Wer-bin-ich und Lieder raten. Zwischendurch musiziere ich mit meiner Ukulele und bin melancholisch, in der dritten und vierten Nacht schlafe ich dann nicht mehr im Zelt, sondern im Wohnmobil, bei der siebenjährigen Greta, die so großzügig ist, mir Platz zu gewähren. Des morgens wache ich regelmäßig mit einer Kinderhand auf meinem Gesicht auf. Dies beschwert das Atmen doch ein wenig, deshalb stehe ich leise auf und gehe raus, im See schwimmen. Als ich wiederkomme, essen Greta und die anderen Kinder schon vergnügt Chips vor dem Frühstück und trinken billige Limonade.

Die Bilanz des Wochenendes: vier mal Nacheinander Grillen, einmal Pommes Spezial, zwei Wadenkrämpfe vom Schwimmen und null Sonnenbrände. Damit kann man doch zufrieden sein.

Über "Being Sher-locked" (13.6.17)

Am Sonntag habe ich mich getraut, die letzte Folge der vierten Sherlock-Staffel zu gucken und war froh, dass ich mir zwischendurch die Finger in die Ohren stecken konnte und die Augen zugedrückt habe, um die Brutalität nicht mitzubekommen. Diese letzte Folge ist wirklich komplett anders als die vorherigen- plötzlich spielen nämlich Emotionen und soziale Kontakte eine viel größere Rolle als man es bei dem englischen Vorzeige Autisten Sherlock Holmes gewohnt ist. Die Handlung ist ebenfalls ungewöhnlich: Es stellt sich heraus, dass Sherlock und Mycroft eine Schwester haben, die Mycroft immer versteckt gehalten hat, weil sie als extrem gefährlich und psychopathisch gilt. Euros, so heißt die Dame, hat ebenfalls die Fähigkeit des Deduzierens und ist superintelligent. Allerdings hat sie sich in der Familie etwas unbeliebt gemacht, da sie im zarten Kindesalter ihr Elternhaus anzündete. Sie galt seitdem als verstorben- tatsächlich ist sie jedoch in einem Hochsicherheitsgefängnis auf einer Insel mitten im Meer untergebracht, wo sie mit wallenden langen Haaren und weißen Gewändern eher einer Yogalehrerin als einer Psychopathin ähnelt. Im Laufe des Films gelingt es ihr durch Gedankenkontrolle, aus dem Gefängnis auszubrechen und nun ist es ihr als unverstandene Hochintelligente natürlich ein leichtes, Menschen zu manipulieren und -leider auch zu töten. Sherlock und John Watson sehen sich vor eine harte Probe gestellt, die sie an ihre psychischen Grenzen bringt. Interessant an dieser Folge ist tatsächlich der Fokus auf Freunden und der Familiengeschichte von Sherlock, die ja bisher eine vollkommen untergeordnete Rolle gespielt hat. Beim ersten Schauen versteht man leider mal wieder herzlich wenig von den komplexen Handlungen, die sich die Produzenten ausgedacht haben- ist Jim Moriarty jetzt tatsächlich doch wieder lebendig, obwohl er doch schon tausendmal von Sherlock dingfest gemacht wurde? Was ist jetzt eigentlich Realität und was ist eine seltsame Metapher? Welche Rolle spielt das kleine Mädchen in dem Flugzeug, das sich tausende Meter über dem Boden befindet und droht abzustürzen? All das kann man erst nachvollziehen, wenn man sich im Nachhinein eingehend mit Mitschauern darüber unterhält, was ja wiederum ein Plus für die Gemeinschaft ist. Außerdem kann es helfen, sich den Wikipedia Artikel zum Thema durchzulesen...

 

Über Rabeneltern und Dötschobst (11.6.17)

Letztens habe ich einen Text über meine Sparsamkeit/meinen Geiz geschrieben, der wohl ein bisschen falsch verstanden wurde. Tatsächlich wohne ich seit August nicht mehr bei meinen Eltern und bin genausowenig eine arme Studentin, die nur verfaultes Obst vom Markt essen kann, weil die Eltern nicht für finanzielle Unterstützung sorgen. Meine Eltern sind die Großzügigkeit in Person und schmeißen Äpfel weg, wenn sie Dellen aufweisen. Ist also alles mein hart erarbeiteter Idealismus, der bei dem Sparsamkeitstext eine Rolle spielte. Gestern war ich in meinem türkischen Lieblingsmarkt und habe nachgefragt, ob sie Obst und Gemüse übrig haben, das verderblich ist und deshalb nach Ladenschluss weggeworfen wird. Das Ende vom Lied war, dass ich mit einer ganzen Kiste voller Weintrauben, einer zweiten Kiste Salatköpfe, zwei Kilogramm Bohnen, einer Palette Nektarinen und 10 Bund Petersilie und Dill nach Hause kam. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, was man mit dem ganzen guten Zeug anstellt. Vielleicht schicke ich es an Leserbriefschreiber, die nicht wissen, dass auch leicht dötschiges Obst noch sehr lecker sein kann...

Über Kassel (10.6.17)

In Nordhessen, an der Fulda, ist die Welt noch in Ordnung, könnte man meinen. Eine meiner Lieblingsfamilien wohnt dort, in einem mittlerweile vollkommen autarken, Solarstrom, Ökohaus. Mit ganz viel Garten, Holz zum Befeuern des Kaminofens, einem Waldkindergarten einen Steinwurf entfernt und selbst angebautem Kopfsalat. Für eine WollThermoskannenVegetarierstudentin wie mich beinahe der Himmel auf Erden. Eine Woche bin ich dort bei meiner guten Freundin einquartiert, teile den Alltag mit ihren Eltern und ihren beiden Schwestern, sowie auch dem xenophoben Hund. Morgens gibt es gutes Frühstück mit zig verschiedenen Marmeladen und Käsesorten, Früchtetee und Kaffee bis zum Abwinken. Abwinken tu ich nur nie. Das resultiert dann in extremer Hibbeligkeit, aber auch dagegen gibt es schließlich ein Rezept: Wir legen einen Wandertag ein, von Schauenburg bis nach Harleshausen. Der Kasselsteig, wir sind sechs Stunden unterwegs und als wir an einem Bergsee vorbeikommen, zögere ich nicht lange und schwimme eine Runde. Trotz Ermangelung eines Handtuchs und Bikini. Fühle mich wie Ronja die Räubertochter, als ich frierend wieder in meine Klamotten schlüpfe und wir den Heimweg antreten, wo uns heimelige Spinatlasagne erwartet. Abends bekommen wir regelmäßig von der kleinen Schwester Zaubertricks vorgestellt, die uns wirklich verblüffen. Außerdem spielen wir stundenlang- Keltis, Siedler, Dominion, Dixit, bis ich zu guter letzt sogar einmal gewinne. Und das ist etwas wirklich besonderes für mich, weil ich meistens grottenschlecht bin, was Gesellschaftsspiele angeht. Die Pubertät bekomme ich während meiner Woche dort ebenfalls in ganzer Breite zu spüren, arrangiere mich aber damit, indem ich den Raum wechsele, wenn Schwester Nummer zwei Tanzeinlagen zu lauter Schlagermusik einlegt oder sich mit Schwester Nummer eins zankt. Was aber nicht sehr oft vorkommt, denn meistens herrscht hier die Harmonie vor. Außerdem kommt Frau Yildiz und hilft im Haushalt, und bringt mir ein wenig Türkisch bei, während sie bügelt. Außerdem kocht sie Spinat-Fetakäse-Börek, Linsensuppe, Zucchini mit Joghurt und Hähnchenpfanne. Traumhaft, wie Türkinnen kochen können. Womit wir bei meinem nächsten Thema wären: Interessanterweise verhalte ich mich teilweise sehr frauentypisch, indem ich das Abendessen koche, den Tisch decke, stricke, die Spülmaschine ausräume. Einen Nachmittag lang pflücken wir drei Frauen insgesamt 18 Kilogramm Erdbeeren und kochen beinahe 50 Gläser Marmelade daraus. Auf Erdbeeren kann ich jetzt erstmal verzichten. Die Woche in Kassel geht viel zu schnell herum und ich verspreche, im September, pünktlich zur Apfelernte wieder zu Besuch zu  kommen. Darauf freue ich mich jetzt schon!

Über Stau und Hühner (29.05.17)

Früher, sagte meine Omi, die in den letzten Jahren noch kleiner geworden war, war die Kindheit. Die Kindheit auf einem Hof in Westfalen, wo es Hühner gab, mit denen sie und ihre sieben Geschwister spielten. Früher war das Beschäftigtsein mit Spielen wie Gummitwist und Staudamm bauen, irgendwas ließ sich immer finden. Und heute? Heute stehe ich mit der "väterlichen Mitfahrgelegenheit" im Stau auf der A43, die momentan dreispurig ausgebaut wird, um, genau, Stau zu vermeiden. Auf der Gegenfahrbahn kommen mir lauter Wagen entgegen, in denen genau eine Person sitzt, die genervt ist, dass alles so langsam geht. Dann denke ich: Ach, wenn die Leute doch alle öfter mit dem Zug führen! Wie viele Probleme würden damit aus dem Weg geschafft! Aber halt: mit dem Zug zwischen Recklinghausen und Bochum/Dortmund hin und herzufahren, ist ja viel UMSTÄNDLICHER als mit dem Auto zu fahren, weshalb ich die Leute schon verstehen kann. Denn will man von Recklinghausen nach Bochum, muss man mit der Regio nach Wanne Eickel und dort einmal umsteigen. Nervt, vor allem wenn man als Student weiter Richtung Uni muss. Wer hat sich die Zugverbindungen ausgedacht? Fahrradwege sollen ja auch weiter ausgebaut werden, hoffentlich geht das schnell. Dann fahren irgendwann alle mit dem Fahrrad, wie in Holland, und regen sich auf, dass überall Räder sind. Aber das ist dann wohl typisch deutsch.

 

Boah- wie peinlich! (22.05.17)

Fahre in Shorts und Shirts (SHSHSHSH) zur Uni, auf der Straße, weil ich wenig Wert darauf lege, beim Radfahren so sehr durchgeschüttelt zu werden, dass ich hinterher sterilisiert bin. Prompt hupt mich ein übertrieben hässliches Auto von hinten an "RADWEG!!!" schreit der Fahrer mir hinterher. Arschloch, bist du schonmal auf diesem katastrophalen Radweg gefahren??? Du Loser, weißt du eigentlich, dass man sich strafbar macht, wenn man die Hupe außerhalb von Gefahrensituationen benutzt? Nein, natürlich nicht, du fährst lieber in deinem verbeulten klapprigen, umweltschädlichen Auto herum und nervst andere Verkehrsteilnehmer. Mit Rücksicht auf meinen Blutdruck rege ich mich aber jetzt nicht weiter auf, höre mir Linguistik an und setze mich danach auf die Wiese, lernen. In regelmäßigen Abständen krabbeln mir Ameisen über Arme und Beine, was mich fast kirre macht. Kopfschmerzen hab ich auch und als ich mein T-shirt ausziehe (Top underneath) fällt mir Unrasiertheit auf, ich schäme mich. Aber auch das kann meiner guten Laune ob des schönen Wetters nichts anhaben, beschließe ich. Schräg links von mir liegen drei nervige, also, so richtig NERVIGE Studenten und unterhalten sich so, dass man zuhören muss, ob man will oder nicht. Einer gibt sich so übertrieben schwul, dass es einfach nur anstrengend ist, und ich bin schon echt tolerant, was schwule Männer angeht. Schwulsein ist okay, solange man es nicht nonstop aller Welt mitteilt. Für die nächste Vorlesung schnorre ich mir Kuli und Schmierblätter zusammen, beides zuhause vergessen. Ohne Kuli fühle ich mich wirklich unvollständig. Das soll heute auch reichen, die Message des heutigen Tages lautet: Peinlichkeit ist überflüssig.

Eltern sein dagegen sehr (18.05.)

Jetzt, wo ich schon seit circa zehn Jahren im gebährfähigen Alter bin, ziemt es sich für mich, auch mal über das Eltern sein nachzudenken. Als Frau kommt man um die Produktion von Nachwuchs ja irgendwie nicht herum, allerdings habe ich momentan ein ganz großes Fragezeichen in meinem Kopf was das Thema Heirat, Doppelhaushälfte und Kinder angeht. Wenn ich durch deutsche Innenstädte gehe und dort Buggy-Schieber beobachte oder mich mit Freunden unterhalte, die gerade ein Baby bekommen haben, finde ich das ehrlich gesagt anstrengend. Und so richtig genießen kann ich es auch nicht, von jemandem einen Säugling in die Arme gedrückt zu bekommen, ich habe Angst das Er/Sie/Es anfängt zu schreien, oder dass ich das Köpfchen nicht richtig halte und vor allem, dass mir das Baby irgendwie aus den Händen glitscht und runter fällt. Horrorvorstellung.

Mit Babys kann man sich auch nicht so richtig unterhalten, man kann ihnen keine ironischen Witze erzählen und wenn man schwanger ist kann man nicht schlafen und kotzt vielleicht sogar jeden Tag. Man kriegt eventuell Elefantenfüße von den Wassereinlagerungen und wenn die Kinder dann mehrere sind, liegt alles voller Spaghetti Bolognese, nur im Bauch des Kindes ist relativ wenig angekommen. Viele Kinder haben die Angewohnheit, immer um sechs Uhr aufzuwachen und dann Entertainment seitens der Eltern zu fordern. Wie viele gelangweilte, müde Väter habe ich in der letzten Zeit auf Spielplätzen stehen sehen, um das Kind zum hundertsten Mal die Leiter hochzuheben? Ich weiß ja, das hört sich vollkommen blöd und bescheuert und gemein an. Und ich weiß, dass Kinderkriegen gar nicht so schlimm sein kann, sonst würde es nicht so viele Kinder auf der Welt geben. Außerdem habe ich ja selbst die wunderbarsten Geschichten mit meinen Babysitter-jungs erlebt und auch als ich in England war, hatte ich viele schöne Momente mit meinem "Gastkind". Trotzdem bin ich momentan unsagbar froh, so lange schlafen zu können wie ich will, mich mit niemandem um Broccoli streiten zu müssen und vor allem: Keine Prenzlauer-Berg-Supermuttis mit 1500 Euro Kinderwagen ertragen zu müssen, die mich als Rabenmutter ansehen, weil ich das Kinderzimmer nicht mit Sensoren ausgestattet habe, die Herzschlag- und Atemfrequenz des Säuglings messen, um dem plötzlichen Kindstod vorzubeugen.

Klar, aus all dem was ich hier schreibe sprechen Extreme und vor allem Angst, etwas falsch zu machen. Kinder sind heutzutage etwas besonderes: Früher wurden sie nicht wie rohe Eier behandelt, weil sie überall im Familienleben und im Haushalt präsent waren. Sie waren eben einfach da und man konnte ihnen keine übertriebene Aufmerksamkeit zukommen lassen, weil es genug andere Arbeit gab. Eltern heute geben Unsummen dafür aus, die Sicherheit ihres Kindes -sicher- zustellen. Und das alles ist ja auch überhaupt nicht schlimm, sondern eine ganz normale gesellschaftliche Entwicklung. Allerdings nervt es mich, dass ich weiß, dass meine Kinder mitten in einer vollkommen durchdigitalisierten Welt aufwachsen werden und ich keinen Einfluss darauf habe, wie sie in der Schule und im Alltag geprägt werden. Oh mann, ich bin ein ganz schöner Kontrollfreak. Vielleicht habe ich auch nur Angst vorm Kinderkriegen, weil dann jeden Tag etwas ungeplantes, unvorhergesehenes passiert- auf jeden Fall Fragen über Fragen. Gut, dass jetzt erst mal mein Studium dran ist mit ganz viel Kaffee trinken, Wandern, Bibliothek-Sessions und Spontanität ohne Beikost, Babyfon, Babyblues, bleiernder Müdigkeit....

Juist im richten Moment (Sonntag, 14.5.17)

Wie aufregend, eine Mutter-Töchter-Reise steht bevor, ein Wochenende wie dieses ist noch nie da gewesen. Am Nachmittag Ankunft in Norddeich, was so unspannend ist, wie es sich anhört. Rauf auf die Fähre und rein ins wattige Vergnügen! Nach 75 Minuten Fahrzeit werden wir am Juister Hafen begrüßt, und meine Schwester und ich haben ein Klassenfahrt-Déjà-vu Erlebnis. Alles ist voller Pferdekutschen und das hat echt Stil, muss man sagen! Die Kutscher sprechen größtenteils polnisch und transportieren langsam und gemächlich die Koffer zu den abertausenden Ferienwohnungen, die Namen tragen wie "Walross", "Heiderose" oder "Annemarie". Alles ist langsamer, alles besteht aus Backsteinen und Ziegeln und man hat das Gefühl, nirgendwo weniger auf der Welt zu verpassen als hier. Nachmittags regnet es, in unserer Jugendherberge wimmelt es vor jungen Familien mit winzigen Charlottes, Hannes, Hannahs, Leas, Freddies und Annas und übermüdeten deutschen Väter-Prototypen. Bei uns im Ort gibt es noch einen richtigen "Koopman", wo alles doppelt so teuer ist wie beim Discounter. Auch die Restaurants salzen nicht nur den Fisch sondern vor allem die Preise für selbigen. Man bestellt also Labskaus und hofft, dass die 20 die man dafür hinblättert sich als Lapsus seitens der Bedienung herausstellen. In der Herberge ist das Essen erstklassig und, typisch der deutschen Mentalität folgend, holen wir uns drei Mal Nachschlag vom Salatbuffet, schließlich haben wir ja bezahlt. Wir füllen uns außerdem bis zum Hals mit Latte macchiato ab. Danach tragen wir Kugeln vor uns her in unser Zimmer und ich dusche heiß, das Gefühl ist einmalig (in meiner Wohnung daheim wird die Dusche nur lauwarm). Morgens hört man in beinah triefender Idylle nur Vögelzwitschern und Hufgeklapper. 

Lustige Begegnungen haben wir auch, mit der linksalternativen, alternden Hippie pädagogin, die an Zöliakie leidet und mit der man sich super unterhalten kann, oder mit Erich, dem Inhaber vom Strandcafé Wilhelmshöhe. der reden kann wie ein Wasserfall. Mit Jenny unterhalte ich mich im Café, während wir auf das Vorüberziehen eines Gewitters warten, das dann aber gar nicht kommt. Sie nimmt mich hinterher auf dem Gepäckträger ihres SUPERSCHNELLEN E-bikes wieder zurück in den Ort, eine spannende Erfahrung! Spannend ist auch die Wanderung um den Hammersee, man kommt sich vor wie beim "Hobbit", weil man durch eine Art Märchenwald geht. Überall blühen Heckenrosen, es wächst Strandhafer und die Sonne scheint sogar, so dass der Fährkapitän sich genötigt fühlt, eine wehmütige Abschiedsrede verlauten zu lassen, als wir die Insel wieder verlassen. Zurück auf der Autobahn habe ich das Gefühl, all der Langsamkeit entgegenwirken zu müssen und düse mit 180km/h zurück in Richtung Ruhrgebiet...

Über No-Go Areas (5.5.17)

Jetzt, wo ich gerade diesen Text schreibe, sitze ich in meinem PatchworkdeckenbunteKissenGittergestellbett in meiner Wohnung- in einem der bürgerlichen, spießigen Stadtteile Bochums. Hier gibt es Edeka, Eiscafés und Einzelhandel, man kann Blumen und Matratzen und Pferdedecken kaufen. So weit so gut. Allerdings gibt es im Ruhrgebiet auch Viertel wie Duisburg-Marxloh oder die Dortmunder Nordstadt, die für sich sprechen. Die Reporter einer der wichtigsten überregionalen Wochenzeitung scheinen extrem sensationslüstern, denn die Artikel über die Katastrophe "No-Go-Area" häufen sich in letzter Zeit. Drogen, Prostitution, Ratten, libanesische Familienclans, die ganze Straßenzüge beherrschen. Pisse im Hausflur und Eltern, die ihrer Kinder am späten Nachmittag nicht mehr nach draußen lassen, aus Angst, dass sie vergewaltigt werden. Puh, denkt man sich da. Die Frage ist jetzt, ob die Journalisten die ganze Situation nicht etwas aufgeblasen haben, um des Skandals willen- vor allem jetzt, wo die Landtagswahl kurz vor der Tür steht... In meiner Heimatstadt gibt es ebenfalls Straßenzüge, die angeblich von der Bundespolizei als besonders gefährlich eingestuft wurden. Dabei glaube ich nicht, dass das etwas besonders gravierendes ist- solche Stadtteile gab es immer schon, dort wo Armut und Elend aufeinandertreffen. Viel wichtiger ist es doch, sich nicht darüber zu echauffieren, dass es diese so genannten No-Go - Areas gibt, sondern zu überlegen, was man gezielt tun kann, um die Situation in Marxloh, Essen-Altendorf und der Nordstadt zu verbessern. In England gab es das gleiche Problem im Liverpooler Stadtteil Granby- dort wurde mit den Bewohnern zusammen eine Erneuerung geplant, eine Genossenschaft gegründet und schließlich entwickelte sich das Problemviertel zur Touristenattraktion. Wie schön wäre es, wenn auch bei uns im Ruhrgebiet die Gentrifizierung um sich greifen würde und die Menschen irgendwann in Scharen nach Duisburg führen, um Brautkleider zu kaufen oder in den wunderschönen Altbauten Dortmunds zu wohnen. Oder sich in meiner Heimatstadt an extravaganter Kunst und Kultur zu ergötzen...

Über geistesgestörte Narzissten (27.04.17)

Heute ist Donnerstag, wir schreiben das Jahr 2017 und ich bin eine der Menschen, die in der letzten Zeit angefangen haben, WDR5 zu hören. Keine Podcasts oder was auch immer, nein, das gute alte informative Radio. Allerdings bin ich jedes Mal schockiert, wenn ich selbiges einschalte. Das liegt allerdings nicht an meinem Radio- das gleiche Gefühl habe ich nämlich auch, wenn ich Zeitung lese oder mal bei meinen Eltern fernsehe. Denn überall, überall, ÜBERALL wütet einem diese Fratze entgegen, blondes Haarteil, faltiges Gesicht und Anzug. Donald Trump kann man nicht entkommen. In einer Radiosendung hörte ich heute ein Interview mit einem österreicher Psychiater,  und es ging um Narzissmus. Es ist keine Überraschung, dass Mr. Trump beängstigende Aussagen macht und noch beängstigender ist, dass er auf seine geisteskranken Worte schon Taten hat folgen lassen. Auf Kränkungen reagiert er höchst beleidigt, lässt sich von niemandem (am ehesten noch von seiner Tochter Ivanka) etwas sagen und ist jähzornig und egoistisch. Das alles sind Anzeichen für Narzissmus- was allerdings keine psychische Störung ist, sondern mehr ein Persönlichkeitstyp- im Fall von Trump finde ich das allerdings sehr schade, denn wenn es eine Störung wäre, könnte man ihn leichter entmachten. So jedoch muss die Welt zusehen, wie ein geldgeiler ehemaliger Immobilienhai viel zu viel Entscheidungskraft hat, wie er der deutschen Kanzlerin zum Gespräch nicht einmal die Hand reicht und frei über erschreckend gefährliche Waffen verfügt. Die Frage ist- wann wird Narzissmus gefährlich? Wenn er anderen schadet. Da das bis jetzt noch nicht deutlich genug der Fall war, bleibt die Situation "spannend", wie der Psychiater in dem Interview sagte. Obwohl man diesen Zustand aus meiner Sicht nicht spannend nennen sollte, sondern besorgniserregend. Vor einigen Monaten noch war man sich einig, dass so ein fragwürdiger Charakter es niemals schaffen würde, Präsident zu werden. Und plötzlich ist es soweit, täglich sind die Medien voll von Nachrichten über die neuste Eselei, die sich Trump wieder geleistet hat. Wobei Eselei in anbetracht der Tatsachen ein wahrer Euphemismus ist.

Eiskaffee- kalt oder heiß genießen! (19.4.17)

Was für ein auf den Kopf gestellter Tag. Zum Frühstück Nudelauflauf mit Spinat gegessen, in Ermangelung von Milch, Joghurt oder Müsli. Auf dem Weg zur Uni beinahe die Hände abgefroren, weil der April sich entschieden hat, dass die Temperaturen von 23 Grad letzte Woche ein faux pas waren und nun ausgeglichen werden müssen. 10 Minuten zu spät zur obligatorischen Studienberatung bei einem (yeaah!) kauzigen, freundlichen Niederländer, worauf ich fix notlog, ich hätte noch eine andere Veranstaltung gehabt. War aber dann nicht schlimm, weil ich mich auf nederlands mit ihm unterhalten konnte, jedenfalls nachdem die anderen Studenten gegangen waren. Er hat sich genauso gefreut wie ich! Danach mal zur Abwechslung wieder zum Bafög-Amt (ich glaube, ich hatte da mal irgendwas von erwähnt...) und in die Englisch- Einführungsveranstaltung, wo die Dozentin sich freut, dass ich während ihrer Rede an meinem Socken weiterstricke. Und ich freu mich ebenfalls. Danach gehts noch zu Netto, wo ich in eine Gemüse-Obst-Kauf-Eskalation verfalle, aufgrund von akuter Mangelerscheinung. RhabarberApfelLauchRadieschenGurkeSalatBohnenMöhrenSellerie. Fühlt sich schon viel besser an. Ich bemerkte schon erste skorbutöse Anzeichen. Im Supermarktregal gab es Eiskaffee im Angebot, zum kalt ODER Heiß genießen.

Momentan mäht Kurt unten den Rasen und ich bin fest entschlossen, Rhabarbermus zu kochen. Und ab nächster Woche studiere ich dann.

Easter is Easter (17.4.17)

Well, happy day, the lord is risen! For today, I'm going to write in English. Had a really great weekend back in my hometown- on friday we had the first barbecue in 2017, and I had way too much of it. I was just so crazy about grilled vegetables that I ate about 1000 Kilos of them. Felt stuffed afterwards, but I guess that's just how you should feel after a good barbecue. On Saturday I went shopping, had a whole box of strawberries and did four hours of extreme hiking in the woods. Was amazed by the nature and the calm, it was awesome- and the best about it was the bottle of chilled cider afterwards. And then, I got a bit sick. But still, I drew the bottle and sticked the picture on the wall in my room. And I really like it! What else was on? I did another kitchen-marathon, just couldn't stop myself. I baked some easter pastry with raisins and almonds, but that was only the beginning. Meanwhile, I had a glass of wine, made a little easter campfire with my siblings where I put a piece of tofu on a stick and held it into the flames... where was I? Yeah, right. We also watched Brokeback Mountain, and everything about it was so exciting that I actually fell asleep. Well, Heath Ledger is definitely the best about the whole movie. In the last days, I didn't even bother to change into my pyjamas when sleeping. --> Zero Fuck.

Sunday, I didn't go to church but prepared a dough for another bread, sharpened all the colour pencils we've got and sorted them into boxes. Really satisfying. After realising that the bread was developing beautifully, I emptied the Dishwasher, made some caramellised red onion chutney, and walnut-rucola-pesto. That really was delightful! So we had great food for Easter, as I also prepared some frozen yogurt, with yogurt that was also homemade. After that, I was so exhausted, that I fell asleep, but then I stood up again to make another little campfire (my clothes smell like a smokehouse now) and to watch "when Harry met Sally". Very 80ish and very american. Today, we went for a walk with the family along the Ruhr and had a nice meal in a spanish restaurant, with manchego queso and everything. Really great, actually!

Über Ronja von Rönne und Gemüsehelden (28.03)

Letztens hörte ich ein Radiointerview mit der Berliner Bloggerschriftstellerin Ronja von Rönne, zarte 25 und schon Buchautorin. Sie verfasst laut eigener Aussage "Bahnhofsbuchhandlungliteratur", die man auf dem Klo lesen könne. Außerdem findet sie ihren Nachnamen doof und hat ansonsten ganz wunderbar bodenständige, intelligente Ansichten. Endlich mal eine Bloggerin, die wirklich was drauf hat und sich nicht ständig selbst in Szene setzt. Ich weiß, ich weiß, das ist mal wieder Bevorurteilung, aber junge, gute Buchautoren sind irgendwie echt selten geworden. Ronja von Rönne ist bescheiden, ironisch und ehrlich sich selbst gegenüber, sie verfasst Beschwerden über das Leben in ihrem zweiten Buch "heute ist leider schlecht". Obwohl sie einen Bloggerinnendutt auf dem Foto trägt. Bekannt geworden ist die Berlinerin durch ihren Anti-Feminismus Text in der "Welt", seitdem hat sie einen festen Platz in der Journalistenwelt. Und das ist echt ziemlich großartig, weil sie es einfach drauf hat. Sie ist eine Art Vorbild für mich kleinen Möchtegernschreiberling, denn wenn sie es mit 25 geschafft hat, schon das zweite Buch herauszubringen, dann kann ich es ja vielleicht irgendwann auch schaffen? Davon zu träumen, lohnt sich jedenfalls.

"And now for something completely different": Im Radio haben sie heute gesagt, man soll etwas total verrücktes tun. Also tue ich das, indem ich das Thema wechsle, aber wenn man eine Assoziationskette bildet, dann kann man ganz schnell von Berliner Bloggerinnen zu Gemüse kommen. Es geht um Einlegegurken, genauer gesagt, um die "Auslese" selbiger. Warum wird bei Konservengemüse so fragwürdig elitär ausgewählt? Wie liest man Gewürzgurken überhaupt aus? Nach welchen Kriterien wird entschieden, ob man es als Gurke ins Glas schafft oder nicht? Bei Champignons genauso: Erste Wahl, ganze Köpfe. Die, die nicht so ganz perfekt aussehen, werden geschnitten, zweite Wahl. Und die hässlichen, die sind dritte Wahl und damit am billigsten. Traurig, irgendwie. Was für eine Doppelmoral herrscht in Discountern, die beim frischen Gemüse gleichzeitig damit werben, Bio-Helden zu verkaufen, das heißt, Äpfel mit Dötsch-Stellen oder krumme Möhren. Dieses Gemüse, das aufgrund seiner Andersartigkeit in vielen Supermärkten eben nicht verkauft wird, soll hier an den Kunden gebracht werden. Dabei ist Gurke Gurke und es sollte vollkommen egal sein, ob sie einen bestimmten Krümmungs-Normgrad überschreitet. Denn wenn schon das Gemüse in einer Gesellschaft normiert wird, ist es bis zur Normierung der Menschheit nicht mehr weit, oder?

Sabber-Food (21.03.)

Liege im Bett und meine Finger verkleben meine Laptoptastatur. Warum? Habe den Fehler gemacht, im Liegen eine Orange zu essen. Orangen kann ich tatsächlich nur in geschlossenen Räumen mit Lappen und Biomüll in Reichweite essen, weil danach immer ALLES voller Orangensaft ist. Aber Orangen sind ja nicht das einzige, das man einfach nicht essen kann, ohne danach alles sauber machen zu müssen. Döner bzw Falafel sind auch so ein kritischer Fall. Oder Wraps. Ich weiß nicht, warum ich es trotzdem immer wieder versuche. Vom Dönermann nehme ich immer eine Gabel mit und ernte seltsame Blicke, anscheinend scheint es Teil einer ungeschriebenen Coolness-Skala zu sein, so eine Fleisch/Kichererbsenbällchentasche zu essen und dabei nicht alles vollzukleckern. Ich bin nicht cool. Deswegen esse ich zuerst die Sose (Soße, das Wort mag ich nicht, schönen Gruß an die deutsche Rechtschreibung) und dann den Fetakäse, dann die Falafel, dann verbrenn ich mir die Zunge, dann kommt das ganze Grünzeug und zum Schluss das mittlerweile durchgesuppte Brot. An den Ecken läuft alles mögliche an Flüssigkeit in die Serviette und ich sehne mich nach einem Lätzchen. Echt, wieso kann man nicht mal DICHTE Dönerbrottaschen erfinden, das wäre so viel lebensmittelhygienischer! Genauso Spaghetti mit Tomatensose. Die Queen isst angeblich aus ästhetischen (also essthetischen) Grünen deshalb keine Spaghetti, weil sie Angst davor hat, sich einzusauen. Ich würde zu gerne mal mit der Queen italienisch oder türkisch essen gehen.

Allein, Allein (16.3.17)

Jetzt, wo ich gerade diesen Text schreibe, sitze ich allein in meiner Wohnung. Und obwohl ich jetzt schon einige Monate hier wohne, muss ich mich jeden Tag wieder neu daran gewöhnen. Weil es manchmal echt blöd ist, wenn keiner da ist um meinen Redeschwall aufzufangen- gleichzeitig bin ich unheimlich froh, dass ich dann meine Ruhe habe und mich nicht groß mit irgendwem "abgeben muss".  Aber unter welchen Umständen ist der Mensch eigentlich gerne allein? Allein ist ja eher ein Zustand, wobei Einsamkeit ein Gefühl ist. Laut einer Studie vereinzelt die moderne Gesellschaft immer mehr, weil Menschen ohne Partner und Familie leben. Gerade Alterseinsamkeit ist für viele Deutsch ein großes Thema. Man kann unheimlich darunter leiden, dass man gerade keine Gemeinschaft mit anderen hat (der Mensch ist schließlich ein Herdentier- oder?). Daran, dass viele Menschen sich in die Stille zurückziehen, kann man allerdings auch sehen, dass es ein sehr heilsamer Prozess sein kann, mit sich allein zu sein. Dadurch, dass keine Ablenkung von außen da ist, hat das Gehirn die Möglichkeit, Dinge zu ordnen und zu verarbeiten. Daher sollte jeder Mensch lernen, gewisse Zeiten ohne andere Menschen auszuhalten. Die Wissenschaft ist der Meinung, das "nicht allein sein können" liege daran, dass man als Kind nicht gelernt habe, in Ruhe spielen zu können, sondern ständig in Kontakt mit den Eltern gestanden habe. Förderlicher sei es jedoch, ein Kind alleine in seinem Zimmer zu lassen, ihm jedoch das Bewusstsein zu vermitteln, dass jemand da ist.

Und manche Dinge kann man eben gerade alleine sehr gut genießen! Ich kann Zeit alleine gut mit Kreativität verbringen- seit einigen Monaten höre ich jeden Tag mehrere Stunden lang Harry Potter Hörbücher und zeichne. Ich gehe spazieren und schreibe Texte, zum Beispiel diesen hier. Gleichzeitig plane ich ständig neue Besuche und Koch- sowie Spieleabende, weil ich es eigentlich nicht gewohnt bin, über lange Zeit keinen Kontakt zu anderen zu haben. Deshalb freue ich mich jetzt auch schon wieder auf den morgigen Abend, wenn ich mit meinen Freunden eine grüne Feier anlässlich des irischen St. Patrick Day veranstalte. Das wird eine tolle Gemeinschaft!

Das Syndrom

Manchmal denke ich, ich wär/ möglicherweise adoptiert/ und käme weit vom Osten her/direkt hierhin marschiert.

Die Zappelphillippinen/ die sind mein Heimatland/ Im Kopf, da surren Bienen/ rauben mir den Verstand.

Des morgens zuckt es stetig/ In Fingern und auch Zehen/ und in mir ruft es "Reg dich!/ Und bleibe ja nicht stehen!"

Ich meditier' dagegen an/ und trinke brav Lavendeltee/ doch Aktionismus bricht sich Bahn/ sobald ich Frühlingssonne seh.

Da zucken Blitze in mir drin/ mentales Feuerwerk/ und meistens denke ich, ich spinn'/ sobald ich es dan merk'.

Warum soll ich auch rumsitzen/ wenn es was zu erleben gilt/ Ich fühl Zufriedenheit beim Schwitzen/ nur dann ist dieser Drang gestillt.

Ich erfahre so viel mehr/ wenn ich stets woanders bin/ und doch fordert es mich sehr/ ich fühl's am angespannten Kinn.

Will ich Ruhe hilft nur eins/ ein Spaziergang durch den Wald/ die Natur, das ist echt meins/ der inn're Wirbelsturm gibt Halt.

Ich, Ronja (9.3.17)

Wenn es dir nicht gut gehen sollte, wenn der Tag scheiße gelaufen ist, du angemotzt wurdest und es die ganze Woche nur geregnet hat, dann mach es so wie ich: Geh in den Wald. Denn der Wald ist dein Freund und Helfer- eine Stunde im Gehölz rumlatschen wirkt so manches Wunder. Man trifft auf etliche Hundebesitzer, die mit ihren Kötern wie mit Ehepartnern sprechen, bzw. die sich sogar äußerlich ähneln. Geht man weiter in den Wald hinein, darf man keine Angst vor Kindermördern und Vergewaltigern oder Wildruden haben. Man muss sich jedoch vor ihnen in Acht nehmen, und das ist ein großer Unterschied! Die Schuhe dürfen bei jeglicher Wald-aktivität übrigens nass und matschig werden, das ist so vorgesehen. Die Nase sollte man ebenfalls gebrauchen, vor allem nachdem es geregnet hat: Denn dann riecht alles im Wald nochmal viel intensiver. Das Moos, das feuchte Laub, die morschen Stämme und der Schlamm. Und man kann sich vorstellen, im Märchen zu sein. Alles wirkt zauberhaft, vor allem, wenn dann plötzlich die Sonne durch die Bäume hindurchbricht und alles auf einmal ganz anders aussieht. Das einzige, was nicht in diese Zauberwelt hineinpasst, sind die neonfarbenen Mittvierziger, die einem entweder zu zweit oder in ganzen Herden begegnen. Scheinen Rudeltiere zu sein. Sie bewegen sich meist in einer Art lockerem Trab fort und haben einen verbissenen Gesichtsausdruck- vielleicht sind sie auf Nahrungssuche? Wer weiß. Aber nicht nur die Parentalgeneration dieser seltsamen Spezies trifft man, nein, auch der Nachwuchs ist nicht weit. Circa ein Meter groß und in sehr bunter Erscheinungsform, was jegliche Tarnung unmöglich macht. Die Muttertiere scharen sich um die Jungen und scheinen ihnen etwas beizubringen, denn die Kleinen quietschen fortwährend "A-MEI-SEN-SCHEI-SSE! SPA-GHEEEE-TTII! SPAGHETTISCHEISSE!" Und scheinen dadurch die Aufmerksamkeit der Muttertiere auf sich zu ziehen.

Doch die Erforschung dieser ausgesprochen spannenden Spezies muss auf eine andere Gelegenheit verschoben werden.

Es frühlingt sehr (6.3.17)

Es liegt etwas in der Luft, das schon nach Frühling riecht! Mein Herz schlägt höher, wenn es in der Straßenbahn und im Treppenhaus mal nicht nach Rauch und/ oder Schweiß müffelt, sondern nach so wunderbaren Dingen wie gutem Aftershave oder Coffee to go. Wenn eine Frau einen Strauß Blumen auf dem Schoß transportiert und meine Nachbarn zum ersten Mal in diesem Jahr grillen, weil es draußen 15 Grad hat. Da reiße ich doch direkt das Fenster auf und labe mich an dem Feuergeruch. Bei Rossmann schmiere ich mir die Hände mit der teuersten Handcreme ein (Vorsicht, damit es keine Verkäuferin sieht) und schnüffele an den verschiedenen Duschgelsorten. Das hat zur Folge, dass ich den Drogeriemarkt mit Duschgel in der Nase wieder verlasse, weil ich auf eine Flasche zu doll draufgedrückt habe und die ganze Flüssigkeit oben aus der Öffnung rausgekommen ist. (DAS ist mal eine Nasendusche). Kurtchen schnürt am Sonntagnachmittag seine grauen Wanderstiefel um mit der Familie den "After-Lunch-Spaziergang" anzutreten. Sowas von heimelig.

 

Ode an mein Immunsystem (28.02.17)

Die größte Power meines Körpers/ liegt bei meinen Abwehrkräften

Sobald in der Gesundheit stört was/ Antikörper sich dran heften

Viren kommen hier nicht weit/ das kann ich euch wohl sagen!

Fieber, das nach Kühlung schreit?/ Lässt mich nicht verzagen.

Robustheit ist mein Steckenpferd/ ich trotze Wind und Wetter

Koche auch am Infektionsherd/ illnesses never matter

Doch wenn der Frühling schaut vorbei/ fange ich an zu leiden

Es beginnt die Nieserei/ in Nasenlöchern, beiden

Und dort hört es ja nicht mal auf!/ Nein, es geht noch weiter

Die Tränen nehmen ihren Lauf/ in Taschentüchern Eiter

Heuschnupfen ist wirklich schlimm/ wenn man nichtmal im Heu ist

Warum das ganze Rimtimtimm/ nur weil die Abwehr grad vergisst

Dass Pollen keine Feinde sind/ sollen sie endlich raffen

und wenn der Februar beginnt/ will ich es einmal schaffen

nicht nur zu heulen und zu schniefen/ sondern einfach draußen sein

damit die Kleider nicht mehr miefen/ und die Sonne scheint hinein

Doch Schneeberge von Taschentuchern/ die sich häufen um mich rum

beginnen, alles zuzuwuchern/ Allergien hauen mich um!

Ob Globuli, ob Cetrizin/ es hilft mal dies und manchmal das

- Ich schau da nicht genauer hin/ mein Gesicht ist tränennass

So kommt's dass ich den Lenz erwarte/ und dennoch trotzdem bange bin

weil ich dann in den Sommer starte/ sehr viel lieber drauß' als drin!

Pollenreiz gehört dazu/ ich lasse mich nicht schrecken

Creme mir meine Nase zu/ um die Sensoren zu bedecken

Da bleibt nur warten und viel trinken/ wenig Garten, ruhiger Zinken!

 

 

 

Wie schön das Leben im Konjunktiv wäre (24.02.17)

Wenn ich aussuchen könnte, wie mein Leben in Zukunft zu verlaufen hätte, dann würde dieses Leben sicherlich mehrere Aufenthalte on the english countryside enthalten. Allerdings wüsste ich dann nicht, wie ich dies mit meinem gleichzeitigen Wunsch, in Nederland te leven kombinieren könnte. Kombiniere, Kombiniere: Ich würde eine Hälfte des Jahres in England, die andere in Holland verbringen. Dort würde ich in alten Häuschen wohnen und Hühner im Garten halten. Mein Gemüse und Obst würde ich ebenfalls selbst anbauen. Ob ich mit anderen Menschen zusammen wohnen würde, ist bis dato noch nicht festgelegt. Vielleicht würde ich einfach immer mal wieder Gäste zu mir ins Haus einladen und so eine teilzeit Wohngemeinschaft aufrechterhalten. Backen würde ich natürlich auch, mit Vorliebe mein öko-Körnerbrot, das niemand außer mir besonders mag. In meiner Küche stünden unzählige Gläser an selbstgekochen Marmeladen und Chutneys, Dosen und Aufbewahrungskisten für Kleinkrams und ich allein wüsste, wo der Backkakao zu finden wäre.

Meinen Unterhalt würde ich damit verdienen, einige Stunden in der Woche an einer besonderen Schule hochintelligente Kinder aus bildungsfernen Schichten zu unterrichten. Mit diesen frechdachsigen Jungen und Mädchen spräche ich ausschließlich Englisch und Bill Bryson wäre Pflichtlektüre. Mehrmals im Jahr stünden Wandertage an, während derer man mit dem Zug entweder ans Meer oder in den Wald führe, um dort Kochen und Feuer machen, sowie Bäume erklettern zu lernen. Die Kinder hätten weder Smartphones noch Tablets und würden stattdessen am liebsten Spiele spielen- zum Beispiel "nicht den Boden berühren" oder "Verstecken fangen im Dunkeln". Nachtwanderungen und Stockbrot stünde an der Tages, äh, Abendordnung.

Als zweites Standbein schriebe ich Kolumnen für diverse Zeitschriften sowie Alltagsromane, die durch einen kleinen namenlosen Verlag verkauft würden. Mein Häuschen bestünde aus Holzböden, sowie etlichen Bücherregalen und einem Kamin. Dort, in meinem Wohn/Arbeits/Handarbeitszimmer flögen ziemlich viele Wollknäul umher, die ich für das Erhäkeln von Stofftieren und anderem verwendete. Die Fenster wären sehr groß und wahrscheinlich etwas undicht, weil sie ja nicht mehr die neusten wären. Schlimm wäre das allerdings nicht, da ich im Winter sowieso ausschließlich mit mehreren Wollpullovern herumliefe und mit Filzpantoffeln.

Im Frühling bekäme ich von überall her Blumen geschenkt, weil Blumen frei zugänglich wären. Jeder Bürger hätte Zugang zu den Blumenfeldern und es wüchsen Blumen an den Straßenseiten.

Abgesehen von all diesen wunderbar konjunktiven Träumen wäre die Afd, der IS, Marine Le Pen, der Brexit und Donald Trump nicht existent. Vielen Dank.

 

Die Praktikantin mit die serr schönes Auge (22.2.17)

Auf den Schulalltag treffen zwei Sachen zu: Erstens- es kommt anders. Zweitens: als man denkt. Nachdem ich im gestrigen Unterricht mit einer wahren Terrorklasse zutun hatte (die kannten Ausdrücke, bei denen es mir echt die Schuhe auszog), ging ich heute mit Ohropax in Richtung Klassenräume- und wurde eines sehr viel Besseren belehrt: Eine äußerst liebe, äußerst RUHIGE Klasse- kurzum, ein Traum. Wir teilten die Gruppenarbeit auf und ich ging mit einem kleinen Teil der Schüler ins Foyer, wo sie mich plötzlich deutlich spannender fanden als das Simple Past. Vor allem, nachdem ich richtig gelegen hatte mit meiner Vermutung über die Nationalität einer Schülerin. Das war das totale Highlight. Sie stellten immer wieder sicher, dass ich auch ganz sicher NICHT aus England kam und die Lernprogression war denkbar gering- wobei, ich kenne ja den vorherigen Lernstand der Klasse gar nicht. Jedenfalls wuselten sie um mich rum und machten Faxen, bis ich sie zum Stundenende wieder ins Klassenzimmer zurückscheuchte. Das war mal eine Stunde nach meinem Geschmack! Als ich nach Beendigung des Unterrichts den Raum verließ, bekam ich noch ein wunderbares Kompliment: "Sie haben serr schönnes Auge!" Das hört man doch gerne! Meine Laune besserte sich noch mehr, als ich auf dem Schulhof mit Ghettofaust verabschiedet wurde und man mich nahezu anbettelte, in der nächsten Woche doch bitte wieder zu kommen. Das werde ich. Ganz bestimmt.

Probier's mal mit Hygge

Auch ich bin eins der vielen deutschen Kinder, die mit ihren Eltern jahrelang den Sommerurlaub in der dänischen Provinz verbracht haben- vorzugsweise in Henne, Vejers, Blavand, Fanö, Skagen, Ribe und dem RingKöbing Fjord. An dieser Stelle möchte ich euch zuerst mein Beileid aussprechen, und danach möchte ich euch gratulieren. Denn wenn man sich als Teenager langweilen möchte, ist man nirgendwo besser aufgehoben als in Jütland in einem schnuckeligen Ferienhaus. Die Eltern wollen entweder jeden Tag Rad fahren und Kirchen besichtigen, zum Beispiel die alte Kirche n Ribe, der ältesten Stadt Dänemarks. Oder sie wollen am Strand rumliegen, Kubb spielen und sich Sand zwischen die Butterbrote wehen lassen. Meine Familie gehört seit jeher zum letzteren Typ. Gleichzeitig neige ich dazu, zu behaupten, dass auch meine ganze Familie die berühmte Hygge übernahm, sobald wir die dänische Grenze überquerten. Alle, außer mir. Aber was heißt Hygge überhaupt? Gemütlichkeit. Unser Ferienhausvermieter heißt hyggelige Dänen und die Häuschen, die sich zwischen den Dünen verstecken, mit integrierten Kaminöfen, schweren Möbeln und Ikea-Kerzen laden zur Gemütlichkeit ein. Oder eben Langeweile, je nach dem, in welchem Entwicklungsstadium man sich befindet. Als sechzehnjährige hatte ich regelrechten Horror vor Sonnentagen, weil das Strandtag bedeutete. Rumsitzen hoch drei. In zehn Jahren wird sich das wahrscheinlich komplett geändert haben, und ich werde mit Freunden gemütliche Abende mit prasselndem Feuerchen und Wolldecke und Brettspielen zubringen. Denn auch Wolldecken, sowie heißer Kakao und Stricksocken sind Hygge. Und Zimtschnecken. Seltsam, dass die Menschen im Jahr 2017 Bücher über Gemütlichkeit auf die Bestsellerlisten wählen, sehr seltsam. Weil es ja irgendwie darauf hindeutet, dass die Gesellschaft Entspannung und Müßiggang verlernt hat. Die Dänen sollen übrigens eine der glücklichsten Nationen der Welt sein, was auch deren genetisch bedingter Hygge-Professionalität zugeschrieben wird. Vielleicht werde ich niemals lernen, so richtig hyggelig zu sein, weil ich einfach nicht stillsitzen kann. Da wird vermutlich auch kein Ferienhäuschen mit unbehandeltem Holz und Sauna etwas ändern können...

Memories in my head (Mittwoch, 15.2.17)

Es ist doch verrückt, wozu das menschliche Gehirn so alles imstande ist. Das Rad erfinden. Lügen. Sympathie erkennen. Und vieles andere. Besonders spannend finde ich Erinnerungen! Letztens wachte ich mit dem plötzlichen Gedanken an die Telefonnummern meiner Grundschulfreundinnen auf, ich konnte sie alle noch auswendig. Seltsam, dass einem binomische Formeln im Gegensatz dazu so überhaupt nicht einfallen wollen. Auch kann ich mich noch sehr gut an die verschiedenen Arten meiner Freundinnen erinnern, einen Stift zu halten. Und da gab es mindestens vier verschiedene! Die meisten Erinnerungen sind mit Gerüchen verbunden. Wenn ich Gebratenes rieche, denke ich an englische Pubs, aber auch an dänische Innenstädte sowie das Legoland in Billund, genauer gesagt die "Western Stadt". Hyazinthen verbinde ich mit meinem Geburtstag, und Tannengeruch mit den Wäldern meiner Kindheit, durch die wir Sonntagsspaziergänge und Feiertagswanderungen machten. Persil war jahrelang das Waschmittel meiner Großmutter und der Geruch von Leder lässt mich an die große Reisetasche denken, die vor unserem Urlaub gepackt wurde. Frisch gemähtes Gras und Stroh auf den Feldern lässt mein Herz höher schlagen, weil es das im Sommer immer auf den Jugendfreizeiten meiner Gemeinde gab. Bei rauchigen Treppenhäusern denke ich an die Besuche bei S, deren Eltern qualmten wie Schornsteine.

Schön, dass sich die Welt so erschnuppern lässt, damit kann man wunderbare Erinnerungen bewusst assoziieren. Deshalb immer schön darauf achten, dass die Nase frei bleibt!

Glücklichsten Herzwunsch zum Gebertstug (13.02.17-->Montag)

Das Powerfräulein wird pünktlich zu seinem zweiundzwanzigsten Geburtstag auf Schüler losgelassen- oder andersherum? Ich muss fürchterlich früh aufstehen und kann meine Geschenke noch gar nicht auspacken, was für ein Jammer! In der Schule rufen mich alle bei meinem Nachnamen, weil sie es zum Piepen finden, dass es "voll der Jungenname ist, ey!" Ich habe zwei ADHSler in der Klasse, für den einen ist "anstrengend" noch untertrieben. Die Mädchen sind um einiges zugänglicher. Ich werde umringt und mit Fragen bestürmt, wie: "Wie alt sind Sie? Kommen Sie aus England? Hatten Sie eine gute Note in Kunst? Darf ich das Bild haben? Meine Schwester hat auch ein Praktikum gemacht, beim Optiker! Sind Sie Lehrerin? Können Sie mir das Bild kopieren?" - Ich hatte eine meiner Kugelschreiberzeichnungen angefertigt. Nach diesem aufregenden ersten Schultag geht es noch zum Supermarkt, wo ich gerade an der elektronischen Kasse meinen Kürbis und Gorgonzola und Fencheltee bezahlen will, als eine russische Oma sich mir aufdrängelt, weil sie der Meinung ist, jetzt dran zu sein. Sie: "Bist du ferrrtig?" Ich: "Äh, nein?! Hier sind noch zehn andere Automaten, gehen Sie doch woanders hin!" Sie, sehr mürrisch: "Zähnn anderrrre Automaten, ha! Machst du jetzt ferrtig!" Ich bin nun tatsächlich fertig und als eine Frau die Szene mitbekommt, sage ich schulterzuckend zu ihr: "Naja, sehen Sie's der alten Frau nach- sie hat ja nicht mehr so lange..."

Danach geht es für mich noch zum Zahnarzt, wo ein wahres Geburtstagsgeschenk darin besteht, dass mit meinen Beißerchen alles in Ordnung ist und ich alte GEO-Zeitschriften von der Zahnarzthelferin geschenkt bekomme, toll! Auf dem Weg nach Hause scheint die Sonne und ich finde eine Nektarine auf dem Gehweg. Auf dem Wohnzimmertisch warten noch weitere Blumen und Geschenke auf mich und der Tag ist wunderbar. Verjaardag is iets leuks!

Powerfräuleins Odyssee (Sonntag, 12.2.17)

Es ist wohl unleugbar, dass viele Studenten Zeit haben. Zeit um Auszuschlafen oder Klausuren nachzuschreiben oder Bachelorarbeiten anzumelden oder oder oder. Die Zeit, die man allerdings als Studierender im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) verbringt, sollte man auf keinen Fall unterschätzen! Wenn man zum Beispiel wie ich, an einem kalten Sonntag im Februar von Bochum aus in die Heimatstadt fahren möchte, dauert das mit dem Auto zwanzig Minuten. Ich nahm heute allerdings die "Öffis", ging also zuerst zur Straßenbahn. In der Straßenbahn erfuhr ich dann, dass diese nicht zum Bahnhof fuhr, sondern nur bis zum Bergmannsheil-Krankenhaus. Von da aus stiegen wir in einen SEV-Bus ein. Als wir am Bahnhof ankamen, hatte ich die Abellio-Bahn, die sonntags nur stündlich fährt, verpasst. Aber ich hatte ja noch ein "Backup": Die Straßenbahn 306 nach Wanne-Eickel. Fährt normalerweise immer um 13 Minuten nach und 43 Minuten vor jeder vollen Stunde. Allerdings heute NICHT vom Hauptbahnhof aus, sondern erst vom Rathaus, wo ich quasi gerade herkam. Also lief ich den Weg durch die Innenstadt zurück und verpasste direkt die Bahn um 13 nach. Eine halbe Stunde am Gleis warten wollte ich nicht, also lief ich ein paar Haltestellen. Dort kam irgendwann ein Bus an, aber keine Bahn. Ich stieg in den Bus an, welcher mich durch die Untiefen Hernes kutschierte. Röhlinghausen heißt der Stadtteil. Nach zwei Ewigkeiten kam ich am Bahnhof Wanne-Eickel an, musste noch 20 Minuten auf den Regionalzug Richtung Münster warten, der normalerweise alle halbe Stunde fährt. Heute (haha), fiel dieser Zug allerdings aus (wir bitten um Ihr Verständnis), was ich allerdings erst sah, als ich die Treppen zum Gleis hochgelatscht war. Also wieder zurück zum Busbahnhof und nach einem Bus in Richtung Heimatstadt Ausschau halten. Ich hatte Glück: Es fuhr ein sogenannter "Schnell"-Bus. Der zockelte dann in der nächsten halben Stunde durch Herten und Langenbochum. Das Ganze wurde mir dann irgendwann zu bunt, ich stieg aus und machte einen Winterspaziergang zu mir nach Hause. Auf dem Weg beobachtete ich zünftige Lockenwicklerhausfrauen hinter Spitzenküchengardinen und etliche spazierwütige Ehepaare. Vom Fußballvereinsplatz aus dröhnte in voller Lautstärke Mickie Krauses "Geh mal Bier hol'n- du wirst schon wieder hässlich", was zusammen mit der Herde Schafe, die auf dem Feld davor um die Wette blökten eine wirklich abstruse akustische Harmonie erzeugte. So kann man Sonntagnachmittage also auch verbringen- nach nur insgesamt knapp vier Stunden Reisezeit erreichte ich die heimischen Gefilde...

Ruhrgebiet 2.0 (9.2.17)

Nach meiner überaus amüsanten Erfahrung mit den neuen Kumpels am Dienstag, den 7.2. warf ich anstrengende Pläne heute spontan aus dem Fenster und fuhr zum deutschen Bergbaumuseum, zur Horizonterweiterung- was schon wieder antithetisch ist, da die Führung, die von einem überaus netten Mitarbeiter geleitet wurde, unter Tage war. Es ging also los in einer lustigen Gruppe von acht Leuten: Zwei stummen Russinnen mit extravagantem Haarschnitt und Katzenohrringen, zwei türkischstämmigen Studenten, von denen einer nur zu Besuch war, einem distinguierten älteren Schweizer, sowie einem Insulaner von Juist und einem pensionierten Lehrer. Den Lehrer erkannte man daran, dass er schonmal in dem Museum gewesen war, und alles wusste. Davon ließ sich der Guide allerdings nicht aus der Ruhe bringen- er hatte vorher bei Prosper-Haniel gearbeitet und da diese Zeche nächstes Jahr als letzte in Deutschland geschlossen wird, musste er sich eben einen neuen Job suchen. Wir fuhren also "runter", und in der nächsten Stunde lernte ich alles über die Unterschiede zwischen Braun- und Steinkohle, über verschiedene Bohrtechniken und die Benutzung von Kanarienvögeln, Pferden und Arschledern. 

Von dem Flöz wurde die Kohle abgebaut und die Staublunge entstand durch den feinen Staub beim Bohren- eine sehr schmerzvolle Krankheit unter Bergleuten. Es gab Loren, kleine Wägelchen, in welche das schwarze Gold geladen wurde, bevor es dann mithilfe des Förderturms transportiert wurde. Im Laufe der Führung wurde ich immer faszinierter und stolzer auf die Vergangenheit meiner Heimatregion. Ein bisschen hatte ich mich auch geschämt, dass ich so wenig über den Bergbau wusste. Aber das konnte ich ja jetzt etwas nachholen. Außerdem lernte ich die anderen Besucher etwas besser kennen- beispielsweise den gestriegelten Herrn aus Zürich, der mit wohlklingendem Schwyzerdütsch erklärte, er sei für drei Wochen in Bochum zu Besuch um, und jetzt haltet euch fest, Arabisch zu lernen. Auf meine Frage hin, aus welchem Grund er dies tue, antwortete er "um das Gedächchchtnis zu trainieren, soll es sehr gut sein, eine Sprachchchche zu lernen!" Dem konnte ich nur zustimmen und erwiderte, dass ich selbst rückwärts lesen übe, um meine Konzentration zu steigern. Die einstündige Führung war leider viel zu schnell vorbei und als wir zum Abschluss noch auf der unglaublich hohen Plattform des Förderturms standen und den genialen Ausblick über das Ruhrgebiet genossen, hatte ich schon wieder das Gefühl, neue Freunde gewonnen zu haben. Erik aus Juist wird mir einen Kaffee spendieren, wenn ich im April dort Urlaub mache, herrlich!

Fips, Hanno und die Anderen

Pulli und Rock der Einundzwanzigjährigen waren mit Curry-suppe beschmutzt, als sie an diesem verregneten Dienstagmorgen durch ihre graue Heimatstadt fuhr, auf der Suche nach Zerstreuung. Zuerst zog es sie ins Sozialkaufhaus ihres Vertrauens, zum Zwecke des Erwerbs eines Sofakissens und einer Reisezeitschrift über Südengland. Nach erfolgreichem Kauf selbiger ging es zur BackstarBäckerei in der Fußgängerzone, die an diesem Markttag vollbesetzt war und in der eine gewisse Kneipenatmosphäre herrschte, dominiert durch die Herren, die sich dort aufhielten und die Bäckereifachverkäuferin mit ihren Ansichten und Meinungen unterhielten. Die Studentin setzte sich dazu, trank Cappuccino und las derweil von englischen Gärten und dem London der frühen 2000er Jahre, denn die Reisezeitschrift war schon etwas älter. Sie trug Ohrstöpsel, da die Unterhaltungen der Männer doch in eher gehobenen Lautstärke geführt wurden, wenn sie über die Qualität des Waffeleisens diskutierten, mit welchem eine andere Verkäuferin vor der Filiale fleißig buk. Nach einiger Zeit fing das Mädchen an, ein Bed and Breakfast aus der Zeitschrift abzuzeichnen, worauf sie von Fips, der ihr gegenüber saß, angesprochen wurde. "Hömma, hassen heut keine Schule?" -"Ich geh nich zur Schule, ich studier'." Reflexartig hatte die Studentin den Sprachduktus der anderen Anwesenden übernommen und wurde so direkt als gleichwertig akzeptiert. "Aso. Wat studiernse denn?" "-Lehramt, Englisch und Reli."

Die Herren machten große Augen und so wurden Thesen über das deutsche Schulsystem aufgestellt, auch im Vergleich zu früheren Zeiten. "Ja du, ich war ja nur auffe Volksschule, bis achte Klasse." Die Unterhaltung schwenkte nach und nach zu der Ausbildung "auf'm Pütt, als Steiger", und dem jetzigen Dasein als Frührentner. Die Studentin fragte interessiert: "Wat machense denn jetz so den ganzen Tach, wo se nix mehr zu tun ham?" "- Ja, also, rum fahren. Hier sitzen un Kaffe trinken. Dumm labern." Großes, heiseres Gelächter der Umsitzenden. Danach redete man noch ein wenig über Hühner- und Schweineschlachtung, Gemüse anbau und Einkochen desselben, bevor die Studentin leider weiter musste. Auch Fips hatte sich schon auf den Weg gemacht und so verließ sie ihre neuen Freunde um weiter ihres Weges zu ziehen.

Als sie später am Tage zurück in ihre eigene Stadt kam, passierten noch einige wunderbare Dinge. Beim kurzen Begutachten der Papiermülltonne vor ihrem Mietshaus fielen ihr gleich zwei ungelesene, ordentlich gefaltete Ausgaben ihrer überregionalen LieblingsZEITung in die Hände, was ihre Laune merklich steigerte. Am Abend traf sie sich mit Freunden, um dem Supermarkt in der Nähe des Bahnhofes einen kleinen Besuch abzustatten, eher gesagt: den Containern des Marktes. Zuerst wurde eine Art Kühlschrank geöffnet, in welchem sich Brot, Croissants und Brötchen befanden. Sie deckten sich mit den Backwaren ein und widmeten sich dann noch einem zweiten Container, in welchem sie Buttermilch, Joghurt, Äpfel, Orangensaft, sowie zwei Packungen Eier fanden. Alles war noch haltbar und unversehrt. Nach diesem Tag hatte die Einundzwanzigjährige das Gefühl, eine Menge richtig gemacht zu haben.

Een prettige dag in Enschede! (Samstag, 04.02.17)

Als ich heute morgen aufwachte, dachte ich, warum sollte ich nicht mal im Präteritum schreiben? Ich lag also in meinem Bett, öffnete die Augen und machte sie schnell wieder zu, denn ich hatte Angst, dies alles könne nur ein Traum sein. Doch glücklicherweise war dem nicht so- die Sonne schien durch die roten Vorhänge und ich konnte die Vögel zwitschern hören. Een nederlandse droom. Von unten vernahm ich eine männliche englische Stimme- ja war das denn die Möglichkeit? Jetzt bekam ich auch noch die Möglichkeit mein Englisch nicht nur mithilfe von Youtube auf Trapp zu halten, sondern through a nice talk with Juuls Expartner Ed from Plymouth, who had just come to pick some stuff up. They'd lived together until last june and he lived in Den Haag now. Während des Frühstücks las ich "die Lorbeeren des Cäsar" auf Niederländisch und machte mich dann auf den Weg ins Stadtcentrum, wo ich mit Juul zusammen an einem Taizégebet in der katholischen Jakobikerk teilnahm. In der Kirche war es ziemlich kalt und so war ich froh, als ich danach zu Dille und Kamille ging um dort einen gratis Cappuccino zu trinken. Die zwei folgenden Stunden verbrachte ich damit, in verschiedene Trödel- und Lebensmittelläden zu gehen und dort eine blaue bemalte Kachel zu kaufen, sowie Sojamilch, Applecider und Picalilly. Auf dem Markt futterte ich mich durch die Probierteller an den Obstständen und um drei Uhr trank ich dann einen Kaffee mit Angelien, mit der ich mich via Couchsurfing verabredet hatte. Wir unterhielten uns großartig  (auf Niederländisch! Hoera!) und das Beste war, dass sie beschloss, meinen koffeinfreien Latte macchiato "te betalen"! Zuhause unterhielt ich mich noch kurz mit Juul, als ich mein couscous-Gemüse-hummus-Abendessen kochte und beschloss, zur Feier des Tages gemütlich im Bett mein Cider zu trinken. Heerlijk!

BaFuck-Antragsanstrengungen und die große Belohnung dafür

Wieder liegt eine Woche hinter mir, eine Woche geprägt von Kürbis und Terminen. Da ich dem Riesenkürbis beim Türken nicht widerstehen konnte (denn mit der Versuchung halte ich's ganz wie Oscar Wilde), musste jener ja auch verarbeitet werden, damit er nicht verschimmelt. Also stand ich des Nachmittags eine Stunde in der Küche um zu schälen und zu schneiden. Ach ja, Kuchen für meinen Geburtstag hab ich auch noch gebacken, aus Lebkuchenstückchen und ganz viel übriger Schokolade. Ein Restekuchen, aber ein wunderbar riechender. Warum ich das alles gemacht habe? Nun, einmal um runterzukommen von einer anstrengenden Bafög-Sitzung à la "Warum hab ich noch keine Kohle vom Bafög-Amt bekommen??" "-Nun ja, Ihnen fehlt da noch einiges". Ein Nachweis, dass ich mein ganzes Vermögen nicht eben schnell für ein Wasserbett auf den Kopf gehauen habe um einen niedrigen Kontostand vorweisen zu können, sondern dass ich es rechtmäßig verwendet habe. Ein Nachweis, dass ich Griechisch und Latein gelernt habe und nicht zwei Jahre lang auf der faulen Haut gelegen habe. Ein Nachweis, dass ich überhaupt Abitur gemacht habe. Aber die Herren vom Amt lassen fünfe gerade sein und so muss ich meine Matura wenigstens nicht beglaubigen lassen. Vorsorglich werde ich den Unterlagen auch noch meine Geburtsurkunde, Führerschein und die letzte Gasrechnung von den Stadtwerken beilegen, als Beleg dafür, dass ich existiere.

Die Belohnung dafür kommt jedoch abends, als ich "Keeping mum" anschaue, im Deutschen "Mord im Pfarrhaus", eine geniale englische Komödie. Abend gerettet. Und heute ging es dann ab nach Enschede, für ein Wochenende. Bei meiner Ankunft im Haus meiner Gastgeberin erwartet mich ein wunderbares, altes Gebäude, welches sie zusammen mit einer Katze und einigen Hühnern bewohnt. Die Hühner wohnen allerdings im Garten. Mein Schlafzimmer hat "Tea and Coffeemaking facilities", wifi und die neueste Ausgabe der niederländischen "Flow". Ein Traum. Im Badezimmer stehen abertausende verschiedene Duschgels auf dem Badewannenrand und die Treppe ist blau. Mehr muss ich dazu nicht sagen oder? Ich sag aber noch mehr. Im Wohnzimmer steht eine Staffelei auf dem Dielenholzboden, die Bücherregale reichen bis zur Decke und es gibt selbst gebaute Küchenregale, die aus vielen kleinen Fächern bestehen. Die Bodenfliesen sind bunt gemustert und Juul, so heißt meine niederländische Gastgeberin, bäckt ihr eigenes Brot. Sofort frage ich mich, warum ich eigentlich noch in Deutschland lebe und bei einer Unterhaltung mit ihr erfahre ich, dass sie in Edinburgh studiert hat und in dieser Zeit in einem Hostel gelebt hat. Mein Niederländisch ist noch ein bisschen hölzern, aber ich kann mich einigermaßen verständlich machen. Kurzum: Eine wunderbare Unterkunft mit Schrägen und quietschendem Fußboden, draußen fahren die fietsen vorbei und die Vögel zwitschern. Was kann es besseres geben?? Morgen berichte ich mehr.

 

Das große Krabbeln (26.1.17)

Dieser Film könnte echt nach mir benannt worden sein- momentan habe ich 24/7 Hummeln in meinem Gluteus maximus. Und das macht mich ganz kirre. Vielleicht liegt es am nahenden Frühling, dass es in mir so sehr brodelt, dass es mich in den Fingern juckt, alles mögliche zu tun? Die Frage ist nur, warum mein Gehirn nicht versteht, dass man nicht alles auf einmal machen kann, sondern hübsch alles nach einander und auch nicht zu viel. Jetzt wird mir wieder bewusst, warum ich seit jeher Powerfräulein geheißen werde- weil da eine seltsame Power in mir ist, die los will, raus und JETZT ABER AUCH DIREKT UND SOFORT! Und das äußert sich bei mir dann in akutem Durch-den-Wald-rennen, rückwärts lesen (damit mein Gehirn sich nicht langweilt), Unterhaltungen mit Fremden, und in einer einstündigen Klaviersession im Buchladen. Ich hab Riesenmotivation noch besser Klavier zu spielen, und Ukulele sowieso, da kann ich schon ein paar Griffe. Und ich möchte nach Holland, am liebsten schon übergestern. Und Blumen, ich möchte ganz viele Blumen in meiner Wohnung haben- das ist übrigens ein Geburtstagswunsch von mir. Sobald die Jahreszeit dafür reif ist, möchte ich aber auch mein eigenes Gemüse anpflanzen, um irgendwann meine eigenen Tomaten ernten zu können und nichts abgepacktes mehr bei Aldi kaufen muss. Es schmerzt mich in der Seele! Und am allergernsten möchte ich mal, dass ein Verlag wie Goldmann oder dtv einfach so bei mir anruft und sagt: "Wissen Sie was, Frau Powerfräulein, wir hätten gerne ihr Buch in einer Auflage von 500000 gedruckt, über die Bezahlung könnte man sich sicherlich einig werden." Sicherlich, dieses Buch muss erst noch weiter geschrieben werden, aber ich bin schon auf dem Weg. Ach ja, und die Uni gibt es ja auch noch. So viel Wissen über Theologie und Pädagogik, dass ich nicht anders kann als meinen Dozenten Löcher in den Bauch zu fragen (falls einer meiner Profs das hier liest: Genau, ich bin die nervige Brillenschlange aus der ersten Reihe. Schönen Gruß.) Aber das Jahr ist ja noch jung und bald ist der Januar ja auch schon rum, dann wird es Frühüling! Bis dahin nehme ich meine Vitamin D- und Lavendeltabletten und trinke Beruhigungstee. Immer schön entspannt bleiben...

Kinder, Kinder! (23.01.17)

Kinder sind schon was originelles, wirklich nicht die schlechteste Erfindung unseres Schöpfers! Wenn man Kinder hat, ist alles anders, glaube ich. Dann gibt es keine Wein- und Käseabende mehr, sondern Apfelsaft und Reiswaffeln und Phineas und Ferb. Letztens hatte ich einen lustigen Traum, in welchem ich mit meinen drei kleinen Kindern am Badesee war, sie waren gerade frisch mit Sonnencreme eingeschmiert und fingen direkt an, sich im Sand zu panieren, während ich im Strandkorb saß und aus meiner großen Tasche den Fantakuchen heraussuchte. Mein Mann las die Zeitung und ließ sich den Rücken verbrennen und kaufte den quengelnden Kindern die versalzene Pommes, die ich die ganze Zeit verboten hatte. Es war ein sehr realer Traum!

Mit Kindern kann man Plätzchen backen und wenn man selbst noch Kind ist, spielt man manchmal im Schwimmbad Meerjungfrau oder man lässt sich von Mutti nach dem Baden in ein Kapuzenhandtuch einwickeln und setzt sich so vor den Fernseher um "Petzi" oder die "Duck Tales" zu gucken. Jungs benutzen einen Fön eher laserschwertmäßig, anstelle sich damit die Haare zu trocknen. Oder sie stecken sich den Fön unter den Pullover und quietschen dann ob der wohligen Gänsehaut, die dabei entsteht.  Kinder benutzen in ihrer Sprache auch diese besondere Form des Konjunktivs: "Und dann würden die Bösen angreifen." "In Spiel würden wir sie dann in eine Falle locken und sie würden dann aber nämlich ausbrechen, weil die Guten nicht aufgepasst haben".

Grundschulmädchen mit ihren Spaghettibeinen stehen auf den Schulhöfen in kleinen Grüppchen zusammen, mümmeln ihr Pausenbrot aus bunten Boxen und spielen Pferd, zumindest hoffe ich, dass sie das bis in alle Ewigkeiten tun. Arabella, Flocke und Sternchen lassen grüßen. Wenn man auf kleine Kinder aufpasst, kann man ihnen auf den runden Bauch prusten, dass es ein Geräusch macht wie ein Luftballon, wo die Luft rausgelassen wird. Und wenn man Kindern in einer selbst gebauten Bude unter dem Hochbett Märchen vorliest und der Kleinste plötzlich in einem Anflug von Romantik versucht, einen zu küssen, obwohl er das noch gar nicht kann, ist das wunderschön, ganz wunderschön. Das einzig doofe ist, dass Kinder eine große Affinität zu technischen Geräten und, im fortgeschrittenen Alter auch zu sozialen Medien haben. Und da habe ich total was gegen, ich will nicht, dass meine dreizehnjährige Tochter später Nacktfotos von einem pädophilen Sack geschickt bekommt. Ich will das ganz und gar nicht. Aber wie kann man Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit Handy und Laptop beibringen? Vorschläge bitte an meine Mailadresse. Mein persönliches Rezept dagegen besteht momentan aus Kindergeburtstagen im Wald, bei denen Finn-Corbinian mit seiner Smartwatch und seinem Samsung LTIGDX29.ACe2.0. nicht eingeladen ist. Er würde eh nur seine Peek und Cloppenburg Hose schmutzig machen.

Entzückende Lieblingsdinge- oder, wie man eine Woche ohne Laptop auskommt (22.01.17)

Eins nach dem anderen- letzte Woche war mein Laptop kaputt und es dauerte ganze sieben Tage, bis ich heute, an diesem glorreichen Sonntag einen neuen bekommen habe. Ich muss sagen- Schreibentzugserscheinungen! Habe die allerwichtigsten Sachen per Hand geschrieben und muss sie nun transkribieren. Deshalb packe ich jetzt zwei Texte in einen. Liebe Laptoplobbyisten, lasst euch gesagt sein: Es geht auch ohne! Die einzigen Zutaten sind: Sport, soziale Kontakte und ein Herd sowie ein gefüllter Kühlschrank, Kerzen, Strickzeug, Malzeug und CD-Player mit Klaviermusik (Spotify hatte ich ja auch nicht). Jetzt bin ich aber froh, auf einem Klapprechner zu schreiben, der seinem Namen noch alle Ehre macht, denn er ist sozusagen ein Nokia-Handy im Vergleich zu diesen Apple-MacBookProAirSuperSoftLiteLtd Geräten. Hier hat man noch richtig was in der Hand! Dieser Laptop und ich sind jetzt schon gute Freunde.

Worüber ich noch schreiben möchte: In einer Kolumne von Meike Winnemuth habe ich über ihre Lieblingsdinge gelesen. Und weil es so zufrieden macht, über etwas zu schreiben, das der Entzückung wert ist, kommt hier meine TopList der Wunderbaritäten: Milchschaum auf selbst gemachtem Latte macchiato mit guten Freunden. Kochen mit ohne Rezept, und sich überraschen lassen von dem, was dabei herauskommt. Das Knacken von gefrorenem Laub auf dem Waldboden. Ziegenkäse mit Feigen. Die ersten Hyazinthen, die ich mir Ende Januar kaufe um mich auf meinen Geburtstag einzustimmen. Meine ganz weichen Ohrläppchen. Kerzenwachsknibbeln und daraus neue Kerzen erstellen. Sauna und Whirlpoolgammeln im kalten Winter. Lagerfeuer und Flickenteppiche. GB-Traveldocumentaries auf Youtube gucken und Träumen...Frühstücken mit selbst gebackenem Brot, das so voller Körner ist, dass man ordentlich was zu kauen hat. Das glatte Gefühl, wenn man sich mit Stückseife die Hände einschäumt. Über ferne Länder reden. Sich von Ehepaaren erzählen lassen, wie sie zusammengekommen sind und das Grinsen auf ihren Gesichtern genießen. Trockenobst! Alte Straßenkarten. Blaue Fensterläden. Alte quietsch-Treppenhäuser. Der Geruch von frisch gemähtem Rasen. Spieleabende, bei denen Witze erzählt werden wie folgender: Der Patient fragt den Doktor: "Herr Doktor, kann ich mit Durchfall baden?" Der Doktor: "Also wenn Sie die Wanne vollkriegen..."

So, wenn ihr Lust habt, schreibt mir eine Mail oder viel lieber eine Postkarte mit Dingen, die euch das Herz höher schlagen lassen!

Ach du liebe Zeit- oder wie aus einem Donnertag (ja, ohne S!) ein richtig guter Tag wurde.

Mit dem Donnertag habe ich so meine kleinen Kämpfe, weil ich da ein Uniseminar habe, das ich erst voll doof fand, obwohl es eigentlich gut war, aber dann wurde ich angemotzt und das kann ich mal so gar nicht haben. Jedenfalls ist es mittlerweile wieder ganz gut, und ich kann mich damit arrangieren. Also, wenn ich mich mental darauf eingestellt habe. Vergangenen Donnerstag fiel es allerdings aus, und wenn ich was nicht leiden kann, sind das über den Haufen geworfene Pläne. Super, wie sollte ich den Tag denn jetzt gestalten? Die ganze schöne Struktur kaputt! Manno! (*dieser Kraftausdruck sei mir an dieser Stelle gestattet, da es sich bei dem Seminar um ein pädagogisches handelt und ich so darstellen möchte, wie sehr ich mich mit meinen zukünftigen Schülern identifiziere). Des morgens ging ich dann wieder zum Pilates und hörte mir die Angeberei meiner netten Pilateslehrerin an, die sich, wie ich vermute, mit dem großen Zeh hinter dem Ohr kratzen kann. Danach fuhr ich, stur wie ich bin, einfach trotzdem zur Uni um dort zu frühstücken und zu sticken. Ich las ein wenig und ließ die Zeit verstreichen, beziehungsweise saugte ich studentische Atmosphäre auf und lauschte den "Und dann habe ich gesagt, und dann hat er gesagt, und dann habe ich gesagt"-Gesprächen der Vorbeiziehenden. Ja, ich hatte so viel Zeit, dass ich sogar den Politikteil eines Magazins las. Danach fuhr ich zum Schwimmbad, um in den nächsten zwei Stunden für lau bei kristallklarem Sonnenschein ganz alleine meine Bahnen zu ziehen. Dabei sehnte ich mich sehr nach Gemeinschaft, denn für meine Wenigkeit steigt, wie bekannt, das Wohlgefühl proportional zu den Gesprächsmöglichkeiten. Es war aber ok, weil ich einen Whirlpool und einen Massagestrahl für mich hatte. In der Sauna ließ ich vorsorglich meine "Textilien" unter dem Handtuch an (ja, das geht an euch, ihr notgeilen alten Säcke!) und blieb selbst bei 90 Grad und Birgits Spezial Aufguss auf der Holzbank sitzen, wofür ich ihre ganze Anerkennung sowie einen HighFive bekam, denn das "schaffen nicht viele!" Was soll ich sagen- ich hab doch den Gutschein, da will ich doch alles nutzen! Als ich dann beim Föhnen noch eine Sms kriege, dass ich später am Abend noch gute Kochgesellschaft haben werde, ist die Freude komplett. Auf dem Rückweg verschnacke ich mich noch mit einer guten Bekannten und denke danach: Wie wichtig es ist, die Zeit auf sich zukommen zu lassen und Gott den Tag anzuvertrauen! Und überhaupt, was für ein schönes Gefühl ist es, frisch eingecremt einen heißen Kakao zu trinken.

Meine kleinen Neurosen

"Für mich soll's rote Neurosen regnen!" So oder so ähnlich hat schon Hildegard Knef gesagt. Neurosen sind etwas seltsames. Vielleicht sind sie nur kleine Macken, Angewohnheiten? Da kann wohl niemand eine genaue Grenze ziehen. Ich für meinen Teil begrüße hiermit herzlichst alle, denen es so geht wie mir! Denn ich bin für alles verrückte ja sowieso prädestiniert. Mir kann niemand weismachen, dass er nicht auch schonmal in der Schwimmbadumkleidekabine nach vergessenen Ein-Euro-Münzen in den Spinds gesucht hat? Davon kann man sich ein Eis kaufen! Beim Handarbeiten versuche ich immer, das Garn oder die Wolle exakt aufzubrauchen, ganz ohne Rest! Und was das Duschen angeht- haben wir nicht alle irgendwo einen Duschplan? Mein Problem ist, dass alle zwei Tage Duschen meine Haut trocken macht, alle drei Tage jedoch dazu führen, dass mein Pony strähnig wird und ich Kontakt zu anderen menschlichen Wesen eher meide. Alle zwei Komma fünf Tage wäre die Lösung! Naja. Will ich den Backofen nutzen, versuche ich meistens Energie zu sparen und die ganze Wärme zu nutzen, in dem ich mehrere Sachen backe. Über den Nachtspeicherofen brauche ich wohl nicht zu reden. Bin ich bei meinen Eltern zu Gast, sortiere ich gerne mal die Spülmaschine um, so dass ein bisschen mehr hineinpasst. Beim Ausräumen gilt: Bitte DREI Stapel: für kleine, Suppen- und große Teller. Alles andere wäre fatal. Und die Stufen zu meiner Wohnung hoch zähle ich gerne mal rückwärts auf Französisch. Zu Konzentrationszwecken. Da ich die ZEIT liebe, aber kein GELD ausgeben will, um selbige zu kaufen, stibitze ich manchmal ein Exemplar aus dem Papiermüll in der Bahnhofshalle- wenn ich nicht damit beschäftigt bin, mein mindfulnessmagazin im Buchladen zu lesen, damit ich es nicht kaufen muss. 8 Euro gespart! Tagsüber bin ich außerdem damit beschäftigt, im Kopf Klaviermelodien nachzuspielen, oder auch mit der Bewegung meiner Finger. Und abends, wenn dann mein verrückter Tag fast um ist, zähle ich die Stunden Schlaf, die ich bis zum nächsten Morgen noch habe. Im optimalen Falle sind es ganze neun an der Zahl, alles darunter grenzt an Quälerei. 

Kommen wir zu Lebensmitteln. Oder LebensMITTELN, wie es manche betonen- ich will niemanden diskriminieren. Meistens trinke ich morgens schwarzen Tee mit Milch und nachmittags einen Kaffee, allerdings kommt es auch hier manchmal zu Konflikten, weil ich beispielsweise manchmal erst am späten Nachmittag nach Hause komme und mich Espresso dann später nicht schlafen lässt. Also Kakao, aber der Verzicht auf Kaffee schmerzt mich schon etwas. Warum ich nicht einfach morgens Kaffee trinke? Na, damit ich das schönste am ganzen Tag nicht morgens schon geschmeckt habe! Tee ist okeeh, aber eben nichts gegen seinen koffeinhaltigen Freund. Und wehe, es gibt keine Milch mehr oder sie ist schlecht! Das hasse ich am allermeisten, deshalb versuche ich die Milch punktgenau in etwa einer Woche zu verbrauchen. Denn nichts ist schlimmer als der Geruch bzw Geschmack vergammelter Milch. Wenn ich also nicht damit beschäftigt bin, mir um so etwas Sorgen zu machen, habe ich Angst, unpünktlich zu sein. Dabei bin ich eigentlich NIE zu spät, sondern immer viel zu früh. Daran nervt mich dann wieder, dass ich rumstehen muss und warten. In der Uni lasse ich recycletes Klopapier mitgehen, weil ich es unangenehm finde mit einer riesigen Packung "Happy End- dreilagig" unter dem Arm gesehen zu werden. Andere würden sagen: Scheiß drauf. 

 

Kultur für Könner

Man muss dem Theater ja immer wieder eine Chance geben, vor allem wenn man wie ich eine studienbedingte Null-Euro-Theaterflatrate hat! Also auf in die Kammerspiele, wo gestriegelte Paare in Bundfaltenhosen und androgyne alleinstehende Kurzhaarfrisurendamen sich ein Glas trockenen Roten genehmigen. Manche essen auch Brezeln. (Korrekt hieße es Brezen.) Wieso gibt es immer verschlungenes Laugengebäck auf Kulturveranstaltungen? In Münster (STADT DER WISSENSCHAFT UND LEBENSART), war ich mal in einer Orchestervorführung, da gab es sie auch. Und da stehen die Intelektuellen mit ihren verstärkten Pulloverellbogen und ihren Hornbrillen und den langen Haaren und knabbern um die Wette. Ich lasse aus Protest die Jogginghose an, als ich mich in den Schwarm einreihe. Dann geht das amüsierwillige Volk in den Saal und die nervige Prozedur des Sitzplatzfindens nimmt ihren Lauf. Laurenzia, liebe Laurenzia mein, wann werden wir hier endlich fertig sein? Kaum sitzt man nämlich, muss man umständlich aufstehen und Leute vorbeilassen, die sich durch die Reihen quetschen. Unfreiwilliger Körperkontakt mit olfaktorischer Überreizung inklusive und wir sitzen schön eingequetscht, als es endlich losgeht. In kafkaesker Art und Weise wird geschrien, es wird gesungen und sich gestritten. Marionetten tanzen über die Bühne und die Musik ist zu laut und zu bösartig-androhend. Ich mag solche Musik überhaupt nicht. Ohropax, mein Freund und Helfer. Ich schließe für den Rest des Stücks die Augen, und lenke mich mit Achtsamkeitsmeditation ab, weil es keine Pause gibt, in welcher ich den Saal verlassen könnte. Wahrscheinlich will das Theater vermeiden, dass die Zuschauer nach der Pause nicht zurück kommen. Nach neunzig Minuten ist das Stück vorbei und man erhebt sich klatschend aus den Sesseln. Ich klatsche nur ganz kurz und denke mir einmal mehr: Warum wird modernes Theater immer so seltsam interpretiert? Warum steht, wie mir eine gute Freundin berichtet, bei einer Aufführung von Schillers "Räubern" ein nackter Mann auf der Bühne, aber nicht in der Ur-Fassung? Und warum wird ihm dann auf den Kopf gekotzt? Aber lassen wir das. Vielleicht bin ich auch einfach eine Kulturbanane. Banause.

Wohnen hier ist weit mehr! (8.1.16)

Dort, wo meine Hood ist, mein Block sozusagen, gibt es weit mehr zu erleben als nur die Bäckerei, die Apotheke und den Mittvierzigerhausfrauenklamottenladen (chunks-Armbänder und Wildlederstiefel sowie Wollmützen mit Pelzbommel)! Nein, es gibt eine Straßenbahn, die ganz nostalgisch bimmelt, wenn sie vorbeifährt, und ich höre das Bimmeln bis zu meiner Wohnung. Wenn ich selbst in dieser Straßenbahn sitze, biete ich anderen Fahrgästen Kekse an oder staune über den Mann mit dem nach oben gezwirbelten Riesenschnauzbart und der kreisrunden Brille, oder auch über den Mann mit dem Büschel grauer Haare MITTEN AUF DEM OHRLÄPPCHEN. Haare in den Ohren sind nichts dagegen! Sonntagmorgens fahre ich mit der Bahn an Wohnhäusern vorbei, aus deren Fenstern sich zigaretterauchend ein Pärchen lehnt und auf die grauen Fassaden von gegenüber blickt. Das ist eine ganz neue Dimension der romantischen Zweisamkeit. Amouröses Pottenzial sozusagen. Am Hauptbahnhof treffe ich auf einen Rentner, der die Bahn anfleht: "Nein, fahr nicht weg! Bitte!", wenn das Fahrzeug ein paar Meter weiter zum Stehen kommt, als er erwartet hat.  Dafür, und dafür dass man im Papiermüll der Hausbewohner die neuste Ausgabe der "ZEIT" findet, sowie dafür dass man von Nachbarn löchrige alte Socken zum über-die-Schuhe-ziehen bekommt, damit man auf den glatten Straßen nicht ausrutscht- für das Alles mag ich meine Hood.

Wohnen für Fortgeschrittene (Living-Manual for Runaways) 7.1.17.

Wer mich in meiner Dachgeschossbude besuchen kommt, der muss vorbereitet sein. Denn nicht jeder kann hier einfach so vor sich hin wohnen, bei weitem nicht! Es bedarf schon einiger Finesse und der richtigen Auge-Handkoordination. Aber man findet mit der Zeit so einige Tipps und Kniffe heraus, wie sich meine 1,5 Zimmer händeln lassen. Hier eine kleine Gebrauchsanleitung:

Angefangen beim Badezimmer: Der Lichtschalter funktioniert über Funk, so dass man über das lange Gedrückthalten der Null/des Kreises das Licht anmacht. Drückt man hingegen lange den Strich/die Eins, geht das Licht aus- hoffentlich. Denn in den letzten Wochen bin ich des Öfteren nach Hause gekommen und das Badezimmer war hell erleuchtet. Habe ich jetzt einfach nur vergessen, den Schalter zu betätigen oder hat sich der Funkschalter verselbständigt? Die Badezimmertür sollte man übrigens nicht abschließen, da man dann nicht mehr in der Lage ist, selbige wieder zu öffnen. Kurz gesagt- sie klemmt, deshalb lieber das "occupied" Schild an di Klinke hängen. Auch bei Benutzung der sanitären Anlagen ist ein wenig Feingefühl von Vorteil: Denn einmal die Spülung zu betätigen reicht selten. Auch zwei Mal kann zu wenig sein. Um also peinlichen Situationen aus dem Weg zu gehen, direkt mit der Bürste nachhelfen. Ganz diskreter Tipp. Das Duschwasser ist meistens erst einmal eiskalt, also niemals direkt unter den Strahl stellen! Genauso, wenn man die Dusche zwischendurch einmal ausschaltet um sich einzushamponieren. Ich habe schon böse Frost-Erfahrungen gemacht, vor denen ich meine Gäste schützen möchte. 

Weiter geht es mit der Küche: Wer bei mir zu Besuch ist, mag sich über die seltsamen Brummgeräusche meines Kühlschrankes erschrecken- das ist jedoch ganz normal und man gewöhnt sich sowohl an die akustische Untermalung als auch an die Lautstärke derselben. Es ist eben ein antikes Schätzchen. Auch der Herd gibt den einen oder anderen Ton von sich, er bollert ein bisschen vor sich hin. Aber stöhnen nicht auch wir menschlichen Wesen, wenn wir hart arbeiten müssen? Genau. Hat man die Zubereitung und den Verzehr seines Mahls beendet, kommt man um das Spülen nicht herum. Da mir dazu die Maschine fehlt, empfiehlt sich die manuelle Form der Geschirrreinigung: Entweder man holt sich warmes Wasser aus dem -->Badezimmer oder man befüllt den Wasserkocher und lässt das Wasser so heiß werden. Der alte Boiler über dem Becken braucht nämlich gefühlte zehn Minuten um das Wasser zu erhitzen und auch dann kommt aus dem roten Hahn nur ein trauriger, dünner Strahl und bis so genug Spülwasser vorhanden ist, ist es schon wieder abgekühlt, bevor man auch nur angefangen hat. 

Was die Beheizung angeht: Ich besitze einen Nachtspeicherofen, das bedeutet, dass mein Stromanbieter sich freut- meine Geldbörse jedoch nicht. Denn aus irgendeinem Grund ist der Strom dadurch teurer, was dazu führt, dass ich das Gerät...nun ja, selten... anschalte. Es wird potenziellen Gästen also geraten, sich im Winter einen Pullover mitzubringen. Heißer Tee und Körnerkissen sowie Wärmflaschen und Hauspuschen sind vorhanden. 

Ich freue mich sehr Besuch und lustige Gemeinschaft mit netten Leuten- und nach der Lektüre dieser kleinen Instruktion sollte sich eigentlich jeder bei mir zurechtfinden...

Der Mund voller Kuchen nach Schwimm-versuchen

Ich begrüße euch herzlichst an diesem wundervoll sonnigen aber leider schrecklich kalten Freitag, an dem meine Füße in Wollsocken und Filzpantoffeln stecken und ich heißen Kaffee trinke. Wenn man an einem Werktag vormittags schwimmen geht, trifft man auf etliche alte Damen in gemusterten Badeanzügen, die sich auf die Aquagymnastik vorbereiten. Ich reihe mich unauffällig in die muntere Schar ein, die dem Schwimmbecken entgegensteuert und riskiere Fußpilz, weil ich keine Badelatschen dabei habe. Yolo. 

Im Becken tummelt sich schon eine grauhaarige Masse und als ich ein paar Bahnen gegen den Strom geschwommen bin, betritt der Trainer die Halle. Verdutzt registriere ich mit bebrillten Glubschaugen, dass es sich nicht um einen Bodybuilder mit Gelfrisur und rasierten Waden handelt, sondern um einen bierbäuchigen Mitvierziger, der alsbald seinen Ghettoblaster anstellt und gemeinsam mit den Omis Übungen macht. Mit akustisch treffsicherer Untermalung von Shakiras "Waka waka" und Lady Gaga. Und ich lächle unter Wasser, weil es so schön ist, den Damen zuzusehen, wie sie in Zeitlupe Arme und Beine hochziehen. Ein unglaublich dicker kleiner Junge mit Starwarsbadehose beobachtet die Gymnastiker ebenfalls, steht dabei nur ziemlich blöd in meiner Bahn, so dass ich um ihn herumschwimmen muss. Aber ich bin ja jetzt die Gelassenheit in Person und deshalb regt mich das nicht auf. 

Das letzte Mal habe ich 1,50 für die Kurzbadezeit bezahlt, dieses Mal sind es jedoch zwei Euro. Die fünfzig Cent Aufpreis muss ich natürlich ausnutzen, und so dusche ich extralange und extrawarm. Auch den Fön benutze ich ausgiebig, denn Strom ist schließlich auch nicht umsonst. Außerdem ist es bitterfrostig zuhause und ich habe keine Lust auf Eiszapfen an meinem Kopf. Danach noch kurz bei Netto reinsprinten und auch dort auf viele alte Menschen treffen. Ja, das ist eindeutig meine "Hood". Doppelhaushälften und Seniorenbüros. Bei Netto an der Kasse liegt ein handschriftlich adressierter Brief an den Supermarkt. Wer denen wohl geschrieben hat? Vielleicht der Filialleiter, der sich entschuldigt hat, dass er dieses Jahr bei der Betriebsfeier nicht den Nikolaus spielen konnte, weil er zu viel Rotweincreme gegessen hatte? Gedanken über Gedanken. Ein schönes Wochenende euch!

Pilates ist was Privates (5.1.17)

Pilates ist was Privates- weshalb? Nun ja, ich war heute bei meiner ersten Pilates stunde und mir tut alles weh. Der Kurs bestand aus lauter älteren Damen, die sich aber als deutlich fitter als ich herausstellten, die Kursleiterin konnte sich selbstverständlich sowieso in alle Richtungen verbiegen.

Anfangs kam ich mir vor wie in einem Gymnastikkurs in der Volkshochschule, weil ich eben mit Abstand die Jüngste war. Die Silver-Hair-women plauschten über Migräne und die Wettervorhersage und ich fühlte mich instinktiv am richtigen Ort- keine einzige superfitte vegane Profi-Pilates-Blondine neben der ich mich blöd fühlen müsste. Puh.

 

Die Trainerin befand meine Schultern als krumm und behandlungsbedürftig- „da müssen wir aber einiges machen, ne?“ „Ne“, das sagte sie während der sechzig Minuten ausgesprochen oft und gerne. Wenn sie unsere Wirbelsäulen kontrollierte, ne? Und uns mit Faszienrollen quälte, ne? Weil ja unsere Gewebestrukturen vollkommen überlagert seien, sei es wichtig mit der Rolle zu arbeiten, um die Muskeln zu lockern. Schmerzen, Schmerzen, Schmerzen. Mehrfaches auf-den-Bauch-klatschen, weil besagte Bauchmuskeln eben nicht vorhanden sind. Die anderen konnten es jedoch auch nicht viel besser und so war ich beruhigt. Ich weiß jetzt, dass ich mir meine Wirbelsäule zu eigen machen muss und immer schön aus dem Becken arbeiten. Dann werde ich vielleicht irgendwann, in ferner Zukunft auch so pilatisch sein wie unsere Kursleiterin, ne?

Gauben-Gaudi (4.1.2017)

Vielleicht verbringe ich momentan auch deshalb so viel Zeit bei Freunden, weil deren Wohnungen so schön beheizt sind. Gestern ging es in der ersten Klasse der S-Bahn auf nach Dortmund, in die zweitschönste Dachgeschosswohnung der westlichen Hemisphäre- mit altem Treppenhaus, verwinkelten Räumen und natürlich ganz vielen Schrägen und Dachfenstern. Meine Freunde sind stolz auf die unkonventionell geschnittenen Zimmer, die Zentralheizung bringt mich sowieso direkt in Verzückung und außerdem: gibt es kleine, ausgebaute Gauben, in denen man sich TOTAL GUT VERSTECKEN KANN! Oder Einkochgläser lagern, oder Wäsche aufhängen, oder Schwiegermütter unterbringen. Der Möglichkeiten sind so viele und ich bin stolz, dass ich Leute kenne, die eine solche Wohnung ihr eigen nennen dürfen. Wir backen mal wieder Pizza und lassen Bratäpfel verkohlen, sticken und häkeln am Küchentisch und schnacken über alte Zeiten. Ich bewundere den Luxus einer Spülmaschine und wir gehen bei Real einkaufen, ein Konsumtempel ohne gleichen- es gibt dort einfach alles. Später kuschele ich mich auf dem Sofa ein (definitiv eine Verbesserung zur Isomatte...) und lausche dem Wind und den Regentropfen an den Fenstern. 

Am nächsten Morgen gibt es Ostfriesentee, graue Wolken und Sätze wie: "Schatz, wir müssen noch die Waschmaschine entkalken", oder "nimmst du bitte den Müll mit runter?" Und ich muss grinsen. Die beiden sind also tatsächlich zusammengezogen. Wie schön! 

 

Auf nach Bremen, auf ins neue Jahr!

Mein letzter Besuch in der Hansestadt ist schon wieder viel zu lange her, deshalb geht es flix mit dem Bus von Münster nach Bremen! Vorher noch schnell einen Reisekakao vom Supermarkt, und die Backpackrucksackstudentin mit Wollstirnband und -Socken, sowie Thermosflasche mit Tee im Gepäck steht bereit zur Abreise. Im Bus ein interessantes Gespräch mit einer jungen Waldorflehrerin, die über HH und Malmö nach Göteborg weiterfährt, weil sie dort seit Beendigung ihres Studiums in einer Hausgemeinschaft wohnt. Wäre das wohl auch was für mich? Träume, Träume, Träume. Mit über einer Stunde Verspätung dann Ankunft am Breitenweg, dem schönsten aller Busbahnhöfe und auf in den schönen  Stadtteil, wo meine coole Gastgeberin in einer WG wohnt. Isomattenschlaflager wie gewohnt und Tee bis zum Abwinken. Am Morgen zerzaust und mit steifem Rücken aufwachen, Reden, Sticken, Brot backen, gutesten Filterkaffee trinken und herrlich rumgammeln. Kurz- alles, was zu einem guten Urlaub gehört!  Dann Spazieren und Frieren, in einen Buchladen retten und dort Reisebildbände über Schottland durchschmökern. Zuhause dann aufwärmen- natürlich mit Tee- und Kochen, außerdem weitersticken. 

Das neue Jahr wird dann begrüßt mit weinbedingtem Schwindel und Rückenschmerzen, noch mehr Kaffee und einem Spaziergang vorbei an wunderschönen Häusern, außerdem "Feuerzangenbowle" mit Heinz Rühmann. Pizza und erneutem Brot backen, und vor dem warmen Ofen sitzen, wie zu früheren Zeiten. Im Tiergehege des neblig-diesigen Bürgerparks beobachten wir kleine Ferkel und Rehe, finden danach noch ein Café das gerade am 1. Januar neu eröffnet wird und deshalb allen Gästen Sekt und O-Saft ausgibt, was für eine Freude! Am Abend backen wir Waffeln und ich schneide mir einen Pony, aus Jux und Dollerei. Vielleicht hat das Tiergehege mich diesbezüglich beeinflusst? Aber da waren keine Ponys, nur Esel. Egal. Wir gucken formidable englische Filme im gemütlichen holzverkleideten Hochbett-Alkoven und verschlafen prompt das Schwimmen gehen am nächsten Morgen. Aber das ist halb so schlimm, weil wir stattdessen eine geniale Fahrradtour durch Ober- und Niederblockland machen und von einem eigenen Strebergarten nur für Studenten träumen. Viel zu schnell steht dann die Rückfahrt an, während der ich auf die Toilette muss, aber nicht kann, weil jene abgeschlossen ist. Später wird uns der Grund bekannt: Sie stinkt bestialisch. Der Busfahrer kümmert sich um das Problem, in dem er Lavendelduft in die Kabine sprüht. (Ein Tropfen auf den heißen Stein). Aber was tut man nicht alles, um günstig von A nach B zu kommen. Ich bin dann satte zwei Stunden später zuhause, weil ich zwei Anschlussregionalbahnen verpasst habe. Aber ich freue mich auf das neue Jahr und auf viele weitere Reisen!

Fröhliches Liederraten

Lächelnd stehst du da im leisen Abendwind/ zärtlich weht er durch dein langes Haar/ Wünsche und Gedanken die die Winde sind/ werden immer größer, werden wahr/ Du denkst an jene Tage die vergangen sind, der weite Weg vom kleinen Kind zur Frau/ niemand kann dir sagen was der Morgen bringt, doch eines weiß ein Kaiser ganz genau: * deine Sehnsucht wird dich treiben in die Arme deiner Liebe, durch das Leben in das Glück/ * Deine Träume werden wahr sein, * , niemals lässt er dich allein, ganz egal was auch gescheh'n wird, sagt er immer: Ich bin daaaahaaa./ Na, wer erräts? 

 

Fröhliche Wintersonnenwende euch Lichtbedürftigen! (21.12.16)

Es gibt Grund zu feiern! Denn heute war die längste Nacht, das heißt, ab heute dürfen sich eure Körper wieder auf drei Minuten mehr Licht jeden Tag freuen. Denkt an laue Sommergrillabende, mit Lampions und dem Duft von gemähtem Rasen. Riecht die feuchte Kühle, die sich nach einem heißen Tag über die Straßen legt, spürt die Hitze der Sonne auf der Haut und die kleinen Steinchen, die sich in eure Haut bohren, wenn ihr bäuchlings (super Wort! Bäuchlings.) auf der Freibadwiese liegt und um euch kleine dicke Kinder mit Ed von Schleck Eis rumrennen...Hört die Vögel im Morgengrauen zwitschern, wenn noch alles ganz leise draußen ist. Das alles ist nicht mehr weit entfernt! Und wenn man ganz genau anhört, gibt es auch im Dezember Vögelgezwitscher, ein kleiner Trost für alle Sommerfans. Ansonsten gibt es youtube. 

Abgesehen davon  muss ich die Hoffnung auf deutsche Uni-professoren doch nicht aufgeben, weil es immer noch die herzensguten Heinz-Erhardt Exemplare gibt, die von Loriots "Hoppenstedts" schwärmen und die Studenten das makabre "Adventsgedicht" des deutschen Humorgroßmeisters vorlesen lassen. Die einen Schwank aus ihrem Alltag erzählen und früher Schluss machen, weil ja bald Weihnachten ist und im Vorlesungsraum alles so gut nach Mandarinen riecht. Mit denen man sich wunderbar unterhalten kann und die einfach schwer in Ordnung sind. Bei denen ich in Jogginghose über meinem Rock in der Veranstaltung sitzen kann. Was mich zu der kleinen Anmerkung führt, dass ich in genau dieser Jogginghose und meinen Klamotten in der vorherigen Nacht auch geschlafen habe, weil ich abends zu müde und zu faul war um mich umzuziehen. Das hatte den Vorteil, dass ich morgens den grausamen Moment des "vom Schlafanzug zu den Anziehsachen BibberSchlotterZitter" nicht ertragen musste. Häschtäck who cares. Um an dieser Stelle mal die sozialen Medien zu verarschen. 

Was außerdem gut für das persönliche Selbstbewusstsein ist: In deutschen Kleinstädten in einem Café auf englisch nach der Toilette fragen. Die Leute kennen mich nicht, also darf ich auch Engländerin sein. Aus Yorkshire zum Beispiel. Der Kellner macht im Beisein der Gäste äußerst stolz Gebrauch von seinen formidablen Sprachkenntnissen: "Yes, se bahßruhm is dschast owa sähr on se reiht." Thanks a lot, mate. Seine Zuhörer bewundern seine linguistische Gewandheit und ich bringe Kaffee weg, den ich nicht getrunken habe, sondern schwarzen Tee. 

Noch drei Tage bis Weihnachten!

Straßenmusikalisch (18.12.16)

Wenn Verwandte zu Besuch kommen, bewirtet man sie als Powerfräulein natürlich fürstlich! Mit Moritz Fiege Bier, Ofenkartoffeln und Isomatte. Der Gast darf an der Heizung schlafen, so frieren seine Zehen nicht ab, die in löchrigen Socken stecken. Der Gast kuschelt sich in seine Flickendecke und fragt nach dem W-Lan Passwort, welches ihm aber nicht gegeben wird. Er gibt sich damit ab und liest(!) dann ein Buch zum Einschlafen. Am nächsten Morgen geht man flugs Brötchen kaufen, während der Gast noch tief schläft. Es gibt Frühstück mit Expresso (weil der Gast ihn nur so herunterstürzt) und PestoSchokocremeErdnussbutterMandelmusMarmeladeKäseHagelslagSpekuloosAvocado. Welch verrückte Auswahl. Danach geht es ans fleißige Musizieren, man legt sich erst ins Zeug und setzt sich dann in die Straßenbahn, um schließlich bei den Weihnachtsmarktbuden zu stehen und schüchtern anzufangen, zu singen. Das A capella von Ed Sheeran's "I see fire". Sozusagen die Feuerprobe. Aber weil man als Powerfräulein Mut hat, hält man durch und singt sich nach und nach warm, man lächelt die Leute an und versingt sich zwischendurch, aber das ist irgendwie nicht schlimm. Und die meisten Leute trauen sich gar nicht einen anzugucken, aber ein paar lächeln zurück. Und das ist schön. Als dann irgendwann die Stimme einfriert und der Gast klamme Finger vom Gitarrespielen hat, packt man seine Sachen ein und freut sich, dass sich die Leute gefreut haben. Gut, dass das Powerfräulein sich zu Weihnachten eine Ukulele wünscht, um irgendwann selber so musikalisch zu sein wie der verwandtschaftliche Gast. In diesem Sinne: ein Hoch auf das was vor uns liegt!

Einen herzlichen Glühstrumpf zum Nicht-Geburtstag! (17.12.16)

Was für ein wunderbarer Start ins Wochenende! Mit gutesten Freunden übriggebliebene WM-Nudeln kochen und danach ganz mediativ Lebkuchenhäuser verzieren, dabei Kerzenreste zu einer neuen Kerze zusammenschmelzen und dabei versunken in die Flamme starren, während aus einem lustigen Buch vorgelesen wird. Wenn diese guten Freunde dann noch ungefragt meinen Abwasch machen, ist das ein Zeichen dafür, dass es eine gute Wahl war, sie mir einzuladen, wahrlich, ich sage euch! Ein Freund, ein guter Freund, ist das Beste was es gibt auf der Welt. Heute dann im Morgengrauen aufwachen, fröstelnd in die Joggingklamotten, denn Heizen mit dem Nachtspeicherofen ist immer noch sauteuer. Und auf zu meiner neuen Mission! Zu dem Haus mit der feinsten guten Stube, ihr erinnert euch? Mit Keksen bewaffnet anklingeln und freundlich eingelassen werden. Ich frage, ob ich ein Foto von dieser wunderwunderwunderschönen Küche machen darf, und die nette Frau zeigt mir nicht nur ihre Werk-Küche, sondern auch noch den verspielt-antik-geschmackvoll-retro Rest des unteren Geschosses. Ein blaues Treppengeländer und eine blaue Tür, die Wände bestehen aus Fachwerk und den Ziegelresten aus der ehemaligen Ziegelei gegenüber. Jetzt ein Supermarkt. Holzbalken weisen darauf hin, dass dieser Raum mal zweigeteilt war, jetzt stehen im Regal viele Vorratsgläser und schöne Dosen. Es gibt außerdem einen Wintergarten mit höherliegendem Podest für extra Stauraum und einen alten Gasofen, verschnörkelte Holzverzierungen im Türrahmen und ich denke instinktiv darüber nach, hier SOFORT einzuziehen. Die Bewohnerin erzählt, dass das Haus fast zweihundert Jahre alt ist und wie sie es liebt, dort zu wohnen, auch wenn immer wieder Renovierungsarbeiten anstehen. Ich mache begeistert Handyfotos wie ein Japaner auf Europatour (nur ohne Selfiestick) und drücke ihr zum Dank meine selbstverzierten Lebkuchen in die Hand. Ich bedanke mich und muss leider schon wieder weiter, ein bisschen joggenn im Wald. Jetzt mit SuperSuperLaune über Äste und Laub laufen, dann lecker Frühstücken mit einer guten Freundin und sich freuen, was für Begegnungen man mit Menschen haben kann, wenn man einfach mal an fremde Türen klingelt. 

"It must be so relaxing not being me!" -Sherlock (Dienstag, 13.12.16)

Diese These mag so für den ein oder anderen stimmen. Allerdings ist "relaxing" irgendwie auch das Gegenteil von "exciting" oder? Ich bin gerade dabei, mich mit meinen täglichen mentalen Karusselfahrten abzufinden (nie wieder, nie wieder, nie wieder Ritalin! Was heißt nie wieder? Ich hab es ja schließlich nie genommen... Aber das schweift jetzt vom Thema ab) und meinen Alltag so gut es geht ein bisschen einzugrenzen, was Reize angeht. Trotzdem sehe ich noch eine ganze Menge, was mich beschäftigt, begeistert, verwundert und amüsiert. 

Wenn ich zum Beispiel beim Physiotherapeuten bin und jemand dort "Frösche aus Beton, von Hand angemalt" zu fünf Euro das Stück feilbietet, und ich mir vorstelle, wie ein dynamischer Mittvierziger am 22. Dezember wegen seiner Bandscheiben im Wartezimmer sitzt und plötzlich bemerkt, dass er noch nichts für seine Igelstachelfrisurpartnerin zu Weihnachten hat. Da bieten sich Betonfrösche einfach an! Oder wenn jemand neben mir seelenruhig sein "Hähnchenfleisch im eigenen Saft" aus der Konservendose futtert und das Zeug im Aspik-Glibber steckt, und ich mir denke: Mann, das hier kann sich doch keiner ausdenken!

Wenn ich nicht mit derartigen Beobachtungen beschäftigt bin, sperre ich mich selbst aus meiner Wohnung aus, lasse in der Uni mal wieder Klorollen mitgehen, fahre wehmütig am Biomarkt vorbei, bei dem ich so gerne ökologischen fairtrade Espresso kaufen würde- leider kann ich mir zum jetzigen Zeitpunkt nur einen gratis Sattelschutz des Markts leisten. Aber was tut man nicht alles für sein Image. Ich kauf mein Gemüse dann günstiger beim Türken, wo ich komisch angeguckt werde, weil ich im Laden einen Helm trage. Ja, WAS DENN? Das ist zeitsparend! Wenn ich spazierengehe, gucke ich so unauffällig wie möglich bei diesem einen Haus durchs Fenster in die gute Stube hinein, und das Zimmer verdient diesen Namen eindeutig zu recht, denn es ist die guteste, hübscheste Stube, die ich je gesehen habe. 

Zuhause kokel ich an meinen Adventskranzkerzen rum, versuche mich am Pulloverstricken und freue mich an der Wunderbarität des Wortes "Kawentsmann" (Kaventsmann bezeichnet umgangssprachlich einen beleibten Mann oder einen großen Gegenstand, in der Seemannssprache auch eine große Welle. Der Ausdruck leitet sich vom Wort Kavent (von lat. cavēre ‚Beistand leisten‘) ab, welches in der älteren deutschen Rechtssprache einen Bürgen bezeichnet.[1] Vermutlich wurde der Körperumfang oder auch die Machtfülle der wohlhabenden Bürgen hier bildhaft auf große/mächtige Gegenstände bzw. Personen übertragen., Quelle: Wikipedia).

Und wenn mich das alles gar zu sehr stresst und ermüdet, höre ich auf Youtube endlos lang Vogelgezwitscher und lese mir selber aus meinem englischen Buch über Shakespeare vor. Das entspannt zutiefst! In diesem Sinne, einen schönen Abend euch!

 

Etwas flitzpiepige Waschmaschinen-Handlettering-Theologie 

Sophia im Wunderland Teil 2 (8.12.16)

Die nun wieder normalfigürige Sophia befand sich noch immer im Wunderland, jetzt lief sie zu der Yoga-Raupe, die aus einer Wasserpfeife grüne Entenkacke Smoothies trank und die anderen Tiere im Wunderland im Yoga unterrichtete. Die Yoga-Raupe trug ein erleuchtetes Grinsen und dozierte über Wurzelchakren, die sich im Kundalini, im Becken befänden. Dazu machte die Raupe allen Ernstes eindeutig-zweideutige Hüftbewegungen, was Sophia sich bemühte, nicht zu kommentieren. Was wohl in den grünen Smoothies der Raupe enthalten war? Während sich alle Tiere mit Sonnengrüßen aufwärmten, stöhnte eine große Eule während der Übungen, was die ganze Veranstaltung noch ein wenig zweideutiger werden ließ. Oder war das nur Sophias bewusstseinserweiterte Einbildung von dem Lavendeltee, den sie beim verrückten Hutmacher bekommen hatte? 

Blöderweise stand immer noch Sophias Gerichtsverhandlung bei der Herzkönigin aus. Sie wappnete sich mit ihrem buntgestreiften Mut-Pullover und ging über die graue Betonbrücke direkt ins graue Betonschloss, in den Thronsaal und stellte sich breitbeinig vor der Königin auf. Die anderen Tiere wohnten der Verhandlung mehr oder weniger interessiert bei. Nachdem Sophia ihre Verteidigungsrede in Form einer Powerpointpräsentation gehalten hatte und die anderen Tiere sich während einer Gruppenarbeit im Museumsrundgang über den Tathergang berieten, kam auch die Herzkönigin zu einem Urteil: Freispruch! Die restlichen Worte der Königin, die von Selbständigkeit, Analysefähigkeit und authentischer Präsenz redete, nahm Sophia nur noch gedämpft war, als sie aus dem Gerichtssaal geleitet wurde. Sie war frei. 

Über einen überraschend guten Nikolaustag (6.12.16)

Gestern abend war mein Vorderrad schon wieder platt. SO EINE KRAWATTE HAB ICH GEHABT. Heute morgen mit mistiger Laune aufgewacht, weil: Keine Heizung im Badezimmer, saukalt, Rennrad aus dem Keller hochwuchten- rosige Aussichten. Aber dann das Wunderbare: Eine herzensgute Jemandin hat mir ein Nikolausgeschenk vor die Wohnungstür gestellt! Die Laune geht direkt wieder in die Höhe, der Rest von mir geht in den Keller, wegen besagten Rennrades, welches momentan nur als Ersatz fungiert, da das Lastenrad geplättet ist. Beim Radfahren dann Glitzerfrost, Morgenröte und Luftgebilde über den Schrebergärten der schönsten Stadt des Ruhrgebiets. Aber der Tag wird noch besser:  Nachmittags Kaffee trinken im Sonnenschein und ich übe mich, Maus-Frederick-Like, im kalten Winter die Farben, Gerüche und Eindrücke des warmen Sommers hochkommen zu lassen. Augen zu und an einen warmen Mai-Samstag denken... Mit Tulpen in den Blumenläden und Grillgeruch im Stadtpark. Dann noch schnell zum Türken und neue Kichererbsen kaufen," Merhaba" an die Verkäuferin, die freut sich. Ich, die blaue Elise (blaues Stirnband, blaue Jogginghose, blaue Handschuhe, blaue Winterjacke) bekomme nach dem Joggen im Park von Kurt noch einen 15er Schraubenschlüssel geschenkt, "weil, heut is' ja Nikolaus" und bin dankbar! Genauso einen brauche ich für mein Fahrrad! Zum Abendbrot ein Falafelsandwich mit selbstgemachtem Hummus  und Kakao und der Tag ist gerettet. Ach so, und ganz wichtig: panflötenpsychedelische Meeresklänge damit der Kopf schön düselig wird. 

Wort-Schatz

reziprok und rezeptiv, Leistungshetrogenität/

kategor'scher Imp'rativ, ist meine Spezialität/

Ich liebe solche Termini, der Singular ist Terminus/

mein Kopf 'ne Enzyklopädie, voll von nonverbalem Stuss/

"ein Exempel statuieren"- ist Musik in meinen Ohren!/

"fakultativ evaluieren", schnell habe ich mein Herz verloren/

Immense Magnifikation übt alles Geschwoll'ne aus/

ganz simple Komplifikation-spricht aus meinem Geist heraus/

das enterococcus faecalis ist ein Darmbakterium/

fördert den gesunden Sch...tuhlgang,proktologisch gar nicht dumm!

Als Fazit will ich resümmieren: Explikationen sind famos/

Eintöniges zu reüssieren- mein Genuss dabei ist groß!

das Kribbeln in mir

Irgendwas tief in mir drin, lässt mich nicht zur Ruhe kommen/

Zieht mich stets woanders hin, mein Geist sieht alles ganz verschwommen!

"Das ist wichtig! Dies noch machen! Jenes keinesfalls vergessen!"

Das Gehirn denkt krumme Sachen- wünscht sich, Kuchen dann zu essen. 

Hab ich wohl ein Impulsproblem? Ich geh der Spannungsquelle nach/ -und spüre in mich außerdem- dadurch werden Sinne wach. 

Alles parallel zu sehen, fordert ne immense Kraft/

aber Schritt für Schritt zu gehen ist was mir Erholung schafft!/

Mental mal nicht so viel jonglieren, und nicht alles "wichtig"finden/

mich auf das Jetzt zu konzentrieren, lässt die Unruhe verschwinden

Der Grundsatzt "weniger ist mehr" trifft auch auf Überreizung zu

Ruht das Gehirn, wird der Geist leer

ich kann mehr wenn ich mal nix tu!

Ohropax, Natur und Stille, ohne Zeitdruck und To Do

dann fühle ich die Sinnesfülle- und so rum wird daraus ein Schuh


Powerfräuleins Konzentrationsübungen (30.11.16)

Wie schon in der "Feuerzangenbowle" mit Heinz Rühmann so weise erkannt wurde, soll man nicht denken. (https://www.youtube.com/watch?v=-s2lNXFLOc0)

Also, zumindest nicht zu viel. Und das ist gar nicht so einfach, denkt der Mensch doch schließlich die ganze Zeit irgendwas oder nicht? Denke ich überhaupt, wenn ich denke, dass ich jetzt nicht denken will??? Das führt doch zu nichts. Weil ich für meinen Teil assoziativ und abschweifend denke, habe ich mir vorgenommen, das konzentrierte Weniger-Denken zu lernen. Dafür entwickele ich gerade in Feldstudien höchst anspruchsvolle Übungen, die nur mit Bedacht nachgemacht werden sollten- und nur von Profis. 

Gut eignet sich für ein solches mentales Training das Reparieren eines platten Fahrradreifens. Wo ist dieses blöde Loch, wie kriegt man überhaupt den Schlauch aus dem Reifen raus, etc. pp. Wenn man diesen ersten einfachen Schritt geschafft hat, geht es direkt weiter mit dem Rückwärts die Treppe hinaufgehen. Konzentration pur, sonst liegt man ganz schnell auf der Nase. Fortgeschrittene können dabei noch versuchen, auf diversen Sprachen (Französisch, Spanisch, Niederländisch bieten sich an) rückwärts die Stufen zu zählen. Und jetzt stellt euch bitte alle eine 21-Jährige vor, die einem murmelnd im Treppenhaus begegnet: "cinquenta y nueve, cinquenta y ocho, cinquenta y siete, cinquenta y seis, cinquenta y cinco...". Aber da kann man sich dann direkt weiter daran üben, sich nicht darum zu kümmern, was die Leute von einem denken. 

Weiter geht's mit dem fleißigen Üben! Mit dem kaputten Fahrrad in die rappelvolle Straßenbahn quetschen, und mit geschlossenen Augen versuchen das Gleichgewicht zu halten. Und wenn man schon dabei ist, bei jeder Stationsansage die Haltestelle im Geiste rückwärts aufsagen. "nächster Halt: eßartsnelhoK". Das erfordert wirklich volle Konzentration! Vor allem sollte man dabei seine eigene Haltestelle nicht verpassen. 

Ebenso gut eignen sich niederländische Theologiebücher, die man sich vor dem Einschlafen laut selber vorliest. Und wenn man sich am gernsten draußen aufhält, kann man im Stadtpark auf den Bordsteinkanten balancieren. Dabei stellt man sich vor, der Boden sei Lava und man dürfe sich wirklich nur auf den nächsten Schritt konzentrieren. Falls man gerade keine Bordsteinkanten zur Hand hat, darf man auch auf Bäume klettern. Ast für Ast für Ast für Ast... Aber irgendwann ist der Baum nach oben hin zu ende, da muss man dann aufpassen, dass man auch mit dem Klettern wieder aufhört. 

In diesem Sinne- ein fröhliches Konzentrieren!

Sophia im Wunderland (Donnerstag, 24.11.16)

Die kleine Sophia saß nach ihrem Abitur auf einer Wiese und genoss den Sonnenschein. Allerdings war ihr langweilig. Da kam plötzlich ein weißes Kaninchen vorbei gehoppelt, das eine Weste trug und eine Taschenuhr dabei hatte. Dieses Kaninchen hieß "Stress" und rief ständig: "Oh dear, oh dear, I'll be too late!" Die kleine Sophia entschloss sich, dem Kaninchen zu folgen und kletterte in den Kaninchenbau namens "England-Aufenthalt". Dort verlor sie plötzlich den Boden unter den Füßen und befand sich im freien Fall. Sie fiel und fiel und fiel und fragte sich schon fast, ob sie nicht irgendwann auf der anderen Seite der Erde wieder herauskommen müsse! Alles flog nur so an ihr vorüber und irgendwann kam sie auf dem Boden auf, auf einem Stapel voller Blätter, es waren Karteikarten für Latein- und Griechischvokabeln, die sie abfederten. Die kleine Sophia rannte weiter, immer dem Stress- und Zeitkaninchen folgend und kam in einen Raum, wo sie ein großes Glas "Latte macchiato" trank, was sie vorher vermieden hatte, da sie der Meinung gewesen war, Koffein sei ungesund. Jetzt genoss sie jeden einzelnen Schluck, bis das Gefäß leer war. Davon wurde das Gefühl, sofort alles jetzt gleich machen und haben zu müssen, in ihr noch stärker. Gleichzeitig bemerkte sie, wie sie erstaunlicherweise wuchs. Ihre Arme und Beine wurden länger und der Raum- es war eigentlich gar kein Raum, es war ein Haus!- wurde immer enger. Was sollte sie denn jetzt tun? Dieses Haus würde bald viel zu eng sein! Schnell quetschte sie sich durch die Eingangstür, bevor es zu spät war und sie dort feststeckte. Puh, endlich frei! Sophia schüttelte sich und begegnete vielen wunderlichen Kreaturen, die sie schließlich zu der Herzkönigin brachten. Die Herzkönigin warf mit Folienstiften, Overheadprojektoren, selbstklebenden Plakaten und schrie "Runter mit dem Kopf!" ... Fortsetzung folgt!

Die Menschen und ich

Was für ein Tag! Ich hasse Donnerstage, da findet immer das allerdööfste (was für ein genialer Superlativ!) Uni-Seminar statt, und versaut mir den ganzen Vormittag, weil ich Angst vor diesem Drachen von Dozentin habe. Obwohl sie mir lateinisch gesagt, an meinem Musculus gluteus maximus vorbeigehen kann. Ich habe WUT auf diese Frau, HASS. Aber ich kann ja kompensieren! Als das Seminar um ist, erst mal Menschenfreundlichkeit walten lassen. Ihr einen schönen Tag wünschen, anderen Studenten die Tür aufhalten. Schnell auf dem Uni-klo meinem Sparzwang frönen und eine Klorolle mitgehen lassen, damit ich kein Toilettenpapier kaufen muss. Ich bekenne mich geizig. Auf dem Weg zu meinem Lieblingssee lasse ich mich trotzig von den Menschen beobachten, mit meiner Regenhose und meiner gelben Jacke und dem roten Rad.

Da erst mal ein bisschen rollen lassen und alle Agression mit voller Wucht hochkommen lassen, um sie dann lauthals weg zu singen. Ja, ich singe auch wenn Leute an mir vorbeikommen, als Vorbereitung auf eventuelle straßenmusikantliche Aktivitäten auf dem Weihnachtsmarkt. Jeder singt doch gerne, warum sollte es mir dann peinlich sein? Dann treffe ich einen netten alten Mann, mit dem ich einen kleinen Plausch über meinen Drahtesel halte, fahre beschwingt weiter und lächle Menschen an. Grüße singend den Nichtsesshaften, der -ironischerweise- vor seinem Zelt am Flussufer SITZT und genieße es, verdutzt angeschaut zu werden von den anderen, normalen Radfahrern. Ist eine super Mutprobe! Ein Wanderer nennt mich grinsend "das singende Fahrrad" und ich radle, schon ein bisschen weniger wütend weiter, und verfahre mich plötzlich total. Schwitze mich einen Berg hoch und frage dreimal nach dem Weg, bis ich schließlich abgekämpft da herauskomme, wo ich erstaunlicherweise hinwollte. Ein Hoch auf meine Beinmuskeln! Jetzt noch schnell beim Ghetto-Netto einkaufen und eine Frau an der Kasse vorlassen (jeden Tag eine gute Tat und so!) . Mich nicht von der Schlange hinter mir stressen lassen und in Ruhe mit Kleingeld bezahlen. Alles betont langsam (ich liebe Provokation) einpacken und dann mit der Tram (ich liebe diesen Ausdruck!) nach Hause.

Dann noch ein kleiner Schnack mit der Nachbarin im Hausflur und ein herzliches "dzien dobry" an den polnischen Handwerker, bevor ich meine Wohnung aufschließe. Und da kommt sie plötzlich wieder, die Wut! Erstmal Zartbitterschokolade essen und sich prügelnd dem Kissenberg widmen, der natürlich das Gesicht einer bestimmten Lehrbeauftragten trägt. Danach meditieren, dreifachen Drogen-Lavendeltee trinken und Kürbisbrot backen. Ach ja, und das Wut-Hummus herstellen, das ihr auf der Rezepte-Seite findet. Hach, jetzt geht es mir langsam etwas besser.